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News - Hintergrund

Avinews April 2024

April 2024

Schon wer einen ersten Blick in die kürzlich erschienene Chronik «100 Jahre Schweizerische Vogelwarte» wirft, ein paar Absätze liest und die Stimmungen der Fotos spürt, entdeckt einen besonderen Geist, von dem die Gründer der Vogelwarte beseelt waren. Es brauchte aber über zehn Jahre, in denen es «an Mut, an Zuversicht, an Geld, an allem» fehlte, bis die Vogelwarte im April 1924 endlich gegründet werden konnte. Wer die Berichte der frühen Tage liest, spürt echte Aufbruchstimmung. Die Vogelberingung als neue, spannende Forschungsaufgabe, Informationen zusammentragen, Wissen bündeln, Begeisterung teilen.

Was vielleicht weniger bekannt ist: Die Vogelwarte war von Anfang an auch eine gewissenhafte Auskunftsstelle. Schon in den 1920er-Jahren wurden Führungen angeboten und jedes Jahr einige Hundert Briefe beantwortet – in der Freizeit am Abend oder am Wochenende. Alfred Schifferli sen. als erster Leiter der Vogelwarte setzte auch auf Medienarbeit, um «die Idee des Vogelschutzes auszubreiten.» Was wir auch heute noch verfolgen – mit diesem Avinews in Ihren Händen oder mit anderen Kommunikationsmitteln. Es ist bemerkenswert, wie viele Aufgaben Alfred Schifferli sen. praktisch in Personalunion erledigte, die die Vogelwarte auch heute noch ausführt. Forschen-schützen-informieren seit 100 Jahren!

Der Artikel zu den Anfängen der Vogelwarte zeigt eindrücklich, mit welchen Widrigkeiten die Gründer der Vogelwarte konfrontiert waren. Da steht etwa: «Wie schön wäre es, wenn unsere Gesellschaft als Inhaberin der Vogelwarte ihre bescheidenen Mittel nicht überallhin so knapp abmessen müsste, damit auf den Gebieten Vogelkunde und Vogelschutz nur das Allernötigste getan werden kann.» Welch erfolgreichen Weg Vogelkunde und Vogelschutz in der Schweiz seither zurückgelegt haben! Nach hundert Jahren wird die Arbeit «nicht alles so nebenbei besorgt» und es widmet sich nicht nur eine Person «ganz der Vogelwarte», sondern gleich ganz viele. Wir erkunden und schützen, was uns begeistert. Auf diese Entwicklung dürfen wir stolz sein, und in diesem Sinne soll es weitergehen!

Avinews April 2024

Hintergrund
Die Schweizerische Vogelwarte blickt auf eine bewegte Geschichte in den vergangenen 100 Jahren zurück. Zu ihrem Jubiläum wurde dies in der kurzweiligen Chronik «100 Jahre Schweizerische Vogelwarte Sempach» f...
Hintergrund
Seit 2021 ruft die Vogelwarte im Rahmen ihres Programms «Aufschwung für die Vogelwelt» zur Einreichung von Projekten auf. Drei Jahre später konnten wir dank der Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern bereit...
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Mit welchen Fördermassnahmen lässt sich der Wendehals wiederansiedeln? Neue Erkenntnisse sollen die Förderung des Wendehalses verbessern.
Hintergrund
Seit 2010 untersucht die Vogelwarte die Ökologie des gefährdeten Waldlaubsängers. Zunächst standen die Habitatansprüche im Zentrum, in letzter Zeit wurden vermehrt die Auswirkungen der unregelmässig auftrete...
Hintergrund
Wie viele Vogelarten brüten in der Schweiz? Wie viele davon stehen auf der Roten Liste? Um diese Fragen zu beantworten, muss man zuerst definieren, was eine Art ist. Regelmässige Änderungen in Artenlisten fü...
News - Hintergrund

Die Anfänge der Vogelwarte

April 2024

Die Schweizerische Vogelwarte blickt auf eine bewegte Geschichte in den vergangenen 100 Jahren zurück. Zu ihrem Jubiläum wurde dies in der kurzweiligen Chronik «100 Jahre Schweizerische Vogelwarte Sempach» festgehalten.

Die ersten Pläne zur Gründung einer Vogelwarte wurden von Alfred Schifferli sen., dem späteren Gründer der Vogelwarte, folgendermassen zusammengefasst: «Seit vielen Jahren wurde in ornithologischen Kreisen das Fehlen einer wissenschaftlichen Zentrale für Vogelkunde und Vogelschutz empfunden. Es fehlte eine Stelle, welche die Berichte der Beobachter sammelte. Statt der Privatsammlungen, die da und dort zerstreut im Lande herum bestehen, oder neben ihnen sollte eine zentrale Sammlung da sein, zur Benützung für unsere Forscher. Die Beringung wurde lange Jahre von zwei Mitgliedern des Vorstandes der S.G.V.V. (Schweizerische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz, heute Ala) auf eigene Kosten und privat durchgeführt. Im Vorstande unserer Gesellschaft wurde schon früher, im Jahre 1912 an einer Sitzung in Olten, die Schaffung einer Zentrale angeregt, doch fehlte es an Mut, an Zuversicht, an Geld, an allem.»

Der formelle Beschluss, eine schweizerische ornithologische Zentralstelle zu gründen, wurde am 10. Juni 1922 an der Frühjahrsversammlung der S.G.V.V. in Luzern gefasst, obschon die Finanzierung weiterhin nicht gesichert war. Ziele waren die Sammlung von präparierten Vögeln und Eiern, der Aufbau einer Handbibliothek und die «Kontrollen über die Beringungen der Vögel […] und die Ringabgabe». Als Ort wurde Sempach vorgeschlagen, weil das historische Städtchen zentral gelegen sei, mit dem See, Teichen und Bächen ein reiches Vogelleben beherberge und frei von Industrie sei. Weitere Argumente waren die Nähe zum Reservat Längenrain am Seeufer, dem ersten Schutzgebiet der S.G.V.V., und das Entgegenkommen der Behörden von Sempach. Vor allem aber wohnte der Mitinitiant Alfred Schifferli in Sempach und anerbot sich, die Arbeiten der Zentrale nach Möglichkeit in seiner Freizeit zu besorgen.

Er erledigte die Arbeiten für die Vogelwarte in seinem Wohnhaus. Die Eröffnungsfeier fand im Rahmen einer Tagung der S.G.V.V. am Sonntag, dem 6. April 1924, in Sempach statt. Der Präsident Albert Hess schilderte die Vorgeschichte und Alfred Schifferli referierte über «Die Bedeutung von Sempach als Vogelzugsbeobachtungspunkt ».

Beringungszentrale und Starenberingung

Die Vogelzugforschung war von Anfang an eine der Hauptaufgaben der Vogelwarte. Sie übernahm die Funktion der «Schweizerischen Zentralstation für Ringversuche». Dies bedeutete einerseits die Abgabe und Verwaltung der Ringe, andererseits widmete sich Alfred Schifferli selbst sehr intensiv der Vogelberingung. 1925 wurden 408 Vögel oder etwa 25 % aller in der Schweiz beringten Vögel an der Vogelwarte markiert.

Im Herbst 1927 reisten Alfred Schifferli und seine Frau nach Helgoland, wo sie sich von Rudolf Drost, dem Leiter der dortigen Vogelwarte, den Vogelfang mit Reusen zeigen liessen. Im Oktober 1931 und Ende September 1932 konnten die beiden das Osservatorio ornitologico del Garda in Salò besuchen, eine Fanganlage, die teilweise von der Universität Bologna betrieben wurde. Schon 1929 wurde die Schweizerische Vogelwarte in einer Übersicht über die europäischen Beringungszentralen aufgeführt.

Oft wurde nachts vom Ruderboot aus gefangen. Bei Schwalben gelang das an ihren nächtlichen Schlafplätzen gut, bei Staren wegen ihrer Wachsamkeit zu Beginn weniger. Diese Aktionen waren nicht immer ganz ungefährlich, was Alfred Schifferli so beschrieb: «Wie schon in den Vorjahren stunden uns die Boote vom Schloss Wartensee und dem Fischer von Sempach zu jeder Zeit zur Verfügung. Fast zu allen Tages-, mehr aber noch zu Nachtzeiten, machten wir von diesen zuverlässigen Fahrzeugen Gebrauch. Als uns einmal gegen Mitternacht auf der Heimfahrt der Wind unvermutet überraschte, waren wir über sein drittes Ruder sehr froh, dadurch wurde die vom Sturm erzwungene Notlandung im dichten Schilf besonders für Frau und Kinder etwas weniger ungemütlich.»

Am 24. Oktober 1929 wurde erstmals ein bereits anderswo beringter Vogel in Sempach gefangen. Es war ein Star, der seinen Ring am 29. Mai desselben Jahres in Halle an der Saale im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt erhalten hatte.

Vogelpflege, Auskunftsdienst, Besuche und Öffentlichkeitsarbeit

Die Vogelwarte wurde von Anfang an als Auskunftsstelle in Anspruch genommen. Schon 1926 waren einige hundert Briefe zu beantworten, «am Sonntag oder am Abend nach Geschäftsschluss» 1936 waren es schon 1887 briefliche und telefonische Anfragen über Vogelschutz und 1951 bis 1952, als die Beratungsstelle für Vogelschutz der Ala an die Vogelwarte ging, einige tausend. Im Gründungsjahr kamen ausserdem 104, im Jahr darauf 50 Besucherinnen und Besucher. Bald war der Ansturm so gross, dass 1932 erwogen wurde, nur gewisse Tage für Führungen zu reservieren. Ebenfalls schon in den ersten Jahren war die Vogelwarte in Zeitungen und Zeitschriften präsent. Alfred Schifferli notierte 1928: «Durch Belehrungen in der Presse wurde nach Möglichkeit versucht, die Idee des Vogelschutzes auszubreiten.»

Alfred Schifferli beklagte sich immer wieder über die grosse Arbeitslast. Den Jahresbericht für 1929 schloss er so: «Wir dürfen zufrieden sein mit dem, was wir erreichten, aber ein grosses Bedauern und eine tiefe Niedergeschlagenheit packen mich, wenn ich daran denke, was wir schaffen und erreichen könnten, wenn uns durch eine Behörde oder eine Bildungsstelle so geholfen würde, dass sich jemand ganz der Vogelwarte widmen könnte, wenn nicht alles so nebenbei besorgt werden müsste. Wie schön wäre es, wenn unsere Gesellschaft als Inhaberin der Vogelwarte ihre bescheidenen Mittel nicht überallhin so knapp abmessen müsste, damit auf den Gebieten Vogelkunde und Vogelschutz nur das Allernötigste getan werden kann. Nicht nur hier in Sempach, auch anderwärts im Lande sind die Leute, welche Ornithologie treiben, meistens auf Erwerb in ganz andern Tätigkeitsgebieten angewiesen. Alles sind Liebhaber, Freunde der Natur, und die Begeisterung für ein Ideal lässt sie für diesen Wissenschaftszweig arbeiten. Aber schliesslich kann die grösste Begeisterung erlahmen, wenn am weiten Horizont kein Hoffnungsschimmer auftaucht und keine Aussicht ist, dass es einmal besser werde. Dies möge man auch da und dort beim Beurteilen des Standes der Ornithologie in der Schweiz erwägen.»

Buch «100 Jahre Schweizerische Vogelwarte Sempach»

Dieser Text ist ein leicht abgeänderter Auszug aus dem Buch «100 Jahre Schweizerische Vogelwarte Sempach». Die Chronik schildert, was aus der Idee der Gründer geworden ist, wie sich die Vogelwarte vom ehrenamtlich geführten Einmannbetrieb zur prosperierenden Stiftung für Vogelkunde und Vogelschutz entwickelt und was sie in diesen ersten hundert Jahren schon alles erreicht hat.

Das Buch kann für 100 CHF bezogen werden (unten) oder unter www.vogelwarte.ch/shop.

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© Schweizerische Vogelwarte

Mit dem Projekt Rehhagweid wird ein Mosaik aus blumenreichen Weiden, Magerrasen, buchtigen Waldrändern mit Saumvegetation, lichten Waldflächen, Einzelbäumen, Obstgärten, Hecken und Kleinstrukturen geschaffen.

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Drei Jahre Aufschwung für die Vogelwelt

April 2024

Seit 2021 ruft die Vogelwarte im Rahmen ihres Programms «Aufschwung für die Vogelwelt» zur Einreichung von Projekten auf. Drei Jahre später konnten wir dank der Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern bereits 23 Projekte realisieren.

In der Schweiz beanspruchen die Menschen für ihre Nutzungen immer mehr Raum, oft auf Kosten der Natur. Dies führt dazu, dass für die Tier- und Pflanzenwelt immer weniger Platz bleibt. Die Konsequenz: Heute ist rund ein Drittel der Arten bedroht. 40 Prozent der Arten stehen derzeit auf der nationalen Roten Liste und auch die Situation der Vogelwelt in der Schweiz gibt allen Anlass zur Sorge. Aus diesem Grund startete die Vogelwarte 2021 ein ehrgeiziges Programm, um langfristig den Zustand der Vogelwelt zu verbessern. So entstand das Projekt «Aufschwung für die Vogelwelt» mit dem Ziel, hochwertige Lebensräume für Vögel zu schaffen.

Privatpersonen, Gemeinden, Vereine und alle, die ein zusammenhängendes Grundstück mit einer Fläche von mindestens 3 Hektar besitzen, sind eingeladen, ihre Projekte bei «Aufschwung für die Vogelwelt» einzureichen. Die Partner müssen in der Lage sein, die Pflege der geplanten Massnahmen langfristig zu gewährleisten. Die Zielarten werden gemeinsam mit der Vogelwarte definiert. Sobald die Projektdossiers vorliegen und alle Kriterien erfüllt sind, werden die Projekte einer vogelwarte- internen Steuerungsgruppe zur Beurteilung vorgelegt. Die akzeptierten Projektanträge, erhalten finanzielle und fachliche Unterstützung von der Vogelwarte. Sie überwacht zudem die Wirksamkeit der Massnahmen.

Drei Jahre nach dem Start des Programms ist die Bilanz erfreulich: Die Vogelwarte unterstützt mittlerweile in 12 Kantonen 23 langfristige Projekte mit einer Gesamtfläche von 490 Hektar. Wir arbeiten mit 52 Partnern aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen: Landwirtschaft, Privatpersonen, Gemeinden, Kantone, Naturparks und Vereine aller Art. Die Partner selbst haben bisher rund 3,8 Mio. CHF in die Projekte investiert, welche die Vogelwarte mit weiteren 3,5 Mio. CHF unterstützt hat.

Die Projekte sind so vielfältig wie die jeweiligen Partner. Die Mehrheit befindet sich im Kulturland, aber jedes der 15 in diesem Lebensraum geplanten Projekte hat seine eigenen Schwerpunkte. Zu den Massnahmen gehören etwa die Wiederansaat von Blumenwiesen, die Pflanzung von neuen Hochstamm- Obstgärten und die Schaffung von Strukturen, die Kleintieren zugutekommen. Vier Projekte liegen im Wald und haben etwa die Wiederherstellung von Kastanienwäldern oder die Schaffung von gestuften Waldrändern zum Ziel. Ein weiteres Beispiel ist die Rehhagweid oberhalb von Langenbruck BL. In einer Zusammenarbeit mit dem Forstbetrieb Frenkentäler und dem Bewirtschafter des an den Wald angrenzenden Kulturlands entstand die Idee zur Anlage eines Wald-Weide-Mosaiks. Der Fokus des Projekts liegt auf der Förderung von Tier- und Pflanzenarten, die besonders auf eine starke Verzahnung von Wald und Offenland angewiesen sind. Vier Projekte sind auf die Aufwertung von Feuchtgebieten ausgerichtet. Zahlreiche Vogelarten profitieren schon jetzt von den Massnahmen, ebenso wie viele andere Tiergruppen und die Flora im Allgemeinen.

Möchten auch Sie die Vogelwelt unterstützen? Wir sind weiterhin auf der Suche nach neuen Projekten! Wenn Sie Land besitzen, das die Kriterien für ein «Aufschwung für die Vogelwelt»-Projekt erfüllt, kontaktieren Sie uns bitte unter aufschwung@vogelwarte.ch oder über das Formular auf unserer Website.

