Sommergrüsse aus dem Süden (02.06.2022)

    Die Zugzeit ist längst vorbei, und auch das morgendliche Vogelkonzert nimmt nun merklich ab. Dennoch sind im Juni spannende Vogelbeobachtungen möglich. In den vergangenen Jahren etwa wurde zu Sommerbeginn der seltene Gleitaar vermehrt in der Schweiz beobachtet. Das schreibt die Vogelwarte in ihrem jährlichen Bericht über den Zustand der Vogelwelt in der Schweiz.

    Der turmfalkengrosse Gleitaar ist mit seiner reinweissen Unterseite, der blaugrauen Oberseite und den bernsteinfarbenen Augen eine prächtige Erscheinung. Der ehemals sehr seltene Gast wird mittlerweile alljährlich in der Schweiz beobachtet.
    Der turmfalkengrosse Gleitaar ist mit seiner reinweissen Unterseite, der blaugrauen Oberseite und den bernsteinfarbenen Augen eine prächtige Erscheinung. Der ehemals sehr seltene Gast wird mittlerweile alljährlich in der Schweiz beobachtet.
    Foto © Ralph Martin Bild in Druckqualität
    Im Flug ist der Gleitaar leicht an seinen langen Flügeln und dem kurzen Schwanz zu erkennen. Typisch ist auch der schwarze Fleck auf den Flügeloberseite.
    Im Flug ist der Gleitaar leicht an seinen langen Flügeln und dem kurzen Schwanz zu erkennen. Typisch ist auch der schwarze Fleck auf den Flügeloberseite.
    Foto © Mathias Schäf Bild in Druckqualität
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    Sempach. – Auf den ersten Blick könnte man ihn für eine Möwe halten, würde er nicht rüttelnd nach Mäusen jagen oder von einer Buschspitze die Umgebung überwachen: der Gleitaar. Mit seiner reinweissen Unterseite, der blaugrauen Oberseite und den bernsteinroten Augen ist er eine prächtige Erscheinung. Daraus könnte sich auch sein Name ableiten lassen, «Aar» ist nämlich eine alte poetische Umschreibung für «Adler». Das ist aber etwas übertrieben: Der Gleitaar ist nur ein wenig grösser als ein Turmfalke und nicht sehr nahe mit Adlern verwandt.

    Das Verbreitungsgebiet des Gleitaars erstreckt sich über ganz Afrika und Asien, in Europa brütet er nur auf der Iberischen Halbinsel und in Westfrankreich. Erst 1990 wurde er zum ersten Mal in unserem Land gesichtet! Bis 2010 blieb er eine Ausnahmeerscheinung und wurde nur sieben Mal nachgewiesen, seither sind die Beobachtungszahlen regelrecht explodiert: Seit 2014 wird er alljährlich bei uns festgestellt. In den letzten beiden Jahren gab es zusammen mindestens18 Nachweise des Gleitaars in der Schweiz.

    Der Gleitaar nahm auf der Iberischen Halbinsel stark zu, weil er dort savannenartige Lebensräume mit starken Mäusepopulationen findet. Von hier aus breitet er sich langsam nach Nordwesten aus. In der Schweiz brütet er zwar noch nicht. Doch mit der aktuellen Ausbreitung ist es nicht ausgeschlossen, dass er sich auch bei uns dauerhaft ansiedeln wird. Ob als zukünftiger Brutvogel oder regelmässiger Gast: Die Herzen der Ornithologinnen und Ornithologen lässt der Gleitaar als Sommergast aus dem Süden allemal höherschlagen.

    Zustandsbericht
    Alljährlich fasst die Schweizerische Vogelwarte die neuesten Entwicklungen in der Vogelwelt zusammen und publiziert sie als Zustandsbericht: www.vogelwarte.ch/zustand

    Weitere Themen:
    1. Einige im Kulturland brütende Arten profitieren von Massnahmen zur Biodiversitätsförderung und konnten 2021 deutlich zulegen. Allerdings erleiden andere wegen der intensiven Landwirtschaft nach wie vor Einbussen.
    2. Auf Armeearealen sind Vogelarten überdurchschnittlich gut vertreten, die offene Habitate, Feuchtbiotope, Hecken oder extensiv bewirtschaftetes Kulturland bevorzugen.
    3. Im Januar 2022 wurden in der Schweiz 430 000 Wasservögel gezählt, so wenige wie letztmals um 1970. Die Winterbestände von häufigen Arten wie Reiherente, Tafelente und Stockente sinken.

     

    Quelle
    Knaus, P., T. Sattler, H. Schmid, N. Strebel & B. Volet (2022): Zustand der Vogelwelt in der Schweiz: Bericht 2022. Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

    Weitere Auskünfte

    Michael Schaad
    Schweizerische Vogelwarte
    6204 Sempach
    Tel. 041 462 97 35
    michael.schaad@vogelwarte.ch