Ein Kältespezialist in einer wärmer werdenden Welt

    Klimabedingt verändert sich der Lebensraum des Schneesperlings stark. Was bedeuten diese Veränderungen für den Kältespezialisten? Die Vogelwarte Sempach untersucht, wie der Schneesperling auf den Klimawandel reagiert.

    Der Schneesperling kommt als Spezialist des Hochgebirges auch mit harschen Bedingungen gut zurecht.
    Der Schneesperling kommt als Spezialist des Hochgebirges auch mit harschen Bedingungen gut zurecht.
    Foto © Ralph Martin
    Schneesperlinge verlassen das Nest nach etwa 21 Tagen und werden dann noch einige Tage von den Altvögeln mit Insekten und deren Larven gefüttert, bevor sie ihre Ernährung auf Sämereien umstellen.
    Schneesperlinge verlassen das Nest nach etwa 21 Tagen und werden dann noch einige Tage von den Altvögeln mit Insekten und deren Larven gefüttert, bevor sie ihre Ernährung auf Sämereien umstellen.
    Foto © Christian Schano
    Mit Farbringen ist es möglich, Individuen ein Leben lang zu begleiten. Das Männchen E23 ist 2018 in einem Nistkasten auf dem Furkapass geschlüpft und brütet dort selbst seit 2020.
    Mit Farbringen ist es möglich, Individuen ein Leben lang zu begleiten. Das Männchen E23 ist 2018 in einem Nistkasten auf dem Furkapass geschlüpft und brütet dort selbst seit 2020.
    Foto © Dieter Haas
    Schneesperlinge versammeln sich im Winter auch zu grösseren Gruppen. Diese Gruppen liefern aufschlussreiche Daten zum Dominanzverhalten am Futterhaus und lassen auf das Vorhandensein von Krankheitserregern schliessen.
    Schneesperlinge versammeln sich im Winter auch zu grösseren Gruppen. Diese Gruppen liefern aufschlussreiche Daten zum Dominanzverhalten am Futterhaus und lassen auf das Vorhandensein von Krankheitserregern schliessen.
    Foto © Christian Schano

    Hochgebirge sind klimatisch durch extreme Umweltbedingungen wie tiefe Temperaturen und kurze Vegetationsperioden geprägt. Diese rauen Bedingungen sowie unvorhersehbare Wetterumstürze verlangen von alpinen Arten spezielle Anpassungen. Der Schneesperling ist ein solcher Spezialist, der ganzjährig die höchsten Gebirgsstufen bewohnt. Im Vergleich zum Haussperling ist er schwerer und grösser, womit das Verhältnis zwischen seiner Körperoberfläche und seinem Volumen günstiger für den Wärmehaushalt ist. Die eisigen Nächte verbringt der Schneesperling in tiefen, vor Kälte und Feuchtigkeit geschützten Felsspalten, die er gegenüber Artgenossen verteidigt. Auch für die Brut sucht er primär windgeschützte Felshöhlen auf, brütet aber auch in menschgemachten Strukturen wie Gebäudenischen, Skiliftmasten und Nistkästen.

    Abnehmende Bestände

    Die Bestände des Schneesperlings sind in weiten Teilen des Verbreitungsgebiets rückläufig, soweit die Bestandsentwicklung überhaupt bekannt ist. Seit 1990 hat der Bestand in der Schweiz um 20–30 % abgenommen, wobei es jährlich grosse Schwankungen gibt. Dies ist umso besorgniserregender, als die Schweiz mindestens 15 % des europäischen Bestands des Schneesperlings beherbergt und daher eine hohe internationale Verantwortung für die Erhaltung der Art hat. Die Bestandsabnahmen werden hauptsächlich in tieferen Lagen verzeichnet. Zusammen mit Forschenden aus Spanien, Frankreich, Italien und Österreich untersucht die Schweizerische Vogelwarte deshalb, wie gut sich der Schneesperling an die sich verändernden Umweltbedingungen im Hochgebirge anpassen kann.

    Wir verknüpften dazu Schneebedeckungsdaten des Schweizerischen Instituts für Schnee und Lawinenforschung SLF mit über ornitho.ch gemeldeten Beobachtungen von Schneesperlingen, deren Verhalten auf eine Brut hindeuteten. Aus diesen Daten war es möglich, Schlupfdaten zu berechnen. Im Verbreitungsgebiet des Schneesperlings hat sich die Schneeschmelze in tieferen Lagen während den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 2 Wochen verfrüht, während das mittlere Schlupfdatum unverändert blieb. Obwohl adulte Schneesperlinge Körnerfresser sind, füttern sie ihren Nachwuchs hauptsächlich mit Insekten und deren Larven, die sie vor allem entlang von Schneefeldrändern finden. Sie profitieren deshalb davon, die Nestlingszeit mit der Schneeschmelze zu synchronisieren. Die klimabedingte Veränderung der Schneeverhältnisse hat damit einen direkten negativen Einfluss auf den Bruterfolg. Weshalb der Schneesperling sein Brutverhalten in tieferen Lagen nicht an die zeitlich verschobene Schneeschmelze angepasst hat, ist noch unklar. In ihrer Masterarbeit konnte Carole Niffenegger zeigen, dass Schneesperlinge ihren Neststandort in der Nähe von Schneefeldrändern auswählen und in der ersten Hälfte der Brutsaison gegen die Morgensonne exponierte Nisthöhlen bevorzugen. Es ist daher sinnvoll, Nisthilfen über einen Höhengradienten hinweg anzubieten, damit sich geeignete Nistplätze während der Brutzeit in der Nähe von Schneefeldrändern befinden.