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Aufschwung für die Vogelwelt

Zusammen mit Partnern führen wir Projekte zur Aufwertung und langfristigen Sicherung von Lebensräumen in der ganzen Schweiz durch.

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© Michael Lanz

Eine vielfältige Landschaft mit verschiedenen Elementen wie Trockenmauern, extensiven Reben, Hecken, Einzelbäumen und Waldrändern bietet dem Wendehals einen optimalen Lebensraum.

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Ein Ameisenfeinschmecker auf Lebensraumsuche

April 2024

Mit welchen Fördermassnahmen lässt sich der Wendehals wiederansiedeln? Neue Erkenntnisse sollen die Förderung des Wendehalses verbessern.

Der Wendehals besiedelt in der Schweiz verschiedene Lebensräume, kommt aber trotz seiner weiten Verbreitung meist nur in geringen Dichten vor. Grössere und zusammenhängende Bestände beschränken sich auf Gebiete um den Genfersee, den westlichen Teil des Jurasüdfusses, das Tessin, die grossen Alpentäler, sowie die Schaffhauser Rebbaugebiete. Der Wendehals ernährt sich fast ausschliesslich von Ameisen sowie deren Larven und Puppen. Die Ameisennester müssen für den Wendehals gut zugänglich sein. Als Höhlenbrüter, der seine Höhlen nicht selbst anfertigt, ist er zudem auf ein ausreichendes Angebot von Bruthöhlen angewiesen. Forschungsprojekte aus der Westschweiz haben gezeigt, dass eine hohe Dichte von Ameisen und ihren Nestern, offene Bodenstellen und eine ausreichende Verfügbarkeit von Bruthöhlen die drei wichtigsten Kriterien sind, nach denen der Wendehals sein Brutrevier auswählt.

Auf diesen Grundlagen aufbauend hat die Vogelwarte zusammen mit BirdLife Schweiz im Jahr 2016 ein neues Förderprojekt lanciert. Dabei sollen das Verbreitungsgebiet des Wendehalses von der Westschweiz entlang des Jurasüdfusses gegen Osten erweitert und isolierte Bestände miteinander vernetzt werden. In einem ersten Schritt wurden geeignete Lebensräume wie Rebberge, extensiv bewirtschaftete Wiesen und Weiden sowie angrenzende lichte Wälder identifiziert. Mit der Unterstützung von lokalen BirdLife-Sektionen wurden diese Gebiete dann mit über vierhundert Nisthilfen ausgestattet, die beim Wendehals als eine erfolgreiche Fördermassnahme erprobt sind. Trotz regelmässiger Überwachung zur Brutzeit wurden bis 2018 leider keine neuen Ansiedlungen festgestellt.

Welche Faktoren bestimmen über Ansiedlung und Brut?

Von 2019 bis 2021 wurde deshalb entlang des Jurasüdfusses mit einer neuen Massnahme getestet, ob sich der Wendehals mit Klangattrappen anlocken und zur Ansiedlung anregen lässt. Gleichzeitig wurden die Vorkommen und Dichten der Ameisen erhoben.

Als Nahrung sind für den Wendehals Ameisen ab ca. 3 mm Grösse interessant. Wiesenameisen, insbesondere die Schwarze und die Gelbe Wiesenameise (Lasius niger und L. flavus), wurden im Projektgebiet am häufigsten festgestellt. Weil deren Arbeiterinnen 3 bis 5 mm messen, machen sie hier wohl den wichtigsten Teil der Wendehalsnahrung aus. Die Dichte der Ameisen und ihrer Nester unterschieden sich je nach Lebensraum. Auf den mosaikartig angelegten Rebflächen, die viel offenen Boden aufweisen und sich vorwiegend sonnenbeschienenen Lagen befinden, stellten wir die höchsten Dichten fest. Etwas geringer waren sie in extensiv bewirtschafteten Wiesen und Weiden, am niedrigsten waren sie auf intensiv bewirtschafteten Wiesen und Weiden. Wie vermutet, hielten sich Wendehälse bevorzugt in Gebieten mit einer hohen Ameisendichte auf. Dies stellten wir sowohl in der Zeit fest, in der sie sich auf Reviersuche befanden (April bis Mitte Mai), als auch während der Brutzeit (Mitte Mai bis Anfang Juli).

Das Abspielen von Wendehalsrufen mit Klangattrappen (fünfmal pro 24 Stunden, für je eine Minute) hatte während der Reviersuche einen positiven Effekt auf das Auftreten von Individuen – jedoch nur auf Flächen mit geringer, aber nicht auf solchen mit hoher Ameisendichte. Gar keinen Einfluss hatte das Abspielen darauf, ob sich ein Wendehals zum Brüten niederlässt. Diese Ergebnisse zeigen, dass sowohl soziale Faktoren als auch Lebensraumeigenschaften für die Gebietswahl wichtig sind. Wendehälse lassen sich also während der Reviersuche mit Klangattrappen bis zu einem bestimmten Mass anlocken. Die Entscheidung, in welchen Gebieten sich ein Wendehals dann zum Brüten ansiedelt, hängt aber hauptsächlich von der Qualität des Lebensraums ab.

Erkenntnisse für die Förderung des Wendehalses

Seit rund 20 Jahren engagieren sich Vogelschützerinnen und Vogelschützer, Vereine und Kantone in verschiedenen Regionen für die Förderung des Wendehalses. Neben grossflächigen Massnahmen wie der Erhöhung von Strukturvielfalt und der Umstellung auf extensivere Bewirtschaftung können gerade für Ameisen auch kleinräumige Aufwertungen zu einer erfolgreichen Förderung beitragen. Dazu gehören der Erhalt und das Anlegen von mosaikartig verteilten und strukturreichen Lebensraumbausteinen. Eine zeitlich gestaffelte Mahd, das Aufrauen oder oberflächige Aufbrechen von Bodenstellen im Spätwinter oder das Stehenlassen der Vegetation während der Brutzeit sind weitere Elemente einer ameisenfreundlichen Bewirtschaftung. Klangattrappen können je nach Situation unterstützend wirken. Die Fördermassnahmen müssen aber hauptsächlich auf die Qualität der Lebensräume abzielen, weil sie für die Ansiedlung und insbesondere für erfolgreiche Bruten entscheidender sind.

Die Förderung des Wendehalses braucht zudem Geduld, wie die Erfahrung aus verschiedenen Projekten zeigt. Zwischen ersten Massnahmen und einer positiven Auswirkung auf den Wendehalsbestand vergehen oft mehrere Jahre. Bestehende Projekte sollen deshalb weitergeführt werden und nach Möglichkeit die genannten Erkenntnisse für die Förderung aufnehmen. Dieses Engagement ist für den Erhalt der Art bedeutend. Nur so wird das Quäken dieses Ameisenspezialisten wieder häufiger zu hören sein.

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© Marcel Burkhardt

Der Waldlaubsänger passt mit seinem gelbgrünen Gefieder farblich perfekt zu den Wäldern, die er bewohnt.

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Von Mäusen, Samen und Waldlaubsängern

April 2024

Seit 2010 untersucht die Vogelwarte die Ökologie des gefährdeten Waldlaubsängers. Zunächst standen die Habitatansprüche im Zentrum, in letzter Zeit wurden vermehrt die Auswirkungen der unregelmässig auftretenden Samenmasten im Ökosystem Wald untersucht.

In unseren Wäldern kommt es in unregelmässigen Abständen zu einer Samenmast von Buchen, Eichen und weiteren Baumarten. In kurzer Zeit steht so eine grosse Menge an Nahrung für verschiedenste Tiere zur Verfügung. Dazu zählen auch Waldmäuse, die nach einer herbstlichen Samenmast im folgenden Frühling überdurchschnittlich häufig sind.

Mehr Mäuse, weniger Waldlaubsänger

Bereits 1949 schrieb Fritz Amann im Ornithologischen Beobachter, dass sich in solchen mausreichen Jahren sehr wenige Reviere des Waldlaubsängers finden liessen, während dieser im gleichen Waldgebiet schon ein Jahr später wieder deutlich häufiger anzutreffen war. Dieses Muster wurde inzwischen in mehreren Studien bestätigt. Lange vermutete man, dass der bodenbrütende Waldlaubsänger Gebiete mit vielen Mäusen meidet, um Nestraub durch Mäuse und dadurch hervorgerufene Brutverluste zu reduzieren. Unsere Untersuchungen im Schweizer Jura, bei Marburg in Hessen und im polnischen Białowieża-Nationalpark sowie Studien aus England und Wales unterstützen diese Vermutung allerdings nicht.

Obwohl insgesamt die Hälfte der Bruten von über 600 mit Kameras überwachten Nestern erfolglos blieben, fielen nur sehr wenige den Mäusen zum Opfer. Dies könnte daran liegen, dass Waldlaubsänger, falls sie sich überhaupt ansiedeln, kleinräumig Orte wählen, wo es weniger Waldmäuse hat. Als Nesträuber weitaus bedeutender waren Eichelhäher, Marder und Rotfuchs. Sie waren zusammen für fast 60 % aller ausgeraubten Nester verantwortlich, wobei deren Bedeutung von Gebiet zu Gebiet variierte. In Jahren mit vielen Mäusen stellten wir im Schweizer Jura zudem eine erhöhte Aktivität von Mardern und Rotfüchsen fest, die entsprechend häufiger als Nesträuber auftraten. Unter dem Strich waren sowohl die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Nest Jungvögel ausfliegen, als auch die Anzahl ausfliegender Jungvögel in Mausjahren deutlich tiefer als in anderen Jahren. Dass Waldlaubsänger in mausreichen Jahren seltener brüten und kleinräumig mausreiche Gebiete meiden, ist demnach sinnvoll, aber offenbar nicht einem direkten Einfluss der Mäuse auf den Waldlaubsänger zuzuschreiben.

Häufigere Samenmast führt zu Bestandsrückgang

In einigen Gebieten Europas häuften sich bei einigen Baumarten die Samenmasten in den letzten 20 Jahren, und es werden auch in Nicht-Mastjahren mehr Baumsamen produziert. Dies ist unter anderem auf den Klimawandel zurückzuführen. Könnte es also sein, dass der Waldlaubsänger nun immer öfter ungünstige Brutbedingungen vorfindet und so nicht mehr genügend Nachwuchs produziert, um den Bestand zu erhalten? Um diese Fragen zu beantworten, modellierten wir die Wachstumsraten von Waldlaubsängerpopulationen auf der Basis hunderter Nester aus Deutschland, Polen und der Schweiz. Die Resultate zeigten tatsächlich, dass Populationen in Wäldern mit häufigen Samenmasten abnahmen, während solche in Wäldern mit grösseren Abständen zwischen den Samenmasten stabil waren. Dies bedeutet, dass Veränderungen eines natürlichen Vorgangs (Samenmast), hervorgerufen unter anderem durch den Klimawandel, die Bestandsentwicklung des Waldlaubsänger und wohl auch anderer Arten zu beeinflussen scheint.

Reges Kommen und Gehen

Der Waldlaubsänger gilt als Nomade, weil sowohl Jung- als auch Altvögel kaum je in ihre Schlupf- bzw. Brutreviere zurückkehren. Diese mit Beringung gewonnene Erkenntnis wurde in verschiedenen Ländern festgestellt und hängt wohl mit den zuvor erläuterten Auswirkungen von Samenmasten zusammen. Neu stellten wir hingegen fest, dass auch innerhalb einer Brutsaison in einem Revier ein reges Kommen und Gehen herrscht, und dass dieser «saisonale Nomadismus» der Männchen von den Weibchen hervorgerufen wird. Wurde ein Männchen von keinem Weibchen als Partner ausgewählt, verliess es sein Gesangsrevier innert Tagen bis wenigen Wochen. Am selben Ort sang schon wenig später wieder ein anderes Männchen. Ohne die individuelle Markierung mit einem Ring hätte dieser Wechsel nicht bemerkt werden können. Die Anwesenheit eines paarungsbereiten Weibchens war für die Männchen auch nach der Verpaarung wichtig. Bebrüteten Weibchen ihre Gelege, versuchte knapp ein Viertel der verpaarten Männchen in einem zweiten Revier die Gunst eines anderen Weibchens zu gewinnen. Und wanderte ein Weibchen nach der ersten Brut schliesslich ab, tat es sein Männchen ebenfalls– unabhängig davon, ob die Brut erfolgreich gewesen war oder nicht. Die Weibchen treffen beim Waldlaubsänger demnach die wichtigen Entscheidungen!

Erkenntnisse für den Artenschutz

Unsere Untersuchungen zeigen, dass der Waldlaubsänger bevorzugt in mittelalten Laubmischwäldern mit weitgehend geschlossenem Kronendach und einem lückigen Stammraum siedelt. Der Boden ist mässig mit grasartiger Vegetation bedeckt, Sträucher und Jungbäume kommen selten vor. Deshalb ist der Waldlaubsänger stark betroffen vom übermässigen Stickstoffeintrag in die Wälder. Dadurch wachsen diese für den Waldlaubsänger wichtigen offenen Bereiche immer stärker zu. Diese Erkenntnisse mündeten in ein Artenförderungsprojekt für den Waldlaubsänger. Gemeinsam mit Forstbetrieben und Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern wurden in den Kantonen Basel-Landschaft und Solothurn geeignet erscheinende Waldflächen ausgesucht, um die Art durch gezielte waldbauliche Massnahmen, wie der Entfernung der Strauch- und Unterschicht, auf diesen Flächen zu fördern. Diese Massnahmen wirkten: Sowohl die Anzahl der Reviere als auch die Anzahl der Nester nahm zu. Dies ist eine erfreuliche Nachricht, denn der Waldlaubsänger gilt mittlerweile als «verletzlich» und sein Bestand ist in den letzten zehn Jahren um die Hälfte eingebrochen. Der Waldlaubsänger ist also dringend auf Förderung angewiesen, wenn er langfristig in der Schweiz überleben soll.

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Warum werden Artenlisten immer wieder angepasst?

April 2024

Wie viele Vogelarten brüten in der Schweiz? Wie viele davon stehen auf der Roten Liste? Um diese Fragen zu beantworten, muss man zuerst definieren, was eine Art ist. Regelmässige Änderungen in Artenlisten führen dabei zu Unverständnis. Sie sind aber notwendig, um das aktuelle Wissen möglichst korrekt wiederzugeben.

Vor einigen Jahrzehnten war die Möwenwelt in der Schweiz noch ziemlich in Ordnung: Es gab nur eine Grossmöwe mit hellgrauem Mantel, die Silbermöwe. Später wurde sie in zwei Arten aufgeteilt, neben der Silbermöwe gab es nun auch die Weisskopfmöwe. Doch auch dabei blieb es nicht, die Weisskopfmöwe wurde noch einmal in zwei Arten getrennt. So sind wir heute in der Schweiz bei drei Grossmöwen mit hellgrauem Mantel: Silbermöwe, Mittelmeermöwe, Steppenmöwe.

Auch wenn die Unterscheidung dieser drei Arten viel Mühe bereitet und wohl einige es lieber bei der Silbermöwe belassen hätten: Aus evolutionsbiologischer Sicht ist es korrekt, dass es nun drei Arten gibt. Doch wer entscheidet überhaupt, was eine Art ist und wie viele Arten es gibt?

Es gibt weltweit vier grosse Listen, die alle Vögel der Erde katalogisieren. Bislang folgte die Vogelwarte der Liste von BirdLife International. Diese konnte sich aber nie richtig durchsetzen, ausserdem berücksichtigt sie genetische Erkenntnisse nicht. Deshalb folgt die Vogelwarte per 2024 der Liste des International Ornithological Congress (IOC) (www.worldbirdnames.org). Dies hat einige Änderungen in der Schweizer Artenliste zur Folge. In der IOC-Liste werden beispielsweise Raben- und Nebelkrähe als eigene Arten aufgeführt, während sie bei BirdLife International zwei Unterarten einer Art sind, der Aaskrähe. Aber wieso kommen IOC und BirdLife International im Fall der Krähen zu einer unterschiedlichen Beurteilung?

