Massive Abnahme der Wintergäste im international bedeutenden Wasser- und Zugvogelreservat Stein am Rhein: Analyse der möglichen Ursachen
Résumé
Der Bodensee ist das wichtigste Rast- und Überwinterungsgebiet im mitteleuropäischen Binnenland. Innerhalb des Bodensee-Gewässersystems gibt es mehrere Teilgebiete, welche für Wasservögel besonders wertvoll sind. Eines dieser Gebiete ist der Abschnitt um das Wasser- und Zugvogelreservat Stein am Rhein. Die herausragende Bedeutung dieses Abschnitts als Winterquartier ist schon lange bekannt. So schrieb Suter 1982, dass es an keiner anderen Stelle im europäischen Binnenland auf so kleinem Raum derartige Massierungen überwinternder Tauchenten gibt. Die Kombination aus nahrungsreichen Abschnitten und strömungsarmen Ruhebereichen machen das Gebiet zu einem idealen Winterquartier für Tauchenten und Blässhühner.
Zwischen den 1970er- und den 1990er-Jahren verbrachten hier regelmässig über 25‘000 Wasservögel den Winter. Der höchste bei den Wasservogelzählungen ermittelte Wert stammt vom Dezember 1983; damals hielten sich über 75‘000 Individuen im Gebiet auf. 10 % bis 30 % des Gesamtbestandes auf dem Bodensee überwinternder Wasservögel verbrachten zwischen den 1960er- und den 1990er-Jahren den Winter jeweils hier. Damals konzentrierte sich regelmässig über 1 % des ganzen biogeografischen Bestands von Reiher-, Tafel- und Schellente zwischen Mammern und Bibermühle, das Gebiet hatte für diese Arten somit internationale Bedeutung. Seit dem Ende der 1980er-Jahre nehmen die Bestände im Gebiet deutlich ab, und dies sowohl in absoluten Zahlen als auch anteilsmässig am Bodenseebestand und am gesamtschweizerischen Bestand. Grosse Rückgänge zeigen Reiher-, Tafel- und Schellente sowie Zwergtaucher und Krickente – allesamt Arten, bei welchen das Gebiet in der Vergangenheit zeitweise mindestens 10 % des schweizerischen Gesamtbestands beherbergt hatte.
Das Nahrungsangebot hat sich seit den 1990er-Jahren für die meisten Arten verändert, aber nicht wesentlich verschlechtert. Die Bestände der Wandermuschel Dreissena gingen nach einem Peak in den 1970er-Jahren wieder zurück, haben sich aber auf hohem Niveau eingependelt. Die Wandermuschel war am Bodensee zeitweise die Hauptnahrungsquelle für Reiher- und Tafelente sowie für das Blässhuhn. Tafelente und Blässhuhn ernähren sich inzwischen aber vor allem von Characeen (Armleuchteralgen), welche dank der Reoligotrophierung wieder grossflächig im Untersee vorkommen. Die Bestände der Insektenlarven haben längerfristig vermutlich abgenommen, in den letzten 10 Jahren wohl unter anderem durch die Einwanderung des räuberischen Höckerflohkrebses. Insektenlarven dienen vor allem der Schellente und teilweise dem Zwergtaucher als wichtige Beute. Der Nährstoffgehalt des Bodensees nimmt seit den 1980er-Jahren ab. Auch die Fischfangerträge sind rückläufig. Allerdings ist der Rückgang der Fisch-Biomasse weniger stark als jener der Fangerträge – die abnehmenden Fangerträge haben mit nährstoffbedingten Veränderung im Längenwachstum der wirtschaftlich nutzbaren Arten zu tun, sowie mit Änderungen der Artenzusammensetzung hin zu kleineren Arten. Fische dienen vor allem dem Kormoran als Nahrung, auch der Zwergtaucher kann kleine Fische erbeuten. Beim Zwergtaucher hat sich die Nahrungsgrundlage am Bodensee durch die Einwanderung und Massenvermehrung zweier Schwebegarnelen-Arten in den letzten Jahren verbessert. Die Nahrungssituation der Krickente ist primär vom Wasserstand abhängig, dieser zeigt längerfristig keinen klaren Trend.
Im Gegensatz zur Nahrungssituation hat sich die Lage bei den Störungen im untersuchten Zeitraum deutlich verschlechtert. Bereits in den 1970er-Jahren hatten die Störungen im Gebiet einen deutlichen Einfluss auf die Bestände. Damals verspätete sich der Einzug der Wintergäste im Herbst gegenüber den übrigen Bodenseeteilen um etwa zwei Monate, da Wassersport-Aktivitäten und ein reger Bootsbetrieb im Gebiet um Stein am Rhein bis in den Oktober andauerten. Boote und Wassersportler können bereits auf eine Distanz von mehreren hundert Metern zu Fluchtreaktionen führen. Aufgrund der geringen Gewässerbreite haben Vögel im Gebiet um Stein am Rhein keine Möglichkeit, den Störungen auszuweichen. An anderen Abschnitten des Bodensees gibt es mehr Rückzugsmöglichkeiten. Inzwischen hat sich die Störungssituation noch deutlich verschlechtert. Bootsverkehr und Wassersport haben besonders auch im Winter stark zugenommen. Zudem patrouillieren fast jeden Tag ein bis zwei Boote während mehrerer Stunden im Reservat, um die anwesenden Kormorane zu vergrämen. Von diesen Booten aus werden die Kormorane verscheucht und punktuell auch abgeschossen. Weiter haben Störungen durch Spaziergänger und freilaufende Hunde zugenommen, insbesondere bei tiefem Wasserstand. Die Klimaveränderung hat zu den Abnahmen von Schell- und Reiherente beigetragen. Die Abnahmen im Gebiet sind allerdings viel deutlicher als im Rest der Schweiz und können somit nicht alleine durch die Klimaveränderung erklärt werden. Es fällt auf, dass der Anteil am Schweizer Gesamtbestand ausschliesslich bei störungsanfälligen Arten deutlich zurückging, während er bei störungstoleranten Arten wie Stockente, Blässhuhn oder Lachmöwe seit den 1990er-Jahren stabil ist – ein klarer Hinweis dafür, dass die Wasservogelbestände im Gebiet wohl hauptsächlich wegen vermehrter, regelmässiger Störungen abnehmen. 2016 und 2017 wurden im Gebiet jeweils im April intakte Muschelbänke gefunden. Üblicherweise sind die Muscheln zu dieser Jahreszeit vollständig abgefressen. Dies ist ein weiterer deutlicher Hinweis darauf, dass die Abnahme nicht einem verminderten Nahrungsangebot geschuldet ist. Trotz einer intakten Nahrungsgrundlage wird das Gebiet aufgrund der massiven Störungen von sensiblen Arten kaum mehr genutzt.
Damit das Gebiet seinen grossen Wert für Wasservögel wieder zurückgewinnen kann, müssen ufer- und seeseitige Störungen im Winterhalbjahr nach Möglichkeit vermieden werden. Aufgrund der fortlaufenden Veränderung der Störungssituation ist eine Revision der Befahrungsregelungen dringend notwendig. Dazu gehört auch eine Beurteilung der erwünschten und unerwünschten Wirkungen der Kormoranwacht. Weiter müssen die von Fussgängern am Ufer ausgehenden Störungen in sensiblen Zonen vermieden werden. Von anderen Gebieten weiss man, dass sich ein Verbot von störenden Aktivitäten schnell in steigenden Wasservogelzahlen bemerkbar macht. Durch eine wesentliche Reduktion der Störungen könnte das grosse Potential des Gebiets von den Wintergästen wieder vermehrt genutzt werden.
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