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Waldgeschichte von Waldlaubsängerhabitaten: Rekonstruktion der Bewirtschaftungsgeschichte ausgewählter Waldbestände der letzten 150 Jahre

Baumgartner, Sarah; Grendelmeier, Alex; Stuber, Martin; Lanz, Michael; Feller, Karin
Sprache
ger
Veröffentlichungsjahr
2022

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Zusammenfassung

Seit mehreren Jahren werden der Waldlaubsänger (Phylloscopus sibilatrix) und der Weissrückenspecht (Dendrocopos leucotos) in ökologischen Forschungsprojekten der Schweizerischen Vogelwarte untersucht. Beide Arten stehen auf der Roten Liste und sind Zeigerarten für naturschutzfachlich wertvolle und seltene Wälder. Erkenntnisse dieser Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Bewirtschaftungsgeschichte dieser Wälder einen bedeutenden Einfluss auf die aktuelle Lebensraumeignung dieser Arten hat. Ein Team mit Artspezialisten der Vogelwarte und Historikern wurde zusammengestellt, um die Nutzungsgeschichte von vom Waldlaubsänger oder Weissrückenspecht besiedelten Waldbeständen und deren Bedeutung für die jeweilige Art zu erforschen. Ziel war es, die Bewirtschaftungsgeschichte sowie die Nutzungsintensität in den letzten 100 bis 150 Jahren von ausgewählten Waldlaubsängerwäldern in den Kantonen Baselland und Solothurn zu rekonstruieren. Aufgrund des hohen Aufwands konnte die Rekonstruktion der Bewirtschaftungsgeschichte von vom Weissrückenspecht besiedelten Beständen nicht durchgeführt werden. Während der gesamten Projektdauer stand zudem die methodische Herangehensweise und der interdisziplinäre Prozess zwischen historischem und naturwissenschaftlichem Vorgehen im Fokus.

Die Rekonstruktion der forstlichen Nutzungsgeschichte von sechs ausgewählten Waldlaubsängerwäldern basiert in erster Linie auf sogenannten «Waldwirtschaftsplänen», die zwischen 1877 und 1990 entstanden sind. Heutige Betriebspläne wurden nicht berücksichtigt. Herausforderungen für die Interpretation der Waldwirtschaftspläne waren über die Zeit wechselnde räumliche Bewirtschaftungseinheiten, sich ändernde Masseinheiten und die unterschiedliche Ausprägung von Bewirtschaftungsgrössen. Die Begrifflichkeit folgte der zeitgenössischen Fachsprache, weshalb zusätzlich historische Forstliteratur konsultiert wurde, um ein besseres Verständnis für die in den Quellen verwandte Terminologie zu entwickeln. Eine grosse Herausforderung war der Prozess zur Festlegung der zu erfassenden Faktoren aus ornithologischer und historisch-wissenschaftlicher Sicht. In vielen Fällen waren nur Annäherungen möglich, die wieder diskutiert werden mussten, woraus präzisierte neue Fragen resultierten. Aus diesem dynamischen und interaktiven Prozess resultierten dann insgesamt 32 Faktoren. Die Waldabteilungen (geografische Einheit), die Vorratsentwicklung, die Derbholzentnahmemenge und die Baumartenzusammensetzung konnten für alle Untersuchungsgebiete in quantitativen Zeitreihen erfasst werden. Diese Daten wurden für alle Waldgebiete mit GIS für die Auswertung aufbereitet. Die übrigen Faktoren wurden falls vorhanden qualitativ ausgewertet und zusammen mit dem Einfluss der Nutzungsgeschichte auf den Waldlaubsänger in Textform dargestellt.

Im Untersuchungsgebiet Erschwil (SO) war der Derbholzvorrat Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund von Kahlschlagflächen und Stockausschlagbeständen sehr gering. Seither herrschten Varianten des Femelschlages vor und der Vorrat nahm aufgrund räumlich begrenzter Durchforstungen kontinuierlich zu. Letztere beschränken sich wahrscheinlich auf heute vom Waldlaubsänger unbesiedelte Bereiche.

Am Dürstel bei Langenbruck (BL) wurden im frühen 19. Jahrhundert Kahlschläge durchgeführt. Auf dem schlechtwüchsigen Boden entwickelte sich der anschliessend stockende Buchenwald in Mittelwaldbewirtschaftung aufgrund geringer Nutzung der Hauschicht zu einem Hochwald mit teils spärlicher Strauchschicht und somit gutem Waldlaubsängerlebensraum. Seit 1997 ist das gesamte Gebiet als Naturwaldreservat ausgeschieden.