Der Grund liegt in der Auffassung des Begriffs «Art». Es gibt keine allgemeingültige Definition, deshalb spricht man von «Artkonzepten». Es gibt über 20 verschiedene Artkonzepte, die alle einen unterschiedlichen Fokus haben. Am häufigsten verwendet wird das biologische Artkonzept. Es besagt, dass sich nur Individuen miteinander fortpflanzen können, die zur selben Art gehören, nicht aber Individuen, die zu unterschiedlichen Arten gehören. Populationen werden also «schubladisiert» und klar einer Art zugewiesen. Artbildung geschieht aber nicht plötzlich, sondern ist ein kontinuierlicher Prozess, der sich bei Vögeln über Hundertausende bis Millionen von Jahren hinzieht. Spalten sich also zwei Populationen derselben Art voneinander ab und sind auf dem Weg zur Artbildung, gibt es immer einen Zeitraum, in dem eine erfolgreiche Fortpflanzung der beiden Populationen noch möglich ist. Dann ist das biologische Artkonzept nur bedingt anwendbar.

Im Krähenbeispiel ist der Unterschied im gesamten Erbgut nicht grösser als ein halbes Prozent. Raben- und Nebelkrähe sind genetisch also praktisch identisch und können sich untereinander fortpflanzen. Aber die Färbung ist sehr unterschiedlich, zudem haben Studien gezeigt, dass sich Nebelkrähen bevorzugt mit Nebelkrähen fortpflanzen und Rabenkrähen bevorzugt mit Rabenkrähen. Ob die beiden Krähen nun als eine Art oder zwei Arten betrachtet werden sollen, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Für die Beurteilung werden Genetik, Färbung, Physiologie und Paarungsverhalten berücksichtigt. Die IOC-Liste kommt zum Schluss, dass es sich bei Rabenkrähe und Nebelkrähe um zwei Arten handelt, die BirdLife-Liste hingegen nicht.

Bei einer Artabgrenzungen handelt es sich also immer um eine Beurteilung des aktuellen Wissensstands. Weil Artkonzepte menschengemachte Konstrukte sind und Artbildung ein kontinuierlicher Prozess ist, besteht immer ein Interpretationsspielraum. Wichtig ist, dass neue Forschungserkenntnisse immer wieder in die Beurteilung einfliessen. Diese Erkenntnisse können die Beurteilung ändern, was schlussendlich zu Änderungen in einer Artenliste führt – und wir uns wieder mit neuen Namen und Bestimmungskriterien auseinandersetzen müssen.

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Der farbenprächtige Gartenrotschwanz ist selten geworden. Deshalb fördert ihn die Vogelwarte unter anderem in den Obstgärten bei Egnach und Muolen. Dazu gehören insbesondere Lebensraumaufwertungen, aber auch das Bereitstellen von Nistkästen.

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Förderung eines seltenen Vogels

April 2024

Der früher häufige Gartenrotschwanz kommt im Mittelland nur noch in wenigen Regionen vor. Dazu gehören auch die Obstgärten bei Egnach und Muolen, wo die Vogelwarte seit mehreren Jahren ein erfolgreiches Förderprojekt umsetzt. Dank der guten Zusammenarbeit
mit der Landwirtschaft und dem Kanton steigt der Bestand des Gartenrotschwanzes in der Region an.

Die Obstgärten von Muolen und Egnach beherbergen eine ganz besondere Vogelart: den Gartenrotschwanz. Der bunt
gefärbte Vogel ist spatzengross und mit seinem orangen Bauch und der weissen Stirn ein echter Hingucker. Er kehrt
diese Tage Afrika zurück in sein Brutgebiet. Unter anderem weil Hochstamm-Obstgärten verschwanden, ist auch der
früher häufige Gartenrotschwanz im Mittelland selten geworden.

Im Jahr 2017 startete die Schweizerische Vogelwarte deshalb ein Förderprojekt für den Gartenrotschwanz im
Obstbaugebiet bei Muolen und Egnach. Ziel war es, den Bestand zu erhalten und die Obstgärten mit wertvollen
Elementen wie Einzelbüschen und niederen Hecken vielfältiger zu gestalten.

Nach sieben Projektjahren ziehen wir eine positive Bilanz: 34 Landwirtinnen und Landwirte beteiligen sich am Projekt,
und der Bestand des Gartenrotschwanzes erreichte in den letzten drei Jahren einen erfreulichen Bestand von rund 30
Revieren. Das Förderprojekt kann dank der Unterstützung durch die Kantone St. Gallen und Thurgau und die Gemeinde
Muolen durchgeführt werden. Der Mehraufwand der Landwirtinnen und Landwirte für die Fördermassnahmen wird mit Beiträgen entschädigt, die zum grössten Teil von den Kantonen übernommen werden.

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© Marcel Burkhardt

Die Kolbenente hat stark von saubereren Gewässern profitiert. Die rund 30 000 in der Schweiz überwinternden Individuen entsprechen etwa der Hälfte des europäischen Bestands!

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Jahrzehntelanger Einsatz für Wasservögel

Februar 2024

Die internationalen Wasservogelzählungen sind weltweit das langfristigste und grossflächigste Monitoringprogramm. Die Vogelwarte ist seit Beginn beteiligt und kann dank der über Jahrzehnte gesammelten Daten langfristige Entwicklungen aufzeigen.

Die Schweizer Seen und Flüsse sind meist die ersten eisfreien Gewässer, die nordische Wasservögel auf der Flucht vor der grimmigen Winterkälte ihrer Brutgebiete antreffen. Die Schweiz ist daher ein sehr wichtiges Gebiet für überwinternde Wasservögel. Von neun Wasservogelarten überwintern bei uns so viele Individuen, dass die Schweiz für diese Arten sogar eine internationale Bedeutung hat. Beispiele dafür sind Reiherente und Kolbenente.

Bereits vor langer Zeit erkannten Vogelschützer, wie wichtig Zählungen sind, um Bestandsveränderungen dokumentieren zu können. Im Winter 1950/51 wurden erstmals an Westschweizer Seen die Wasservögel gezählt. Bereits im folgenden Jahr rief die Vogelwarte dazu auf, möglichst viele Gewässer in der deutschen und italienischen Schweiz einzuschliessen. Die Schweiz gehört damit zu den ersten Ländern, die systematische Wasservogelzählungen durchführten. Jedes Jahr beteiligen sich schweizweit bis zu 500 Freiwillige. Manche von ihnen sind seit mehr als 30 Jahren dabei!

Die langjährigen Zählungen ermöglichen es, langfristige Entwicklungen aufzuzeigen. Bis in die 1990er Jahre stieg die Anzahl überwinternder Wasservögel stark an. Dies dürfte wesentlich durch die starke Zunahme der Wandermuschel bedingt gewesen sein, die einigen Enten als Nahrung dient. Nach einer Phase der Stabilisierung gehen die Bestände seit der Jahrtausendwende wieder zurück. Hauptgrund ist wohl der Klimawandel: Gewässer im Norden bleiben mittlerweile ganzjährig eisfrei, so dass es für die Wasservögel nicht mehr nötig ist, südwärts zu fliegen.

Dank der Wasservogelzählungen konnten auch die besonders bedeutsamen Winterquartiere identifiziert werden. Sie wurden 1991 schliesslich mit der Wasser- und Zugvogelverordnung (WZVV) unter Schutz gestellt. Die Zählungen bestätigen, dass sich der Schutz in WZVV-Gebieten lohnt: Die Wasservogelbestände nehmen in vielen Reservaten zu, und die überwinternden Wasservögel profitieren schon bei ihrer Ankunft im Herbst von der grösseren Ruhe. Dennoch: Rund ein Drittel dieser wichtigen Gewässerabschnitte steht leider nach wie vor nicht unter Schutz, und selbst Schutzgebiete sind durch die zunehmenden Freizeitaktivitäten der Menschen an und auf den Gewässern unter Druck. Umso wichtiger ist es, zu den bestehenden Schutzgebieten Sorge zu tragen und die dort geltenden Regeln zu respektieren. So kann die Schweiz auch in Zukunft ihrer internationalen Bedeutung für überwinternde Wasservögel gerecht werden.

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© Marcel Burkhardt

Die Zippammer bevorzugt sonnige, wenig intensiv genutzte Berghänge mit steilen, steinigen Stellen. Viele geeignete Lebensräume gehen durch Intensivierung oder die Aufgabe der Bewirtschaftung von Randertragsflächen verloren. Mit dem Projekt in Rénalo erhält sie neuen Lebensraum.

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Ein vergessenes Juwel kommt wieder ans Licht

Dezember 2023

Ein Juwel, das im Schatten vor sich hindämmerte, glänzt von neuem. Massnahmen im lichten Wald und auf Weideflächen des Tessiner Centovalli schaffen einen vielfältigen Lebensraum für eine Vielzahl von Vögeln und Fledermäusen.

Wie viele Naturjuwelen liegt Rénalo versteckt und ist schwer zugänglich. Diesen Hang nutzte die bäuerliche Bevölkerung des Tals bis Mitte des 19. Jahrhunderts für Wanderviehzucht und eine landschaftsangepasste Bewirtschaftung. So entstand eine vielfältige Kulturlandschaft mit einem Mosaik aus Wäldern, Mähwiesen, Obstbäumen, Hecken, ausgedehnten Weiden, Trockenmauern und Kastanienwäldern. Die allmähliche Abwanderung in der Nachkriegszeit und die Aufgabe der extensiven Landwirtschaft führten zu einem raschen Vordringen des Waldes und zum Verlust wertvoller Lebensräume.

In Rénalo finden sich heute nur noch Überreste von Kastanienwäldern, Niederwäldern, Ruinen von Gebäuden, Trockenmauern und kleinen Terrassen. Prächtige, jahrhundertealte Kastanienbäume voller Höhlen und Nischen, Totholz und interessante Strukturen verschwinden im dunklen, von Buchen dominierten Wald. Dabei wären diese Mikrohabitate von grosser Bedeutung für die gesamte Tierwelt.

Doch eine neue Generation von Landwirten hat den hohen Wert des Gebiets für die Biodiversität erkannt und beschert ihm eine Renaissance, allen voran der Landwirt Vasco Ryf mit seinem Betrieb «Ul Fulett». Mit viel Motivation engagiert er sich dafür, die traditionelle Landwirtschaft wieder auferstehen zu lassen und dabei auch die ursprüngliche Landschaft mit lichten, beweideten Wäldern zu fördern.

Das Projekt wird der Vogelwarte vorgestellt, sie nimmt es 2022 in ihr Rahmenprojekt «Aufschwung für die Vogelwelt » auf, begleitet seine Entwicklung und beteiligt sich an der Finanzierung. Das Projekt wird auch von anderen Organisationen unterstützt, wie dem Fonds Landschaft Schweiz, dem WWF und der Forstsektion des Kantons Tessin. Die Massnahmen bestehen in der gezielten Wiederöffnung des Waldes durch forstliche Arbeiten, aber auch in der Schaffung von vielfältigen Waldrändern und Übergangsbereichen zwischen Wald und offeneren Gebieten durch das Setzen von Hecken. Ergänzend dazu werden einige strukturarme Weideflächen mit Kleinstrukturen wie Ast- und Steinhaufen sowie durch das Anpflanzen von Obst- und Kastanienbäumen aufgewertet. Ausserdem werden im ganzen Gebiet eingestürzte Trockenmauern restauriert und Nistkästen für Vögel sowie Fledermausunterschlüpfe angebracht.

Aufschwung für die Vogelwelt

Die Schweizerische Vogelwarte Sempach möchte gemeinsam mit Partnern im Rahmen von «Aufschwung für die Vogelwelt», einem langjährigen Programm, Lebensraum für die Vögel und die Biodiversität allgemein aufwerten und langfristig sichern. Wir suchen Partnerinnen und Partner in der ganzen Schweiz, die über Flächen von drei Hektar und mehr verfügen oder über deren Nutzung bestimmen. Weitere Informationen zum Programm und zum Vorgehen für die Kontaktaufnahme sind unter vogelwarte.ch/aufschwung zu finden.

Die vorgesehenen Massnahmen, die etappenweise bis 2026 umgesetzt werden, sind auf die Förderung von Gartenrotschwanz, Grauschnäpper, Wendehals und Zippammer ausgerichtet, aber auch seltenere Arten könnten profitieren. Bei der Erhebung des Ist-Zustands sorgte eine Beobachtung des Halsbandschnäppers für eine erfreuliche Überraschung. Auch Schlangenadler oder Ziegenmelker könnten in der vielfältigen Landschaft neue Jagdgebiete finden. Neben den Vögeln gehören Fledermäuse zu den Zielarten, die die halboffene Landschaft zur Jagd nutzen, wie etwa die Bechstein- Fledermaus und die Breitflügel-Fledermaus. Um die Wirkung der durchgeführten Massnahmen zu überprüfen und die langfristige Pflege des wieder erstrahlenden Juwels in Rénalo zu begleiten, wird eine Erfolgskontrolle für Vögel und Fledermäuse durchgeführt.

News - Hintergrund

Positive Signale beim Auerhuhn

Dezember 2023

Der Aktionsplan Auerhuhn Schweiz wurde vor 15 Jahren in Kraft gesetzt. Die Situation hat sich bei dieser Art seither tatsächlich verbessert. Allerdings sind die regionalen Unterschiede gross.

Beim Auerhuhn mussten wir über Jahrzehnte hinweg schlechte Nachrichten zur Kenntnis nehmen. Im fünften Band des Handbuchs der Vögel Mitteleuropas, der 1973 erschien, präsentierte U. Glutz von Blotzheim erstmals eine Karte mit der Verbreitung des Auerhuhns in der Schweiz sowie eine erste Schätzung der Bestandsgrösse. Schon bald darauf, noch bevor die Vogelwarte den ersten Schweizer Brutvogelatlas herausgab, wiesen Kenner der Art auf Verkleinerungen des Verbreitungsgebiets und auf Bestandsabnahmen hin. Zu Beginn der Achtzigerjahre liess das damalige Bundesamt für Forstwesen und Landschaftsschutz (BFL) die Verbreitung des Auerhuhns erneut dokumentieren und die Bestände schätzen. Der Vergleich mit den Verbreitungskarten und den Zahlen aus dem Handbuch 1973 bestätigte die negativen Tendenzen. Als Ursachen für den Bestandsrückgang wurden vor allem die Intensivierung der Forstwirtschaft (z. B. starker Holzschlag) und der Strassenbau inklusive der damit verbundenen Zunahmen an Störungen durch Tourismus angesehen.

Als Folge davon startete das BFL im Jahr 1988 das «Schweizerische Auerhuhn-Schutzprojekt». Unter dem etwas aktuelleren Namen «Artenförderung Auerhuhn » läuft dieses Projekt noch heute, seit nunmehr 35 Jahren. Der vermutlich wichtigste Meilenstein dabei war die Lancierung des Aktionsplans Auerhuhn Schweiz unter der Federführung des Bundesamts für Umwelt BAFU im Jahr 2008.

Die Kantone sind für die Umsetzung des Aktionsplans zuständig, und der Bund leistet wesentliche finanzielle Unterstützung. Alle Kantone mit wesentlichen Auerhuhn-Vorkommen haben in den letzten 15 Jahren Massnahmen zugunsten der Art umgesetzt, einige auch schon länger, bereits vor der Etablierung des nationalen Aktionsplans. Sie haben mit forstlichen Massnahmen, etwa durch Auflichtung von Wäldern und Reduktion des Holzvorrats, Verbesserung der Lebensraumqualität durchgeführt und zum Schutz gegen Störungen Wildruhezonen eingerichtet. Die verfügbaren Zahlen dazu sind recht eindrücklich: Innerhalb des Auerhuhn-Verbreitungsgebiets haben die Kantone Waldreservate mit einer Gesamtfläche von rund 18 700 ha vertraglich gesichert, 3900 ha davon als Natur- und 14 800 ha als Sonderwaldreservate. Obschon wir keine systematische Übersicht über die Ziele dieser Reservate haben, können wir davon ausgehen, dass das Auerhuhn in den weitaus meisten davon auch tatsächlich eine Zielart ist. Dazu wurden innerhalb des Auerhuhn-Verbreitungsgebiets 89 Wildruhezonen mit einer Gesamtfläche von rund 24 000 ha festgelegt, in denen während des Winters und bis in den Frühling oder Frühsommer das Betreten nur auf einzelnen Routen erlaubt ist.

