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Forstliche Massnahmen zur Förderung des Waldlaubsängers – ein experimenteller Ansatz: Schlussbericht

Grendelmeier, Alex; Feller, Karin; Pasinelli, Gilberto
Language
ger
Year of publication
2023


Abstract

Der Waldlaubsänger (Phylloscopus sibilatrix) wird seit 2010 als «verletzlich VU» in der Roten Liste der Brutvögel der Schweiz geführt und zählt ausserdem zu den 50 Prioritätsarten des Programms «Artenförderung Vögel Schweiz». Seit 2009 führt die Vogelwarte ein wissenschaftliches Projekt durch, um unter anderem die Lebensraumansprüche und die Gründe für die Bestandsabnahme des Waldlaubsängers zu erforschen. Aufgrund der daraus gewonnenen Erkenntnisse kam 2015 das «Artenförderungsprojekt Waldlaubsänger» dazu, um in mehreren Teilprojekten die Förderung der Art in der Praxis zu testen, umzusetzen und zu verankern. Das in diesem Bericht abgehandelte Teilprojekt hatte das Ziel zu untersuchen, ob kurzfristig geeignete Lebensräume durch forstliche Eingriffe geschaffen werden können.

Dazu wurden in den Kantonen Basel-Landschaft und Solothurn Flächen gesucht, welche grundsätzlich einem für die Schweiz geeigneten Waldlaubsängerhabitat entsprachen, jedoch eine zu dichte Strauch- und Unterschicht aufwiesen. Zuerst wurden anhand digital verfügbarer Daten und Karten potenzielle Flächen ausgeschieden. Diese wurden dann im Feld auf ihre tatsächliche Eignung evaluiert. Schliesslich wurden die zuständigen Förster auf eine Teilnahme am Experiment angesprochen. Bei Interesse der Förster und Waldeigentümerschaften wurde eine Vereinbarung für den Nutzungsverzicht über die Experimentperiode unterzeichnet – letztendlich für neun Flächen. Jede Fläche wurde in eine Eingriffs- und eine Kontrollfläche von je 1 ha unterteilt und im Feld gekennzeichnet. Zwischen den Brutsaisons 2016 und 2017 wurden auf den Eingriffsflächen Jungwuchs und Sträucher sowie kleinere Bäume mit Kreiselmäher und Motorsäge geschnitten und gefällt. Das Schnittgut wurde meist von Hand aus der Fläche entfernt, um so den vom Waldlaubsänger bevorzugten, offenen Bodenbereich herzustellen. Vor den Eingriffen und vier Jahre danach wurden während den Brutperioden die gesamte Brutvogelgemeinschaft, der Bruterfolg des Waldlaubsängers, das Mäusevorkommen sowie die Waldstruktur auf allen Flächen kartiert. Einerseits war dadurch ein vorher/nachher-Vergleich möglich und andererseits konnte die Entwicklung der aufgenommenen Faktoren aufgezeigt werden.

Vor den Eingriffen waren sowohl die künftigen Eingriffs- wie auch die Kontrollflächen kaum vom Waldlaubsänger besiedelt. Auf den Eingriffsflächen stieg gegenüber den Kontrollflächen die durchschnittliche Anzahl Reviere nach den Eingriffen auf das Fünffache an, von 0,05 auf 0,25 Reviere pro Hektare. Das Ergebnis muss jedoch wegen der statistischen Unsicherheit, wahrscheinlich entstanden aufgrund der kleinen Stichprobengrösse der Anzahl Studiengebiete, mit etwas Vorsicht betrachtet werden. Insgesamt fanden wir sieben Nester auf den Eingriffsflächen und keine auf den Kontrollflächen. Der Bruterfolg konnte aufgrund der kleinen Stichprobe nicht weiter ausgewertet werden. Ebenfalls nicht ausgewertet wurde der Einfluss der umliegenden Waldflächen (Habitat und Artgenossen) auf die Ansiedlungswahrscheinlichkeit durch Waldlaubsänger. Es ist jedoch gut ersichtlich, dass Eingriffsflächen vor allem dort besiedelt wurden, wo in der Nähe geeignete oder gar zuvor besiedelte Flächen vorhanden waren. Die allgemeine Brutvogelgemeinschaft wurde durch die Eingriffe nicht beeinflusst. Weder für die Anzahl Brutvogelreviere noch die Anzahl Brutvogelarten liessen sich relevante Veränderungen aufgrund der experimentellen Eingriffe nachweisen. Obwohl Wälder, wie sie der Waldlaubsänger zum Brüten braucht, manchmal als artenarm bezeichnet werden, fanden wir auf gewissen Flächen bis zu 58 Reviere von bis zu 23 Vogelarten. Über alle Flächen betrachtet fanden wir insgesamt 42 Brutvogelarten. Das Mäusevorkommen sank auf den Eingriffsflächen nach den Eingriffen wie vermutet. Die Strauchschicht nahm nach den Eingriffen nur tendenziell zu, womit zumindest kurzfristig geeignetes Waldlaubsängerhabitat bereitgestellt werden konnte. Da es keine Eingriffe in die Kronenschicht gab und sich somit der Lichthaushalt nicht wesentlich veränderte, wiesen sowohl die allgemeine Vegetationsbedeckung als auch die Gras- und Seggenvorkommen keine markanten Entwicklungen auf. Während die Vegetationsbedeckung mit 20–30 % auf den Eingriffsflächen optimal ist, sollten der Anteil an Gras- und Seggenvorkommen für ein optimales Waldlaubsängerhabitat höher sein. Ob sich diese Entwicklung längerfristig einstellt, muss zu gegebener Zeit geprüft werden.

