Engagiert für die Biodiversität

    Die Zusammenarbeit zwischen IP-Suisse und Vogelwarte geht in ihr zweites Jahrzehnt. Höchste Zeit, diesen wichtigen Partner zu Wort kommen zu lassen. Niklaus Hofer, Stellvertretender Geschäftsführer von IP-Suisse, beantwortet unsere Fragen.

    Niklaus Hofer, Stellvertretender Geschäftsführer von IP-Suisse.
    Niklaus Hofer, Stellvertretender Geschäftsführer von IP-Suisse.
    Foto © IP-Suisse

    Was ist IP-Suisse?

    IP-Suisse ist eine Vereinigung von Bäuerinnen und Bauern, die 1989 gegründet wurde und heute rund 18 500 Mitglieder hat. Ihr Ziel ist es, eine möglichst nachhaltige, umwelt- und tierfreundliche Landwirtschaft zu betreiben, wovon alle profitieren können: die Natur, die Umwelt und die Konsumierenden, aber auch die Produzierenden. IP steht für «Integrierte Produktion». Das bedeutet: Pflanzenschutzmittel werden nur ein­ge­setzt, wenn es wirklich nötig ist. Das gelingt, wenn beispielsweise der Fruchtwechsel beachtet oder resistente Sorten eingesetzt werden. Der für den Erhalt von Direktzahlungen vorausgesetzte Ökologische Leistungsnachweis ÖLN hat einige dieser Ideen übernommen. IP-Suisse geht aber wichtige Schritte weiter: Der Einsatz vieler Pflanzenschutzmittel ist komplett verboten, und die artgerechte und tierfreundliche Haltung der Tiere wird stark berücksichtigt. Zudem hat die IP-Suisse 2008 das Modul «Biodiversität» eingeführt.

    Warum engagiert sich IP-Suisse für die Förderung der Biodiversität?
    Die Produzierenden von IP-Suisse wollen Nahrungsmittel produzieren, denn die Ernte ist letztlich Ihr Einkommen. Wir finden aber, dass daneben auch etwas für die Umwelt und das Klima gemacht werden muss. Dazu gehört auch die Biodiversität, die ja durch uns Menschen stark strapaziert wird. Wir können die Autobahnen, die Überbauungen usw. nicht zur Natur rückführen. Aber unsere Produzierenden können mit Aufwertungsmassnahmen auf Ihren Wiesen, Äckern und auf dem Hofgelände einiges tun, damit gewisse Insekten, Vogelarten oder Säugetiere wieder bessere Chancen haben. Und bedenken wir: Ohne Biodiversität gibt es kein Leben. Gleichzeitig ist die Biodiversitätsförderung ein Puzzleteil des Mehrwertes gegenüber Importprodukten aus aller Welt.

    Warum arbeitet IP-Suisse mit der Vogelwarte zusammen?
    Vögel stehen weit oben in der Nahrungskette. Wenn es ihnen schlecht geht, liegt Vieles im Argen. Im Bereich Vogelwelt aber auch in der Agronomie hat die Schweizerische Vogelwarte eine grosse Fachkompetenz. Dies hat tolle Synergien hervorgerufen: Die Vogelwarte hat den wissenschaftlichem Hintergrund, die IP-Suisse vereinigt rund 20 % der Schweizer Landwirte und besitzt das Fachwissen der Landwirtschaft und der Umsetzung in die Praxis. Eine weitere wichtige Partnerin ist die Mi­gros, welche unsere Produkte unter dem Label TerraSuisse verkauft. Der höhere Verkaufspreis entschädigt unsere Landwirte für ihr Engagement.

    Was sind die Leistungen von IP-Suisse für die Biodiversität?
    Das gemeinsam entwickelte Punktesystem enthält rund 35 Massnahmen, die den Produzierenden zur Auswahl stehen und für welche sie Punkte erhalten. Sie können wählen, was sie umsetzen oder ausbauen wollen. Voraussetzung ist, dass sie die Mindestpunktzahl erreichen. So werden extensiv genutzte Wiesen mit Struktur und/oder mit botanischer Vielfalt aufgewertet, Massnahmen im Ackerbau umgesetzt, Hochstammbäume gepflanzt oder alte Sorten angesät. Das System kommt gut an, weil Produzierende nicht zu etwas gedrängt werden, was nicht auf ihren Betrieb passt: Sie können wählen. Seit Jahren nimmt die durchschnittliche Punktzahl laufend zu. Die Vogelwarte und das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau FiBL konnten in einem fünf Jahre dauernden Versuch nachweisen, dass dieses System funktioniert. Solche Resultate fördern auch die Akzeptanz.

    Wo sieht die IP-Suisse den grössten Handlungsbedarf im Landwirtschaftsgebiet?
    Handlungsbedarf besteht auf den Ackerflächen. Dort sollte noch mehr gemacht werden, damit die Vernetzung vor dem Ackerland nicht Halt machen muss. Zudem muss der gesamte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln überdacht werden, wie auch die gesamte Nachhaltigkeit, zu der auch der Klimaschutz gehört. IP-Suisse will auch da eine Vorreiterrolle spielen.

    Wie will die IP-Suisse diese Defizite konkret angehen?
    Im Bereich Biodiversitätsförderung haben wir im Sommer 2018 das Programm Hof+ eingeführt, welches die Sensibilisierung einer Aufwertung im Hofgelände schaffen soll. Neue Programme im IP-Suisse Label, wie beispielsweise der Rebbau, brauchen neue Punktesysteme. Letztlich haben es aber auch die Konsumierenden in der Hand: Verlangen sie mehr IP-Suisse Produkte, dann wird auf mehr Flächen in diesem System produziert. Das Klimaprogramm der IP-Suisse ist bald in der Umsetzungsphase, das Modul «Soziales» ist im Aufbau. Letztlich bewegen wir uns aber immer im Spannungsfeld zwischen Aufwand und Ertrag. Die Anforderungen müssen deshalb weiterhin wirtschaftlich und umsetzbar sein, ansonsten sind sie zum Scheitern verurteilt.

    Wie will IP-Suisse die Landwirtinnen und Landwirte dafür sensibilisieren?
    Die IP-Suisse will sich in der Aufklärung engagieren und motivierende Module aufbauen. Hof+ geht da als gutes Beispiel voran. Verbote oder Zwang können in diesem Bereich kontraproduktiv sein. Es wird aber nicht einfacher. Momentan sind Landwirte auf allen Ebenen gefordert, sei es im Bereich Tierschutz oder Pflanzenschutz und Antibiotika aber auch bei der Ausgestaltung der neuen Agrarpolitik (AP22). Ihre Leistungen werden zu wenig honoriert! Deshalb ist eine Zusammenarbeit, wie sie in unserem Biodiversitätsprojekt besteht, Gold wert!