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© Markus Varesvuo

Jeden Herbst fliegen zahlreiche Exemplare des aus Sibirien stammenden Gelbbrauenlaubsängers nach Europa statt nach Südostasien. Ein besseres Verständnis dafür, warum sie sich in der Zugrichtung irren, könnte Aufschluss darüber geben, wie die Navigationsmechanismen der Vögel funktionieren.

News - Hintergrund

Wenn Vögel sich verirren

August 2026

Jeden Herbst führen Stürme und Navigationsfehler dazu, dass Zugvögel teilweise tausende Kilometer von ihrer üblichen Route abkommen. Diese Irrflüge können grosse ökologische und evolutionäre Folgen haben, wie etwa die Besiedlung neuer Gebiete oder die Erschliessung neuer Zugwege.

Das Weidengelbkehlchen wiegt etwa zehn Gramm und lebt unter anderem in Feuchtgebieten im Osten Kanadas. Nach der Brutzeit begibt es sich wie jedes Jahr auf den Zug in Richtung Karibik. Doch einmal, als es der Küste entlangfliegt, gerät es in einen Hurrikan, der es über den Atlantik mitreisst. Drei Tage später landet es erschöpft an einer Küste Westeuropas. Es hat gerade 3000 Kilometer Ozean in die falsche Richtung überquert.

Stürme und Störungen

Solche Vögel werden als Irrgäste bezeichnet. Es sind Individuen, die ausserhalb des normalen Verbreitungsgebiets ihrer Art auftauchen. Lange Zeit galten sie einfach als ornithologische Kuriositäten, die die Listen der Vogelbeobachterinnen und -beobachter bereicherten. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen aber, dass solche Ereignisse von ökologischer Bedeutung sind, etwa für die Evolution oder dafür, wie Vögel mit einer sich wandelnden Welt zurechtkommen könnten.

Doch aus welchen Gründen tauchen Vögel manchmal am «falschen» Ort auf? Die kurze Antwort: eine komplexe Mischung aus verschiedenen Faktoren. Jeden Herbst überqueren Milliarden Zugvögel Kontinente und Ozeane. Viele von ihnen ziehen nachts und lassen sich dabei von einem inneren Kompass leiten, der das Erdmagnetfeld, die Sterne und den Sonnenstand umfasst. Auf ihrem ersten Zug verlassen sich viele Jungvögel fast ausschliesslich auf ihr angeborenes Zugverhalten: eine genetisch festgelegte Richtung und eine ungefähre Einschätzung der zurückzulegenden Entfernung. Stürme oder geomagnetische Störungen durch Veränderungen im Erdmagnetfeld können die Navigation durcheinanderbringen.

Im September 2023 zog Hurrikan Lee über den Westatlantik, gerade als Millionen nordamerikanischer Zugvögel nach Süden zogen. Der Sturm verfrachtete eine Rekordzahl dieser Landvögel nach Europa mit dem Ergebnis, dass innerhalb weniger Wochen knapp hundert Exemplare aus 27 Arten auf den Britischen Inseln nachgewiesen wurden.

Fehler eröffnen Möglichkeiten

Wind ist der für uns offensichtlichste Grund für Irrgäste, aber nicht der einzige. Jeden Herbst fliegen in Sibirien Zehntausende kleine Vögel in die falsche Richtung und nehmen Kurs auf Europa statt Südostasien. Dieses Phänomen wird als «reverse migration» (umgekehrtes Zugverhalten) bezeichnet. Bislang haben Forschende noch keine eindeutige Erklärung für diese Orientierungsfehler gefunden. Sie sind eines der grössten Rätsel des Vogelzugs – und bieten eine hervorragende Gelegenheit, mehr über das Orientierungsverhalten der Vögel zu erfahren. Im Ressort Vogelzug an der Vogelwarte beschäftigen wir uns genau mit dieser Frage.

Das Schicksal dieser Irrgäste ist meist tragisch. Ein Vogel, der sich weit entfernt von seiner arttypischen Umgebung wiederfindet – vielleicht mit anderen Nahrungsquellen und ohne Artgenossen –, hat selten eine Chance, zu überleben und an seinen Herkunftsort zurückzukehren. Aber selten ist eben nicht nie.

