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Grauspechtökologie – Eine Literatursichtung und Diskussion über zu schliessende Wissenslücken

Grendelmeier, Alex; Pasinelli, Gilberto
Magazine
Ornithol. Jber. Mus. Heineanum (Ornithologische Jahresberichte des Museum Heineanum)
Language
ger
Year of publication
2020


Abstract

Der Grauspecht (Picus canus) verzeichnete in vielen Teilen Europas, so auch in Deutschland und in der Schweiz, drastische Bestandseinbußen während der letzten Jahrzehnte. Über mögliche Rückgangsursachen kann bislang nur spekuliert werden, da es insgesamt nur wenige wissenschaftlich fundierte Untersuchungen gibt.

Mit dieser Literatursichtung soll der Wissensstand bezüglich Grauspechtökologie dokumentiert werden. Außerdem sollen aufgrund der vorhandenen Literatur Wissenslücken offengelegt werden. Letztlich sollen, falls möglich, erste Ansatzmöglichkeiten für die Artenförderung vorgeschlagen werden.

Es wurden 340 Publikationen, welche den Grauspecht betreffen, gefunden. Dabei enthielten 53 Publikationen Informationen, welche für diese Arbeit relevant waren. Aufgrund dieser Studien ergibt sich folgendes Bild der Ökologie des Grauspechts, das jedoch in Anbetracht der kleinen Stichproben mit Vorsicht zu genießen ist.

Generell benötigt der Grauspecht zwei Habitattypen in seinem Revier: Altbestände mit Buchen (Fagus sylvatica) und Totholz sowie offene Gebiete wie junge Sukzessionsstadien oder extensiv genutztes Offenland. Die Präferenz für diese zwei Habitattypen hat mit der Brutbiologie und der Nahrungsökologie zu tun. Der Grauspecht baut seine Bruthöhlen in West- und Osteuropa primär in große, alte Buchen. Für seine Winternahrung ist er auf Totholz und Baumarten mit grobrissiger Borke angewiesen, da er dort während der schnee- und frostreichen Monate baumbewohnende Ameisen und andere Arthropoden findet. In schneefreien Monaten bevorzugt er jedoch bodenbewohnende Ameisen, welche ihrerseits offene, trockene und warme Standorte benötigen. Wo der Grauspecht keine Buchen als Brutbaum findet, wird die Espe (Populus tremula) genutzt, so z. B. in borealen Wäldern Fennoskandinaviens. Obwohl die Habitatnutzung des Grauspechts zumindest auf Revier- und Landschaftsebene von allen hier besprochenen Themenbereichen am besten erforscht ist, braucht es mehr Daten zu den Dimensionen und der Zusammensetzung der genutzten Waldbestände. Außerdem fehlt es an genauen Angaben zu Habitatfaktoren wie z. B. der Höhlenbaumdichte. Letztlich ist die Stichprobe für Aussagen über die kleinräumige Habitatnutzung nicht ausreichend und somit kann nicht evaluiert werden, wie oft welche Strukturen genutzt werden.

Die restliche Ökologie des Grauspechts ist noch weniger erforscht. Die besten Erkenntnisse gibt es zur Nahrungswahl, gestützt auf mindestens fünf Studien, welche Kotproben analysiert haben. Die Ergebnisse dieser Studien sind sehr heterogen, stimmen aber darin überein, dass der Grauspecht bei der Nahrungswahl verschiedene Stadien der Arten der Familie Formicidae bevorzugt. Formica-/i>- und Serviformica-Arten sowie Lasius niger kommen in der Nahrung am häufigsten vor, verschiedene andere Ameisen- und Arthropodenarten zu kleinen Anteilen. Wichtig ist der Nahrungswechsel während der schnee- und frostreichen Monate, in denen Arten der Gattung Camponotus und andere baumbewohnende Arthropoden oder anthropogene Nahrungsquellen genutzt werden.

Zur Brutbiologie des Grauspechtes ist nur wenig bekannt. Die Gelegegrößen belaufen sich meist auf 7-9 Eier. Aufgrund der kleinen Datenmenge können jedoch keine generellen Rückschlüsse auf den Bruterfolg (Anzahl flügger Nestlinge) gemacht werden. Über den Nesterfolg (mindestens ein ausfliegender Jungvogel) gibt es nur eine Studie aus Ostchina, bei welcher ein Wert von 0,89 (n = 125 Nester) gefunden wurde. Letztlich fehlen Informationen zur oft diskutierten Konkurrenz mit dem Grünspecht sowie zu sämtlichen populationsdynamischen Parametern.

Obwohl die Habitatpräferenzen und die Nahrungswahl des Grauspechts grob bekannt sind, fehlen ausreichende Daten zu Angebot und Nutzung (Habitat und Nahrung), zur Dimension und Zusammensetzung eines benötigten Waldbestandes und zur kleinräumigen Nutzung innerhalb des Revieres. Aufgrund dessen werden momentan keine konkreten Artenförderungsmaßnahmen vorgeschlagen.

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