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Hilfe für die Rauchschwalbe

Die Rauchschwalbe ist die bekannteste unserer vier Schwalbenarten. Sie brütet ausschliesslich in oder an Gebäuden. Menschliche Tätigkeit und Toleranz sind deshalb für ihr Wohlergehen entscheidend.

In weiten Teilen Europas gehen die Bestände seit Jahrzehnten zurück. Die rechtliche Situation ist klar: Nach dem Jagdgesetz sind alle Schwalbenarten geschützt. Wer ihr Brutgeschäft stört, macht sich strafbar. Wenn Nester unbedingt entfernt werden müssen, hat dies im Winterhalbjahr zu geschehen. Dieses Merkblatt soll das Verständnis für die Bedürfnisse der Rauchschwalbe wecken sowie Schutz- und Fördermöglichkeiten aufzeigen.

Kennzeichen und Lebensweise

Schwarzblaue Oberseite, kastanienrotes Gesicht, dunkler Brustring, weissliche Unterseite und lange äussere Schwanzfedern kennzeichnen die Rauchschwalbe. Ihr viertel- bis  halbkugeliges, oben offenes Nest baut sie aus kalk- und tonhaltigem Erdmaterial, verstärkt es mit Halmen und verbindet alles mit Speichel. Innen kleidet sie es mit Heu, Haaren und Federn aus. Bei der Wahl ihrer Brutplätze zeigt sie eine enge Bindung an landwirtschaftliche Betriebe. Der grösste Teil unseres Bestands lebt im Mittelland. Hier bevorzugt die Art Nistplätze in Ställen mit Vieh oder im angrenzenden Tenn. In diesen warmen, fliegenreichen Räumen ist der Bruterfolg am höchsten. Traditionelle Anbindeställe mit ihren zum Nisten günstigen Balkendecken sind deshalb ideale Brutplätze. In Freilaufställen sind gute Neststandorte seltener, der Bruterfolg kann aber auch hoch sein. Sehr offene Freilaufställe mit Aussenklima sind als Brutplätze wenig geeignet. Wo warme Ställe und Tennen nicht zugänglich sind, etwa im Hochjura und in Teilen der Alpen, brütet die Rauchschwalbe vor allem auf Heubühnen. Man findet sie gelegentlich auch in Industrie- und Lagerhallen, Maschinendepots, Bootshäusern, Durchgängen, Innenhöfen, unter Balkonen und an Brücken.

Schleichender Rückgang

Schlechtwetterperioden zur Brutzeit, auf dem Zug oder im Winterquartier können die Bestände dieses reinen Insektenfressers kurzfristig stark dezimieren. Allerdings lassen sich solche Einbrüche in guten Jahren auch rasch wieder wettmachen.
Wichtiger für die langfristige Bestandsentwicklung ist dagegen der Strukturwandel in der Landwirtschaft. Seit 2000 nimmt die Zahl der Betriebe in der Schweiz jährlich um 1,8 % ab. Da die Betriebsaufgabe für die Rauchschwalbe mittelfristig meist zum Verlust der Nistplätze führt, ist künftig mit einer weiteren Abnahme des Brutbestands zu rechnen.

Förderung ist möglich

Mit folgenden Massnahmen können wir Rauchschwalben unterstützen:

Bestehende Nistplätze erhalten

Alle im Vorjahr besetzten Nistplätze sollten in der folgenden Brutsaison wieder für die Vögel zugänglich sein, denn Rauchschwalben kehren im Frühling jeweils an den vertrauten Brutplatz zurück. Solange keine gravierenden Veränderungen an den Brutplätzen erfolgt sind, bleiben diese für alle Rauchschwalben attraktiv. Aber auch wenn die Viehhaltung aufgegeben oder der Betrieb still gelegt worden ist, sollte man die Brutplätze für die Schwalben offen halten, sofern die neue Nutzung der Räume das Brutgeschäft ohne starke Störungen überhaupt noch zulässt. Die bisherigen Brutvögel bleiben der vertrauten Umgebung nämlich zeitlebens treu und nehmen den nach der Veränderung meist etwas schlechteren Bruterfolg in Kauf. Nach ihrem Tod ist allerdings damit zu rechnen, dass die Brutplätze verwaist bleiben, denn die Aussicht auf eine Besiedlung durch neue Paare sinkt nach so starken Veränderungen erfahrungsgemäss deutlich.

Neue Nistplätze erschliessen

Bäuerliche Tierhalter sind sich ihrer Verantwortung für die Erhaltung der Rauchschwalbe meist bewusst und schätzen ihre Schwalben sehr. Bei ihnen lässt sich das Nistplatzpotenzial deshalb wohl nur gelegentlich noch besser nutzen. Dagegen dürfte es bei Tierhaltern ausserhalb der Landwirtschaft, z.B. Pferdeliebhabern oder Schafzüchtern, aber auch bei Besitzern von offenen Bootshäusern bestimmt einige gute Nistplätze geben, die leer stehen, weil niemand an die Schwalben gedacht hat. Mit sensibler Kontaktaufnahme und Information kann man hier sicherlich noch einiges für die Rauchschwalben tun!

