Bruthabitate des Steinkauzes in der Schweiz: Veränderungen zwischen 1950 und 2004
Abstract
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Steinkauz (Athene noctua) im Schweizer Mittelland weit verbreitet. Mittlerweile kommt er in der Schweiz nur noch in den Kantonen Jura, Genf, Freiburg, Bern und Tessin vor. Derzeit steht er auf der Roten Liste und wird als stark gefährdet eingestuft. Mögliche Gründe für den Rückgang und die Gefährdung des Steinkauzes sind der Verlust von Hochstammobstgärten und anderen Baumbeständen sowie die Intensivierung in der Landwirtschaft und die Renovation von alten Gebäuden.
In der vorliegenden Arbeit wurden diese strukturellen Veränderungen ab den 1950er-Jahren in zwei ausgewählten Gebieten (Seeland BE/FR, Gürbetal BE) anhand von je drei historischen Brutstandorten des Schweizerischen Mittellands aufgezeigt und dokumentiert. Dabei wurden die Bedürfnisse des Steinkauzes miteinbezogen. Untersucht wurden die folgenden 4 Hypothesen: Baumhypothese, Diversitätshypothese, Hypothese der Revieraufgabe, Hypothese der Gebietsunterschiede. Durch historische Luftbilder wurden die strukturellen Veränderungen mit Hilfe des Geografischen Informationssystems GIS (ArcMap 10.1) digitalisiert. Für die Untersuchung wurden folgende Strukturparameter verwendet: Baumbestand, nutzbare Gebäude, Bachlänge, Hecken, Wieslandflächen, Ackerflächen, Parzellengrössen der Wiesland- und Ackerflächen sowie Randlinien.
Die Ergebnisse des Seelands BE/FR haben gezeigt, dass seit den 1950er-Jahren der totale Baumbestand (34.2 %), die Gebäude (57.1 %) sowie die Randlinien (72.9 %) abgenommen haben. Die Acker- und Wieslandflächen sind mehr oder weniger gleich geblieben. Die Bachlänge, die Hecken (233.9 %), die Acker Parzellengrösse (140.0 %) und die Wiesland Parzellengrösse (136.7 %) haben zugenommen. Im Gürbetal BE haben der totale Baumbestand (86.4 %), die Wieslandflächen (71.3 %), die Bachlänge und die Randlinien (81.8 %) abgenommen, wogegen die Gebäude (163.7 %), die Hecken (723.1 %), die Ackerflächen sowie die Acker- (236.4 %) und Wiesland Parzellengrösse zugenommen haben. Zusätzlich wurde durch Interviews über die Aussterbegeschichte des Steinkauzes bekannt, dass in beiden Gebieten die Brutstrukturen bis nach seinem Verschwinden erhalten geblieben sind.
Der Baumbestand ist weniger stark gesunken als angenommen und die Brutstrukturen sind erhalten geblieben. Demzufolge ist anzunehmen, dass noch weitere Parameter für die Abwesenheit des Steinkauzes verantwortlich sind. Des Weiteren wird aus der Arbeit ersichtlich, dass die Diversität gemessen an den Strukturparametern mehrheitlich abgenommen hat, jedoch gab es bei beiden Gebieten auch positive Zunahmen (Hecken) zu verzeichnen. Betrachtet man nun die einzelnen Brutstandorte, zeigen die Ergebnisse, dass die grössten Strukturveränderungen hinsichtlich der Bedürfnisse des Steinkauzes mehrheitlich im Zeitraum der Revieraufgabe liegen. Betrachtet man die strukturellen Veränderungen zwischen und innerhalb des Seelands BE/FR und Gürbetals BE, waren diese mehrheitlich unterschiedlich stark. Da bei allen sechs Brutstandorten die Brutstrukturen bis nach dem Verschwinden des Steinkauzes erhalten geblieben sind, kann sein Verschwinden nicht nur auf seine Brutmöglichkeit zurückgeführt werden. Es deutet vielmehr daraufhin, dass es hauptsächlich am Nahrungsangebot gelegen hat. Die Zunahme der Parzellengrössen und die Abnahme der Randlinien könnten durchaus eine starke Verkleinerung des Nahrungsangebotes bedeuten. Dadurch gingen wichtige extensive Flächen verloren und die Baumbestände sowie die nutzbaren Gebäude (im Seeland) nahmen ab. All dies trägt dazu bei, dass insgesamt viele der wichtigen Ressourcen für den Steinkauz abgenommen haben, auch wenn andererseits Hecken und Gebäude (im Gürbetal) dazugekommen sind. Dennoch könnten zusätzliche Faktoren eine Ursache dafür sein, dass der Steinkauz verschwunden ist. Dies sind z.B. historische klimatische Bedingungen, die in den Untersuchungsgebieten Seeland (BE/FR) und Gürbetal (BE) ab den 1950er-Jahren herrschten, sowie die mögliche Verwendung von Mäusegift in der Landwirtschaft.