Bevorzugte Nestbaumeigenschaften des Rotmilans (Milvus milvus): Eine Untersuchung im schweizerischen Kanton Freiburg
Zusammenfassung
Der Rotmilanbestand in der Schweiz beträgt fast 10 % des Weltbestandes. Aber nur durch artspezifische Förderungsmassnahmen ist das Weiterbestehen der national prioritären Art in diesem Land garantiert, wofür unter anderem die Sicherung von Horstbäumen notwendig ist. Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, den Einfluss des Brusthöhendurchmessers (BHD; Stammdurchmesser auf 1.3 m Höhe), der Baumart und der Kronendichte auf die Nestbaumwahl des Rotmilans im Wald zu ermitteln. Die Resultate sollen dem Waldbewirtschafter idealerweise dabei helfen, Horstbäume zu finden und zu schützen sowie das Bruthabitat Wald für den Rotmilan aufzuwerten. Es wurden Daten von 40 Nestbäumen mit 160 Bäumen ohne Nest (Referenzbäume) erhoben und verglichen. Der Vergleich erfolgte mit einem Generalized Linear Model (GLM) und einem Modell, das basierend auf diesem GLM Voraussagen über die Wahrscheinlichkeit der Nestbaumwahl bei Veränderung der Variablen macht.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Bevorzugung eines Baumes mit zunehmendem BHD verstärkt wird. Tendenziell kommen Weisstannen (Abies alba) ab 60 cm und besonders ab 90 cm als Nestbaum infrage und Buchen (Fagus sylvatica) und weitere Arten wie Fichte (Picea abies) und Waldföhre (Pinus sylvestris) ab 70 cm und viel eher ab 100 cm. Das Angebot an Bäumen in diesen Stärkeklassen ist jedoch gering. Zudem werden Weisstannen tendenziell präferiert. Die Kronendichte hingegen zeigte keinen Einfluss. Die Bevorzugung eines möglichst grossen BHDs könnte mit der Grösse und des hohen Gewichts des Nests zusammenhängen und ausserdem ist eine Fichte – und vermutlich auch andere Baumarten – sturmfester, wenn deren BHD über dem Bestandesmittelwert liegt. Da Horste vom Rotmilan oft wiederverwendet werden und potenzielle Horstbäume rar sind, ist ein langes Bestehen des Nestbaums und die damit verbundene Stabilität womöglich ein wichtiger Aspekt. Dass die Weisstanne im Vergleich zu den anderen Baumarten bereits ab einem kleineren BHD angenommen wird, könnte mit der Konkurrenz infolge der regional hohen Brutdichte zusammenhängen.
Ein möglicher Grund für die Präferierung der Weisstanne könnte der Sichtschutz vor Nestprädatoren bereits zu Legebeginn durch die immergrüne Krone darstellen. Zudem ist die Weisstanne im Vergleich zu den ebenfalls immergrünen Arten Fichte und Waldföhre sturmsicherer. Zuletzt ermöglichen die waagrecht, in Astquirlen angeordneten Äste am Stamm wahrscheinlich ein leichtes Anfliegen des Nests. Vermutlich aus methodischen Gründen erwies sich kein Einfluss durch die Kronendichte. Für künftige Studien wird statt der Erhebung der Kronendichte die Aufnahme der Kronenverlichtung (Anteil abgestorbener Kronenteile), der Kronenlänge, -form und -position entlang der Stammachse empfohlen. Zwecks Förderung der vorhandenen und potenziellen Horstbäume kann ein Waldbesitzer einen Baum als Habitatbaum oder den Baum mitsamt Umfeld als Altholzinsel vertraglich gegen Entgelt sichern. Die Ergebnisse dieser Studie können dem Waldbesitzer bei der Horstsuche helfen. Ein Habitatbaum, der zugleich ein potenzieller Horstbaum ist, hat einen Mindest-BHD von 70 cm, wobei aber 90 (Weisstanne) oder 100 cm (alle anderen Arten) empfohlen werden, und ist idealerweise eine Weisstanne. Eine Altholzinsel führt aufgrund geringerer Störungen durch Forstarbeiten im Umfeld zu häufigerer Nestbesetzung. Die beste Wirkung zeigen diese Massnahmen in Waldrandnähe in einem lichten Bestand an Grünland angrenzend. Wichtig für künftige Ausscheidungen jener Schutzobjekte sind fortführende Sensibilisierungstätigkeiten des Kantons und die Integration der genannten Empfehlungen. Sinnvoll für eine gezielte Waldbewirtschaftung wären Studien über weitere präferierte Baum- oder Bestandeseigenschaften.
Keywords: Rotmilan, Milvus milvus, Horstbaum, BHD, Baumart, Baumkrone, Schweiz, Freiburg
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