Spontane Ansiedlung fördern

Gute Nistplätze sollten von Ende März bis Ende September dauernd durch katzen- und mardersichere (überprüfen!) Öffnungen von mindestens 20 cm Durchmesser zugänglich sein. Rauchschwalben bauen ihre Nester gerne auf Stützen wie Lampenschirmen, Röhren, Stahlträgern, Stromverteilerkästen, etc. oder kleben sie an Wände bzw. Deckenbalken. Raue Oberflächen aus ungehobeltem Holz oder Backstein sind dafür geeigneter als glatte Betonwände. Der Nestbaubeginn wird erleichtert, wenn man 15–20 cm unterhalb der Decke waagrecht einige Nägel, eine Mäherklinge oder eine Bauklammer in die Holzwand oder den Deckenbalken einschlägt oder dort eine Leiste bzw. ein Brettchen als Stütze anbringt. Auch dazu wählt man katzen-, marder- und rattensichere Stellen mit möglichst wenig Zugluft – der Deckenbalken reicht als Windschutz – in 2–5 m Distanz zur Einflugöffnung. Rauchschwalben sind keine Koloniebrüter und vertragen sich im engeren Nestbereich meist schlecht mit Artgenossen! In grossen Räumen, die mehrere Brutpaare beherbergen können, sollten die Nisthilfen deshalb möglichst weit auseinander und so verteilt werden, dass zwischen den Nestern kein Sichtkontakt besteht. Konflikte zwischen Paaren lassen sich verringern, wenn nicht alle Vögel die gleiche Einflugöffnung benutzen müssen.

Einsatz von Kunstnestern

Die meisten Rauchschwalben leben bei uns auf Bauernhöfen, wo es genug gutes Nistmaterial gibt. Viele Landwirte achten zudem selber darauf, auf ihrem Hof eine schlammige Stelle feucht zu halten. Notfalls behelfen sich die Vögel auch mit Mist. Hier ist der Einsatz von Kunstnestern kaum je nötig. An anderen potenziellen Brutplätzen fehlt es jedoch oft an Nistmaterial. Wer dort Rauchschwalben fördern will, muss entweder Nistmaterial anbieten (Vorgehen gemäss Mehlschwalbenmerkblatt) oder aber Kunstnester einsetzen. Diese sollten so an guten Nistplätzen (Kriterien siehe oben) angebracht werden, dass die Distanz zwischen der Nestoberkante und der Decke ca. 10 cm beträgt. So können die Vögel einige Jahre lang im Frühling den Nestrand etwas aufmauern, ohne dass der Abstand zur Decke zu eng wird.

Die Gefahr, Kunstnester an ungeeigneten Orten aufzuhängen, lässt sich vermindern, wenn man sie dort anbringt, wo ältere, defekte Naturnester oder deren Spuren auf Standorte hinweisen, die von den Vögeln selber ausgewählt worden sind. Wird ein Kunstnest angenommen, ist der Bruterfolg dort gleich hoch wie in einem Naturnest. Kunstnester und Adressen weiterer Anbieter sind an der Vogelwarte erhältlich.

Schwalben und Stallhygiene

Entgegen anders lautender Gerüchte verbieten weder die schweizerischen Vorschriften zur Stallhygiene noch die entsprechenden EU-Richtlinien Rauchschwalbenbruten in Ställen und Tennen von Milcherzeugerbetrieben! Das Futter darf dadurch allerdings nicht verunreinigt werden. Wo der Kotanfall unter besetzten Nestern zum Problem wird, kann man dies mit Hilfe von Kotbrettern verhindern.

Insektenangebot in der Nestumgebung

Zur optimalen Betreuung der Jungvögel sollten die Altvögel bei schönem Wetter das Futter im Umkreis von 300 m finden können. Auf Bauernhöfen ist dies bei uns praktisch immer erfüllt. Will man aber Rauchschwalben an anderen Orten fördern, ist erst zu überprüfen, ob in der Umgebung genug günstige Strukturen anzutreffen sind. Besonders insektenreich sind offene Wasserflächen, Baumreihen, Hecken, Hochstamm-Obstwiesen, Waldränder, lockere, parkartige Baumbestände, Weiden und Brachen. Je mehr davon in der Umgegung vorhanden sind, desto besser ist das Nahrungsangebot auch bei schlechtem Wetter.