Haben diese Massnahmen die gewünschte Wirkung erzielt? Um diese Frage zumindest ein Stück weit beantworten zu können, zog die Vogelwarte zehn Jahre nach Etablierung des Aktionsplans zusammen mit BirdLife Schweiz und dem BAFU eine Zwischenbilanz. Sie zeigt zum einen, dass die geschätzten Bestände nach wie vor leicht rückläufig sind, und zum anderen, dass auch das Verbreitungsgebiet nochmals kleiner geworden ist. Allerdings sind diese nach wie vor leicht negativen Trends ausschliesslich auf die Entwicklung im Jura und teilweise am westlichen Alpennordrand zurückzuführen. Am östlichen Alpennordrand (Kantone Schwyz, Zug, Glarus, St. Gallen, Zürich und die beiden Appenzell) ist seit 10–15 Jahren mit guten Daten eine stabile Bestandsentwicklung dokumentiert. Im Kanton Schwyz gelang es in den Jahren 2016- 2021 sogar, eine Populationszunahme von mehr als 20 % zu erzielen, und im Kanton Zug hat das Auerhuhn einen grösseren Waldkomplex wiederbesiedelt. Dieser war zwar in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts noch besiedelt, es gab aber während mehr als 20 Jahren keine Nachweise mehr. Für den zentralen Alpennordrand (Kantone Bern, Obund Nidwalden sowie Luzern) und die Zentralalpen Graubündens existieren keine genauen Daten, doch gibt es gute Hinweise auf ein stabiles Verbreitungsgebiet, was vermuten lässt, dass es auch bei den Beständen keine deutlichen negativen Entwicklungen gab.

JahrAnzahlQuelle
1968/71mindestens 1100Glutz von Blotzheim et al. (1973)
1985550–650Marti (1986)
2001450–500Mollet et al. (2003)
2013-16380–480Knaus et al. (2018)

Die vier bisherigen Bestandsschätzungen beim Auerhuhn in der Schweiz. In den letzten rund 50 Jahren hat sich diese Zahl mehr als halbiert.

Die deutlichen Unterschiede in der Entwicklung sind in erster Linie auf Unterschiede in der Walddynamik zurückzuführen. Im Jura ist diese gekennzeichnet durch das starke Aufkommen von Buchen auf sehr grossen Flächen, wo bis vor wenigen Jahrzehnten noch Fichten dominierten. Entscheidend dabei ist, dass die Buche auf diesen Flächen als häufige Baumart zur natürlichen Vegetation gehört, wobei die ehemalige Dominanz der Fichte und die relative Seltenheit der Buche menschlich bedingt waren. Es handelt sich insofern, als Folge der veränderten Landnutzung durch die lokale Bevölkerung, quasi um eine Rückkehr zur natürlichen Baumartenzusammensetzung.

Als Folge der Klimaerwärmung hat sich dieser ohnehin ablaufende Trend zusätzlich beschleunigt. Die Kantone Neuenburg und vor allem Waadt haben sich jahrelang grosse Mühe gegeben, die Qualität der Wälder als Auerhuhn- Lebensraum zu verbessern. Doch es ist heute unter Waldfachleuten weitgehend unbestritten, dass das grossflächige Unterdrücken der Buche mit forstlichen Massnahmen langfristig nicht mit vertretbarem Aufwand erfolgreich betrieben werden kann. Im Übrigen widerspricht ein solches Vorgehen auch den Erfordernissen der naturnahen Waldbewirtschaftung, bei der der Naturverjüngung eine wichtige Rolle zukommt. Da Auerhühner keine Wälder besiedeln, die von Laubholz dominiert sind, hat die Art fast den ganzen ehemals besiedelten Jurabogen als Lebensraum aufgegeben. Nur ganz im Westen, auf den höchsten Höhen des Waadtländer Jura, wo die Wälder nach wie vor von Nadelbäumen dominiert werden, gibt es heute noch nennenswerte Auerhuhn-Vorkommen.

Entlang des Alpennordrands und in den Zentralalpen Graubündens existiert diese Dynamik hin zu mehr Laubholz zwar in mittleren Höhen auch, ist aber für das Auerhuhn hier nur von marginaler Bedeutung. In den Zentralalpen leben weitaus die meisten Auerhühner in Höhen, in denen Laubholz nach wie vor keine wesentliche Rolle spielt. Und entlang des Alpennordrands sind die meisten Auerhuhn-Lebensräume durch feuchten, häufig auch moorigen und daher sehr wenig wüchsigen Boden gekennzeichnet, auf dem Laubbäume einen schweren Stand haben.

Insgesamt ist die Bilanz nach mittlerweile 15 Jahren Aktionsplan Auerhuhn gemischt. Natürliche Faktoren, die nicht oder nur sehr beschränkt beeinflussbar sind, können eine grosse Rolle spielen. Die natürliche Dynamik der Wälder im Jura hin zu mehr Laubholz hat den Erfolg der Fördermassnahmen der dortigen Kantone zu einem Grossteil zunichte gemacht.

Doch andernorts, auf besser geeigneten Standorten, haben gute meteorologische Bedingungen zur Fortpflanzungszeit wahrscheinlich wesentlich zum Erfolg beigetragen. Es ist bekannt, dass warmes und trockenes Wetter in den Monaten Juni und Juli von Vorteil ist. Bei Raufusshühnern überleben in solchen Jahren die Küken besser, und damit wächst die Population an. Aber auch die Lebensraum- Verbesserungen der Kantone haben eine wichtige Rolle gespielt. Schliesslich zeigten die Untersuchungen der Vogelwarte und des Kantons St. Gallen im Waldreservat in Amden schon vor ein paar Jahren, dass Auerhühner Wälder nach einer Aufwertung tatsächlich wiederbesiedeln. Mit den richtigen Massnahmen kann also, sofern sie auf den geeigneten Waldstandorten umgesetzt werden, das Auerhuhn erfolgreich gefördert werden.

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© Mathias Schäf

Lautlos und weiss, wie ein Geist umgibt die Schleiereule eine Aura des Mysteriösen. Dies ist Teil ihrer Faszination, als effiziente Mäusejägerin ist sie auch in der Landwirtschaft beliebt.

News - Hintergrund

Die vier Jahreszeiten der Schleiereule

Dezember 2023

Die Schleiereule bleibt ganzjährig in ihrem Revier und weicht selbst in strengen Wintern nicht in Gebiete mit besseren Bedingungen aus. Um sie zu fördern, ist es deshalb wichtig zu wissen, welche Lebensraumansprüche die Schleiereule im Jahresverlauf hat, wo sie ihre Nahrung findet und wie sich die im Jahresverlauf wechselnde Nahrungsverfügbarkeit auf ihr Überleben und ihren Bruterfolg auswirkt.

Es ist eine warme Sommernacht im Juli, eine Forscherin der Vogelwarte Sempach liegt in einer Tabakscheune in der Westschweiz, gut versteckt unter einer Landmaschine, und achtet darauf, kein Geräusch zu machen. Plötzlich durchbricht ein lautes, mehrstimmiges Fauchen die Stille: Die jungen Schleiereulen reagieren auf die Ankunft des Altvogels am Nest und beginnen zu betteln. Kurz darauf hört man eine Klappe zufallen: Eine Schleiereule ist in die Falle getappt, die im Nistkasten installiert wurde. Sie wird mit einem kleinen GPS-Gerät ausgestattet und liefert nun wertvolle Daten über das Leben der heimlichen und nachtaktiven Schleiereule.

Ursprünglich eine Steppenbewohnerin, die in Fels- und Baumhöhlen brütet, hat sich die Schleiereule in Europa zu einer Kulturfolgerin entwickelt, die in Gebäuden brütet und im offenen Kulturland nach Mäusen jagt. Diese Abhängigkeit von der vom Menschen geprägten Landschaft macht die Schleiereule besonders anfällig für die Intensivierung der Landwirtschaft und Veränderungen in der Bewirtschaftung. Seit rund 20 Jahren erforscht und fördert die Vogelwarte daher zusammen mit Alexandre Roulin von der Universität Lausanne eine Schleiereulenpopulation in der Westschweiz. Ein Fokus dabei liegt auf der Raumnutzung der Schleiereule im Jahresverlauf.

Mäuse im Verlauf der Jahreszeiten

Die Untersuchungen der Vogelwarte zur Habitatnutzung haben ergeben, dass die Schleiereule im Sommer ein breites Spektrum an im Kulturland verfügbaren Habitaten zur Jagd nutzt: Von Grasland über Getreidekulturen bis hin zu Biodiversitätsförderflächen. Im Winter jedoch beschränkt sich die Schleiereule vor allem auf Wiesen und Weiden sowie Feldränder.

Diese Änderung in der Habitatwahl ist auf eine Verschiebung der Beute in der Landschaft zurückzuführen, die wiederum mit der landwirtschaftlichen Nutzung zusammenhängt. Die Getreideernte im Spätsommer führt dazu, dass sich die Landschaft innert kürzester Zeit grossflächig drastisch ändert: Die Kulturen werden stark gestört und die Vegetation entfernt. Mobile Beutearten wie Waldmäuse ziehen sich deshalb in weniger stark gestörte Habitate, wie Feldränder, Hecken und Wälder zurück. Wälder gehören aber nicht zu den Jagdgebieten der Schleiereule, weshalb die Waldmäuse für die Schleiereule dort nicht erreichbar sind. Nach der Ernte kommen grossflächig bewachsene Bereiche oft nur noch in Form von Wiesen und Weiden vor, in denen die Schleiereule im Winterhalbjahr vor allem Wühlmäuse findet.

Während also Getreide- und andere Kulturen, die im Spätsommer geerntet werden, an Attraktivität als Jagdgebiet verlieren, wird Grasland zeitgleich immer attraktiver. Flächenmässig stellt Grasland aber meist nur einen kleineren Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche dar, weshalb sich der Anteil geeigneter Jagdfläche im Winter drastisch reduziert. Schleiereulen jagen im Winter denn auch bevorzugt auf Wiesen und Weiden, die in der Nähe von Strukturen wie Hecken und Buntbrachen liegen, da diese viele Beutetiere beherbergen und Sitzwarten für die Ansitzjagd bieten.

All you need is food

Das sich im Jahresverlauf ändernde Nahrungsangebot hat direkte Auswirkungen auf die Überlebensrate und den Fortpflanzungserfolg der Schleiereule. Männchen und Weibchen sind dabei nicht mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert. Dies lässt sich durch die unterschiedlichen Rollen bei der Jungenaufzucht erklären: Das Weibchen legt die Eier und brütet sie aus. Jagen muss sie aber nicht, es wird in dieser Zeit vom Männchen gefüttert. Auch wenn die Jungen geschlüpft sind, übernimmt das Männchen die Hauptarbeit und jagt den grössten Teil der Nahrung für die Küken.

Für die Männchen bedeutet daher die Aufzucht vieler Jungen gleichzeitig auch eine geringere Überlebenswahrscheinlichkeit bis zur nächsten Brutsaison. Die Männchen sollten daher abwägen, wie viel Energie sie in die Aufzucht der Jungen investieren und wieviel Reserven sie für das eigene Überleben im nächsten Winter zur Verfügung haben sollten. Sie sind allerdings in der Lage, die Fortpflanzungskosten zumindest teilweise zu kompensieren: Wenn zu Beginn des Winters ausreichend Nahrung zur Verfügung steht, können sie ihre Energiereserven wieder auffüllen und damit ihre Überlebenschancen bis zum nächsten Frühjahr erhöhen.

Bei den Weibchen sieht man einen solchen Kompromiss zwischen Fortpflanzungserfolg und Überlebenswahrscheinlichkeit nicht. Das Weibchen muss, vor allem wenn die Bedingungen gut sind, nicht viel Nahrung herbeischaffen und kann sich so früher als das Männchen von den Strapazen des Brütens erholen. Wenn viel Nahrung zur Verfügung steht, haben Weibchen daher einen grösseren Fortpflanzungserfolg und gleichzeitig eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit.

Der Start in die Unabhängigkeit

Über die Zeit, nachdem die jungen Schleiereulen das elterliche Nest verlassen haben, war bislang wenig bekannt, obwohl dies eine kritische Phase im Leben ist und viele kurz nach dem Ausfliegen sterben. Um zu untersuchen, welche Habitatstrukturen das Überleben während der Zeit der ersten Jagdversuche und der Abwanderung begünstigen, haben wir junge Schleiereulen vor ihrem ersten Ausflug mit kleinen Sendern ausgestattet. Zusätzlich haben wir vor den Nistkästen eine Sitzwarte mit integrierter Waage und einem Chip-Identifikationssystem befestigt. Die Schleiereulen wurden mit einem Plastikring mit eingebautem Chip ausgestattet, so dass jedes Mal, wenn sie sich auf die Sitzwarte vor dem Nistkasten setzen, ihr Chip und ihr Gewicht registriert wurden.

Die Kombination dieser neuen Technik mit Senderdaten hat einige neue Erkenntnisse erbracht: Junge Schleiereulen fliegen durchschnittlich im Alter von 62 Tagen zum ersten Mal aus, wobei das stark von den Umweltbedingungen abhängt. Ist das Nahrungsangebot rund um den Nistkasten reichhaltig, fliegen die Jungen später aus und sind auch körperlich weiterentwickelt. Dies wiederum erhöht ihre Überlebenschancen nach dem Ausfliegen. Dann müssen die jungen Schleiereulen das Jagen erlernen. Bis sie etwa 75 Tage alt sind, kehren sie jedoch immer wieder zum Nistkasten zurück, wo sie noch gelegentlich von den Eltern gefüttert werden, bis sie schliesslich selbständig werden. In dieser Phase sind die jungen Eulen auf ein gutes Nahrungsangebot in der Nähe des Nistkastens angewiesen.

Je mehr Nahrung sie dort finden, desto früher werden sie von den Eltern unabhängig und können sich selbst versorgen. Auch die Umgebung spielt eine Rolle: Je mehr Biodiversitätsförderflächen in der Umgebung des Nistkastens vorhanden sind, umso später und in besserer körperlicher Verfassung verlassen die jungen Schleiereulen schliesslich das elterliche Revier. Dies hat weitreichende Konsequenzen: Je mehr Energiereserven sie beim Verlassen des elterlichen Reviers haben, desto höher sind ihre Überlebenschancen.

All diese Erkenntnisse zeigen, dass die Schleiereule eine reich strukturreiche Landschaft braucht, in der sie einerseits das ganze Jahr über ausreichend Nahrung findet, andererseits viele Ansitzwarten zum Jagen. Dies ist nur möglich, wenn wir in der intensiv genutzten Landschaft weiterhin Biodiversitätsförderflächen wie Buntbrachen, mehrjährige Ackerschonstreifen, sowie Hecken und Biotopbäume fördern.

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© Schweizerische Vogelwarte

Am 6. April 1924 wird die Schweizerische Vogelwarte Sempach gegründet.

News - Hintergrund

100 Jahre Schweizerische Vogelwarte Sempach

Dezember 2023

Unseren Vorgängern ist mit der Gründung der Vogelwarte 1924 ein grosser Wurf gelungen. Aus ihrer überzeugenden Vision ist eine Stiftung geworden, die die Vogelkunde und den Vogelschutz in unserem Land massgebend mitgestaltet.

Mit dem Einzug der wissenschaftlichen Vogelberingung zur Erforschung des Vogelzugs zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt auch in der Schweiz das Bedürfnis nach einer zentralen Meldestelle für Ringfunde auf.

