Was macht ein «Urwaldspecht» im Wirtschaftswald?

    Der Weissrückenspecht besiedelt naturnahe, totholzreiche Wälder und gilt als «Urwaldart». Unter welchen Bedingungen er auch in bewirtschafteten Wäldern vorkommen kann, ist Gegenstand aktueller Forschungen. Die Erkenntnisse daraus liefern wichtige Grundlagen zur Förderung der Art.

    Ein Weissrückenspecht-Weibchen sucht auf einem liegenden Totholzstamm hackend nach Nahrung.
    Ein Weissrückenspecht-Weibchen sucht auf einem liegenden Totholzstamm hackend nach Nahrung.
    Foto © Bernhard Herzog
    Obwohl in diesem Buchen-Mischwald vor kurzem ein Holzschlag durchgeführt wurde, bietet er dem Weissrückenspecht optimale Lebensraumbedingungen: viel liegendes Totholz an besonnten Stellen, potenzielle Bruthöhlenbäume und Dürrständer, an denen sich auch im Winter bei Schnee Futter finden lässt.
    Obwohl in diesem Buchen-Mischwald vor kurzem ein Holzschlag durchgeführt wurde, bietet er dem Weissrückenspecht optimale Lebensraumbedingungen: viel liegendes Totholz an besonnten Stellen, potenzielle Bruthöhlenbäume und Dürrständer, an denen sich auch im Winter bei Schnee Futter finden lässt.
    Foto © Michael Lanz
    Ein Weissrückenspechtpaar klettert nach erfolgreicher Nahrungssuche mit gefüllten Schnäbeln zur Bruthöhle. Die Nestlinge erhalten verschiedene Insekten, darunter insbesondere weisse, proteinreiche Larven.
    Ein Weissrückenspechtpaar klettert nach erfolgreicher Nahrungssuche mit gefüllten Schnäbeln zur Bruthöhle. Die Nestlinge erhalten verschiedene Insekten, darunter insbesondere weisse, proteinreiche Larven.
    Foto © Simon Niederbacher
    Die Aktionsräume dieses Weissrückenspecht- Weibchens verändern sich im Jahresverlauf. In der Verpaarungszeit (gelbe Linie) nutzt es eine Fläche von 42 ha. Während der Brutzeit (rote Linie) konzentrieren sich die Aufenthaltsbereiche auf 38 ha um die Bruthöhle. Nach der Brutzeit bis zum Winter beträgt der Aktionsraum rund 102 ha (orange Linie).
    Die Aktionsräume dieses Weissrückenspecht- Weibchens verändern sich im Jahresverlauf. In der Verpaarungszeit (gelbe Linie) nutzt es eine Fläche von 42 ha. Während der Brutzeit (rote Linie) konzentrieren sich die Aufenthaltsbereiche auf 38 ha um die Bruthöhle. Nach der Brutzeit bis zum Winter beträgt der Aktionsraum rund 102 ha (orange Linie).

    Unten im Tal fährt die Rhätische Bahn vorbei, durch die frisch ausgetriebenen Buchenblätter dringen erste Sonnenstrahlen auf den Waldboden. Im Hintergrund hört man derweil das Trommeln eines Spechts. Plötzlich mischt sich ein unerwartetes Geräusch in die frühmorgendliche Geräuschkulisse. «Piep-piep» tönt es – die Laute stammen von einem Telemetrie- Empfangsgerät. Eine Mitarbeiterin der Vogelwarte ist nämlich auf der Suche nach einem Weissrückenspecht- Männchen, das vor ein paar Wochen mit einem kleinen Radiotelemetriesender ausgerüstet wurde. Zwei Mal pro Woche wird es nun vom Vogelwarte-Team geortet und nach Möglichkeit auch beobachtet.

    Der von Buchen dominierte Wald, in welchem sich die Mitarbeiterin aufhält, liegt im bündnerischen Prättigau. Er fällt steil ab und wird schon länger nicht mehr bewirtschaftet – neben viel stehendem und liegendem Totholz fallen auch die grossen alten Buchen mit viel Kronentotholz auf. Der Piepton wird nun immer lauter. Plötzlich fliegt das Männchen hinter einer Kuppe hervor und landet auf einem liegenden Totholzstamm. Mit kräftigen Hackbewegungen sucht es nach totholzbewohnenden Insekten.

