Abstract
Seit rund 30 Jahren verzeichnen die Bestände des Grauspechts (Picus canus) in Zentral- und Westeuropa negative Entwicklungen (Gedeon et al. 2014, Issa 2015, Knaus et al. 2021). Über die Ursachen für die starken Populationsrückgänge kann momentan nur spekuliert werden. Möglich sind Veränderungen im Habitat (z.B. zunehmend dunkle Wälder infolge steigender Holzvorräte), Veränderungen in demographischen Parametern wie Überlebensraten oder Bruterfolg, zunehmende interspezifische Konkurrenz mit dem Grünspecht (Picus viridis), mangelnde Nahrungsverfügbarkeit oder eine Kombination aus diesen Faktoren (Müller 2011, Kämpfer-Lauenstein 2017, Grendelmeier & Pasinelli 2020). Um die Habitatansprüche des Grauspechts besser zu verstehen, führt die Schweizerische Vogelwarte Sempach seit 2020 ein Forschungsprojekt im Baselbieter und Solothurner Jura durch. Dabei soll mithilfe räumlicher Daten, die mittels Radiotelemetrie erhoben werden, die Raumnutzung der Spechtart im Untersuchungsgebiet ermittelt werden, woraus im Idealfall Schutzmassnahmen für den stark gefährdeten Grauspecht abgeleitet werden können. Zudem sollen auch Nahrungsgewohnheiten des Grauspechts und wichtige demographische Parameter wie Bruterfolg und Überleben, zu denen es nur wenige Untersuchungen gibt, erforscht werden.
Aufgrund der ersten beiden Projektjahre 2020 und 2021 wurde die Tailmount-Methode als beste Befestigungsmethode für die Peilsender ermittelt (Carlotti et al. 2022). Im Frühjahr 2022 haben wir 17 Grauspechte mit dieser Methode besendert und bis zum Herbst telemetriert. In den Jahren 2020 und 2021 kam es immer wieder zu ungeklärten Verschwinden von besenderten Grauspechten. In diesen beiden Jahren blieben zehn besenderte Grauspechte verschollen, ohne dass jemals sterbliche Überreste oder der abgefallene Sender der Tiere gefunden wurden (siehe Büche et al. 2021, Carlotti et al. 2022). Im Jahr 2022 haben wir den Suchaufwand nach besenderten und verschollenen Individuen im Vergleich zu den Vorjahren vergrössert, um mehr über ihren Verbleib herauszufinden. Im Jahr 2023 wurden keine Grauspechte mehr besendert.
Um bestehende Wissenslücken zur Brutbiologie des Grauspechts zu füllen, haben wir in den Jahren 2020 bis 2023 das Brutgeschäft besenderter Grauspechte überwacht. Grundlegende Fragen zum Bruterfolg und der Bruthöhlenökologie sollten mit diesen Daten beantwortet werden können.