Die Anfänge der Vogelwarte

So gründet die Schweizerische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz (Ala) am 6. April 1924 die Vogelwarte. Deren engagiertes Mitglied Alfred Schifferli senior stellt der jungen Institution bei sich zuhause in Sempach ein Zimmer zur Verfügung und wird ihr erster Leiter. Neben der Beringung gehören der Aufbau einer ornithologischen Sammlung und Bibliothek und die Pflege bedürftiger Wildvögel zu den ersten Aufgaben, die er am Feierabend und mit Unterstützung seiner Familie leistet. Nachdem er 1934 55-jährig überraschend stirbt, führt sein damals erst 22-jähriger Sohn Alfred junior die Arbeit weiter und baut sie in der Folge zielstrebig aus. Parallel dazu kann er in Basel Zoologie studieren. Nach dem 2. Weltkrieg erhält der nun promovierte Alfred Schifferli jun. eine besoldete Teilzeitanstellung. Um die Finanzierung musste er sich aber selbst kümmern.

Öffentlichkeitsarbeit und Eigenständigkeit

Alfred Schifferli jun. ist findungsreich und wendet sich an die Bevölkerung, indem er sie mit jährlichen Berichten und mit dem Vogelkalender an der Arbeit der Vogelwarte teilhaben lässt. Mit diesen bestechenden Ideen legt er den Grundstein einer Entwicklung, die bis heute anhält. Noch heute ist die Vogelwarte gefragte Auskunftsstelle für die Bevölkerung, Medien und Behörden. Mit der wachsenden finanziellen Unterstützung durch Vogelfans aus dem ganzen Land kann sich die Vogelwarte weiteren Aufgaben zuwenden. Bald werden die ab 1946 von der Korporation Sempach im Rathaus zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten zu eng, so dass 1954/55 ein zweckdienliches Gebäude am Seeufer gebaut wird. Mehr als ein halbes Jahrhundert später kann die Vogelwarte dann 2009 ihr neues Bürogebäude und 2015 das Besuchszentrum eröffnen, die den gewachsenen Aufgaben und Erfordernissen entsprechen. Die dynamische Entwicklung wird dadurch begünstigt, dass die Vogelwarte 1954 in eine Stiftung überführt wird und damit ihre Selbstständigkeit erlangt.

Vogelzugforschung und Monitoring

Die Erforschung des Vogelzugs im Alpenraum erhält ab Ende der 1950er-Jahre mit der Beringungsstation Col de Bretolet in den Walliser Alpen neuen Schub, und mit Radargeräten lässt sich nun auch der nächtliche Vogelzug erfassen. Daran knüpfen später grosse Radarstudien in Israel, Spanien und schliesslich in Mauretanien an, in denen die Vogelwarte enthüllt, wie die Zugvögel das Mittelmeer und die Sahara überqueren. Die Vogelwarte wendet sich nun auch stärker der Überwachung der einheimischen Vogelwelt zu. Dabei wird sie von freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem ganzen Land unterstützt, die ihre Beobachtungen nach Sempach melden. Diese Daten werden in zwei für die damalige Zeit einzigartigen Standardwerken präsentiert: «Die Brutvögel der Schweiz» von 1962 und der «Verbreitungsatlas der Brutvögel der Schweiz» von 1980. Sie ermöglichen die erste Rote Liste der gefährdeten Vogelarten, die erstmals Bilanz zieht über den Zustand einer ganzen Tiergruppe. Schon da zeigt sich, wie wenig rücksichtsvoll der Mensch mit der Natur umgeht, mit schwerwiegenden Folgen für die Vogelwelt. Die nachfolgenden Brutvogelatlanten von 1998 und 2018 liefern immer fundiertere Einsichten in die Bestandsentwicklung unserer Brutvögel und zeigen, wo Handlungsbedarf im Vogelschutz besteht.

Verstärktes Engagement im Vogelschutz

Folgerichtig beschäftigt sich die Vogelwarte ab Mitte der 1970er-Jahre auch stärker mit den Lebensbedingungen bedrohter Vogelarten. Im Vordergrund stehen Arten im Kulturland, die von der intensiven Landwirtschaft immer mehr verdrängt werden, also etwa Rebhuhn, Kiebitz, Baumpieper, Feldlerche und Braunkehlchen.

Die Vogelwarte stellt jetzt auch Grundlagen für Naturschutzbehörden bereit. Basierend auf den Ergebnissen der nationalen Wasservogelzählungen inventarisiert sie schweizweit die wichtigsten Überwinterungsgebiete für Wasservögel. Der Bund richtet daraufhin erste Wasservogelreservate ein. Und mit der Inventarisierung der naturnahen Lebensräume des Kantons Luzern schafft die Vogelwarte eine praxisnahe Grundlage für den Naturschutz auf Gemeindeebene.

2003 schliesslich bündeln die Vogelwarte, BirdLife Schweiz und das Bundesamt für Umwelt BAFU ihre Kräfte zur Rettung der bedrohten Vogelwelt und lancieren das Programm «Artenförderung Vögel Schweiz». Auerhuhn, Weissstorch, Steinkauz, Wiedehopf und Mittelspecht und weitere Arten profitieren davon. Neben dem Artenschutz spielt auch der Schutz der Lebensräume eine wichtige Rolle.

Schon ab 1991 wertet die Vogelwarte zusammen mit lokalen Landwirten und den Behörden in verschiedenen Regionen das Kulturland auf, so in der Champagne genevoise oder im Schaffhauser Klettgau. Diese Erfahrungen bereiten den Boden für die beispielhafte Zusammenarbeit mit der fortschrittlichen bäuerlichen Vereinigung IPSuisse. Sie bewirkt, dass viele ökologischen Ausgleichsflächen angelegt werden. Zu Beginn werden die Produkte aus den beteiligten Landwirtschaftsbetrieben vor allem über die Migros abgesetzt. Heute kann man sie bei den meisten Grossverteilern finden. Die Vogelwarte und das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL fassen ihre positiven Erfahrungen in einem Praxishandbuch zusammen, das einen neuen Impuls für mehr Natur aus Bauernhand bringen soll. Dieses Engagement im Kulturland zahlt sich über Jahrzehnte aus: Zahlreiche Kulturlandarten haben in diesen wunderschönen Landschaften höhere Bestände als anderswo, und beide Gebiete wurden von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz zur «Landschaft des Jahres» gewählt, 2013 die Champagne genevoise und 2023 der Klettgau SH. Im Vorfeld ihres 100-jährigen Bestehens schliesslich startet die Vogelwarte ein grosses Rahmenprogramm «Aufschwung für die Vogelwelt» und lädt Partner ein, mit ihr zusammen weiteren Lebensraum für die bedrohte Vogelwelt zu gestalten.

Die Vogelwarte konnte sich in ihren ersten hundert Jahren vom ehrenamtlich geführten Einmannbetrieb zur prosperierenden Stiftung für Vogelkunde und Vogelschutz entwickeln. In der Forschung und im Monitoring von Vogelpopulationen ist sie heute international anerkannt. Künftig werden Erfolge auch aus den ökologischen Langzeitstudien und aus Afrika kommen, wo sich unsere Zugvögel im Winterhalbjahr aufhalten. Mit einem innovativen und engagierten Team nimmt sie die nächsten hundert Jahre in Angriff. Wie schon in den vergangenen hundert Jahren darf sie dabei auf die treue und grossartige Unterstützung von Gönnerinnen und Gönnern und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählen. Sie sind es, die die Geschichte der Vogelwarte ermöglicht haben, und sie sind es, die darauf am meisten stolz sein dürfen. Denn die Schweizerische Vogelwarte Sempach ist und bleibt ein Gemeinschaftswerk zum Wohl der Vögel.

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© Marcel Burkhardt
Bartgeier
News - Hintergrund

2024 – Hundert Jahre Vogelwarte

Dezember 2023

Die Schweizerische Vogelwarte Sempach ist eine einzigartige Institution. Getragen wird sie von Vogelfreundinnen und Vogelfreunden aus dem ganzen Land.

Die Gönnerinnen und Gönner unterstützen die Vogelwarte seit ihrer Gründung 1924 Jahr für Jahr treu und grosszügig. Mit den wachsenden Beiträgen ermöglichten sie die Erfolgsgeschichte der Vogelwarte vom einstigen Einmannbetrieb zur heutigen im In- und Ausland anerkannten Institution für Vogelkunde und Vogelschutz. Dabei wird die Vogelwarte auch durch den enormen Einsatz von rund 2000 freiwilligen Mitarbeitenden unterstützt.

Seit ihrer Gründung verfolgt die Vogelwarte die gleichen Ziele, die noch heute Bestand haben. Im Leitbild werden sie so umschrieben: «Unsere Vision ist es, die heimische Vogelwelt zu verstehen und sie in ihrer Vielfalt für kommenden Generationen zu bewahren». Im Lauf der Jahrzehnte haben sich thematische Schwerpunkte verschoben, Mitarbeitende kamen und gingen, und die Infrastruktur wurde den veränderten Erfordernissen angepasst. Geblieben ist hingegen die Grundhaltung als Richtschnur: fundierte fachliche Grundlagen über Vögel zu erarbeiten und sich darauf gestützt für das Wohl der Vögel und ihrer Lebensräume einzusetzen.

Die Arbeit und das Engagement der Vogelwarte und ihrer freiwilligen Mitarbeitenden werden weiterhin unverzichtbar sein. Denn nach wie vor sind viele Vogelarten bedroht. Damit halten sie der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigen, wie mit den Vögeln, ihren Lebensräumen und den natürlichen Ressourcen umgegangen wird. Mit ihrem thematischen Fokus, der exzellenten Forschung und der ambitionierten Schutzarbeit leistet die Vogelwarte einen unverzichtbaren Beitrag auf dem Weg in eine nachhaltigere Schweiz. Die Schweiz braucht die Vögel, sie sind Teil ihres Naturerbes, sie müssen hier dauerhaft leben können! Wir zählen darauf, dass Behörden, Partnerorganisationen, Firmen und Bevölkerung diesen Weg mit uns beschreiten. Denn nur gemeinsam können wir die Vogelwelt bewahren und fördern.

Die Vogelwarte verfügt über beste Voraussetzungen, um die Erfolgsgeschichte der ersten hundert Jahre fortzuschreiben: Sie geniesst in der Bevölkerung einen grossen Rückhalt und darf auf die unschätzbare Zusammenarbeit mit ihren 2000 freiwilligen Mitarbeitenden und den Partnerorganisationen zählen. Sie deckt mit ihrem kompetenten und motivierten Team eine breite Palette an wichtigen Aufgaben ab, die von der Vogelpflege über die Bestandsüberwachungen bis zu Grundlagenund angewandter Forschung, Umweltbildung, Artenförderung und Lebensraumaufwertungen reichen. Und sie verfügt über eine solide finanzielle Basis, eine moderne Infrastruktur mit Bürogebäude und ein Besuchszentrum. Für all das sind wir den Gönnerinnen und Gönnern der Vogelwarte, den freiwilligen Mitarbeitenden und den Partnern zu grösstem Dank verpflichtet.

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© Agami / Helge Sorensen

Die Waldschnepfe wird in den Kantonen Tessin, Wallis, Waadt, Freiburg, Neuenburg, Jura und Bern bejagt. Die jährliche Jagdstrecke betrug zwischen 2003 und 2022 im Durchschnitt 1911 Individuen (1062–2508).

News - Hintergrund

Vogeljagd in der Schweiz

Dezember 2023

Das schweizerische Jagdrecht bezweckt unter anderem, die Artenvielfalt der einheimischen und ziehenden wildlebenden Vögel zu erhalten. Besonderes Augenmerk ist deshalb auf jagdbare Vogelarten zu legen, deren Brutbestände unter Druck stehen.

Jagd verursacht bei bejagten Arten zusätzliche Mortalität. Sie kann bei Arten verantwortet werden, die bei Berücksichtigung der nationalen und europäischen Gefährdungssituation stabile oder zunehmende Bestände aufweisen. Sie darf keine messbaren negativen Auswirkungen auf die Verbreitung, die Bestände und die Sozialstruktur der betroffenen Arten haben und darf nicht zu anderen negativen Auswirkungen auf Lebensgemeinschaften führen. Aus diesen Grundbedingungen hat die Vogelwarte verschiedene Forderungen abgeleitet, die eine grosse Bandbreite zeigen. So sollte der Einsatz bleihaltiger Munition verboten werden und der Haubentaucher von der Liste der jagdbaren Arten genommen werden. In manchen Fällen müssten Schonzeiten erweitert werden, etwa die der Wildenten auf den Zeitraum von mindestens 1. Januar bis 15. September. Bei Vogelarten, deren Schweizer Brutbestände gemäss Roter Liste als verletzlich (Waldschnepfe) oder als potenziell gefährdet (Alpenschneehuhn und Birkhahn) gelten, müssen für jede Art die tatsächlichen und aktuellen Populationsgrössen und -trends als Entscheidungsgrundlage verwendet werden.

Waldschnepfe

Die Waldschnepfe ist entlang des Alpen-Nordrands und in den Zentralalpen Graubündens weit verbreitet. Aus dem Mittelland ist die Art aber fast vollständig verschwunden, und für den Jura gibt es Hinweise auf ein leicht geschrumpftes Verbreitungsgebiet. Die Ursachen sind unbekannt. Habitatverschlechterung, Prädation, Störungen im Lebensraum, Lichtimmissionen und die Bejagung kommen dabei allesamt infrage. Auf nationaler Ebene dauert die Schonzeit der Waldschnepfe vom 16. Dezember bis zum 15. September. In vielen Kantonen geht man weiter, hier darf die Waldschnepfe gar nicht gejagt werden. Weitere Kantone haben die bundesrechtlich geltende Schonzeit verlängert.

Die meisten in der Schweiz erlegten Waldschnepfen sind Durchzügler aus Nord- und Nordosteuropa. In diesen Gebieten gibt es starke Populationen, auf welche die Abschüsse in der Schweiz keinen bekannten messbaren Einfluss haben. Eine unter der Federführung des Bundesamts für Umwelt BAFU durchgeführte Studie zeigte allerdings unlängst, dass sich die Schweizer Brutvögel erst ab Mitte Oktober auf den Weg in den Süden machen und dass Anfang November noch immer gut die Hälfte im Brutgebiet anwesend ist. Erst Ende November sind die allermeisten Vögel abgewandert (Bohnenstengel et al. 2020). Weil über 90 % aller Abschüsse in die Zeit zwischen Mitte Oktober und Ende November fallen, dürfte der Anteil einheimischer Waldschnepfen an der Jagdstrecke bedeutender sein als bislang angenommen. Deshalb muss der Jagddruck auf die Waldschnepfe verringert werden. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Mit einer Verlängerung der Schonzeit bis zum 31. Oktober würden rund 50 % und mit einer Verlängerung bis zum 15. November rund 95 % der Schweizer Brutvögel von der heimischen Jagd verschont. Andererseits können die Kantone die Anzahl erlaubter Waldschnepfen- Abschüsse pro Person und Jahr bzw. pro Person und Jagdtag reduzieren. Diese Massnahmen auf Bundes- und Kantonsebene können auch kombiniert werden. Generelles Ziel ist es, die Anzahl der bis Mitte November pro Jahr erlegten Waldschnepfen und damit die durch die Jagd verursachte Mortalität deutlich zu senken.

Alpenschneehuhn

Im Verbreitungsgebiet des Alpenschneehuhns in der Schweiz sind zwischen 1993–1996 und 2013– 2016 an der Peripherie zwar einzelne Lücken entstanden. Im Wesentlichen hat sich die Verbreitung aber nicht verändert. Die Bestände, ermittelt im Rahmen eines 1995 gestarteten Programms zur Zählung revieranzeigender Hähne, sind seither um 13 % zurückgegangen, wobei es grosse regionale Unterschiede gab (Bossert und Isler 2018). Seit ungefähr 2008 verläuft der Bestandstrend mehr oder weniger stabil, allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau als in den 1990er-Jahren.

Der Bestandsrückgang ist mit grosser Wahrscheinlichkeit insbesondere eine Folge der Klimaerwärmung. Es ist damit zu rechnen, dass sich das Verbreitungsgebiet des Alpenschneehuhns in den nächsten Jahren weiter verkleinert und sich räumlich fragmentiert (Revermann et al. 2012).

