Auswirkungen unterschiedlicher Baumpflege im Feld- und Hochstammobstbau auf die Habitatqualität für den Steinkauz
Zusammenfassung
Der Steinkauz (Athene noctua) kam als Kulturfolger in die Schweiz und war bis 1960, mit einer Bestandesdichte von mindestens 1-3 Paare pro km2 ein häufiger Brutvogel im Schweizer Mittelland. Mittlerweile ist er stark gefährdet und es leben nur noch ca. 60 Brutpaare in der Schweiz. Gründe für die Abnahme des Bestandes sind der Habitatsverlust infolge der Intensivierung der Landwirtschaft und der Landschaftswandel. Der vom Menschen geschaffene sekundäre Lebensraum, die halboffene Kulturlandschaft mit Obstgärten, veränderte sich im Laufe der Zeit. Es kam zum Verlust von wertvollen Habitatsstrukturen wie z.B. alten Hochstammobstäume mit Baumhöhlen und einem Unternutzen des Baumbestandes als extensive Wiese oder Weide. Dank gezielter Förderung durch Anbringen von Nistkästen und der Erhaltung von älteren Obstgärten und Einzelbäumen, werden die momentan noch kleinen und zerstreuten Populationen erhalten. In den Nachbarländern Deutschland und Frankreich konnten durch solche Förderungsprojekte die Habitate soweit verbessert werden, dass eine Zunahme der Bestände stattgefunden hat. Ein solcher Erfolg ist in der Schweiz noch nicht zu verzeichnen. Aus diesem Grund ist das Verständnis über die bestandeslimitierenden Faktoren wie Schlafplatzstruktur, Nahrungsangebot, Prädationsdruck etc. von primärer Bedeutung für den Schutz des Steinkauzes. Dabei könnte das Baumhöhlenangebot trotz künstlicher Nistkästen ein limitierender Faktor sein, da diese Tageseinstände von hoher Qualität darstellen. Von den Schutzmassnahmen für den Steinkauz können weitere bedrohte Tierarten, wie z.B. Wendehals, Gartenrostschwanz, Neuntöter und Zaunammer profitieren. Die Schweizerischen Vogelwarte Sempach untersucht die Habitatqualität und die räumliche Dynamik des Steinkauzes in einer zunehmenden Population im Landkreis Ludwigsburg, Baden-Württemberg. Diese Bachelorarbeit ist ein Teil dieses Forschungsprojektes und vergleicht das Baumhöhlenangebot und die Obstbaumeigenschaften von potentiellen Steinkauzgebieten in der Schweiz (Schaffhausen/Thurgau und Basel) mit denjenigen des besetzten Steinkauzgebietes in Deutschland (Ludwigsburg). Ausserdem soll in dieser Arbeit untersucht werden, welche Baumeigenschaften (z.B. Baumart, Alter, Pflegezustand) mit dem Vorkommen von Baumhöhlen zusammenhängen. Die Untersuchungen zeigten, dass zwischen den potentiellen und dem wirklich besetzten Steinkauzgebiet kein signifikanter Unterschied in der Quantität der Baumhöhlen existiert. Allerdings liegt die Höhlenzahl vom Kirschenanbaugebiet Basel weit hinter derjenigen Apfelanbaugebieten Schaffhausen/Thurgau und Ludwigsburg zurück. Ein Hauptunterschied liegt in der Detailstruktur der Baumhöhlen. Im wirklich besetzten Steinkauzgebiet trifft man häufiger auf grosse Baumhöhlen mit mehreren Baumhöhleneingängen als in den potentiellen Steinkauzgebieten. Zudem ist der Obstbaumbestand in den Gebieten unterschiedlich. In Ludwigsburg sind die Apfelbäume die dominante Obstbaumart. Die Auswertungen zeigten, dass die Obstbaumart einen starken Einfluss auf die Baumhöhlenbildung hat. Apfelbäume neigten am stärksten zur Höhlenbildung, gefolgt von Birnenbäumen, während bei Kirschen und Zwetschgen eine weniger grosse Tendenz zur Baumhöhlenbildung festgestellt wurde. Die Pflege und Schnitttechnik hat einen Einfluss auf die Bildung von Baumhöhlen. Mangelnde Pflege sowie das Entfernen der Leitäste fördert die Baumhöhlenbildung. Zwischen den potentiellen Gebieten und dem wirklich besetzten Gebiet fanden wir einen wesentlichen Unterschied in der Schnitttechnik und Pflege. Im wirklich besetzten Gebiet werden deutlich häufiger Leitäste abgeschnitten und die Pflege der Bäume ist geringer als in den potentiellen Gebieten. Das Nahrungsangebot, bestimmt anhand von Kleinsäugerspuren, zeigte keinen Unterschied zwischen dem besetzten Gebiet im Vergleich zu den potentiellen Gebieten. Auch hier fiel das Gebiet Basel hinter die beiden anderen Gebiete zurück.
Zusammenfassend zeichnet sich das wirklich besetzte Gebiet durch eine hohe Anzahl an Apfelbäumen mit vernachlässigter Pflege und häufigem Abschneiden der Leitäste aus. Diese Eigenschaften fördern allesamt die Höhlenbildung. Die Baumhöhlen im potentiellen Gebiet Schaffhausen/Thurgau kamen vorwiegend durch die Dominanz an Apfelbäumen und einen relativ hohen Anteil an dicken Birnbäumen zustande. Im potentiellen Gebiet Basel, wurde ein geringes Angebot an Baumhöhlen gefunden. Dies steht im Zusammenhang damit, dass dort hauptsächlich gut gepflegte Kirschbäume vorkommen. Rein auf das Baumhöhlenangebot betrachtet, ist das Gebiet Schaffhausen/Thurgau für den Steinkauz geeignet, während das Baselbiet im Moment noch weniger geeignet scheint. Aus den Erkenntnissen der Untersuchung wurden zudem Empfehlungen für die Landwirte und Baumbesitzer erstellt. Ältere, abgehende Obstbäume, ob im Bestand oder als einzelne Feldobstbäume, sollten stehen bleiben, auch wenn die Wirtschaftlichkeit stark beeinträchtigt ist, nur noch Teile des Baumes vorhanden sind oder Teile des Baumes abgestorben sind. Dies gilt insbesondere für alle Obstbäume mit grossen Höhlen, ganzen Höhlensystemen und ausgehöhlten Stämmen.
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