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Eiderente © Marcel Burkhardt
Schweizer Brutvogelatlas 2013-2016

Unverhoffte Ansiedlungen von Brutvögeln

Die Verbreitungsgebiete von Brutvögeln verändern sich ständig. Dass Vogelarten, die normalerweise weit entfernt von der Schweiz brüten, sich zeitweilig oder auf Dauer mitten in Europa ansiedeln, gehört zu den Überraschungen, die sowohl Feldornithologen als auch Wissenschaftler immer wieder faszinieren.

Weil die Schweiz im Zentrum Europas und an der Schnittstelle verschiedener biogeografischer Regionen liegt, weist sie eine bemerkenswert hohe Artenvielfalt auf. Das gilt insbesondere für die Entenvögel, von denen einige gelegentlich ihren Winteraufenthalt verlängern, um auch im Sommer hier zu bleiben oder sogar zu brüten. Meist liegt die Schweiz am Rand des Brutgebiets dieser Arten, wie das etwa bei Krick-, Knäk-, Löffel- oder Moorente der Fall ist. Spektakulärer ist es, wenn es sich um ausgeprägte Meeresenten handelt. Bei der Eiderente, einem Charaktervogel der Küsten Nordeuropas, hat die Anzahl Wintergäste in der Schweiz in den Siebziger- und Achtzigerjahren deutlich zugenommen. Mehrere Einflüge führten dazu, dass kleinere Trupps auch im Sommer bei uns ausharrten. Dem ersten Brutnachweis im Jahr 1988 folgten ab 1992 praktisch alljährlich weitere Bruten, wenn auch nur in kleiner Zahl. Dies ist in Mitteleuropa einzigartig.

Auch Mittelsäger und Küstenseeschwalbe sind nordische Arten. Trotzdem brüten sie seit 1993 bzw. 2014 unregelmässig in der Region des Fanel BE/NE. Für beide Arten ist dies der südlichste Brutplatz in Mitteleuropa. Ein Mischpaar zwischen Küsten- und Flussseeschwalbe hat zudem 2010–2013 im Rheindelta A gebrütet. Auch die Brandgans hat sich erst 1998 angesiedelt und brütet seit 2011 regelmässig am Genfersee, weit weg von den nächsten grösseren Populationen.

Neben diesen eher langfristigen Ansiedlungen sind einzelne isolierte Bruten von Arten bemerkenswert, die für eine mehr oder weniger ausgeprägte Dynamik bei ihren Vorstössen bekannt sind. Dazu gehören etwa Kurzzehenlerche, Zitronenstelze, Stelzenläufer und Grünlaubsänger. Bei einigen Arten ist es bisher bei einer Brut geblieben, aber bei anderen sind erneute Versuche in naher Zukunft durchaus wahrscheinlich. Spezialfälle sind der Mornellregenpfeifer und das Rotsternige Blaukehlchen, die fern von der nordeuropäischen Tundra in kleiner Zahl in den Zentral- und Ostalpen brüten.

Es ist kaum möglich, bei Arten mit so unterschiedlicher Bestandsdynamik einen gemeinsamen Nenner zur Erklärung ihres Auftretens in unserem Land zu finden. Aber diese Fälle weisen darauf hin, dass pionierhafte Einzelvögel bei der Neubesiedlung einer Region, möglicherweise als Reaktion auf Umweltveränderungen, eine wichtige Rolle spielen. Solche Ereignisse hat es schon immer gegeben, aber ihre Entdeckung und Weiterverfolgung wird heute durch die intensive feldornithologische Tätigkeit, deutlich verbesserte Hilfsmittel zur Bestimmung sowie die viel schnellere Verbreitung von Beobachtungsmeldungen stark erleichtert. Auch die nächsten Jahre werden also für die Feldornithologinnen und Feldornithologen noch spannende Überraschungen bereithalten!

Betroffene Arten

Blaukehlchen
Brandgans
Eiderente
Grünlaubsänger
Knäkente
Krickente
Kurzzehenlerche
Küstenseeschwalbe
Löffelente
Mittelsäger
Moorente
Mornellregenpfeifer
Stelzenläufer
Zitronenstelze

Text: Jérémy Savioz

Zitiervorschlag des Atlas online:
Knaus, P., S. Antoniazza, S. Wechsler, J. Guélat, M. Kéry, N. Strebel & T. Sattler (2018): Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016. Verbreitung und Bestandsentwicklung der Vögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

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