Transkontinentale Effekte des Vogelzugs (03.04.2014)

    Milliarden von Zugvögeln transportieren Nährstoffe, Energie und andere Organismen über riesige Distanzen und beeinflussen dadurch ganze Lebensgemeinschaften. In der renommierten Fachzeitschrift Science stellt die Schweizerische Vogelwarte Sempach diese bislang unterschätzten ökologischen Effekte vor.

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    Sempach. – Wenn in diesen Wochen die Zugvögel heimkehren, verändern sie gleichzeitig die Ökosysteme im Herkunfts- und im Zielgebiet. Rund 2 Milliarden Singvögel pendeln jährlich zwischen Europa und Afrika und mit ihnen verschieben sich 20‘000 Tonnen Biomasse von den tropischen Savannen in heimische Gefilde. Das führt zu tiefgreifenden jahreszeitlichen Veränderungen in den jeweiligen Lebensräumen.

    Die Zugvögel konsumieren Nahrung, vor allem Insekten, und hinterlassen Kot und Federn. Im Winterhalbjahr tun sie das im Süden, den Rest des Jahres in den Brutgebieten. Gleichzeitig sind Zugvögel und ihre Eier aber auch temporär verfügbare Nahrungsquelle für viele andere Tiere. Eine weitere Wirkung entfalten Zugvögel auf Ökosysteme, indem sie auf und in ihrem Körper Pflanzensamen, Schneckeneier, Muschellarven, Pilzsporen und Parasiten über Kontinente verfrachten.

    „Der Vogelzug bedeutet mehr als die Wanderung von Vögeln, es ist ein komplexer ökologischer Vorgang, der in die Nahrungsketten von weit entfernten Orten eingebunden ist.“ fasst Silke Bauer von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach das Ergebnis ihrer Recherche zusammen.

    Die neue Studie liefert auch Beispiele aus der übrigen Tierwelt. Wenn Lachse den Flüssen entlang vom Meer ins Landesinnere hinaufwandern, verschieben sich enorme Nahrungsressourcen, die beispielsweise die Grizzlybären nutzen. Die riesigen Herden wandernder Huftiere wie Gnus und Zebras in Afrika beeinflussen nicht nur das Wachstum der Savannengräser, sondern auch den Lebenszyklus der Löwen. Und Wanderheuschrecken fressen überall wo sie landen die Vegetation kahl und verändern dadurch radikal die lokale Natur.

    Quelle
    Bauer, S. & Hoye, B.J. 2014. Migratory Animals Couple Biodiversity and Ecosystem Functioning Worldwide. Science, Vol. 343, 4 April 2014.

    Silke Bauer
    Dr. Silke Bauer forscht über Schlüsselprozesse im Jahreszyklus von Zugvögeln, speziell von Gänsen und Watvögeln. Seit 2008 arbeitet sie an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach und am Niederländischen Institut für Ökologie NIOO in Wageningen. Zur Zeit absolviert sie einen Forschungsaufenthalt an der Deakin University in Australien.

    Die Schweizerische Vogelwarte Sempach
    Die Schweizerische Vogelwarte Sempach ist eine private, von der Bevölkerung getragene gemeinnützige Stiftung und setzt sich für die Erforschung und den Schutz der wildlebenden Vögel ein. Im Bereich Vogelzugforschung gehört sie weltweit zu den führenden Institutionen.