Jungen Steinadlern auf der Spur

    Über die Ausbreitungsphase junger Steinadler ist bisher nur wenig bekannt, obwohl diese Phase sehr wichtig für das Verständnis der Steinadler-Population im Alpenraum ist. Ein internationales Forschungsprojekt mit Beteiligung der Vogelwarte hat sich zum Ziel gesetzt, mehr über das Leben der jungen Steinadler herauszufinden.

    Im Zentrum des Interesses: Noch nicht ausgewachsene Steinadler. Sie sind leicht an der weissen Schwanzbasis und den weissen Flügelfeldern zu erkennen.
    Im Zentrum des Interesses: Noch nicht ausgewachsene Steinadler. Sie sind leicht an der weissen Schwanzbasis und den weissen Flügelfeldern zu erkennen.
    Foto © Marcel Burkhardt
    Die Vermessung des Schnabels dient zur Geschlechtsbestimmung des Jungadlers.
    Die Vermessung des Schnabels dient zur Geschlechtsbestimmung des Jungadlers.
    Foto © Guolf Denoth
    Der solargespiesene Sender, ein «GPS-Logger», wird auf dem Rücken mittels Beinschlaufen aus Teflon befestigt.
    Der solargespiesene Sender, ein «GPS-Logger», wird auf dem Rücken mittels Beinschlaufen aus Teflon befestigt.
    Foto © David Jenny
    Flugroute eines Steinadlers im ersten halben Jahr nach dem Verlassen des elterlichen Reviers. Auf der Suche nach Nahrung müssen junge Steinadler grosse Strecken zurücklegen.
    Flugroute eines Steinadlers im ersten halben Jahr nach dem Verlassen des elterlichen Reviers. Auf der Suche nach Nahrung müssen junge Steinadler grosse Strecken zurücklegen.
    Foto © openstreetmap.org

    Am 17. März 2020 geht es im tiefverschneiten Nationalpark mit Tourenskis los. Ausgerüstet mit einem UHF-Handempfänger inklusive Antenne folgen wir zwei Parkwächtern, entlang einer frischen Wolfsspur. Ziel ist es, einen verloren gegangenen Sender eines Steinadlers zu finden. Denn die vom Sender aufgezeichneten Daten sind für die Wissenschaft von grossem Wert. Bald meldet sich der Sender mit Tonimpulsen im Zweisekundentakt. Er lässt sich schrittweise immer stärker eingrenzen, bis wir ihn schliesslich im steilen, aber aperen Gelände entdecken. Ein immaturer Steinadler fliegt derweil über unsere Köpfen hinweg, es dürfte «Droslöng17» – durch Materialermüdung befreit vom Sender – sein, welcher hoffentlich noch ein langes Adlerleben vor sich hat. Solche Rückschläge gehören unweigerlich zur Forschung. Immerhin wird bei den neuen Sendern ein anderes, beständigeres Material verwendet. Das Bedauern über den Senderverlust ist dennoch gross, denn «Droslöng17» war der allererste von insgesamt 33 Bündner Steinadlern, welche im Rahmen eines Forschungsprojekts über das Ausbreitungsverhalten junger Steinadler einen Sender montiert bekamen und noch lange hätte Daten über sein Flugverhalten liefern sollen.

    Die Schlüsselrolle junger Steinadler

    Dieses Projekt wurde 2016 vom Max Planck Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell initiiert und verfolgt das Ziel, die Wissenslücke über die Wanderungen junger Steinadler bis zu ihrer Geschlechtsreife zu füllen. Die Zusammenarbeit mit der Vogelwarte, die sich auf den Kanton Graubünden beschränkt, wurde schrittweise auch auf weitere Partner ausgeweitet. Bis 2020 stiessen Teams aus dem Südtirol, der Lombardei, Bayern, Österreich und Slowenien dazu, so dass die Bewegungen junger Steinadler nun in einem grossen Teil des Alpenraums untersucht werden können.

    Im Gegensatz zu Nordeuropa und zum Mittelmeerraum kommen Steinadler in Zentraleuropa kaum im Tiefland vor, sondern leben vor allem in alpinen Regionen. Dieses gebirgige, von Steinadlern dicht besiedelte Gebiet macht es schwierig und spannend zugleich, die Streifzüge und das Bewegungsverhalten junger Steinadler genauer zu erforschen. Der alpinen Population des Steinadlers geht es heute erfreulicherweise sehr gut, sie ist praktisch gesättigt und unterliegt daher einer stark konkurrenzbedingten natürlichen Regulation, wobei den umherziehenden Jungadlern eine Schlüsselrolle zukommt. Sie sind der Hauptgrund dafür, dass der Fortpflanzungserfolg bei territorialen Paaren zurzeit stark gedrosselt wird. Aber auch die Jungadler haben mit Artgenossen zu kämpfen: Über die Hälfte der tot gefundenen Steinadler in Graubünden sind Opfer von territorialen Auseinandersetzungen. Unter diesen Voraussetzungen ist es wichtig, die Überlebensstrategien der Jungadler besser zu verstehen und damit die Entwicklung der Steinadlerpopulation insgesamt zu kennen. Aber welche Faktoren bestimmen die Bewegungsmuster der Jungadler? Und welche Rolle spielt dabei die Nahrungsverteilung bzw. die Präsenz der verpaarten Adler mit Revier?

