Schweres Geschütz für den Vogelschutz

    Mit dem Thema Naturförderung bringt man die Schweizer Armee spontan wohl kaum in Verbindung. Trotzdem spielt sie in diesem Bereich eine unerwartete und wichtige Rolle: Für viele Vogelarten schafft sie nämlich ideale Lebensraumbedingungen.

    Die Heidelerche schätzt besonders halboffene, gut besonnte, strukturreiche Lebensräume auf mageren und wasserdurchlässigen Böden. Diese Bedingungen findet sie erstaunlicherweise auch auf einigen Waffenplätzen.
    Die Heidelerche schätzt besonders halboffene, gut besonnte, strukturreiche Lebensräume auf mageren und wasserdurchlässigen Böden. Diese Bedingungen findet sie erstaunlicherweise auch auf einigen Waffenplätzen.
    Foto © Ralph Martin
    Wo Panzer im Gelände trainieren, fördern sie die Biodiversität. Durch regelmässiges oder unregelmässiges Befahren sorgen sie für ein vielfältiges Mosaik aus Flächen mit spärlichem Bodenbewuchs, Brachlandvegetation und zahlreichen Kleinstrukturen.
    Wo Panzer im Gelände trainieren, fördern sie die Biodiversität. Durch regelmässiges oder unregelmässiges Befahren sorgen sie für ein vielfältiges Mosaik aus Flächen mit spärlichem Bodenbewuchs, Brachlandvegetation und zahlreichen Kleinstrukturen.
    Foto © David Külling
    Allmählicher Übergang zwischen einer Panzerpiste und einer Wiese. Der Streifen mit der spärlichen Bodenvegetation ist bei Heidelerchen und anderen Insekten fressenden Vögeln zur Nahrungssuche sehr beliebt.
    Allmählicher Übergang zwischen einer Panzerpiste und einer Wiese. Der Streifen mit der spärlichen Bodenvegetation ist bei Heidelerchen und anderen Insekten fressenden Vögeln zur Nahrungssuche sehr beliebt.
    Foto © Nadine Apolloni
    Truppenübungsplätze der Armee sind eine Oase der Biodiversität. Verschiedenste Mikrohabitate und Kleinstrukturen bilden ein reiches Lebensraummosaik für Fauna und Flora.
    Truppenübungsplätze der Armee sind eine Oase der Biodiversität. Verschiedenste Mikrohabitate und Kleinstrukturen bilden ein reiches Lebensraummosaik für Fauna und Flora.
    Foto © Nadine Apolloni

    Die Heidelerche ist ein Brutvogel halboffener, sonniger Lebensräume mit guter Rundumsicht, hoher Strukturvielfalt und mageren, wasserdurchlässigen Böden. Schlüsselelemente ihrer Brutbiotope sind hohe und niedrige Ansitzwarten sowie ein Mosaik aus kahlen Bodenstellen und spärlich bewachsener Rasenvegetation. In der Schweiz findet die Heidelerche solche Bedingungen vor allem auf den Kreten des Hochjuras, im Randen SH und im Wallis. In diesen Gebieten lebt denn auch der grösste Teil des einheimischen Brutbestandes. Man bringt die Heidelerche zwar gern mit mageren Wytweiden oder teilweise begrünten Weinbergen in Verbindung, es gefällt ihr aber auch an anderen, eher überraschenden Orten. So beherbergen etwa die panzerstarrenden Waffenplätze von Bure JU und Bière VD bemerkenswert grosse Heidelerchenbestände. Ihre Brutdichte ist hier mit 5–6 Revieren pro km2 sogar eine der höchsten im Land. Ausserdem leben hier diverse weitere Arten, darunter Baumpieper, Neuntöter und Wendehals.

    Panzer als unerwartete Verbündete der Naturschützer

    Nur dank dem intensiven Fahrbetrieb von Panzern und ähnlichen Fahrzeugen entstehen hier Pionierflächen und vielfältige Mosaike halboffener Lebensräume. Die Abwechslung zwischen häufig befahrenen Arealen mit völlig kahlem Boden oder sehr spärlichem Bewuchs und Geländebuckeln, tiefen Pfützen, isolierten Gebüschformationen, Hecken und Feldgehölzen sorgt für überaus reichhaltige Lebensräume. Das sind ideale Bedingungen, damit hier viele Vogelarten Brutplätze, Rückzugsorte, Ansitz- und Singwarten finden. An den Rändern der Fahrpisten und auf seltener befahrenen Flächen stellt sich eine lückige, divers zusammengesetzte Vegetation mit reicher Insektenfauna ein. Diese Kleintiere bilden für Heidelerchen und andere Vögel ein willkommenes, leicht zugängliches Nahrungsangebot. Auf jenen Flächen, die mehrere Jahre lang nicht mehr von Panzern befahren worden sind, entstehen unterschiedlichste Brachen, wo Bodenbrüter und Hasen in aller Ruhe ihren Nachwuchs aufziehen können. Die extensive Bewirtschaftung der meisten Wiesenflächen und das praktisch vollständige Fehlen von Pestiziden tragen dazu bei, die Lebensqualität aller dieser Arten auf den beiden Waffenplätzen noch zu steigern.

