Engagement bis weit über die Grenzen

    Pünktlich mit dem Erscheinen «ihres» Europäischen Brutvogelatlas geht Verena Keller Ende 2020 in Pension. Während dreissig Jahren verkörperte sie eine für die Vogelwarte wichtige Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis.

    Immer ein Auge auf die Wasservögel: Verena Keller hat in ihrem Leben nicht nur tausende von Wasservögeln gezählt, sondern auch hunderte von freiwilligen Zählerinnen und Zählern betreut und dutzende von Publikationen zu dieser Vogelgruppe geschrieben.
    Immer ein Auge auf die Wasservögel: Verena Keller hat in ihrem Leben nicht nur tausende von Wasservögeln gezählt, sondern auch hunderte von freiwilligen Zählerinnen und Zählern betreut und dutzende von Publikationen zu dieser Vogelgruppe geschrieben.
    Foto © Niklaus Zbinden
    Prächtig gefärbte einheimische Wasservögel haben es Verena Keller angetan. Neben dem Haubentaucher befasste sie sich auch intensiv mit der Kolbenente.
    Prächtig gefärbte einheimische Wasservögel haben es Verena Keller angetan. Neben dem Haubentaucher befasste sie sich auch intensiv mit der Kolbenente.
    Foto © Marcel Burkhardt

    Das Interesse an Wasservögeln und praxisorientierter Forschung war schon in ihrer frühen Laufbahn typisch für Verena Keller. Bereits in ihrer Dissertation bei Professor Paul Ingold untersuchte sie in den 1980er Jahren die Anpassung brütender Haubentaucher an den menschlichen Freizeitbetrieb. Nach einem dreijährigen Aufenthalt im schottischen Aberdeen kam sie 1990 an die Vogelwarte. Hier beschäftigte sich die Ökologin zunächst mit der möglichst wirksamen Umsetzung von Grünbrücken. Schon bald widmete sie sich jedoch wieder den Wasservögeln, u.a. betreute sie während 18 Jahren die internationalen Wasservogelzählungen in der Schweiz. Sie setzte sich auch unermüdlich für den Schutz der Wasservögel ein, namentlich im Rahmen der Verordnung über die Wasser- und Zugvogelreservate (WZVV) oder dem damit verknüpften Ramsar- Abkommen. Da es mit den Wasservögeln jedoch auch einige Konflikte gab (und noch immer gibt), landeten auch weitere Dossiers wie Fischfresser oder Neozoen auf ihrem Pult.

    Als Leiterin des Fachbereichs «Lage der Vogelwelt» übernahm Verena Keller u.a. die Projektleitung für die Überarbeitung der Roten Liste der Brutvögel. Darüber hinaus entwickelte das Projektteam unter ihrer Leitung und in Zusammenarbeit mit Bird- Life Schweiz auch ein Konzept zur Identifikation der für den Naturschutz der Schweiz besonders wichtigen Vogelarten. Diese auch konzeptuell wichtige Arbeit erhielt in der nationalen und internationalen Naturschutzszene grosse Aufmerksamkeit.

    Verena Keller verstand es, kleinere, grössere und ganz grosse Projekte mit Weit- und Umsicht zu planen und weiterzuentwickeln. Mögliche Probleme oder gar Konflikte antizipierte sie und versuchte, diese vorzeitig zu entschärfen und lösungsorientierte Ansätze zu finden. Wobei sie durchaus auch ihre Frau stehen konnte und sich durch Beharrlichkeit auszeichnete. Dies bezeugen auch die vielen von ihr verfassten Gutachten und Stellungnahmen. Diese Eigenschaften fielen auch ausserhalb der Vogelwarte auf: 2002 wurde Verena Keller zur ersten und bisher einzigen Präsidentin der Schweizer Ala gewählt, und 2008 wurde sie in die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission ENHK berufen. Diese gleichzeitig ehrenvolle wie auch anspruchsvolle Tätigkeit führte Verena bis 2019 aus.

    2010 wurde Verena Keller Vorstandsmitglied des European Bird Census Council EBCC. Dabei übernahm sie auch den Vorsitz des Leitungsausschusses für den zweiten europäischen Brutvogelatlas. Insgesamt trugen rund 120 000 Freiwillige aus ganz Europa Daten bei und machten dieses Mammutprojekt zu einem der grössten Projekte zur Biodiversität überhaupt. Verena Keller war an allen Ecken und Enden involviert, sicherte die Finanzen und half bei der Koordination der Partner aus den rund 50 beteiligten Ländern. Dennoch fand sie die Zeit, sich selber an der Feldarbeit zu beteiligen. So sammelte sie in ihren Ferien, häufig begleitet von Niklaus Zbinden, auch selber viele wichtige Daten in wenig untersuchten östlichen Gegenden wie auf der Kola-Halbinsel in Russland, in Serbien und Nordmazedonien. Sie tritt auf dem Höhepunkt ihres vielfältigen Schaffens ab und fungiert auch als Erstautorin dieses im Dezember 2020 erschienenen Atlas. In Anerkennung ihrer mannigfachen Verdienste hat der British Trust for Ornithology Verena Keller im Oktober 2020 mit dem Marsh Award for International Ornithology ausgezeichnet. Die Vogelwarte, sowie der Vogel- und Naturschutz in der Schweiz und in ganz Europa haben dem Schaffen von Verena Keller sehr viel zu verdanken.