Ein neuer Ringfundatlas lädt zum Entdecken ein

    Vogelbegeisterte können die Daten aus über 100 Jahren Beringung in Europa in einem neuen Atlas interaktiv anschauen. Damit steht das gesamte Wissen zum Bewegungsverhalten von 300 eurasischen Vogelarten online frei zugänglich zur Verfügung.

    Karte aus dem Ringfundatlas zur Reiherente: Auf Schweizer Seen überwinternde Reiherenten brüten in weiten Teilen Europas und auch in Sibirien.
    Karte aus dem Ringfundatlas zur Reiherente: Auf Schweizer Seen überwinternde Reiherenten brüten in weiten Teilen Europas und auch in Sibirien.
    Foto © migrationatlas.org
    Die Schweizerische Vogelwarte konnte dank des Projekts am Sempachersee eine beachtliche Menge an Beringungs- und Wiederfunddaten der Reiherente zum Ringfundatlas beitragen.
    Die Schweizerische Vogelwarte konnte dank des Projekts am Sempachersee eine beachtliche Menge an Beringungs- und Wiederfunddaten der Reiherente zum Ringfundatlas beitragen.
    Foto © Marcel Burkhardt

    Der neue Ringfundatlas ist unter migrationatlas.org aufrufbar. Im Atlas sind alle Funde von beringten Vögeln dargestellt, die europäische Beringungsprogramme gesammelt haben. In über 100 Jahren ist so zu unterschiedlichsten Arten eine unglaubliche Fülle an Daten zusammengekommen, die fast die ganze Welt umspannt. Ergänzt werden die Beringungsdaten mit detaillierten Informationen des Bewegungsverhaltens einzelner Individuen, die mit Satellitensendern oder Geolokatoren ausgerüstet wurden.

    Nach Auswahl der Art auf Englisch, Französisch oder Spanisch werden auf einer interaktiven Weltkarte deren Ringfunde und die damit verbundenen Zugrouten angezeigt. Alle Länder sind einer von neun Beringungsregionen zugeteilt, die mit unterschiedlichen Farben dargestellt sind. Dies bietet eine schöne Übersicht, wie stark unterschiedliche Regionen durch eine Vogelart miteinander verbunden sind. Zu jeder Art gibt es einen kurzen Text über ihr Zugverhalten, ihren Status auf der europäischen Roten Liste und eine Literaturliste mit weiterführenden Publikationen. Mit ausklappbaren Menüs auf der linken und rechten Seite können die Ringfunddaten unter anderem nach Geschlecht, Alter oder Monat gefiltert werden. Die Website bietet auch eine animierte Visualisierung der Ringfunde über das Jahr verteilt. Gibt es Satelliten- oder Geolokatordaten, können diese mit einem Klick ebenfalls angezeigt werden. Unter der Weltkarte zeigen detaillierte Statistiken die Anzahl verfügbarer Daten, Fundumstände oder Ringfunde sortiert nach Region, Alter oder Monat. Diese Statistiken stehen auch als hochaufgelöste Datei zum Herunterladen zur Verfügung. Abgerundet wird die Website durch vier Berichte, die auf der Grundlage der Daten erstellt wurden und sich mit historischen Veränderungen im Zugverhalten, der Jagd und der Zugkonnektivität befassen.

    Wer die Website besuchen möchte, sollte sich genügend Zeit dafür nehmen. Man kommt aus dem Stöbern und Staunen kaum mehr raus! Die Küstenseeschwalbe etwa beweist mit Ringfunden aus dem arktischen Kanada, Bolivien oder Neuseeland, wie stark Zugvögel Kontinente verbinden und dass daher ein international koordinierter Schutz zwingend notwendig ist. Dass Schutzbemühungen erfolgreich sein können, ist in den Statistiken zahlreicher Greifvögel zu sehen: Bis 1990 betrafen die meisten Ringfunde geschossene oder tot gefundene Individuen, ab 1991 sank deren Anteil deutlich. Neben verbessertem Schutz vor Abschüssen und dem Verbot von Pestiziden hat dies sicherlich auch mit zahlreichen neueren Projekten zu tun, in denen regelmässig beringt und kontrolliert wird.

    In diesem Zusammenhang ist die rege Tätigkeit in der Schweiz zu erwähnen: Schweizer Beringungsstationen und -projekte, wie etwa zu Schleiereule und Turmfalke, sind im Ringfundatlas selbst auf europäischer Ebene sichtbar, ebenso wie zahlreiche einzelne Ringfunde. Die Schweizerische Beringungszentrale möchte daher allen Beringerinnen und Beringern, Freiwilligen sowie Beobachterinnen und Beobachtern für ihren Einsatz danken. Nur dank ihrem wertvollen, vorwiegend ehrenamtlichen Engagement haben wir über viele Arten so umfangreiche Informationen, die wiederum internationale Projekte wie den Ringfundatlas ermöglichen. So kann die Wissenschaft noch mehr Faszination für Zugvögel und ihre enormen Leistungen wecken.