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Grauspechtökologie: was wissen wir?: Eine Literatursichtung

Grendelmeier, Alex
Language
ger
Year of publication
2018


Abstract

Der Grauspecht (Picus canus) hat in vielen Teilen Europas, so auch in der Schweiz, drastische Bestandeseinbussen während der letzten Jahrzehnte verzeichnet. Über mögliche Rückgangsursachen kann bislang nur spekuliert werden, da es insgesamt nur wenige wissenschaftlich fundierte Untersuchungen gibt.

Mit dieser Literatursichtung soll der Wissensstand bezüglich Grauspechtökologie dokumentiert werden. Ausserdem sollen aufgrund der vorhandenen Literatur offene Fragen formuliert werden. Letztlich sollen, falls möglich, erste Ansatzmöglichkeiten für die Artenförderung vorgeschlagen werden.

Es wurden 338 Publikationen, welche den Grauspecht beinhalten, gefunden. Dabei enthielten 53 Publikationen Informationen, welche für diese Arbeit relevant waren. Aufgrund dieser Studien ergibt sich folgendes Bild der Ökologie des Grauspechts, das jedoch in Anbetracht der kleinen Stichproben mit Vorsicht zu geniessen ist.

Generell benötigt der Grauspecht zwei Habitattypen in seinem Revier: Altbestände mit Buchen (Fagus sylvatica) und Totholz, sowie offene Gebiete wie junge Sukzessionsstadien oder extensiv genutztes Offenland. Die Präferenz für diese zwei Habitattypen hat mit der Brutbiologie und der Nahrungsökologie zu tun. Der Grauspecht baut seine Bruthöhlen in West- und Osteuropa primär in grosse, alte Buchen, welche bei uns oft in Altbeständen vorkommen. Auch für seine Winternahrung ist er auf Altbestände mit Totholz und grobborkigen Baumarten angewiesen, da er dort während schnee- und frostreichen Monaten baumbewohnende Ameisen und andere Arthropoden findet. In schneefreien Monaten bevorzugt der Grauspecht jedoch bodenbewohnende Ameisen, welche ihrerseits offene, trockene und warme Standorte benötigen. Wo der Grauspecht keine Buchen als Brutbaum findet, wird die Espe (Populus tremula) genutzt, so z.B. in borealen Wäldern Fennoskandinaviens. Obwohl die Habitatnutzung des Grauspechts zumindest auf Revier- und Landschaftsebene von allen hier besprochenen Themenbereichen am besten erforscht ist, braucht es mehr Daten zu den Dimensionen und der Zusammensetzung der genutzten Waldbestände. Ausserdem fehlt es an genauen Angaben zu Habitatfaktoren wie z.B. Anzahl Höhlenbäume pro ha. Letztlich ist die Stichprobe für Aussagen über die kleinräumige Habitatnutzung nicht ausreichend und somit kann nicht evaluieren werden, wie oft welche Strukturen benutzt werden.

Die restliche Ökologie des Grauspechts ist noch stärker unerforscht. Die besten Erkenntnisse gibt es bezüglich der Nahrungswahl, stützend auf mindestens fünf Studien, welche Kotproben analysiert haben. Die Ergebnisse zwischen diesen Studien sind sehr heterogen, kommen aber auf den gemeinsamen Konsensus, dass der Grauspecht bei der Nahrungswahl verschiedene Stadien der Familie Formicidae bevorzugt. Formica und Serviformica Arten, sowie Lasius niger kommen in der Nahrung am häufigsten vor, während verschiedene andere Ameisen- und Arthropodenarten zu kleinen Anteilen vorkommen. Wichtig ist der Nahrungswechsel während schnee- und forstreichen Monaten, in denen Camponotus Arten und andere baumbewohnende Arthropoden oder anthropogene Nahrungsquellen genutzt werden. Auch bei der Nahrungswahl fehlt grösstenteils ein Angebots-Nutzungsvergleich.

Bezüglich Brutbiologie des Grauspechtes ist nur wenig bekannt. Gelegegrössen belaufen sich meist auf 7–9 Eier. Aufgrund der kleinen Datenmenge können jedoch keine Rückschlüsse auf Bruterfolg (Anzahl flügger Nestlinge) gemacht werden. Über den Nesterfolg gibt es nur eine Studie aus Ostchina, bei welcher ein Nesterfolg (mindestens ein ausfliegender Jungvogel) von 0,89 ± 0,10 (n = 125 Nester) gefunden wurde. Letztlich fehlen Informationen zur oft diskutierten Konkurrenz mit dem Grünspecht, sowie zu sämtlichen populationsdynamischen Parametern.

Obwohl die Habitatpräferenzen und Nahrungswahl des Grauspechts grob bekannt sind, fehlen ausreichende Daten zu Angebot und Nutzung (Habitat und Nahrung), zur genauen Dimension und Zusammensetzung eines benötigten Bestandes und zur kleinräumigen Nutzung innerhalb des Revieres. Aufgrund dessen können momentan keine konkreten Artenförderungsmassnahmen vorgeschlagen werden. Bis mehr Wissenslücken geschlossen sind, gilt es, Habitate in bekannten Grauspechtrevieren von forstlichen und landwirtschaftlichen Eingriffen auszuschliessen.

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