    Solche Beobachtungen sind in der Schweiz immer noch selten, obwohl der Weissrückenspecht vor 20 Jahren als Brutvogel in die Schweiz zurückgekehrt ist. Die intensive Waldnutzung ab dem Mittelalter und das damit verringerte Angebot an Totholz entzogen der anspruchsvollen Art für lange Zeit ihre Lebensgrundlagen. Da schwer zugängliche Wälder im Alpenraum seit mehreren Jahrzehnten entweder extensiv oder gar nicht mehr bewirtschaftet werden, haben sich die Lebensraumbedingungen für auf Totholz angewiesene Organismen wie den Weissrückenspecht wieder verbessert. Es ist anzunehmen, dass die Art vor rund 40 Jahren aus dem Tirol via Vorarlberg und Liechtenstein in die Schweiz zurückkehrte. In den letzten Jahren nahmen die Bestände in der Schweiz und den benachbarten Ländern wieder zu. Der Weissrückenspecht ist allerdings noch immer die seltenste und gefährdetste Spechtart Europas und steht daher nicht nur in der Schweiz auf der Roten Liste.

    Obwohl der Weissrückenspecht als Indikatorart für alte Wälder mit einem hohen Laub- und Totholzanteil gilt, fehlten bis anhin wichtige ökologische Untersuchungen und Kenngrössen für den Arten- und Lebensraumschutz. Zudem stammen bisherige Erkenntnisse meist aus Urwald- oder urwaldähnlichen Gebieten, welche sich von unseren Wirtschaftswäldern unterscheiden. Aus diesem Grund lancierte die Vogelwarte 2014 ein Forschungsprojekt zur Ökologie dieser für den Waldnaturschutz bedeutenden Art. Da die Schweizer Population mit rund 25 bis 30 Brutpaaren für eine fundierte Studie zu klein war, wurde das Untersuchungsgebiet auf Vorarlberg (100–120 Brutpaare) und das Fürstentum Liechtenstein (10–15 Brutpaare) ausgedehnt.

    In einem ersten Schritt war insbesondere die Habitatwahl von Interesse. Zu diesem Zweck wurden im Rahmen einer Masterarbeit in 62 Kilometerquadraten Daten zur Präsenz von Weissrückenspechten sowie zum Lebensraum gesammelt. Die Auswertungen weisen darauf hin, dass ein grossflächiges Angebot an Totholzinsekten, dickes stehendes Totholz und alte Bäume in kleineren totholzreichen Bereichen für die Art wichtig sind.

    Trotz diesen Erkenntnissen blieben wichtige Fragen zum Raumbedarf, zur Brutbiologie sowie zur Nahrungsökologie offen. 2016 testete die Vogelwarte daher in einem Pilotversuch, ob Weissrückenspechte mit Radiotelemetriesendern ausgerüstet und auch in anspruchsvollem Gelände regelmässig lokalisiert werden können. Nach einer erfolgreichen Feldsaison, welche in der Besenderung von sechs Spechten resultierte, startete 2017 schliesslich eine Dissertation zur Raumnutzung und Brutbiologie. Unter Anderem soll ermittelt werden, wie sich die Waldbewirtschaftung mit den Ansprüchen des Weissrückenspechts vereinbaren lässt.