Tatsächlich ist das Auftauchen weit abseits der üblichen Verbreitung einer Art eine Möglichkeit für Vögel, die entlegensten Gebiete der Erde zu besiedeln. Wir wissen heute, dass ungewöhnliches Zugverhalten eine entscheidende Rolle bei der Besiedlung abgelegener Inseln und Inselgruppen gespielt hat und weiterhin spielt. Beispiele dafür sind Hawaii mitten im Pazifik oder die Azoren mitten im Atlantik. Diese Zugbewegungen sind von Natur aus selten, weshalb der Erfolg der Besiedlung von mehreren Faktoren abhängt: Es müssen genügend Individuen ankommen, um eine Population zu etablieren. Kommt ihr Zustrom schliesslich zum Erliegen, können sich in Isolation eine oder mehrere neue Arten entwickeln.

Neue Zugwege

Sich zu verirren ermöglicht nicht nur die Ansiedlung neuer Populationen auf abgelegenen Inseln, sondern es kann auch die Wege des Vogelzugs neu gestalten. Wenn ein verirrter Vogel überlebt, genügend Nahrung findet, um den Winter zu überstehen, und es schafft, im folgenden Frühjahr in sein Brutgebiet zurückzukehren, bringt er neue Informationen mit.

Der Spornpieper ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Die Art brütet in den Steppen Zentral- und Ostasiens und überwintert normalerweise in Südostasien. Jahrzehntelang tauchten jeden Herbst einige wenige Exemplare als Irrgäste in Europa auf. Dann änderte sich etwas. In Frankreich stieg die Zahl der Sichtungen von einer Handvoll pro Jahr in den 1980er-Jahren auf mehr als 150 bis 200 Exemplare 40 Jahre später. In der Schweiz wiederum wurde die Art zwischen 1959 und 1999 nur viermal beobachtet, seit dem Jahr 2000 hingegen gelangen rund 35 Nachweise. Einige der in Südeuropa überwinternden Vögel wurden mit Geolokatoren ausgerüstet, die von der Schweizerischen Vogelwarte entwickelt wurden. Dabei zeigte sich, dass dieselben Individuen Winter für Winter auf dieselben Felder in Europa zurückkehrten und dass sich ihre Brutplätze fast 6000 Kilometer weiter östlich in der Nähe von Nowosibirsk in Zentralrussland befanden. Diese Spornpieper sind keine Irrgäste mehr, sie nutzen nun eine neue Zugroute. Sie fliegen nach Westen quer über den gesamten Kontinent, anstatt nach Süden in Richtung Südostasien zu ziehen. Der Klimawandel hat dabei wahrscheinlich eine Rolle gespielt: Mildere Winter in Südeuropa haben das Überleben begünstigt und so aus dem, was mit einem Navigationsfehler begann, eine überlebensfähige Strategie gemacht.

Diese ungewöhnlichen Zugbewegungen gehören zu den grossartigen Phänomenen der Natur. Die meisten scheitern. Doch die wenigen, die erfolgreich sind, können neue Populationen gründen, neue Arten hervorbringen und Ökosysteme neu gestalten. In einer Welt, in der sich das Klima verändert und sich Lebensräume stark wandeln, könnten die Irrgäste von heute zu den Pionieren von morgen werden.

Paul Dufour

forscht zu Ökologie und Evolution im Ressort Vogelzug, dem er seit März 2025 angehört. Nach seiner Promotion an der Universität Grenoble in Frankreich über die Evolution des Vogelzugs absolvierte er zwei Postdoc-Stellen. In Schweden und anschliessend in Frankreich befasste er sich dabei mit der Untersuchung des Vogelzugs auf verschiedenen räumlichen und zeitlichen Skalen. Seine Forschung befindet sich an der Schnittstelle zwischen Zugökologie und Evolutionsbiologie. Dazu kombiniert er verschiedene Methoden, insbesondere die Nachverfolgung von Vögeln mithilfe von Geolokatoren und Genomik.

Im Beitrag erwähnte Vogelarten

Spornpieper
Gelbbrauenlaubsänger