Für Eltern bedeutet es eine markante Veränderung, wenn die Kinder ausziehen. Wie dieser Schritt in die Selbstständigkeit bei Vögeln genau abläuft, ist kaum bekannt. Bei grossen Greifvögeln kann es zudem mehrere Jahre dauern, bis sie nach dem Selbstständigwerden ein eigenes Revier besetzen. Um mehr über diese wichtige Lebensphase zu erfahren, untersuchte Julia Hatzl in ihrer Doktorarbeit, auf welche Herausforderungen junge Steinadler auf dem Weg zum eigenen Revier stossen. Dazu hatte sie, gemeinsam mit verschiedenen Partnerorganisationen im In- und Ausland, 87 Steinadler-Nestlinge aus dem Alpenbogen vermessen und mit GPS-Sendern ausgestattet. Die so gewonnenen Daten geben Aufschluss darüber, wie junge Steinadler das energiesparende Fliegen erlernen, und wie sie sich im Labyrinth von besetzten Revieren bewegen, nachdem sie selbstständig geworden sind.
Die Studie stellte fest, dass das elterliche Revier entscheidend war: Wo es günstige Aufwinde und ein reichhaltiges Nahrungsangebot gab, konnte sich der Nachwuchs früher selbstständig machen als in weniger günstigen Revieren. Die so gewonnenen Vorteile wirkten sich auch längerfristig auf das Leben aus: Vor der Besetzung eines Reviers flogen die Steinadler, die früher selbstständig geworden waren, effizienter und waren mobiler als später selbstständig gewordene Artgenossen. Das könnte bedeuten, dass diese Steinadler früher ein Revier zu etablieren versuchen und konkurrenzfähiger sind.
Die Vor- und Nachteile, die Steinadler früh im Leben erfahren, könnten also grosse Auswirkungen auf die Ansiedlung und den Erfolg im späteren Leben haben.