Die Populationsgenetik des Steinkauzes (Athene noctua ) in Süddeutschland und angrenzenden Gebieten
Zusammenfassung
Der Steinkauz (Athene noctua) ist ein Höhlenbrüter und ein Bewohner von offenem Grasland. Die Intensivierung der Landwirtschaft führte in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und angrenzenden Gebieten zu einem starken Rückgang der Individuenzahlen durch Habitatverlust. Durch Artenschutzmaßnahmen, z.B. das Aufhängen von Niströhren, konnte sich in einigen Regionen der Bestand wieder erholen. Die verbleibenden Populationen sind aber räumlich isoliert. In dieser Arbeit wurden mit Mikrosatellitendaten die genetische Diversität und die Muster des Genflusses der Steinkauzpopulationen in Süddeutschland, der Schweiz und dem Elsass bestimmt. Zudem wurde mit Hilfe von Verwandtschaftsanalysen das Brutsystem untersucht. Die Ergebnisse wurden im Hinblick auf den Artenschutz beurteilt.
1. Die genetische Diversität in den Steinkauzpopulationen ist verglichen mit den Werten fünf anderer, ungefährdeter Eulenarten nicht drastisch verringert. Allerdings wurde in allen Populationen ein Heterozygotenüberschuss nachgewiesen, der auf einen Bestandsrückgang hindeutet. Dies weist darauf hin, dass der Rückgang der Populationsgrößen zumindest zu einem kleinen Verlust an genetischer Diversität geführt hat. Möglicherweise lässt sich dieser mit Mikrosatelliten aufgrund ihrer starken Polymorphie nicht nachweisen.
2. In keiner der Populationen gab es Hinweise für Inzucht. Zudem unterschied sich die genetische Diversität nicht zwischen den untersuchten Populationen. Beide Ergebnisse deuten darauf hin, dass zwischen den Populationen Genfluss stattfindet, da im Falle einer jahrzehntelangen Isolation mit Inzucht und einer Verringerung der genetischen Diversität gerade in kleinen Populationen zu rechnen gewesen wäre.
3. Geringe Differenzierungen zwischen den Populationen und nur kleine Substrukturen bestätigen die Vermutung, dass Genfluss die genetische Diversität in den Populationen aufrechterhält. Es ergab sich eine Isolation durch Distanz, was zeigt, dass nur ein Bruchteil der Individuen bei der Abwanderung weite Strecken zurücklegt. Eine Schätzung der Migrationsraten ergab, dass pro Generation etwa 5 bis 10 % der Jungvögel aus einer Population in andere Populationen abwandern. Dabei wurde auch gezeigt, dass aus allen Populationen Individuen abwandern. Es gibt also keine Hinweise auf eine Quellen-Senken-Dynamik. Da der Genfluss begrenzt ist, sollten auch Anpassungen der Populationen an lokale Umweltbedingungen möglich sein.
4. Bei den Männchen nahm die paarweise Verwandtschaft mit zunehmender geografischer Distanz stärker ab als bei den Weibchen. Dies deutet darauf hin, dass die Männchen sich nahe bei ihrem Geburtsort ansiedeln, während die Weibchen weiter abwandern. Dies könnte ein Grund für die schleppende Wiederbesiedlung unbesetzter Gebiete sein, die beim Steinkauz beobachtet wird. Die hier untersuchten Populationen können somit nicht als Metapopulation, in der auf Aussterbeereignisse eine schnelle Wiederbesiedlung erfolgt, bezeichnet werden.
5. Unter 29 Jungtieren aus 13 Familien wurde eine Fremdvaterschaft gefunden. Bei jeweils vier Jungtieren aus vier Familien ergab sich nur für eine Paarung, dass es sich nicht um Vollgeschwister, sondern Halbgeschwister handelt. Die geringen Fremdvaterschaftsraten sind vermutlich auf einen hohen väterlichen Einsatz bei der Brutpflege zurückzuführen. Die effektive Populationsgröße wird somit bei Steinkäuzen nicht durch Polygamie verringert.
6. Die Ergebnisse zeigen, dass Genfluss zwischen den Steinkauzpopulationen eine wichtige Rolle spielt, um die genetische Diversität in den Populationen aufrecht zu erhalten. Ein Aussterben weniger Populationen könnte somit auch andere Populationen gefährden, zumal eine Wiederbesiedlung schwierig ist. Die Biotoppflege muss also in allen Populationen weitergeführt werden, damit die Bestände stabil bleiben. Langfristiges Ziel sollte eine flächendeckende Besiedlung sein.
Mitarbeitende