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Knaus, P., T. Sattler, H. Schmid, N. Strebel & B. Volet (2022)

Zustand der Vogelwelt in der Schweiz. Bericht 2022.

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Schweizerische Vogelwarte Sempach

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peter.knaus@vogelwarte.ch

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Zusammenfassung

Als ich mich in meiner Jugend für die Vogelkunde zu interessieren begann, war der Grünfink «überall» zu finden, Feldlerche, Baumpieper und Waldlaubsänger kamen noch relativ verbreitet vor, während der Mittelspecht selten war. Wer sich heute mit der Vogelwelt zu beschäftigen beginnt, wird die aktuelle Situation dieser Arten anders wahrnehmen. Ältere und jüngere Vogelbegeisterte weisen unterschiedliche Bezugspunkte oder «baselines» bezüglich Verbreitung und Häufigkeit von Vögeln auf, je nachdem wann sie sich mit der Vogelwelt auseinander zu setzen begannen. Aufgrund dieser «shifting baselines» nehmen wir Veränderungen über die Zeit unterschiedlich wahr und beurteilen diese je nach unseren Erfahrungswerten auch verschieden.
Um nicht solchen subjektiven Einschätzungen ausgeliefert zu sein, braucht es langfristig erhobene Datenreihen. Genau solche liefern die verschiedenen Monitoringprojekte, welche die Schweizerische Vogelwarte in enger Zusammenarbeit mit über 2000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit den 1960er-Jahren durchführt. Nur dank dieser auf Kontinuität ausgerichteten Monitoringprojekte wissen wir, dass sich der Bestand des Grünfinks unterhalb von 1000 m in den letzten zehn Jahre beinahe halbiert hat, während der Mittelspecht derzeit ein seit Beginn der systematischen Erfassungen beispielloses Hoch durchläuft.
Dass Monitoringprogramme solche Erkenntnisse liefern, wird «erwartet». Wie bei anderen Langzeitstudien liegt ein weiterer Wert von langfristigen Überwachungsprogrammen aber auch darin, dass sie Erkenntnisse liefern können, die ursprünglich nicht im Fokus lagen. Ein schönes Beispiel dafür sind die Veränderungen in den örtlichen Gesangskulissen über die Zeit. Dank der langfristigen Monitoringprojekte liessen sich die an verschiedenen Orten vorkommenden Arten und so auch die dortigen «Gesangswelten» (re-)konstruieren. Demnach sind die Frühlinge in Europa und Nordamerika seit 1996 bezüglich Vogelgesang leiser und weniger abwechslungsreich geworden.
Die Verknüpfung von Daten der Vogelmonitoringprogramme mit jenen aus anderen langfristigen Umweltbeobachtungsprogrammen kann helfen, Bestandsveränderungen besser zu verstehen. Das hier bestehende grosse Potenzial lässt sich heute dank der inzwischen langjährigen Datenreihen und der grossen Fortschritte in der statistischen Analyse, zu denen auch die Monitoringdaten der Vogelwarte beitragen haben, ausschöpfen, beispielsweise im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen.
Für den Wert von Monitoringprogrammen ist die Kontinuität der Datenerfassung entscheidend. Gleichzeitig bedarf es aber auch laufend Ergänzungen bei den überwachten Arten, wenn sich Arten in der Schweiz ausbreiten, wie das derzeit etwa beim Weissrückenspecht oder bei Exoten wie der Nilgans der Fall ist. Die weiterhin erfreulich zunehmende Zahl von Meldungen über ornitho.ch oder die NaturaList-App bedingen strukturelle Anpassungen in Datenbanken und bringen Herausforderungen für die Datenspeicherung und die Datenanalyse mit sich.
Das Shifting-Baseline-Syndrom wird nicht verschwinden – aber dank langfristig angelegten Monitoringprogrammen können wir und künftige Generationen besser damit umgehen.

PD Dr. Gilberto Pasinelli
Wissenschaftlicher Leiter