    Ob Bure oder Bière, Waffenplätze sind beliebt

    Lange hat man die Bedeutung militärischer Grundstücke als Lebensraum nicht zur Kenntnis genommen oder unterschätzt. Auf dem Waffenplatz Bure JU hat die Schweizerische Vogelwarte den Bestand der Brutvögel und speziell der Heidelerche 2009 erstmals erfasst. Dabei ist sowohl die Präsenz der Heidelerche als Brutvogel als auch der grosse Artenreichtum der Vogelwelt auf diesem für ein Gebiet in den Tieflagen speziell weitläufigen Waffenplatz – immerhin ist er so gross wie der Lac de Joux – belegt worden!

    Um herauszufinden, wie sich die Revierzahlen der Heidelerche und anderer Prioritätsarten seit 2009 entwickelt haben, wurde die Bestandserhebung auf dem Waffenplatz Bure im Jahr 2017 mit derselben Methode wiederholt. Weil seit ein paar Jahren auch ein kleiner Brutbestand der Heidelerche auf dem Waffenplatz Bière VD bekannt war, erfolgte dort ebenfalls eine genaue Revierkartierung. Auf der ca. 6 km2 grossen Bearbeitungsfläche des Waffenplatzes Bure ergaben sich dabei folgende Revierzahlen: Mindestens 26 bei der Heidelerche, 25 beim Baumpieper, 259 (!) bei der Goldammer, 60 bei der Gartengrasmücke, 39 bei der Dorngrasmücke und 17 beim Neuntöter. In Bière, wo aus Sicherheitsgründen nur etwa 3 km2 bearbeitet werden konnten, gab es bei der Heidelerche 8, bei der Feldlerche mindestens 15 (alle in Wiesen) und bei der Goldammer 61 Reviere. Neuntöter und Wendehals waren dort ebenfalls gut vertreten, Schwarzkehlchen und Dorngrasmücke etwas weniger. Die Ergebnisse bestätigen die Reichhaltigkeit der Brutvogelgemeinschaften beider Waffenplätze. Die hohe Zahl seltener Arten ist für so tief gelegene Gebiete – beide liegen zwischen 500 und 700 m ü. M. – sehr ungewöhnlich. Dazu kommt der ausserordentlich starke Anstieg der Heidelerchenbestände auf dem Waffenplatz Bure, denn im Vergleich zu den Erhebungen von 2009 hat sich die Revierzahl dort in weniger als 10 Jahren mehr als verdoppelt! Für den Waffenplatz Bière gibt es keine Vergleichsdaten. Wenn man aber bedenkt, dass die ersten offiziellen Meldungen einzelner Heidelerchen aus diesem Gebiet erst im Jahr 2008 erfolgt sind, scheint eine ähnlich positive Bestandsentwicklung plausibel.

    Mit mindestens 34 Heidelerchenrevieren beherbergen die beiden Waffenplätze fast ein Viertel des Brutbestandes im ganzen Jurabogen! Aussergewöhnlich ist auch, dass die Heidelerchen in Bure und Bière in Gebieten von 500 bis 700 m Höhe brüten, während der grösste Teil der Jurapopulation sonst in mittleren Berglagen zwischen 1100 und 1300 m lebt.

    Engere Zusammenarbeit zwischen Armee und Naturschutz

    Im Rahmen des Programms Natur, Landschaft und Armee (NLA) hat das Kompetenzzentrum Natur des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) seit 1999 auf einem ansehnlichen Teil der militärischen Grundstücke die für die Natur wertvollen Gebiete kartiert. Dabei wurde auch deren Nutzung geregelt und die Beanspruchung der Flächen durch Militär, Landwirtschaft und Dritte besser an die örtlichen Naturwerte angepasst. Anlässlich der Brutvogelbestandsaufnahmen von 2009 hat die Schweizerische Vogelwarte zahlreiche Vorschläge zur Förderung der Avifauna auf dem Waffenplatz Bure formuliert. Heute ist ein Teil dieser Empfehlungen im NLA integriert, so etwa zur Heckenpflege und zum regelmässigen Wechsel bei der Wahl der befahrenen und nicht befahrenen Panzerpisten. Aktuell arbeitet die Schweizerische Vogelwarte eng mit dem Kompetenzzentrum Natur des VBS und dem Ökobüro Le Foyard zusammen, das den Auftrag hat, den NLA praktisch umzusetzen. Mit dem Ziel, die Massnahmen zugunsten der Brutvogelwelt auf den beiden Waffenplätzen noch besser zu fokussieren, hat die Vogelwarte konkrete Vorschläge zur spezifischen Erhaltung und Förderung der Heidelerche und ihrer Begleitarten unterbreitet. Zurzeit ist sie daran, zusammen mit dem beauftragten Ökobüro die Realisierung verschiedener Massnahmen im Gelände zu planen. In der Zwischenzeit lassen die Heidelerchen im Getöse der gepanzerten Fahrzeuge weiterhin ihren wunderbaren Gesang erklingen und erfreuen damit das Herz von Naturbegeisterten und Soldaten gleichermassen.