Verbreitung und Bestandsentwicklung beim Alpenschneehuhn müssen auch in Zukunft auf räumlich und ökologisch repräsentativen Flächen besonders sorgfältig überwacht werden. Sofern verstärkt negative Trends sichtbar werden, muss der Jagddruck weiter reduziert oder die Bejagung des Alpenschneehuhns eingestellt werden.

Birkhahn

Das Verbreitungsgebiet des Birkhuhns in der Schweiz hat sich zwischen 1993–1996 und 2013–2016 nicht verändert. Die Bestände, ermittelt im Rahmen eines 1995 gestarteten Programms zur Zählung balzender Hähne, haben nach einem Rückgang auf ein Minimum im Jahr 1998 zugenommen und liegen heute wieder fast auf derselben Höhe wie im Jahr 1990 geschätzt worden waren (Bossert und Isler 2018). Dieser langfristige Trend ist überlagert von starken jährlichen Bestandsschwankungen, die vor allem auf wechselnde Wetterbedingungen während der Aufzuchtzeit zurückzuführen sind (Zbinden und Salvioni 2003).

Eine detaillierte Analyse der Bejagung des Birkhahns im Kanton Tessin hat gezeigt, dass die Bejagung bei den Hähnen additive Mortalität verursacht, welche wiederum zu einem stark zugunsten der Hennen verschobenen Geschlechterverhältnis sowie zu kleineren Balzgruppengrössen führt, doch auf den Bestandstrend bei den balzenden Hähnen keinen messbaren Einfluss hat (Zbinden et al. 2018).

Weil mehrere Faktoren den Birkhuhnbestand beeinträchtigen (Störung, Landschaftsveränderungen), müssen Verbreitung und Bestandsentwicklung auf räumlich repräsentativen Flächen auch in Zukunft besonders sorgfältig überwacht werden. Sobald sich gesamtschweizerisch ein negativer Bestandstrend abzeichnet, wie die kontinuierliche Abnahme während 5 Jahren, ist eine Reduktion des Jagddrucks angezeigt.

Quellen

Bohnenstengel, T., V. Rocheteau, M. Delmas, N. Vial, E. Rey, B. Homberger & Y. Gonseth (2020): Projet national sur la bécasse des bois. Rapport final. Neuchâtel.

Bossert, A. & R. Isler (2018): Bestandsüberwachung von Birkhuhn Tetrao tetrix und Alpenschneehuhn Lagopus muta in ausgewählten Gebieten der Schweizer Alpen 1995–2017. Ornithol. Beob. 115: 205–214.

Revermann, R., H. Schmid, N. Zbinden, R. Spaar & B. Schröder (2012): Habitat at the mountain tops: how long can Rock Ptarmigan (Lagopus muta helvetica) survive rapid climate change in the Swiss Alps? A multiscale approach. J. Ornithol. 153: 891–905.

Zbinden, N. & M. Salvioni (2003): Verbreitung, Siedlungsdichte und Fortpflanzungserfolg des Birkhuhns Tetrao tetrix im Tessin 1981–2002. Ornithol. Beob. 100: 211–226.

Zbinden, N., M. Salvioni, F. Korner-Nievergelt & V. Keller (2018): Evidence for an additive effect of hunting mortality in an alpine black grouse Lyrurus tetrix population. Wildl. Biol. 2018: wlb.00418.

Zimmermann, J-L. & S. Santiago (2019): Contribution au suivi démographique de la bécasse des bois Scolopax rusticola dans le canton de Neuchâtel (Suisse). Aves 56: 49–75.

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© Yvette Diallo

Mit einer Optikspende können Sie unsere westafrikanischen Partner bei ihrer Atlasarbeit unterstützen.

News - Hintergrund

Atlasprojekte in Afrika unterstützen

August 2023

Die Schweizerische Vogelwarte setzt sich aktiv für den Schutz der Zugvögel ein. Im Rahmen der Koordination des Afrikanisch-Eurasischen Aktionsplans für ziehende Landvögel (AEMLAP) unterstützen wir neue Atlasprojekte in Westafrika, um die Kenntnisse über Zug- und Brutvögel im Jahresverlauf zu verbessern. Die Vogelwarte leistet hierbei fachliche Hilfe und unterstützt unsere westafrikanischen Partner vor Ort. Viele freiwillige Mitarbeitende in den Atlasprojekten haben nur wenige hochwertige und funktionstüchtige Feldstecher und Fernrohre, auf die sie aber angewiesen sind.

Wer einen wichtigen Beitrag zum aktuellen Atlasprojekt im Senegal leisten möchte, kann seine gebrauchte, aber immer noch hochwertige Optik spenden. Die gesammelten Ferngläser werden von unserem Expertenteam überprüft, gereinigt und für das Projekt vorbereitet.

Wer Feldstecher oder Fernrohre spenden möchte, kann sich unter aemlap@vogelwarte.ch oder 041 462 97 00 melden. Wir organisieren gerne die Abholung. Alternativ kann das Material direkt an folgende Adresse geschickt werden:

Schweizerische Vogelware
Atlasprojekte Westafrika
Seerose 1
6204 Sempach

Wir freuen uns über jegliche Unterstützung. Jedes gespendete Fernglas trägt zum Gelingen des Projekts und damit auch zum besseren Wissen über die Vogelwelt Westafrikas bei.

News - Hintergrund

Auf Entdeckungsreise in der Schweiz

August 2023

Rund 2,6 Millionen Beobachtungen werden der Vogelwarte jährlich über ornitho.ch gemeldet. Diese Datenfülle ist für ein kleines und gebirgiges Land wie die Schweiz beeindruckend und gibt uns einen guten ersten Überblick über aktuelle ornithologische Entwicklungen.

Die Beobachtungstätigkeit der Beobachterinnen und Beobachter ist aber nicht gleichmässig über das Land verteilt, sondern konzentriert sich auf artenreiche Feuchtgebiete, wie etwa den Fanel BE/NE/FR/VD oder den Klingnauer Stausee AG. Von einem Viertel der gut 41 000 Quadratkilometer der Schweiz gibt es dagegen innerhalb von fünf Jahren nie oder an maximal zwei Tagen Meldungen. Beobachtungen aus wenig begangenen Gebieten haben aber eine grosse Bedeutung für die Arbeit der Vogelwarte: Einerseits macht eine räumlich breitere Datenbasis unserer Auswertungen solider und eröffnet gar neue Analysemöglichkeiten. Andererseits werden aktuelle Beobachtungsdaten von Ökobüros und Ämtern regelmässig für die Beurteilung von konkreten Bauvorhaben und Planungsprozessen abgefragt. Unter dem Stichwort «Terra incognita» finden Interessierte deshalb auf ornitho.ch im Menü «Anleitungen & Tipps» eine Karte mit den wenig besuchten Kilometerquadraten. Die Karte wird neu jährlich drei Mal im März, Juni und September aktualisiert. Helfen auch Sie mit, unbekannte Ländereien zu erforschen und melden Sie Beobachtungen aus solchen Kilometerquadraten. Am wertvollsten sind Beobachtungen, die über vollständige Beobachtungslisten gemeldet werden.

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© Michael Lanz

Die alten Eichen und Buchen im Bärletwald prägen den Längholzwald. In den grossen, totholzreichen Kronen finden der Hornissenbock und weitere seltene Käfer geeigneten Lebensraum.

News - Hintergrund

Ein Eldorado für Alt- und Totholzarten

August 2023

Der Bärletwald, der älteste Eichenwald im Kanton Bern, ist ein Hotspot der Artenvielfalt. Die Vogelwarte und die Gemeinde Brügg engagieren sich in den kommenden 25 Jahren für den Erhalt dieses Waldjuwels mit seinen seltenen Arten.

Gelb-schwarze Färbung und lange Fühler machen den Hornissenbock (Plagionotus detritus) unverwechselbar. Der Bockkäfer ist auf alte Eichen mit besonntem Alt- und Totholz in der Baumkrone angewiesen. In der Schweiz sind Wälder mit solchen Bäumen eine Seltenheit. Doch in den Gemeinden Brügg und Biel/ Bienne befindet sich einer davon, der Bärletwald. Er ist Teil des grösseren Waldkomplexes Längholzwald und beherbergt auf einer Fläche von rund sechs Hektaren den ältesten Eichenwaldbestand im Kanton Bern. Auf rund 300 Jahre werden die ältesten Eichen im beliebten Erholungswald geschätzt. Die Käferexpertin Lea Kamber fand den Hornissenbock 2022 auf einer der alten Eichen. Eine echte Sensation, denn es ist der erste Nachweis dieser stark gefährdeten Art zwischen Lausanne und Zürich seit 1888!

Diese Erfolgsgeschichte wäre jedoch beinahe einem Holzschlag zum Opfer gefallen: Bei einem Herbststurm im November 2020 war ein grosser Seitenast einer Eiche auf eine dem Wald angrenzende Strasse gefallen. Dies rief die Gemeinde Brügg und den Staatsforstbetrieb Bern als Waldeigentümer auf den Plan. Die Gemeinde Brügg sperrte daraufhin aus Sicherheitsgründen verschiedene Wege im Bärletwald ab, und der Staatsforstbetrieb zeichnete rund 90 Bäume, darunter zahlreiche alte Eichen und Buchen, zum Fällen an. Von der Bevölkerung, von lokalen Naturschutzorganisationen und vom Gemeinderat Brügg gab es aber grossen Widerstand gegen den geplanten Eingriff. So wurden unter Einbezug von Fachpersonen, darunter Michael Lanz von der Vogelwarte, Massnahmen diskutiert, um die alten Bäume zu erhalten und gleichzeitig die Sicherheit zu gewährleisten. Die Lösung war, dass die Bäume durch einen Forstingenieur auf ihren Zustand und auf biologische Werte begutachtet wurden und dass die Gemeinde Brügg den Wald dem Staatsforstbetrieb abkaufte. Dies ermöglichte baumpflegerische Eingriffe in den Jahren 2021 und 2022. Der geplante Holzschlag konnte so verhindert werden.

Dies war eine ausgezeichnete Ausganglage für ein gemeinsames Projekt der Gemeinde Brügg und der Vogelwarte im Rahmen des Projekts «Aufschwung für die Vogelwelt ». Ziele sind der langfristige Erhalt des Bärletwaldes und der alten Eichen sowie Massnahmen zur Förderung der Biodiversität im gesamten Längholzwald. Die Partner finanzieren gemeinsam ein Förderkonzept und die Realisierung von verschiedenen Aufwertungsmassnahmen sowie eine Erfolgskontrolle. Eine wichtige Grundlage für das Projekt sind die Erhebungen von verschiedenen Artengruppen, welche im Rahmen des Projekts in den letzten zwei Jahren initiiert wurden. Neben dem Hornissenbock konnten weitere sehr seltene und hochspezialisierte Arten nachgewiesen werden. Darunter sind auch zwei stark gefährdete Flechten, die Rötliche Goldzitzenflechte (Thelopsis rubella) und der Lichtscheue Schönfleck (Caloplaca lucifuga). Bei Fledermauserhebungen 2021 wurden 10 Arten festgestellt, darunter die Waldzielart Bechsteinfledermaus. Auch ornithologisch sind die alten Eichen wertvoll: Neben dem Mittelspecht brüten vier weitere Spechtarten im Bärletwald.

Als erste Massnahme zur Sicherung wird der Alteichenbestand als Altholzinsel ausgeschieden. Die Totholzkäfer benötigen ein breites Blütenangebot, deshalb ist für Herbst 2023 eine Waldrandaufwertung mit der Pflanzung von blütenreichen Sträuchern und einem Krautsaum geplant. Damit die Zielarten ihr Verbreitungsgebiet auf den gesamten Längholzwald ausdehnen können, sollen in den kommenden Jahren Habitatbäume bezeichnet und wo möglich weitere Altholzinseln geschaffen werden.

Das Projekt ist mittlerweile weit über die Region Bern bekannt und Michael Lanz wurde für sein Engagement zur Erhaltung und Förderung der Eiche 2022 vom Verein ProQuercus ausgezeichnet.

News - Hintergrund

Wo Steinschmätzer gerne nach Nahrung suchen

August 2023

Mit dem Klimawandel werden sich insbesondere hochgelegene Gebiete stark verändern. Um zu wissen, was das für eine Bergvogelart bedeutet, müssen ihre Habitatpräferenzen bei der Nahrungssuche bekannt sein.

Da für insektenfressende Vögel im Gebirge die Nahrung nur während eines kurzen Zeitraums verfügbar ist, müssen Jungenaufzucht und Mauser genau darauf abgestimmt sein. Mit dem Klimawandel verändern sich aber zum Beispiel der Zeitpunkt der Schneeschmelze und die Ausdehnung des Waldes, was sich wiederum auf die Verfügbarkeit von Insekten als Nahrung auswirkt.

Davon wird auch der Steinschmätzer betroffen sein. Um die Auswirkungen dieser zeitlichen und räumlichen Veränderungen auf die Bestandsentwicklung des Steinschmätzers abschätzen zu können, müssen zuerst aber dessen Habitatpräferenzen bekannt sein. Dazu hat ein Forschungsteam der Vogelwarte von Mai bis September 2021 in den Bergen um Piora TI 121 farbberingte Individuen beobachtet. Sie notierten den genauen Standort der Nahrungssuche und verglichen die Eigenschaften dieses Standorts mit denen eines in zufälliger Richtung 20–80 Meter entfernten Standorts.

Sowohl Jung- als auch Altvögel zeigten während des gesamten Untersuchungszeitraums eine Präferenz für ein Mosaik aus Steinen und offenen Bodenstellen mit kurzer, langsam wachsender Vegetation. Ausserdem suchten Steinschmätzer zur Nahrungssuche die Nähe von Murmeltierbauen auf, weil Murmeltiere die Vegetation tief halten und offene Bodenflächen zur Verfügung stellen. Zudem profitierten die Steinschmätzer von extensiver Beweidung.

Die Studie zeigt, wie wichtig die Erhaltung und Förderung strukturreicher Gebiete während des gesamten Sommerhalbjahrs für den Steinschmätzer ist. Dies trifft insbesondere auf die Alpen zu, die in Zeiten des Klimawandels eine immer wichtigere Rolle für die Erhaltung der Art in Mitteleuropa einnehmen, denn in tiefergelegenen Lagen gehen die Bestände bereits zurück.

 

Müller, T. M., C. M. Meier, F. Knaus, P. Korner, B. Helm, V. Amrhein & Y. Rime (2023): Finding food in a changing world: Small-scale foraging habitat preferences of an insectivorous passerine in the Alps. Ecol. Evol. 13: e10084. https://doi.org/10.1002/ece3.10084

News - Hintergrund

Die Grenzen der Landwirtschaft

August 2023

Ein Vergleich über Landesgrenzen hinweg zeigt den grossen Effekt, den politische Rahmenbedingungen auf den Zustand der Vogelwelt haben.

Gerade Grenzregionen sind bestens geeignet, um die Auswirkungen unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen auf die Biodiversität zu untersuchen. Da hier Klima, Exposition und Bodenbeschaffenheit praktisch identisch sind, kommen sie als Faktoren für die Erklärung der Unterschiede in der Artenzusammensetzung oder Revierdichte nicht infrage. Sie sind viel mehr auf Unterschiede in den politischen Rahmenbedingungen und somit der Landnutzung zurückzuführen.

Ein Forschungsteam der ETH Zürich und der Schweizerischen Vogelwarte untersuchte daher anhand von 202 Kilometerquadraten entlang der nördlichen Landesgrenze, die für den Brutvogelatlas 2013–2016 kartiert wurden, die Unterschiede der Grenzgebiete zwischen der Schweiz (105 Kilometerquadrate), Deutschland (37) und Frankreich (60) für 29 häufige Arten. Dabei fanden sie frappante Unterschiede: In der Schweiz gab es pro Kilometerquadrat 2,5 Arten und 44 Reviere weniger als in den Nachbarländern, was 12 % weniger Arten und 14 % weniger Revieren entspricht.