    Zwischen 2016 und 2019 wurden insgesamt 62 Weissrückenspechte (40 Männchen, 22 Weibchen) mit Radiotelemetriesendern ausgerüstet. Die besenderten Individuen wurden ganzjährig zweimal pro Woche lokalisiert. Steile Schluchtenwälder, rutschige Waldböden, kalte Wintermorgen oder auch böiger Föhn – für die Projektmitarbeitenden war die Feldarbeit eine stetige Herausforderung. Trotzdem konnten im Herbst 2019 die Feldarbeiten wie geplant abgeschlossen werden. Ein Grossteil der Auswertungen steht noch an, erste interessante Einblicke über das räumliche Verhalten von Weissrückenspechten liegen jedoch bereits vor. Wie bei anderen Spechtarten verändert sich die Aktionsraumgrösse im Jahresverlauf. Zwischen den beiden Geschlechtern bestehen jedoch keine grosse Unterschiede. Von Februar bis etwa Mitte Mai, wenn die Reviere gebildet werden und die Verpaarung stattfindet, nutzen die Weissrückenspechte ein Gebiet von rund 50 ha. Während der Brutzeit halten sie sich hingegen meist in der Nähe der Bruthöhle auf und unternehmen für die Nahrungssuche nur kurze Flüge, was zu einer Aktionsraumgrösse von durchschnittlich 21 ha führt. Nach dem Ausfliegen der Jungvögel im Juni wird bis zur Verpaarungszeit eine Waldfläche von rund 80–120 ha genutzt.

    Weiter wurden für den Alpenraum erstmals systematisch Daten zur Brutbiologie des Weissrückenspechts erhoben. Dies geschah mithilfe einer speziellen Höhlenkamera, welche die Anzahl der Eier und der Nestlinge kurz vor dem Ausfliegen erfasste. Im Untersuchungsgebiet legten Weissrückenspechte durchschnittlich vier Eier, dies deckt sich mit den Werten aus anderen Populationen. Der Bruterfolg hingegen liegt mit 1,7 ausgeflogenen Jungvögeln (n=31; 2017– 2019: 1,3–2,3 flügge Junge) tiefer als in den urwaldähnlichen Gebieten in Ost- oder Nordeuropa, wo durchschnittlich bis zu drei Junge pro Brut ausfliegen. Die Aktionsräume in grossen, zusammenhängenden Wäldern mit viel stehendem Totholz sind zudem kleiner als in fragmentierten, totholzarmen Beständen. Daraus lässt sich ableiten, dass diese Faktoren für den Weissrückenspecht von hoher Bedeutung sind.

    Um das Zusammenspiel von Waldbewirtschaftung, Nahrungsangebot, Raumnutzung und Bruterfolg besser zu verstehen, werden in zusätzlichen Teilprojekten weitere Fragen untersucht. In Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL erfassen Forschende die totholzbewohnenden Insekten in je neun vom Weissrückenspecht genutzten und ungenutzten Waldgebieten mit unterschiedlichen Methoden. Um herauszufinden, ob der Weissrückenspecht als Schirmart für Brutvögel angesehen werden kann, wurden in denselben Flächen ausserdem Brutvogelkartierungen durchgeführt. Eine Masterarbeit indessen beschäftigt sich mit der Nestlingsnahrung und der Betreuung der Bruten durch Weibchen und Männchen. Erste Resultate aus dieser Arbeit zeigen, dass am häufigsten grosse weisse Larven verfüttert werden, die im Totholz leben. Zusammen mit den Resultaten aus dem Hauptprojekt liefern diese Erkenntnisse wichtige Grundlagen für die zukünftige Förderung des Weissrückenspechts.

    Bei Waldbesitzern und Förstern stiess das Weissrückenspechtprojekt von Beginn an auf reges Interesse. Auf Begehungen sowie anlässlich von Vorträgen wurde bereits mehrfach über die Untersuchungen sowie Massnahmen für eine weissrückenspechtfreundliche Waldbewirtschaftung informiert. Als Nächstes steht nun die Erarbeitung eines Konzepts für die Umsetzung der Ergebnisse in die forstliche Planung und Praxis an.

    Für die Zukunft des Weissrückenspechts in der Schweiz und den Nachbarländern werden das weitere Ausscheiden von Naturwaldreservaten, Altholzinseln und Habitatbäumen von Bedeutung sein. Selbiges gilt für die allgemeine Förderung von Alt- und Totholz in bewirtschafteten Wäldern. Wie erfolgreich diese Massnahmen sein werden, wird nicht zuletzt die weitere Bestandsentwicklung beim Weissrückenspecht zeigen.

    Michael Lanz, Gilberto Pasinelli & Antonia Ettwein