Spezielle Gefahren für Rauchschwalben am Brutplatz

Fliegenbekämpfung

Klebschnüre sind unbedingt schwalbensicher, d.h. knapp (1–2 cm, mit Distanzhaltern alle 1–2 m) unter der Decke zu spannen. Wo dies nicht möglich ist, muss eine zusätzliche Schnur, ein Plastikband o.ä. möglichst nah oberhalb und parallel zur Klebschnur geführt werden, um die Vögel von dieser fern zu halten. Klebebänder und Klebeflächen sind heimtückische Fallen und sollten deshalb in für Rauchschwalben und Fledermäuse zugänglichen Räumen möglichst nicht eingesetzt werden. Eigene Versuche haben gezeigt, dass das Einpacken dieser Klebfallen in grobmaschige Drahtkäfige zwar Unfälle verhindert, aber auch die Wirkung gegenüber Fliegen enorm (auf 20–33 %) reduziert! Bei Unfällen mit Klebfallen ist der Leim am besten mit Petroleum zu lösen und danach mit einem hautfreundlichen Geschirrspülmittel und Wasser gut auszuwaschen. Das Gefieder ist anschliessend trocken zu fönen. UV-Fliegenfallen, Giessmittel gegen Fliegenmaden, Schlupfwespen und Güllefliegen sind für Rauchschwalben offenbar unbedenklich. Chemische Spritzmittel können zum Tod von Nestlingen führen und sollten deshalb zur Brutzeit möglichst nicht verwendet werden.

Ventilatoren und Heugebläse

Starke, ungesicherte Ventilatoren verursachen immer wieder Todesfälle bei Rauchschwalben und gehören deshalb abgedeckt. Der Lärm stört die Vögel dagegen kaum. Wo die Rauchschwalben im Dachstuhlbereich von Heuspeichern brüten, kommt es beim Einblasen der Heuernte jedes Jahr zu Brutverlusten, wenn besetzte Nester mit Heu oder Heustaub zugedeckt werden.

Raumreinigung mit Hochdruck

Das Abspritzen der Wände zur Brutzeit gefährdet Rauchschwalbenbruten im gleichen Raum! Nie den Strahl direkt auf ein besetztes Nest richten, da es sonst abstürzt! Auch bei vorsichtiger Anwendung besteht die Gefahr, dass kleinere Nestlinge durch Sprühnebel feucht werden und dann an Unterkühlung eingehen.

Wandanstrich mit Weisskalk

Diese Methode zur Stallreinigung kommt praktisch nur noch in alten Ställen zur Anwendung. Der Anstrich erfolgt üblicherweise per Sprühverfahren und meist im zeitigen Frühling, also gewöhnlich vor Brutbeginn der Rauchschwalben. Wenn er ausnahmsweise zur Brutzeit durchgeführt werden muss, sollten Wände und Balken im Umkreis von 1 m um besetzte Nester ausgespart bleiben, damit vor allem die Nestlinge nicht mit den Sprühfarben in Berührung kommen.

Vorsicht im Bereich besetzter Nester

Näher als ca. 180 cm unter bzw. neben besetzten Nestern sollten weder Maschinen oder Geräte abgestellt noch Materialdepots angelegt werden. Zu schnell räumen sonst Katzen oder Marder die Nester aus!

Absturz eines besetzten Nestes

Falls einmal ein besetztes Nest abstürzt und die Eier oder Nestlinge dabei heil bleiben, legen Sie sie samt dem Feder- und Heupolster des alten Nestes in irgendein nestähnliches Gefäss (Kunstnest, Kartonschachtel, Plastikgefäss, Körbchen, etc.) und befestigen Sie dieses am bisherigen Neststandort. Beobachten Sie anschliessend das Verhalten der Altvögel. Normalerweise gewöhnen sie sich schnell an die neue Situation. Wenn die Nestlinge auch nach 2 Stunden noch nicht wieder gefüttert worden sind, bringen Sie sie in eine Pflegestation (Adressen sind bei Vogelwarte und SVS erhältlich) oder verteilen Sie die Nestlinge allenfalls auf andere Rauchschwalbenbruten (normalerweise 1 pro Nest, bei Nestern mit ursprünglich 1–3 Jungen höchstens 2). Dies geht allerdings nur, wenn die Jungvögel dort wirklich gleich gross sind.

Achtung: Wenn die abgestürzten Jungvögel kurz vor dem Ausfliegen stehen, lassen sie sich oft nicht mehr in ein Nest setzen, sondern flattern immer wieder heraus. Solche Tiere gehören ebenso wie beim Absturz verletzte Nestlinge sofort in fachkundige Pflege.

Verschwinden von Leitungen

Schwalben sammeln sich gerne auf Leitungsdrähten aller Art. Sie leiden aber nicht unter deren zunehmendem Verschwinden. Hausdächer, Dachrinnen, Zäune, tote Äste von Laubbäumen, etc. bieten genug Alternativen.

Weiterführende Informationen und Abbildungen:

www.bauen-tiere.ch  

Impressum: Merkblätter für die Vogelschutzpraxis

© Schweizerische Vogelwarte & SVS/BirdLife Schweiz, Sempach und Zürich, 2012.
Autor: J. von Hirschheydt
Das Kopieren mit Quellenangabe ist erwünscht.

Merkblatt

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