Zwar fanden die Autoren diese Resultate auch im Siedlungsraum und im Wald, besonders ausgeprägt waren sie aber im Landwirtschaftsgebiet. Seit den 1990er-Jahren werden diese Unterschiede jedoch kleiner. Einerseits haben sich die Nachbarländer verschlechtert, andererseits trägt die etwas ökologischere Ausrichtung der Schweizer Landwirtschaft der letzten 20 Jahre Früchte.

Dennoch stehen nach wie vor rund die Hälfte der Schweizer Kulturlandvögel auf der Roten Liste. Dies sollte ein weiterer Anreiz sein, die naturverträglichere Ausrichtung der Landwirtschaft weiterzuführen, unter anderem mit Bunt- und Rotationsbrachen, Kleinstrukturen sowie einer Reduktion des sehr hohen Düngerund Pestizideinsatzes.

Engist, D., R. Finger, P. Knaus, J. Guélat & D. Wuepper (2023): Agricultural systems and biodiversity: Evidence from European borders and bird populations. Ecol. Econ. 209: 107854. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2023.107854

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© Hubert Schürmann

Rotationsbrachen sind in die Fruchtfolge integrierte Flächen mit eingesäten Ackerwildkräutern. Sie bieten ein stetiges Nahrungsangebot für Insekten von Frühjahr bis Herbst. Feldlerchen finden in Rotationsbrachen Platz und Nahrung für die Jungenaufzucht.

News - Hintergrund

Biodiversitätsförderflächen auf Acker als Chance

August 2023

Biodiversitätsförderflächen sind im Kulturland für viele Tier- und Pflanzenarten unverzichtbare Lebensräume. Insbesondere im Ackerland bräuchte es aber deutlich mehr hochwertige Flächen, damit bedrohte Arten in der Schweiz langfristig überleben können.

Seit Jahrhunderten ist das Kulturland Lebensraum für Vogelarten wie Wachtel, Feldlerche und Grauammer, aber auch für weitere Tiere wie beispielsweise den Feldhasen. Zahlreiche Arten haben sich an diesen vom Menschen geprägten Lebensraum angepasst und können bei uns nur im Ackerland überleben.

Durch Intensivierungsprozesse haben sich in den letzten Jahrzehnten jedoch vielerorts die Lebensbedingungen für diese Tiere zum Schlechteren verändert. Als Folge davon sind viele auf das Kulturland spezialisierte Arten selten geworden oder sogar bereits ganz verschwunden. Die Bestände der Brutvögel im Ackerland sind in den letzten 20 Jahren entsprechend massiv zurückgegangen, insbesondere im zentralen und östlichen Mittelland. Das Rebhuhn ist sogar komplett aus der Schweiz verdrängt worden. Gleichzeitig sind die Insekten sowohl in ihrer Biomasse als auch bei der Artenvielfalt deutlich zurückgegangen. Zahlreiche Ackerpflanzen stehen mittlerweile auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

 

Deshalb sind Biodiversitätsförderflächen (BFF) zu wichtigen Refugien für die Tier- und Pflanzenwelt geworden. In Ackergebieten wurden solche Elemente aber bisher leider nur selten umgesetzt. Dies ändert sich nun: Ab 2024 schreibt der Bund auf Ackerflächen mindestens 3,5 % BFF vor.

Damit bieten sich für die Biodiversität, aber auch für die Landwirtschaft grosse Chancen. Dies gilt ganz besonders dann, wenn hochwertige BFF angelegt werden, wie etwa Buntbrachen oder Säume auf Ackerland. Diese weisen eine hohe Vielfalt an Wildpflanzen auf und ziehen deshalb Insekten an, die für die Bestäubung der Kulturen wichtig sind. Auch können sich in den Förderflächen jagende Kleintiere wie Spinnen, Laufkäfer oder Raubwanzen vermehren, die unerwünschte Insekten wie Blattläuse in den Produktionsflächen vertilgen. So wird das ursprüngliche, natürliche Gefüge unterstützt. Die Nutzpflanzen werden in der Folge robuster und bringen mehr Ertrag. Ausserdem können Pflanzenschutzmittel eingespart werden.

Durch die Vielfalt an Insekten, Blüten und Pflanzensamen verbessert sich zudem das Nahrungsangebot für zahlreiche Vogelarten. Brachflächen und Säume bieten ungestörte Brutplätze für Vögel, die am Boden (Feldlerche) oder in der Krautschicht (Schwarzkehlchen, Grauammer) brüten. Kleine Buschgruppen bieten Brutmöglichkeiten für weitere Arten wie Dorngrasmücke, Neuntöter und Goldammer. Da hochwertige BFF das ganze Jahr über bestehen bleiben, bieten sie Wildtieren nicht nur eine sichere Kinderstube zur Aufzucht ihres Nachwuchses, sondern auch Rückzugsorte im Winter. So haben Feldlerche, Feldhase und Co. wieder bessere Überlebenschancen.

Jetzt ist der ideale Zeitpunkt für die Planung solch hochwertiger Flächen. Um die Landwirte und Berater dabei zu unterstützen hat die Schweizerische Vogelwarte ein Faktenblatt erstellt und gemeinsam mit Partnern auf der Plattform agrinatur.ch Videos realisiert und Merkblätter zusammengestellt.

Lassen wir die Chance nicht ungenutzt verstreichen, denn von hochwertigen BFF im Ackerland profitieren längst nicht nur Vögel und andere Wildtiere, sondern auch wir Menschen.

Weiterführende Informationen

Faktenblatt «Ökologischer Nutzen von Biodiversitätsförderflächen auf Acker»: www.vogelwarte.ch/oekologischer-nutzen-acker-bff

Biodiversitätsförderung auf dem Landwirtschaftsbetrieb: www.agrinatur.ch/bff/bff-auf-acker

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© Marcel Burkhardt

Der Weissstorch sucht seine Nahrung gerne in Feuchtwiesen. Von einer Extensivierung des Kulturlands würde der Weissstorch profitieren, und mit ihm zahlreiche weitere Arten.

News - Hintergrund

Adebar im Aufwind

August 2023

Vor 70 Jahren war der Weissstorch in der Schweiz ausgestorben, heute schreitet er erfreulicherweise wieder vielerorts über die Wiesen und Felder. Die Gründe für diesen Erfolg sind vielfältig. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Engagement vieler Freiwilliger.

Um 1900 gab es in der Schweiz noch 140 Brutpaare des Weissstorchs, 1950 bereits kein einziges mehr. Zu diesem dramatischen Bestandseinbruch haben mehrere Faktoren beigetragen: Ab dem 19. Jahrhundert bis in die 1970er-Jahre wurden grossflächig Feuchtgebiete entwässert. Dadurch verschwanden für den Weissstorch typische Nahrungshabitate wie Sumpflandschaften oder Wässermatten. Zudem wurden vor allem während der beiden Weltkriege viele neue Freileitungen in der Schweiz eingerichtet, wodurch vermutlich viele Störche an Stromschlag starben. Schliesslich könnte auch das Wetter eine Rolle gespielt haben: Längere Dürreperioden in der afrikanischen Sahelzone führten möglicherweise zu einer höheren Sterblichkeit von Altvögeln im Winterquartier, und in der Schweiz könnten Schlechtwetterperioden im Frühling zu schlechtem Bruterfolg geführt haben.

Max Bloesch, ein passionierter Storchenfreund, wollte aber dem Verschwinden des Weissstorchs nicht tatenlos zusehen. In Altreu SO unternahm er den gewagten Versuch, die Störche wieder anzusiedeln. Nach anfänglichen Fehlschlägen gelang es, Jungstörche über die kritischen Jugendjahre in Gehegen zu behalten und danach freizulassen. Die zurückbehaltenen Störche zogen nicht weg und brüteten später erfolgreich. Weitere Aussenstationen wurden an insgesamt 24 Standorten zwischen Genfersee und St. Galler Rheintal gegründet. Begleitet wurden diese Wiederansiedlungen von der 1976 gegründeten «Gesellschaft zur Förderung des Storchenansiedlungsversuches», heute «Storch Schweiz». Zwischen 1970 und 1992 stieg die Storchenpopulation von knapp 20 auf 140 Brutpaare an. 1995 wurde auf internationaler Ebene beschlossen, die Auswilderung zu beenden und auf eine sich selbst erhaltende Population von Wildvögeln hinzuarbeiten. Seither nahm der Bestand noch einmal rasant zu: Im 2010 publizierten Aktionsplan für den Weissstorch in der Schweiz wurde als Ziel 300 Brutpaare bis 2024 festgelegt, 2022 zählten wir bereits 887 Brutpaare – ein toller Erfolg! Alles in allem ist für die schnelle Erholung des Weissstorchs wohl eine Kombination von Schutzund Förderbemühungen und veränderten Umweltbedingungen verantwortlich.

Zugverhalten, Gefahren und Förderung

Schon seit Beginn des Wiederansiedlungsprojekts in der Schweiz werden die Weissstörche zur Erfolgskontrolle wo immer möglich beringt und das Brutgeschehen an den Horsten verfolgt. So haben wir in der Schweiz eine der am besten dokumentierten Populationen in Europa. Zusätzlich werden Weissstörche seit 1999 besendert, um besser zu verstehen, welchen Gefahren die Tiere auf ihren Zugrouten ausgesetzt sind. Dank Beringung, Besenderung und Monitoring wissen wir heute sehr viel über die Entwicklung der Populationen, Gefahren, das Zugverhalten sowie Überwinterungsund Rastgebiete der europäischen Weissstörche.

Todesursachen für ausgewachsene Weissstörche sind unter anderem Kollisionen mit Stromleitungen und Abschüsse auf den Zugrouten und in den Überwinterungsgebieten. Das Zugverhalten hat sich aber im Laufe der letzten Jahrzehnte stark verändert. Die meisten, und vor allem ältere Tiere, verbringen heute den Winter auf offenen Mülldeponien in Spanien und Portugal. Zudem sind wegen des Klimawandels die Winter auch in der Schweiz milder geworden, so dass die Störche oft hierbleiben. Im Winter 2022/23 waren es rund 650 Tiere. So sparen sie sich die anstrengende und risikoreiche Reise bis nach Afrika, wodurch auch ihre Überlebenswahrscheinlichkeit steigt.

Analysen zeigen denn auch, dass der aktuelle Bestandsanstieg vor allem auf einen Rückgang der Sterblichkeit von Altvögeln zurückzuführen ist. Luft nach oben besteht jedoch beim Bruterfolg. Dieser sollte für eine selbsterhaltende Population laut Berechnungen bei durchschnittlich zwei Jungen pro Brutpaar liegen, was in den meisten Jahren nicht erreicht wird. Um den guten Bestand zu sichern, brauchen Weissstörche ausreichend Brutmöglichkeiten, Nahrungshabitate in der Nähe der Nester und entschärfte Gefahrenquellen. Auch heute verenden immer noch Störche etwa durch Stromschlag an Mittelspannungsleitungen. Die Förderung des Weissstorchs ist nicht ohne Aufwand möglich, der hierzulande vor allem durch ein Netzwerk aus Freiwilligen geleistet wird, koordiniert von Storch Schweiz. Diese überwachen die Horste, beringen Nestlinge, lesen Ringe ab, leisten Unterstützung beim Unterhalt von Horsten und sensibilisieren die Bevölkerung. Leider hat der Aktionsplan nicht zum gewünschten Erfolg bei der Schaffung von Nahrungshabitaten geführt. Der Weissstorch ist zwar eine Schirmart für eine extensive Bewirtschaftung des Kulturlands, aber die agrarpolitischen Rahmenbedingungen für das Anlegen von extensivem Grünland oder Feuchtwiesen sind nach wie vor schwierig.

Neue Herausforderungen

Obwohl die westliche Population des Weissstorchs in Europa momentan einen Aufschwung erlebt, dürfen anstehende Herausforderungen nicht vergessen werden. Dazu gehören etwa Umweltverschmutzung und Urbanisierung. Verschiedene Studien zeigen, dass in Horsten mehr Abfall zu finden ist, wenn sie näher an urbanen Gebieten liegen oder die Umgebung mehr Fremdstoffe aufweist. Solcher Müll kann auch für Nestlinge gefährlich werden, wenn sich etwa eine Schnur um ein Bein wickelt und dieses einschnürt. Auch tragen Störche nicht-organische Stoffe in die Horste, verfüttern diese den Jungtieren oder fressen sie selbst. So wurden in Mägen verendeter Alt- und Jungstörche zahlreiche Fremdstoffe und vor allem Plastik festgestellt. Hier können wir entgegenwirken, indem wir geeignetes Nestmaterial in der Nähe von Horsten zur Verfügung stellen, Nahrungshabitate aufwerten und Littering vermeiden.

Mit dem starken Wachstum der Weissstorchpopulation muss auch der Mensch seinen Umgang mit dieser Art wieder neu lernen. Einerseits ist aus Sicht der Storchenschützenden der Aufwand für ein umfassendes Monitoring des Brutbestandes und für die Beringung gestiegen. Die Störche brüten nicht mehr nur an den langjährigen Standorten, sondern oft auch an neuen. Noch haben wir einen guten Überblick, doch ohne Nachwuchs bei der Freiwilligenarbeit kann dieser Aufwand nicht mehr lange aufrechterhalten werden. Andererseits wird der Weissstorch teilweise bereits als selbstverständlich wahrgenommen. Mancherorts kursiert sogar schon der Begriff «Problemstorch ». Denn während früher ein Storchenhorst auf dem Dach als Glücksbringer galt, ist man es heute nicht mehr gewohnt, dass so grosse Vögel in der Nachbarschaft oder gar auf dem eigenen Hausdach brüten. Manche Personen sind überfordert, wenn Störche beim Horstbau Äste auf die Liegenschaft fallenlassen oder Kotspritzer zu Verschmutzungen führen. Mit Öffentlichkeitsarbeit versuchen Storchenfreundinnen und -freunde die Bevölkerung für die Bedürfnisse des Weissstorchs zu sensibilisieren. So werden immer wieder gemeinsam pragmatisch Lösungen gefunden, die für Störche und Menschen akzeptabel sind. Verschiedene Hilfsmittel werden bereits zur Sensibilisierung genutzt, etwa Webcams mit Einblick ins Brutgeschäft, Unterrichtsmaterialien für Schülerinnen und Schüler oder spezielle Ausstellungen.

Trotz des erfreulichen Bestandsanstiegs sollten wir Sorge tragen für den Weissstorch, denn er gilt nach wie vor als potenziell gefährdet, und die dynamische Entwicklung der letzten 100 Jahre zeigt, wie schnell sich die Situation wieder ändern kann.

Die Schweizerische Vogelwarte koordiniert gemeinsam mit Storch Schweiz das Monitoring für den Weissstorch. Vielerorts setzen sich lokale und regionale Gruppen und Organisationen für den Weissstorch ein. Möchten Sie sich für Beringung, Monitoring oder Förderung des Weissstorchs engagieren? Melden sie sich unter storch-schweiz@bluewin.ch.

News - Hintergrund

Lichtverschmutzung verstehen und vermindern

August 2023

Licht und Dunkel wechseln sich in der Natur rhythmisch ab. Ihr Wechsel formt viele Lebensprozesse, die durch Kunstlicht in der Nacht gestört werden. Die Vogelwarte erforscht die vielfältigen Folgen von Lichtverschmutzung, etwa auf den Vogelzug.

Seit es Leben auf der Erde gibt, kommt Licht fast ausschliesslich von Himmelskörpern wie Sonne, Mond und Sternen. Lebewesen konnten sich daher über Jahrmillionen auf den präzisen, rhythmischen Wechsel von Licht und Dunkel einstellen. Vögel stellen zum Beispiel durch Lichtmessung ihre inneren Jahres- und Tagesuhren und nutzen nachts Sternenlicht zur Navigation auf ihren Zugwegen. Auch ihre Nahrung und ihre Fressfeinde haben sich auf den Tag-Nacht-Wechsel eingestellt, so dass Lebensgemeinschaften aufeinander eingetaktet sind.

Was ist Lichtverschmutzung und was ist das Problem?