    In ihrer Dissertation möchte Julia Hatzl diese Fragen mit ganz neuen technischen Möglichkeiten beantworten. Die heute zur Verfügung stehenden Solarsender ermöglichen nicht nur eine – abhängig von der Energieversorgung durch die Sonne – äusserst präzise Ortung, sie geben auch Aufschluss über das Verhalten der Jungadler und dessen Veränderungen mit zunehmendem Alter. Die dafür notwendigen Daten müssen allerdings mit viel Feldarbeit validiert werden.

    Aufzeichnungen aus der Feldarbeit

    Nach 30-minütiger Wartezeit meldet sich der UHF-Empfänger endlich mit einem leisen Piepssignal, das sogleich stärker wird. Und dann endlich erspähen wir den jungen, besenderten Steinadler, wie er über die Kuppe des angrenzenden Berges gleitet. Mit Spektiv und Feldstecher ausgerüstet versuchen wir, sein Verhalten so präzise wie möglich zu beschreiben und digital festzuhalten. Die Krux dabei ist, den Adler nicht aus den Augen zu verlieren, denn so schnell wie er gekommen ist, so schnell kann er auch wieder hinter dem nächsten Berg verschwunden sein.

    Diese Beobachtungen helfen uns, das Verhalten der Jungadler besser zu verstehen. Der Sender, der wie ein Rucksack auf dem Rücken des Vogels befestigt ist, zeichnet nicht nur die genauen Aufenthaltsorte auf, sondern auch Daten, die Aufschluss auf die Körperposition und Bewegung der Tiere liefern. Je nach Verhalten verändert sich das Aufzeichnungsmuster der Daten. Will man nun diese Muster dem entsprechenden Verhalten zuordnen, muss man sie mit Beobachtungen abgleichen, die zur exakt gleichen Zeit im Feld aufgenommen wurden. Relativ einfach erkennbare Verhaltensweisen sind etwa «Fressen », «Flügelschlagen», «Gleitflug » oder «Betteln». Um ein möglichst breites Verhaltensspektrum zu erfassen, ist unser Team seit Anfang April fast täglich den besenderten Jungspunden im ganzen Bündnerland auf den Fersen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn nachdem die Jungadler das elterliche Revier verlassen haben, können sie während ihrer Lehr- und Wanderjahre Strecken von täglich 130 km zurücklegen. Zudem sind Jungadler oft auch nicht alleine unterwegs, sondern mit zwei, drei, teilweise sogar bis zu sechs anderen Jungadlern im gleichen Gebiet. Wir vermuten, dass der dicht besiedelte Raum voller Reviere ein Grund dafür ist. Jungadler werden von ansässigen Paaren heftig vertrieben, wenn sie in besetzte Reviere fliegen. Es bleibt nicht viel Platz, und dieser muss oft mit anderen Jungadlern getden.

    Wir untersuchen ausserdem das Verhalten der Jungadler, solange sie noch im elterlichen Revier verweilen und erheben die Aktivität und Dichte der Steinadler im gesamten Grossraum Engadin und Davos. Damit möchten wir die Hintergründe zur Verteilung der Jungadler im Alpenraum besser verstehen.

    Erste Resultate

    Die gesammelte Datenmenge ist bereits sehr gross, wozu auch der eingangs erwähnte Jungadler «Droslöng17» beigetragen hat: Rund einen Monat nach seiner Besenderung verliess das junge Weibchen «Droslöng17» am 7. August 2017 seinen Horst endgültig. Es folgte die Bettelflugphase mit Fütterungen durch die Altvögel im elterlichen Revier und anhaltendem Bettelverhalten des Jungen. Erstmals konnten wir dank «Droslöng17» und weiteren besenderten Tieren die Bewegungen von Jungadlern minutiös mitverfolgen und machten schon früh einige erstaunliche Entdeckungen. Beispielsweise dass Jungadler bereits 5 Wochen nach dem Ausfliegen grössere Exkursionen unternehmen, die bis zu elf Tage dauern und bis 100 km vom Heimatrevier wegführen. Wir sind gespannt, welche weiteren Geheimnisse uns die Adler preisgeben.