Wie viel Fläche braucht die Artenvielfalt der Schweiz?: Analyse zu bestehender Qualitätsfläche und zum Flächenbedarf basierend auf den Funddaten der nationalen Arten-Datenzentren
Zusammenfassung
In seiner Strategie Biodiversität Schweiz zeigt der Bundesrat die grosse Bedeutung der langfristigen Sicherung der Biodiversität für unser Land und den Handlungsbedarf auf. Dieser ist dringlich, denn der Biodiversitätsverlust in unserem Land schreitet schnell voran. Dabei gehen auch Leistungen der Ökosysteme verloren, die für die Menschen unverzichtbar sind. InfoSpecies, die Dachorganisation der nationalen Daten- und Informationszentren für Arten, hat im Auftrag des Bundesamts für Umwelt BAFU ab 2019 basierend auf den in den Datenbanken abgelegten Funddaten von einheimischen Tier- und Pflanzenarten Analysen durchgeführt, die eine wichtige wissenschaftliche Grundlage für die zukünftige Biodiversitätsförderung und insbesondere für die Planung der Ökologischen Infrastruktur durch Bund und Kantone darstellen. Die vorliegende Publikation zeigt das methodische Vorgehen bei diesen Analysen sowie deren Ergebnisse auf.
Im Zentrum der Flächenanalysen stehen drei Fragen: (1) Wie viel Fläche brauchen wir, um die Vielfalt der einheimischen Arten und Lebensräume langfristig zu erhalten, (2) wie viel von diesem Flächenbedarf ist aktuell bereits (bzw. noch) gedeckt und (3) wie viel muss wiederhergestellt oder neu geschaffen werden? Für die wissenschaftlichen Untersuchungen wurden die für Fauna und Flora der Schweiz wichtigsten Lebensräume (z. B. Wasserläufe und ihre Ufer, artenreiche Wiesen, Flachmoore, artenreiche Waldränder, trockenwarme Laubwälder) berücksichtigt und Gruppen von Arten mit ähnlichen Umweltanforderungen – sogenannten Gilden – zugeordnet. Insgesamt wurden 5423 verschiedene Arten mit über 3 Millionen Funddaten einbezogen.
Aus der Summe der ermittelten vorhandenen und zusätzlich für das Überleben der Arten notwendigen Lebensräume resultiert ein gesamter minimaler Flächenbedarf für die Biodiversität von ca. 30 % der Landesfläche. Ein Teil davon hat ausreichende ökologische Qualität und steht bereits unter Schutz; viele Flächen mit ökologischer Qualität sind aber noch nicht gesichert. Sie gilt es dort zu sichern, wo sie aktuell noch vorhanden sind. Da in den letzten Jahrzehnten viele Lebensräume zerstört wurden, garantiert der heutige Zustand die Sicherung der Tier- und Pflanzenarten und ihrer Lebensräume nicht mehr. Deshalb besteht ein zusätzlicher Flächenbedarf von über 650 000 Hektaren (über 15 % der Gesamtfläche der Schweiz) von Lebensräumen mit ausreichender Qualität. Der ermittelte minimale Ergänzungsbedarf zeigt an, wie viel Fläche aufgewertet bzw. neu geschaffen werden muss. Dabei gilt es zu beachten, wo die aufgewerteten Flächen zu liegen kommen. Neue Flächen für die Biodiversität sind dann besonders wertvoll, wenn sie am richtigen Ort entstehen bzw. bereits bestehende Flächen mit Qualität vergrössern. Sie können zusätzlich auch zur besseren Vernetzung in der Landschaft beitragen, wenn sie nahe beieinander liegen. Auch dieser Aspekt wurde von der InfoSpecies-Analyse beleuchtet und es werden Hektarflächen identifiziert, die sich aufgrund ihres Naturpotenzials und ihrer Vernetzungsfunktion besonders gut zur Aufwertung eignen könnten. Bei der Neuschaffung der Flächen gemäss dem minimalen Ergänzungsbedarf besteht aber für Bund und Kantone ein Spielraum, wo diese entstehen sollen. Dies im Gegensatz zu den Flächen mit noch vorhandener ökologischer Qualität, die ortsgebunden sind.
Mit der vorliegenden Analyse liegt auf wissenschaftlicher Grundlage und anhand ganz konkreter Daten aus den Gemeinden, Kantonen und auf Stufe Bund erstmals eine die ganze Landesfläche umfassende Lokalisierung der bedeutendsten Gebiete für die Artenvielfalt in der Schweiz vor. Der mit der Studie ermittelte Flächenbedarf der Biodiversität in der Schweiz von ca. 30 % bestätigt die Resultate anderer Analysen. Auch international hat die Wissenschaft in den letzten Jahren zahlreiche Erkenntnisse geliefert, die zeigen, dass mindestens 30 % der Fläche einer Region nötig sind, um die Biodiversität zu erhalten. Dabei ist der Bedarf an zusätzlichen Flächen im Mittelland höher als in den anderen biogeografischen Regionen. Während es in allen Regionen erheblich mehr qualitativ hochwertige Wiesen und Übergangsbereiche zwischen Lebensräumen (z. B. artenreiche Waldränder) braucht, ist der Bedarf an Feuchtlebensräumen im Mittelland deutlich höher als in den anderen Regionen.
Für die Sicherung der Biodiversität in der Schweiz braucht es drei grosse Stossrichtungen: (1) Die bestehenden Schutzgebiete, insbesondere die national bedeutenden Biotope, müssen gesichert, zur Werterhaltung fachgerecht unterhalten und bei Beeinträchtigungen saniert werden. (2) Viele der aktuell noch vorhandenen ökologisch hochwertigen Lebensräume befinden sich ausserhalb der Inventarflächen der Biotope von nationaler Bedeutung. Dort, wo nicht bereits kantonale oder kommunale Schutz- und Pflegemassnahmen greifen, ist der Handlungsbedarf zur nachhaltigen Sicherung besonders dringlich, wenn man diese Flächen als geeignete Lebensräume nicht verlieren will. (3) Es braucht die Wiederherstellung bzw. Neuschaffung der nötigen zusätzlichen Flächen. Sie ersetzen einen Teil der riesigen Flächen zerstörter Lebensräume und können bei der richtigen Lage auch Vernetzungsfunktionen übernehmen. Generell besteht aber für die Kantone ein gewisser Spielraum, wo genau diese Flächen angelegt werden.
Die Ergebnisse der Flächenanalyse lassen sich auf einen Kanton, einen Naturpark oder eine Gemeinde herunterbrechen. Die Daten können somit sowohl regional als auch schweizweit als Grundlage für die zukünftige Naturschutzpolitik dienen. Die Wiederholbarkeit der Studie ist dank der wissenschaftlichen Analyse und deren detaillierter Beschreibung im Technischen Bericht gewährleistet, womit ein Monitoring des Zustands der Lebensräume in der Schweiz ermöglicht wird.
Mitarbeitende