Ökologische Forschung
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    Mechanismen der Populationsdynamik beim Rotmilan

    Mit einer beachtlichen Geschwindigkeit hat der Rotmilan seit den 1970er-Jahren das ganze Mittelland der Schweiz besiedelt und erobert nun auch die Lagen über 800 m. Wie die attraktive Art dies schafft, ist Gegenstand eines grossen Forschungsprojektes der Schweizerischen Vogelwarte.

    Ziele

    Der Rotmilan hat seit den 1970er-Jahren rasant das ganze Mittelland der Schweiz besiedelt und erobert nun in diesem Jahrtausend auch die Lagen über 800 m und die grösseren Alpentäler. In den traditionellen Hauptverbreitungsgebieten in Spanien, Frankreich und den nordöstlichen Bundesländern Deutschlands ist dagegen kein solches Populationswachstum festzustellen. Im Gegenteil: An vielen Orten stiegen die Bestände nur leicht oder waren sogar rückläufig. Die Schweiz beherbergt unterdessen wohl schon deutlich mehr als die 2009 geschätzten 1500 Brutpaare, also gegen 10 % der Weltpopulation des Rotmilans. Tendenz steigend! Auch als Überwinterungsgebiet ist die Schweiz offenbar attraktiv: Unterdessen überwintern mehr als 2500 Rotmilane in der Schweiz!

    Schwerpunkt des Projektes bildet die Untersuchung der Faktoren, die sich auf Überlebensrate, Fortpflanzungsrate, Immigrationsrate und Emigrationrate auswirken und so die Bestandszunahme und die Ausbreitung des Rotmilans in der Schweiz erklären können. Die derzeit stattfindende Ausbreitung in höhere Lagen ermöglicht die Untersuchung von Umweltgradienten und deren Effekt auf Populationen, insbesondere auf den Bruterfolg sowie das Umherstreifen und die spätere Ansiedlung von Jungvögeln nach dem Ausfliegen. Im Rahmen der Dissertation von Patrick Scherler und weiteren studentischen Arbeiten sollen folgende Aspekte untersucht werden:

    1. Ausbreitung und Ansiedlung von Jungvögeln entlang von Höhengradienten
    2. Effekte von natürlichem und anthropogenem Nahrungsangebot auf Bruterfolg und Ansiedlung
    3. Erkundungs- und Zugverhalten im Laufe des Lebenszyklus
    4. Mortalität in verschiedenen Phasen des Lebenszyklus
    5. Auswirkungen von räumlichen Umweltgradienten auf die Populationsdynamik

    Vorgehen

    In den Kantonen Freiburg und Bern werden jährlich grossflächige Revierkartierungen durchgeführt, um den Effekt von Landschaftseigenschaften und Nahrungsangebot auf die Brutdichte zu untersuchen. Rund 300 Jung- und 70 Altvögel werden in den nächsten Jahren mit solarbetriebenen GPS-Sendern ausgerüstet. Damit können die Vögel für den Rest ihres Lebens genau verfolgt werden. Mortalität, Ansiedlung an entfernten Orten und die genaue Raumnutzung während der Jugend-, Zug- und Brutphasen können untersucht werden. Kontrollierte Zufütterung von einzelnen Bruten soll den Effekt von Zusatzfutter auf den Bruterfolg und das Verhalten nach dem Ausfliegen aufzeigen. Mit Nestkameras werden das Brutgeschäft überwacht und das eingetragene Futter erfasst.

    Bedeutung

    Durch den hohen Anteil von Schweizer Brutpaaren an der europäischen Gesamtpopulation hat die Schweiz eine hohe Verantwortung für den Rotmilan. Er ist deshalb eine von 50 Prioritätsarten des Programms Artenförderung Schweiz, das die Schweizerische Vogelwarte Sempach und der SVS/BirdLife Schweiz mit Unterstützung des BAFU durchführen. Es ist von zentraler Bedeutung für diese europäische Art, die Mechanismen und Faktoren zu kennen, welche die Populationsentwicklung beeinflussen. Die Erkenntnisse können auf Rotmilanpopulationen in anderen Ländern übertragen werden und so zum gesamteuropäischen Schutz der Art beitragen.

    Ergebnisse

    Im ersten Untersuchungsjahr 2015 wurde im Studiengebiet eine der höchsten bekannten Revierdichten gefunden. Allerdings flogen nur bei rund einem Viertel der Paare Jungvögel aus; viele Paare schritten gar nicht erst zur Brut. Es wurden 44 Jungvögel mit GPS-Loggern versehen, wovon 30 bis zum nächsten Frühling überlebten. Die Ortungen vom Ausfliegen bis ins Winterquartier der Jungvögel finden Sie in einer Animation.

    Projektleitung

    Martin Grüebler

    Partner

    Guy Pe’er, Helmholtz Centre for Environmental Research – UFZ, Leipzig

    Kontakt und Austausch mit weiteren Rotmilan-Projekten:
    Thomas Pfeiffer, Weimar, Deutschland
    Rainer Raab, Technisches Büro für Biologie, Deutsch-Wagram, Österreich
    Eckhard Gottschalk, Universität Göttingen, Deutschland