Die Entfernung der Strauch- und Unterschicht auf geeigneten Flächen führt unter Vorbehalt gewisser statistischer Unsicherheit dazu, dass sich Waldlaubsänger ansiedeln. Sich in der Nähe befindende Waldlaubsängervorkommen scheinen die Massnahmen zu begünstigen. Diese soziale Komponente bei der Waldlaubsängeransiedlung spricht dafür, dass die hier getesteten Eingriffe auf mehreren Hektaren erfolgen oder zum Erweitern bereits besiedelter Flächen genutzt werden könnten. Trotzdem wurden mehrere 1 ha-Flächen von mehr als einem Waldlaubsänger, in einem Fall sogar von vier Individuen, besiedelt. Von für den Waldlaubsänger aufgewerteten Flächen profitieren grundsätzlich sämtliche Arten, welche ähnliche Lebensraumansprüche haben. Dazu gehören u.a. eine Vielzahl von Fledermausarten und Insekten, wie das Grosse Mausohr (Myotis myotis) oder der Gelbringfalter (Lopinga achine). Das Kosten-Nutzen-Verhältnis einer Massnahme verbessert sich ungemein, wenn eine breite Artenvielfalt begünstigt wird.

Einer breiteren Anwendung der hier getesteten Massnahmen könnten die relativ hohen Kosten entgegenstehen. Ein Grossteil der Kosten ist dem Austrag des Schlagabraums geschuldet. Diese Teilmassnahme ist nötig, weil je nach Menge an liegengelassenem Schnittgut der Zugang zum Boden zu stark versperrt und ein hohes Mäusevorkommen begünstigt würde. Den Schlagabraum zu Asthaufen auf der Fläche zusammenzutragen, könnte eine kostensenkende Alternative sein, deren Wirkung auf Waldlaubsänger jedoch nicht getestet werden konnte.

Für die Förderung des Waldlaubsängers können folgende Massnahmen empfohlen werden.
1) Die Entfernung der Strauch- und Unterschicht auf geeigneten Flächen für die Waldlaubsängerförderung resultiert in erhöhtem Waldlaubsängervorkommen, sollte aber als kurzfristige Massnahme betrachtet werden. Die längerfristige Eignung der hier getesteten Fördermassnahmen sollte durch eine Wiederholung der Erfolgskontrolle beispielsweise 10 Jahre nach den Eingriffen evaluiert werden.

2) Vom Waldlaubsänger besiedelte Waldbestände nicht aufzulichten und so lange wie möglich aus der Nutzung zu nehmen sind kurz- bis mittelfristig die beiden wichtigeren, zielführenderen und z.T. sogar günstigeren Fördermassnahmen.

3) Waldbaulich für Waldlaubsänger günstige Waldbestände zu schaffen, z.B. mit Altersklassenwald, ist langfristig die wichtigste Massnahme zur Förderung des Waldlaubsängers und Arten mit ähnlichen Ansprüchen.

4) Naturwaldreservate oder Altholzinseln auf Standorten mit geeigneten Waldgesellschaften einzurichten ist langfristig ebenfalls eine wichtige Fördermassnahme. In die Zukunft blickend fliessen sämtliche gewonnenen Erkenntnisse einerseits in eine Entscheidungshilfe für Fördermassnahmen z.H. der Behörden und Praxis und andererseits in die oben beschriebenen Fördermassnahmen 1 und 2, welche die Vogelwarte zusammen mit Partnern direkt umzusetzen versucht.

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