Die europäische Vogelwelt im Überblick

    Ausbreitung nach Norden, Verluste im Süden – das sind zwei der wichtigsten Ergebnisse aus dem zweiten europäischen Brutvogelatlas, der nun in gedruckter Form vorliegt. Für die Schweiz besonders relevant: Bergvögel verlieren an Terrain.

    Die farbenprächtige Blauracke ist eine der Arten mit den stärksten Rückgängen in den letzten 30 Jahren, seit der erste europäische Brutvogelatlas erschienen ist.
    Die farbenprächtige Blauracke ist eine der Arten mit den stärksten Rückgängen in den letzten 30 Jahren, seit der erste europäische Brutvogelatlas erschienen ist.
    Foto © Marcel Burkhardt
    Die Überlagerung der modellierten Karten der für den Naturschutz besonders wichtigen SPEC-Arten (Anzahl Arten pro 10 × 10 km Quadrat) zeigt die Hotspots der Vorkommen. Besonders viele SPEC-Arten kommen in Osteuropa vor, wenige dagegen in arktischen und alpinen Gebieten.
    Die Überlagerung der modellierten Karten der für den Naturschutz besonders wichtigen SPEC-Arten (Anzahl Arten pro 10 × 10 km Quadrat) zeigt die Hotspots der Vorkommen. Besonders viele SPEC-Arten kommen in Osteuropa vor, wenige dagegen in arktischen und alpinen Gebieten.
    Die Alpenbraunelle ist aus vielen Atlasquadraten verschwunden, insbesondere aus tiefen Lagen. Damit steigt die Wichtigkeit hochalpiner Gebiete wie der Schweiz.
    Die Alpenbraunelle ist aus vielen Atlasquadraten verschwunden, insbesondere aus tiefen Lagen. Damit steigt die Wichtigkeit hochalpiner Gebiete wie der Schweiz.

    Endlich ist es soweit: Der zweite europäische Brutvogelatlas (kurz EBBA2) ist nach 10 Jahren Planung, Datenerhebung und Zusammenstellung der Resultate endlich erschienen! Das neue Standardwerk über den Zustand der Vogelwelt in Europa liefert eine unglaubliche Fülle an Informationen. Jede der 596 nachgewiesenen Brutvogelarten hat ihre eigene Geschichte. Die gesammelten Daten geben für alle Arten ein aktuelles Bild zur Verbreitung und Häufigkeit, und das in ganz Europa! Eindrücklich im Vergleich zum ersten Atlas, der 1997 publiziert wurde, ist vor allem das nun viel vollständigere Bild in Osteuropa. Die Daten aus dem EBBA2 erlauben aber auch generellere Aussagen. Wo liegen die Schwerpunkte der Vorkommen bestimmter Artengruppen? Wie hat sich ihre Verbreitung verändert? Unterscheiden sich die Muster zwischen Regionen oder Lebensräumen?

    Hotspots im Osten

    Der Artenreichtum, gemessen an der Anzahl Arten pro Atlasquadrat, die beim EBBA2 50 × 50 km gross waren, unterscheidet sich zwischen den Regionen. Er nimmt generell in den nördlichsten Regionen ab und ist auf Inseln tiefer als auf dem Festland. Die artenreichsten Regionen befinden sich in den mittleren Breiten des östlichen Mitteleuropas bis nach Russland. Hier gibt es noch ausgedehnte Wälder und Feuchtgebiete, aber auch Landwirtschaftsgebiete, die deutlich weniger intensiv bewirtschaftet werden als im Westen. Die Bedeutung dieser Regionen zeigt sich, wenn man die für den Naturschutz in Europa besonders wichtigen Arten (Species of European Conservation Concern SPEC) betrachtet. Arten wie Rohrdommel, Wachtelkönig, Braunkehlchen, Raub- und Schwarzstirnwürger sind im Osten noch deutlich weiter verbreitet und häufiger als im Westen.

    Stabilität und Veränderung

    Auf den ersten Blick hat sich die Vogelwelt in Europa seit dem ersten Atlas wenig verändert. Die fünf Arten, die nicht mehr nachgewiesen wurden (Gelbschnabeltaucher Gavia adamsii, Laufhühnchen Turnix sylvaticus, Polarmöwe Larus glaucoides, Rüppellseeschwalbe Thalasseus bengalensis und Fichtenammer Emberiza leucocephalos) waren bereits vor 30 Jahren sehr selten oder hatten nur eine marginale Verbreitung in Europa. Der Haussegler Apus affinis ist die einzige Art, die sich in Europa neu als regelmässiger Brutvogel etabliert hat.

    Die Veränderungen zeigen sich vor allem in den Regionen, wobei Russland, die Türkei und der Kaukasus, die für den ersten Atlas nicht oder nur schlecht bearbeitet wurden, aus den Vergleichen ausgeschlossen wurden. In den zwei kältesten biogeografischen Regionen, der Arktis und den Gebirgen, wurden mit 29 bzw. 23 Arten die meisten Arten neu festgestellt, während die Mittelmeerregion einen Nettoverlust von drei Arten aufweist. Diese reinen Artenzahlen sagen jedoch wenig über die tatsächlichen Veränderungen aus, denn es dauert auch bei massiven Bestandsrückgängen meist lange, bis eine Art endgültig aus einem Atlasquadrat verschwunden ist, während umgekehrt ein Quadrat bereits als neu besetzt gilt, wenn ein einziges Brutpaar nachgewiesen wurde. Insgesamt hat sich aber der Schwerpunkt der Verbreitung über alle Arten gemittelt um 28 km nach Norden verschoben. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf den Einfluss des Klimawandels, der vielen Arten eine Ausbreitung nach Norden ermöglicht. Im Mittelmeerraum könnte umgekehrt die zunehmende Trockenheit für viele Arten ein Problem sein.

