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Bestandsentwicklung des Wanderfalken (Falco peregrinus) in der Schweiz mit besonderer Berücksichtigung des Zeitraums seit 2005

Kéry, Marc; Schmid, Hans; Sattler, Thomas
Lingua
ger
Anno di pubblicazione
2016

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Riepilogo

Dieser Bericht stellt die Bestandsentwicklung des Wanderfalken in der Schweiz unter besonderer Berücksichtigung der jüngsten Entwicklung seit 2005 und der Situation im Kanton Zürich dar. Wir analysieren den Bestand in drei Schweizer Untersuchungsgebieten (UG) mit lückenlosen Feldaufnahmen im Zeitraum nach 2005: Südwestschweiz (4993 km2, 1960–2014), Jura Nord (3270 km2, 2005–2015) und Kanton Zürich (1748 km2, 2002–2015). In diesen drei Gebieten wurde von Arbeitsgruppen von Freiwilligen alljährlich versucht, eine möglichst grosse Anzahl der bekannten und oft seit vielen Jahrzehnten traditionell besetzten Horstreviere (immer Felsen oder Steinbrüche und in wenigen Ausnahmefällen Gebäude) auf Besetzung und Bruterfolg zu kontrollieren. Die Datenmatrizen mit Angaben zu Präsenz/Absenz eines Paares pro Revier und Jahr wurden mit Regressionstechniken, die für fehlende Werte korrigieren, statistisch analysiert und/oder mit sog. dynamischen Occupancy-Modellen untersucht, mit Hilfe derer die revierbezogenen Aussterbens- und Kolonisierungsparamater – die demografischen Raten, welche den Bestandstrends zugrunde liegen – geschätzt werden können.

Die Daten aus dem am längsten studierten UG Südwestschweiz (55 Jahre Studiendauer) zeigen, dass sich der Wanderfalkenbestand in der Schweiz genau gleich entwickelt hat, wie dies aus vielen anderen Ländern und Regionen in Nordamerika und Europa bekannt ist: nach einem durch Pestizide verursachten Zusammenbruch zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren erholte sich der Bestand bis um die Jahrtausendwende wieder weitgehend. Bei Fachleuten wie auch unter Laien noch wenig bekannt sind hingegen die jüngsten deutlich rückläufigen Trends der Bestandsentwicklung in Teilen von Westeuropa in den letzten zehn Jahren. Im UG Südwestschweiz nahm der Bestand zwischen 2008 und 2014 von 49 auf 33 Brutpaare ab (Abnahme um 33 %). Im UG Jura Nord ging der Bestand zwischen 2009 und 2015 von 70 auf 40 Paare zurück (Abnahme um 43 %). Im Kanton Zürich sank der Bestand von 2010 bis 2014/2015 von 7–8 auf 2–4 Paare ab (Abnahme um 47–71 %). Die demografische Analyse ergab, dass im selben Zeitraum in allen drei UG die lokale Aussterbensrate stark zugenommen hat (Südwestschweiz und Jura Nord von jährlich 0,1 auf 0,2, Kanton ZH von ca. 0,05 auf 0,2), während die Kolonisierungsrate im UG Jura Nord stark zurückgegangen ist (von 0,3 auf 0,1), sich aber in den beiden anderen UG in den letzten 10 Jahren nicht wesentlich verändert hat oder eine Veränderung statistisch nicht nachweisbar ist.

Als mutmassliche Ursachen für diese markanten Bestandsrückgänge der Schweizer Wanderfalken in jüngster Zeit stehen zwei Hypothesen im Vordergrund: (1) Prädation durch den primären natürlichen Beutegreifer des Wanderfalken, den Uhu (Bubo bubo), dessen Schweizer Populationen sich vor allem dank Einwanderung aus dem Südwesten (Frankreich) und aus dem Norden (Deutschland) stark erholen. (2) Direkte und illegale Verfolgung durch den Menschen. Besonders die zeitliche Koinzidenz der Häufung von verdächtigen Todesfällen (Vergiftungsfällen) und des Einsetzens des Bestandsrückgangs ist ein starkes Indiz für die Bedeutung der direkten Verfolgung. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass weitere Faktoren, wie tendenziell zunehmende Störungen durch den Menschen (Kletterer, Vogelfotographen, Gleitschirmflieger, Wanderer, Geocaching, Holzschlag zur Brutzeit usw.) sowie Verluste durch Kollisionen an menschlicher Infrastruktur (Draht, Glas, Windturbinen etc.) ebenfalls einen Anteil an dieser Entwicklung haben dürften.

Jüngste wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass auch in stabilen oder zunehmenden Populationen der Grössenordnung der drei hier untersuchte Wanderfalkenpopulationen bereits die Wilderei von wenigen Individuen pro Jahr zu einer deutlichen Abnahme führen kann. Somit erscheint es durchaus möglich, dass die direkte Verfolgung durch den Menschen regional eine bestandsbedrohende Wirkung haben könnte, ganz besonders in sehr kleinen Populationen wie im Kanton Zürich.

Collaboratori