Für den Blauenberg (BL) ist kein Kahlschlag dokumentiert. Die Bestände werden seit dem 18. Jahrhundert als Hochwald bewirtschaftet – bis im frühen 20. Jahrhundert mittels «allmählichem Abtrieb», einer Art saumschlagweiser Schirmverjüngung, gefolgt von Femelschlag. Trotz schwieriger Verortung befinden sich die heutigen Waldlaubsängerreviere wohl auf mit allmählichem Abtrieb bewirtschafteten Altholzflächen, welche seither nicht durchforstet wurden.

Der Homberg (SO) wurde in früheren Zeiten als Niederwald genutzt. Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich ein Hochwald zu entwickeln, der mittels allmählichen Abtriebes und ab dem frühen 20. Jahrhundert zumindest stellenweise mit Femelschlag verjüngt wurde. Das Gebiet gilt als Nichtwirtschaftswald seit 1985 und als Naturwaldreservat seit 2000. Waldlaubsängerreviere befinden sich primär im oberen Teil des Gebietes, welches wohl seit mindestens 40 Jahren, aber stellenweise auch länger keine Durchforstung mehr erfuhr.

Die Nutzungsgeschichte des Geitenberg bei Lauwil (BL) war nur bedingt rekonstruierbar. Der Bestand wurde vor rund 120 Jahren kahlgeschlagen, anschliessend weitestgehend sich selbst überlassen und 1990 als Naturwaldreservat ausgeschieden. Auf den schlechtwüchsigen Böden stockt deshalb ein gleichaltriger von Buchen dominierter Bestand mit idealen Lebensraumbedingungen für Waldlaubsänger.

Der Sunnenberg bei Ramiswil (SO) befindet sich in Besitz mehrerer Privateigentümer, weshalb keine Wirtschaftspläne vorhanden sind. Der Talhang wurde wahrscheinlich Ende des 18. Jahrhunderts kahlgeschlagen und seither nur noch stellenweise bewirtschaftet. Durch die stellenweise geringe Nutzungsintensität entwickelte sich ein gleichaltriger Altholzbestand mit spärlicher Strauch- und Unterschicht und somit ideale Brutbedingungen für Waldlaubsänger.

Aufgrund der in dieser Studie gewonnen Erkenntnisse leiten wir folgende Handlungsoptionen ab:

1) Auf trockenen, wenig wüchsigen Waldgesellschaften und der damit einhergehenden Strauchschichtarmut, ist die Waldlaubsängerförderung besonders effizient. In strukturell bereits dem Waldlaubsängerhabitat entsprechenden Beständen sollte auf Interessenskonflikte geachtet (beispielsweise «Aktionsplan Lichter Wald»), bei Waldlaubsängervorkommen auf Durchforstungen verzichtet und alternative Abgeltungsmöglichkeiten erkundet werden.

2) Der Waldlaubsänger profitiert von zu Altersklassenwäldern führenden Bewirtschaftungsmethoden und geringer Durchforstung auf mehreren Hektaren.

3) Der Waldlaubsänger profitiert von Naturwaldreservaten oder anderen Nutzungsverzichtsinstrumenten von Hochwäldern in älterem Stadium.

Die hier empfohlenen Handlungsoptionen begünstigen nicht nur den Waldlaubsänger, sondern sämtliche Arten, welche im selben Lebensraum vorkommen. Arten diverser Taxa haben mit dem Waldlaubsänger mehr oder weniger überlappende Ansprüche an den Lebensraum. Dazu gehören beispielsweise das Grosse Mausohr (Myotis myotis), die Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) oder der Gelbringfalter (Lopinga achine). Von den vom Waldlaubsänger genutzten, meist älteren Beständen profitieren alle Arten, welche auf Alt- und Totholz angewiesen sind.

Die Arbeit zeigt das Potenzial und die Herausforderung einer Zusammenführung der historischen und naturwissenschaftlichen Arbeitsweise auf. Ein intensiver und gut strukturierter Austausch führte letztlich zu historischen Erkenntnissen, welche relevant für die Artenförderung sind. Zukünftige Arbeiten bezüglich Waldlaubsänger können Wissenslücken weiter schliessen, indem weitere Falluntersuchungen, vor allem von Gebieten im Mittelland, und allgemein die Oral History – Zeitzeugenaussagen – miteinbezogen werden. Letztlich zeigte das Projekt den grossen Aufwand, um eine solche Studie durchzuführen.

Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich beim Amt für Wald beider Basel, bei den Kreisforstämtern Dorneck/Thierstein und Olten bedanken, welche ihre historischen Dokumente für dieses Projekt zugänglich machten.

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Projekte

Artenförderung Waldlaubsänger

Zusammen mit Partnern aus Forstwirtschaft, Kantonen und Naturschutz versuchen wir das im Rahmen e...
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