    Die Veränderung in der Verbreitung der einzelnen Arten wurde mit einem Veränderungsindex quantifiziert. Von den 407 in Europa einheimischen Arten, für welche der Index berechnet werden konnte, zeigten 187 eine Zunahme der besetzten Atlasquadrate, 135 eine Abnahme und 85 keinen oder nur einen unsicheren Trend. Zu den Arten mit den stärksten Verlusten gehören Kampfläufer und Blauracke. Weiter zeigen die Verluste an besetzten Atlasquadraten vieler Kulturlandvögel die bekannten Probleme im Landwirtschaftsgebiet. Doch auch die Arten der Tundra und der Moorgebiete erlitten überwiegend Verluste, neben Limikolen z.B. Moorschneehuhn, Raufussbussard und Schneeammer. Unter den Arten mit den grössten Zunahmen finden sich Arten, die von einem besseren Schutz profitierten, z.B. Seeadler und Kormoran, wie auch Arten, die neue, oft vom Menschen veränderte, Lebensräume erschliessen konnten, wie Kuhreiher und Steppenmöwe. Insbesondere aus der Gruppe der Wasservögel konnten sich viele Arten ausbreiten.

    Die Schweiz im europäischen Kontext

    Viele der grossräumigen Veränderungen in Europa waren bereits in den Ergebnissen des Schweizer Brutvogelatlas 2013– 2016 und des Monitorings der Brutvögel der Schweiz ersichtlich. Die Entwicklungen in der Schweiz für den Zeitraum 1990–2019 verliefen bei der grossen Mehrheit der Arten in die gleiche Richtung wie der europäische Trend in der Verbreitung. Interessant sind die Unterschiede: Negative Bestandstrends in der Schweiz bei gleichzeitiger Ausbreitung in Europa zeigen sich vor allem bei Arten, für die die Schweiz am Rand ihres Verbreitungsgebiets liegt, wie Grauspecht, Raufusskauz und Sperbergrasmücke. Zu den Arten mit einem positiven Bestandstrend in der Schweiz, jedoch einem Rückgang in Europa, gehört der Steinkauz, der von Artenförderungsmassnahmen profitieren konnte, aber immer noch einen kleinen Bestand hat sowie der Steinschmätzer, der in unseren Bergregionen im Unterschied zu Flachlandregionen im nördlichen Mitteleuropa noch gute Bedingungen vorfindet.

    Die Verantwortung der Schweiz für Gebirgsarten nimmt zu

    Der Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016 zeigte, dass sich der Schwerpunkt der Verbreitung bei vielen Arten in die Höhe verschob. Die Auflösung der EBBA2-Daten ist relativ grob, weshalb sie nicht geeignet sind, Veränderungen in der Verbreitung in Bezug auf die Meereshöhe zu analysieren. Dennoch widerspiegelt die Verschiebung der Verbreitung in die Höhe in der Schweiz bei vielen Arten die Verschiebung der Verbreitungsschwerpunkte Richtung Norden in Europa. Dies zeigt sich deutlich bei Arten, die ihr Verbreitungsgebiet in Nordeuropa ausgeweitet haben, z.B. Sommergoldhähnchen, Gebirgsstelze und Blaumeise, und bei Arten, bei denen Arealverluste am südlichen Verbreitungsrand sichtbar wurden, z.B. Gartengrasmücke und Heckenbraunelle.

    Eine Verschiebung in die Höhe ist vor allem für alpine Arten problematisch, die über der Waldgrenze brüten, da ihr Lebensraum immer kleiner wird. Die Gruppe der – aus europäischer Sicht – südlichen Gebirgsvögel zeigt dies deutlich. Sie umfasst unter den Schweizer Brutvögeln Bartgeier, Alpendohle, Mauerläufer, Alpenbraunelle, Bergpieper und Schneesperling. Der EBBA2 zeigt sogar bei der geringen Auflösung von 50 × 50 km einen Arealschwund bei Mauerläufer, Alpenbraunelle und Bergpieper auf. In der Überlagerung der Vorkommensveränderungen pro Atlasquadrat zeigt sich, dass diese Verluste vor allem die tiefer gelegenen Gebirge von der Iberischen Halbinsel bis zu den Karpaten betreffen. Die leichte Zunahme in den Alpen ist vor allem durch die Ansiedlung des Bartgeiers zu erklären. Mit dem Verschwinden der Bergvogelarten aus vielen Gebirgszügen erhalten die Alpen eine immer stärkere Bedeutung für den Erhalt dieser spezialisierten Avifauna. Die umfassenden Daten aus ganz Europa zeigen, dass die Schweiz als zentrales Alpenland ihre Verantwortung wahrnehmen und den Schutz der alpinen Biodiversität verbessern muss.

    Keller, V., Herrando, S., Vorˇíšek, P., Franch, M., Kipson, M., Milanesi, P., Martí, D., Anton, M., Klvanˇ ová, A., Kalyakin, M.V., Bauer, H.-G. & Foppen, R.P.B. (2020). European Breeding Bird Atlas 2: Distribution, Abundance and Change. Euro- pean Bird Census Council & Lynx Edicions, Barcelona.

    Der neue europäische Brutvogelatlas kann zum Preis von 90 Euro bezogen werden unter: www.lynxeds.com/product/european-breeding-bird-atlas-2-distribution-abundance-and-change