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Plattform bei Salavaux VD am Murtensee mit brütenden Lachmöwen (und einer Flussseeschwalbe).

© Pascal Rapin
Schweizer Brutvogelatlas 2013-2016

Brutplätze für Möwen und Seeschwalben

Möwen und Seeschwalben nisten in der Übergangszone vom Wasser zum Land. Das Brüten in Kolonien auf Inseln ermöglicht eine gemeinsame Abwehr von Prädatoren aus der Luft oder die gemeinsame Verteidigung des Platzes gegenüber Brutplatzkonkurrenten. Heute sind die meisten Möwen und Seeschwalben auf künstliche Nisthilfen angewiesen.

Die Ufer der Flüsse und Seen in der Schweiz wurden in den letzten Jahrhunderten durch Gewässerkorrektionen enorm verändert. Die Flussseeschwalbe brütete zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch an über 30 Orten auf Kiesbänken. Danach gingen diese Brutplätze verloren. Auf dem Tiefpunkt 1952 bestand nur noch eine Kolonie am Fanel BE/NE. Mit dem Bau künstlicher Kiesinseln (ab 1929 am Fanel) sowie dem Anbieten von Brutflössen und Plattformen (ab den Siebzigerjahren in allen Teilen des Mittellands) konnten zunehmend Ersatzbrutplätze geschaffen werden. Der Bestand wuchs darauf von 47 Paaren 1948 bis auf 218 Paare 1976. Mit dem weiteren Ausbau des Brutplatzangebots ab 1990 stieg er auf das heutige Niveau von 600–700 Paaren an. 2015 gelang es zudem, die Flussseeschwalbe erfolgreich auch auf einem Flachdach am Zürichsee anzusiedeln.

Die erste Schweizer Kolonie der Lachmöwe wurde 1865 im Kaltbrunner Riet SG auf Seggenbülten entdeckt. Zwischen 1925 und 1974 besiedelte sie weitere natürliche Verlandungszonen in der Nordostschweiz und am Fanel. Ab 1965 verlagerten sich die Kolonien zunehmend auf die neu geschütteten Kiesinseln. Der Bestand wuchs stark an und erreichte 1980 ein Maximum von 3800 Paaren. Ähnlich wie im grenznahen Ausland ging er darauf markant zurück und stabilisierte sich ab 2000 bei etwa 500–1000 Paaren.

Nachdem die Population der Mittelmeermöwe, die ab 1968 die Schweiz neu besiedelt hatte, lange auf tiefem Niveau verharrte, wuchs sie ab 1997 stark und kontinuierlich auf heute etwa 1400 Paare an, und die Art breitete sich übers ganze Mittelland aus. 1994 wurden am Genfersee die ersten zwei Dachbruten der Mittelmeermöwe in der Schweiz nachgewiesen. Ab 2002 wurden auch andernorts Dachbruten gefunden. Meist waren es Einzelpaare pro Gebäude, doch bei Allaman VD wuchs eine Kolonie auf einem Flachdach bis 2017 auf 45 Paare an (J. Duplain), und in Neuenburg brütete die Art 2016 auf 35 verschiedenen Gebäuden (M. Zimmerli).

Heute brüten fast alle Möwen und Seeschwalben auf künstlichen Strukturen, auf Dächern oder auf speziell für diese Arten bereit gestellten Brutmöglichkeiten. Um die Brutplatzkonkurrenz zwischen den Arten zu entschärfen, gibt es verschiedene Massnahmen. So lässt sich eine Ansiedlung der konkurrenzstärkeren und früh brütenden Mittelmeermöwe verhindern, indem Flösse erst bei der Ankunft von Lachmöwe und Flussseeschwalbe eingewassert oder Plattformen erst dann und sukzessive von einer winterlichen Abdeckung befreit werden.

Die Arten sind an dynamische Lebensräume angepasst und in der Ansiedlung flexibel. Damit alle Arten nebeneinander brüten und bei grossem Prädationsdruck auf andere Plätze ausweichen können, ist ein genügend grosses Netz von Brutplätzen notwendig, so wie das ursprünglich an den natürlichen Flüssen vorhanden war.

Betroffene Arten

Text: Claudia Müller

Zitiervorschlag des Atlas online:
Knaus, P., S. Antoniazza, S. Wechsler, J. Guélat, M. Kéry, N. Strebel & T. Sattler (2018): Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016. Verbreitung und Bestandsentwicklung der Vögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

Literatur

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