    Trockene Sommer und Krankheiten als wichtige Faktoren

    Wetter und Klima beeinflussen den Schneesperling aber auch im Sommer: Die Analyse von Beringungsdaten aus den italienischen Abruzzen hat gezeigt, dass das Überleben der Weibchen viel stärker durch Wärme und Trockenheit im Sommer beeinflusst wird als jenes der Männchen. Diese Ergebnisse könnten darauf hinweisen, dass Weibchen, nicht aber Männchen, in warmen und trockenen Sommern überdurchschnittlich viel Energie für die Brut aufwenden. Trockene Sommer könnten zudem das Samenangebot verringern und so zu einer erhöhten Nahrungskonkurrenz führen. Weibchen wären dann wegen ihrer geringeren Grösse den Männchen wahrscheinlich unterlegen. Alle diese Faktoren wirken sich bei Weibchen möglicherweise so stark aus, dass sie überdies zu einem geschlechtsspezifischen Unterschied der Überlebensrate im Winter führen können. Um die geschlechtsspezifischen Einflüsse des Wetters auf das Überleben zu verstehen, untersuchen wir zurzeit, wie das Fütterungsverhalten von Weibchen und Männchen durch Umweltbedingungen beeinflusst wird. Zudem befasst sich Anne-Cathérine Gutzwiller in ihrer Masterarbeit mit der Konkurrenzsituation zwischen Männchen und Weibchen an Futterstellen im Winter.

    Neben der veränderten Schneesituation zur Brutzeit stellen Krankheiten eine weitere potenzielle Gefahr dar. In den Wintern 2017/2018 und 2018/2019 erreichten uns Meldungen von kranken und verendeten Schneesperlingen. Um die Krankheitserreger zu identifizieren, wurden vier verendete Individuen pathologisch untersucht. Bei drei Vögeln waren Salmonellen die Todesursache. Bei einem Vogel wurde hingegen ein Befall mit dem Parasiten Trichomonas gallinae nachgewiesen, der bei verschiedenen Arten den oberen Verdauungstrakt befällt. Dies ist der erste dokumentierte Fall einer Trichomonadose beim Schneesperling. Mittels genetischer Methoden konnten wir zeigen, dass der gefundene Trichomonadenstamm zur selben genetischen Gruppe gehört wie derjenige, der beim Grünfinken in ganz Europa zu grossen Bestandseinbrüchen geführt hat. In Anbetracht der rückläufigen Schneesperlingsbestände muss dieser Befund ernst genommen werden.

    Sowohl Salmonellen als auch Trichomonaden können am Futterhaus übertragen werden. In den letzten beiden Wintern haben wir deshalb regelmässig Futterstellen des Schneesperlings aufgesucht, um Kot- und Speichelproben zu sammeln und auf die Präsenz von Salmonellen und Trichomonaden zu testen. Gleichzeitig haben wir Privatpersonen über die Gefahr einer Krankheitsübertragung am Futterhaus informiert und für Hygienemassnahmen sensibilisiert, damit bei der Fütterung die Übertragung von Krankheiten unter den Vögeln nicht noch zusätzlich begünstigt wird. Erfreulicherweise waren alle Proben aus den letzten beiden Wintern negativ und es gingen auch keine Meldungen von kranken und verendeten Schneesperlingen mehr ein. Trotzdem beobachten wir die Situation weiterhin, um bei einem erneuten Ausbruch schnell reagieren zu können, um die Übertragung einzudämmen.

    Offene Fragen und ein klares Ziel

    Die bisherigen Untersuchungen zeigen, dass der Neststandort und dessen Distanz zu Schneefeldrändern wichtig für den Bruterfolg des Schneesperlings sind. Wie Neststandort und Bruterfolg zusammenhängen, ist aber immer noch nicht quantifiziert. Ebenso unklar ist, wie der geschlechtsspezifische Aufwand während der Jungenaufzucht, die Konkurrenz um Nahrung im Winter, sowie Krankheiten zusammenspielen und in welchem Ausmass sie sich auf das Überleben auswirken. Und zuletzt: Welche demographischen Parameter sind ausschlaggebend für den Bestandstrend und kann sich der Schneesperling an sich verändernde Schneeverhältnisse anpassen? Diesen Fragen gehen wir in unserer aktuellen Forschung nach. Das Markieren von Individuen mit Farbringen und das Melden von Beobachtungen solcher Individuen ermöglicht uns dabei wertvolle Einblicke in Bewegungsmuster und Überlebensraten. Geodatenlogger werden uns neben genaueren Informationen über Aufenthaltsorte und Position von Schlafhöhlen auch Aktivitätsdaten liefern. Zudem werden wir mit Hilfe genetischer Methoden den Austausch zwischen verschiedenen Populationen der Alpen mit solchen in anderen Gebirgen messen. Schlussendlich möchten wir verstehen, wie sich der Schneesperlingsbestand in seiner rasch verändernden Umwelt verändert und abklären, was zu tun ist, um seinen Bestand in den Alpen zu stabilisieren.