Durch die in jüngster Zeit rasante Ausbreitung von künstlichem Licht in der Nacht kommt dieser eingespielte Rhythmus durcheinander. Künstliches Licht, das Lebensprozesse und Aktivitäten stört, wird als Lichtverschmutzung bezeichnet. Die Auswirkungen künstlichen Lichts sind vielfältig: Viele Vogelarten sind an erleuchteten Orten nachts aktiv, Nahrungsketten und physiologische Prozesse wandeln sich und Tages- und Jahresrhythmen werden verschoben. Vögel, die vom Licht angezogen oder geblendet werden, haben ein hohes Kollisionsrisiko. Die Lichtverschmutzung trägt auch deutlich zum Rückgang von Insekten bei, was wiederum auch für viele Vogelarten negative Folgen hat.

Forschung und Information an der Vogelwarte

Im Gegensatz zu vielen anderen Verschmutzungsarten sind Probleme durch Kunstlicht prinzipiell schnell zu lösen: Es leuchtet nur so lange, wie wir aktiv mit Strom Licht erzeugen. Sobald kein Strom mehr fliesst, gibt es auch keine Lichtverschmutzung mehr. Allerdings verlangt die Entscheidung, welche Lichter nachts leuchten, eine Abwägung zwischen diversen Interessen. Dabei werden Vorteile der natürlichen Dunkelheit für Mensch und Natur mit unseren Sicherheitsbedenken oder dem Wunsch nach privater oder kommerzieller Nutzung von nächtlichem Licht abgewogen.

Die Vogelwarte engagiert sich mit Forschung und Förderung für eine Minderung der Folgen von Lichtverschmutzung. Durch Analyse von Kollisionsopfern versucht sie zu ermitteln, worin die grössten Risiken bestehen. Forschungsprojekte zu dunkelaktiven Arten wie Eulen und von nächtlichen Aktivitäten, insbesondere zum Vogelzug, sollen klären, wie Vögel in ihrem Verhalten und ihrer Physiologie auf den Verlust der Nacht reagieren. Basierend auf Forschungserkenntnissen trägt die Vogelwarte durch Informationen, Beratungsgespräche und die Formulierung von Empfehlungen zur Sensibilisierung der Bevölkerung und zur Verminderung der Lichtverschmutzung bei.

Forschungsschwerpunkt Vogelzug

Die meisten Zugvogelarten ziehen nachts und bewegen sich überregional durch vielfältige Landschaften, weshalb sie besonders von Lichtverschmutzung betroffen sind. Sie werden, ähnlich wie Insekten, von Licht in der Nacht angezogen und können bei starkem Licht von Zugwegen abkommen oder kreisen um Lichtkegel. Die Folge sind oftmals Kollisionen mit Scheiben oder Gebäuden. Diese enden für viele Vögel tödlich, wie Ehrenamtliche aus Deutschland mithilfe der Vogelwarte für den «Post Tower» in Bonn nachgewiesen haben.

Viele gefährliche Aspekte der Lichtverschmutzung konnten noch nicht geklärt werden, unter anderem weil Vögel während des Nachtzugs nur schwer zu beobachten sind. Es ist zum Beispiel kaum bekannt, wie stark und über welche Reichweiten Lichtverschmutzung Vogelzugströme beeinflusst. Sind hier vor allem Stadtgebiete betroffen, oder fliegen Vögel auch über weitere Strecken dem Lichtschein entgegen? Ebenso ist unklar, wieviel zusätzliche Zeit Vögel auf ihrem Zug benötigen, wenn sie um Lichtquellen kreisen oder Umwege fliegen müssen. Umstritten sind auch die Tageszeiten mit besonders hohem Risiko und die genauen Umweltbedingungen, bei denen mit hohen Vogeldichten während der Zugphasen gerechnet werden kann. Und schliesslich ist es wichtig zu wissen, welche Eigenschaften des Lichts hohe oder nur geringe Störungen erzeugen.

Neue Projekte zur Lichtverschmutzung

Das Ressort Vogelzugforschung der Vogelwarte hat zur Klärung der Wissenslücken neue Forschungsprojekte zur Thematik gestartet. Dabei greifen wir auf die seit Jahrzehnten etablierte Expertise der Vogelwarte in der Nutzung von Radartechnik zurück. Mittels Radar kann der ansonsten weitgehend unsichtbare Nachtzug in Höhen von über 1000 m über dem Boden sichtbar gemacht werden. Die von der Vogelwarte mitentwickelten «BirdScan»-Radargeräte messen während der Zugphasen rund um die Uhr Echos, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Vögeln zuzuordnen sind. Aus den Echos können wir Anzahl, Höhe und Richtung überfliegender Vögel errechnen und ihre Fluggeschwindigkeit abschätzen. So können wir während einer Zugperiode die Bewegungen von Tausenden Vögeln untersuchen.

Neuerdings nutzen wir die «BirdScan»-Radargeräte, um den Einfluss von Lichtverschmutzung auf Zugbewegungen zu messen. Dazu wollen wir nachts erleuchtete Gebiete mit dunklen vergleichen, um den Vogelzug in Zusammenhang zu lokaler Lichtverschmutzung zu setzen. Die Küste der kroatischen Adria ist dafür eine besonders geeignete Region. Während des Frühjahrszugs fliegen Zugvögel über die dunkle Adria die Küste an, die in Kroatien sehr unterschiedlich hell beleuchtet ist. Viele Gegenden sind nachts noch weitgehend dunkel, während vor allem städtische Gebiete deutlich lichtverschmutzt sind. Dieser starke Hell-Dunkel-Kontrast macht die Küstenregion ideal, um die Grundlagen der Reaktion von Zugvögeln auf Lichtverschmutzung zu erforschen.

Für den Frühjahrszug 2023 installierten wir dort mithilfe unserer kroatischen Projektpartner erstmals BirdScans. Jeweils an einem hellen und einem benachbarten dunklen Standort in Istrien und Dalmatien zeichneten die BirdScans den Frühjahrszug auf. Die automatische Registrierung ist mittlerweile abgeschlossen, doch die eigentliche Hauptarbeit steht erst an: Anhand der Echodaten werden wir nun errechnen, inwiefern sich der Zug zwischen hellen und dunklen Standorten unterscheidet. Wir erwarten, dass die Vögel bei Lichtverschmutzung weniger gerichtet und langsamer fliegen, und vielleicht ihre Zughöhe variieren. Wenn das Licht die Vögel im Anflug auf die Küste anzieht, sollten auch mehr Vögel über den Städten registriert werden. Flankiert werden unsere Aufzeichnungen von akustischen Aufnahmen, anhand deren einige Arten identifiziert werden könnten. Ausserdem können wir so auch testen, ob Vögel über Städten mehr rufen. Schliesslich sammeln wir auch Daten von Wetterradargeräten, um Flugmuster auf grösserer Skala untersuchen zu können. Die Analysen sind Teil einer Doktorarbeit in Zusammenarbeit mit dem geographischen Institut der Universität Zürich.

Nach Abschluss dieser ersten Projektphase hoffen wir, in Kroatien gezielt mit Lichteigenschaften experimentieren zu können, um herauszufinden, wie sich Auswirkungen auf die Zugvögel abmildern lassen. Langfristig könnten die von uns etablierten Methoden auch in der Schweiz angewandt werden, und beispielsweise Zugbewegungen über Städten mit Vogelzug über umgebenden dunkleren Regionen verglichen werden.

Schon jetzt dem Problem entgegenarbeiten

Während wir durch Forschung ermitteln, welches Licht Zugvögel besonders beeinträchtigt, ist es wichtig, Lichtverschmutzung bereits jetzt soweit wie möglich entgegenzuwirken. Die beste unter allen Lösungen ist eine weitgehende Reduktion. Empfehlungen zur Reduktion von Verschmutzung durch künstliche Lichtquellen sind bereits jetzt insbesondere im Kapitel 5 der neuen Broschüre «Vogelfreundliches Bauen mit Glas und Licht» nachzulesen, die unter der Federführung der Vogelwarte entstanden ist.

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© Matthias Kestenholz
Stieglitz
News - Hintergrund

Die Natur ist «too big to fail»

August 2023

Das Schicksal von in Schieflage geratenen Banken und der bedrohten Natur hat einige überraschende Parallelen: Beide sind – manchmal unwissentlich, manchmal fahrlässig – von Menschen verursacht. Beide Schicksale werden ausserdem wesentlich von politischen Entscheidungen bestimmt. Die Beurteilung ihrer jeweiligen Systemrelevanz hingegen scheint unterschiedlicher kaum ausfallen zu können. Zu Unrecht.

Spätestens seit der Finanzkrise vor 15 Jahren gehört die Redewendung «too big to fail» genauso wie «Systemrelevanz» zum festen Inventar unserer gesellschaftlichen Debatten, beschränkt sich dabei aber fast ausschliesslich auf Banken. Im Zusammenhang mit Naturthemen klingt es anders – noch. «Wäre die Natur eine Bank, hätte man sie schon längst gerettet». Diese oft zitierte und hier leicht abgewandelte Einschätzung fasst in einem Satz zusammen, dass es nicht nur global, sondern auch hierzulande beim Schutz der Vögel, der Insekten, der Hochmoore – kurz, der Natur – viel zu zögerlich vorwärts geht. Schlimmer noch: Dass bereits durch Schutz erreichte Erfolge durch nicht enkeltaugliche Entscheidungen wieder in Gefahr geraten.

Besonders deutlich geworden ist die Misere auch bei der parlamentarischen Beratung der Biodiversitätsinitiative. Da wurde Biodiversität als «Modewort» abgetan, dem Schutz der Biodiversität «hafte etwas Egoistisches an». Die billigende Belastung und Zerstörung von intakten Lebensräumen und die damit verbundene Gefährdung verschiedenster Arten ist aber keine Bagatelle.

Innert Tagen standen 259 Milliarden Franken für die Rettung einer selbstverschuldet in Schieflage geratenen Grossbank zur Verfügung. Von so grosszügigen Zuwendungen kann der Naturschutz nur träumen. Müssten wir die Leistungen der Ökosysteme aber selbst bezahlen, die wir tagtäglich frei Haus von der Natur geliefert bekommen, entstünden massive Mehrkosten für unsere Gesellschaft. Beim Schutz der Biodiversität geht es letztlich auch um unsere Lebengrundlagen. Nur gesunde Ökosysteme garantieren uns fruchtbare Böden, sauberes Trinkwasser, reine Luft und damit unsere Gesundheit. Diese Erkenntnis scheint sich aber in vielen Köpfen noch nicht durchgesetzt zu haben.

Wenn Kritiker eines besseren Schutzes von Biodiversität, Natur und Vogelwelt von «schwerwiegenden Folgen» für bestimmte Wirtschaftszweige sprechen, verkennen sie die Systemrelevanz der Natur. Sie sollte für uns als «too big to fail» behandelt werden. Das Auf und Ab der Vogelbestände zu dokumentieren und zu erklären, ist eine wichtige Aufgabe der Vogelwarte. Üblicherweise werden sie mit Niederschlagsmengen, Sonnenstunden, Anzahl an Bäumen oder Hecken, Abstand zu Strassen und andere Faktoren erklärt. Den grössten Einfluss hat aber Bundesbern.

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© Marcel Burkhardt

Aufgewertete Kulturlandschaft Wauwilermoos

News - Hintergrund

Ja zur Biodiversität!

April 2023

In der Schweiz gelten 40 % der Brutvögel als bedroht, ebenso wie viele andere Tier- und Pflanzenarten. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Umso dringender ist die Biodiversitätsinitiative zum Schutz von Natur und Landschaft in der Verfassung.

40 % der Vogelarten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Auch das Insektensterben ist ein aufrüttelndes Alarmzeichen des stillen Artensterbens. Statt bedrohte Arten zu fördern, geht täglich weiterer Lebensraum verloren, etwa durch Übernutzung, Drainagen, Überbauung und Zerschneidung bislang intakter Landschaften. Die geltenden gesetzlichen Bestimmungen werden kurzfristiger Nutzungsinteressen wegen abgeschwächt. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Windenergie- und Solaroffensive, die auch vor Landschaftsperlen nicht Halt macht. Das Naturerbe wird unwiederbringlich zerstört.

Die Schweiz ist schon lange kein Vorbild mehr in Sachen Naturschutz. Sie weist im Vergleich mit anderen OECD-Ländern den höchsten Anteil gefährdeter Arten auf. Zudem stehen in der Schweiz gerade einmal 5,9 % der Landesfläche unter Schutz. Die reiche Schweiz liegt damit auf dem letzten Rang in ganz Europa! Unser Land unternimmt zu wenig, wenn es um den Erhalt von Natur und Landschaft und damit unserer Lebensgrundlagen geht. Der Wille und die zur Verfügung gestellten Mittel fehlen. So sind viele Naturschutzämter personell und finanziell stark unterdotiert. So darf es nicht weitergehen!

Die Biodiversitätsinitiative will den dramatischen Verlust an Artenvielfalt und die Zerstörung von Natur und Landschaft stoppen. Sie fordert eine Wende, bevor es zu spät ist: Sie verstärkt den Schutz der Biodiversität und der Landschaft in der Verfassung. Sie bewahrt, was bereits unter Schutz steht und schont, was ausserhalb geschützter Objekte liegt. Sie fordert mehr Flächen und mehr finanzielle Mittel für den Schutz der Biodiversität.

Konkret will die Biodiversitätsinitiative die Bundesverfassung mit einem Artikel 78a ergänzen, der verlangt, dass Bund und Kantone im Rahmen ihrer Zuständigkeiten dafür sorgen sollen, dass die zur Sicherung und Stärkung der Biodiversität erforderlichen Flächen, Mittel und Instrumente zur Verfügung stehen. Wir profitieren tagtäglich von den zahlreichen Leistungen, die uns die Biodiversität durch vielfältige Ökosysteme zur Verfügung stellt: Sauberes Wasser, saubere Luft und intakte Böden als Grundlage unserer Ernährung. Die Biodiversität bildet die Basis für unsere Gesundheit – und auch unsere Wirtschaft. Mehr Mittel zur Sicherung der Biodiversität kommen also gleich mehrfach auch uns selbst zugute.

Die Vogelwarte ist parteipolitisch neutral und verzichtet in der Regel auf Abstimmungsempfehlungen. Das Anliegen der Biodiversitätsinitiative kommt aber mitten aus der Bevölkerung und verfolgt die gleichen Ziele, für welche sich die Vogelwarte schon seit fast hundert Jahren engagiert. Die Vogelwarte sagt deshalb «Ja zur Biodiversitätsinitiative».

News - Hintergrund

Der Gänsegeier in der Schweiz

April 2023

Immer mehr Gänsegeier übersommern in der Schweiz. Dabei werfen gewisse Verhaltensweisen Fragen auf und erregen in der Öffentlichkeit und in Landwirtschaftskreisen Aufmerksamkeit.

Die sachliche, neutrale Interpretation des Verhaltens ist sehr wichtig, denn schon einmal wurde durch Missinterpretation seines Verhaltens ein Greifvogel als grosse Gefahr betrachtet und wurde sogar in den Alpen ausgerottet – heute wissen wir, dass der Bartgeier absolut ungefährlich ist.

Kein Neuling in der Schweiz

Das Auftreten herumstreifender Gänsegeier in der Schweiz ist seit dem Mittelalter belegt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde er aber in weiten Teilen Europas ausgerottet. Insbesondere der Einsatz von Giftködern gegen Grossraubtiere war fatal für den Gänsegeier. 1981 startete ein Wiederansiedlungsprojekt im französischen Zentralmassiv. Mittlerweile brüten in ganz Frankreich wieder über 3000 Paare. Dies führte auch zu vermehrten Beobachtungen in der Schweiz, insbesondere ab 2012. Mittlerweile dürften sich jeden Sommer schätzungsweise mehrere Hundert Gänsegeier in der Schweiz aufhalten.

Hierzulande ist der Gänsegeier ein Nahrungsgast, aber kein Brutvogel. Sein Auftreten beschränkt sich hauptsächlich auf die Zeit von April bis Oktober. Es handelt sich dabei um Vögel, die nicht brüten und über sehr weite Distanzen herumstreifen. Dies sind hauptsächlich noch nicht geschlechtsreife Individuen. In weitaus geringeren Zahlen erscheinen auch adulte Gänsegeier bei uns, die nicht brüten oder die ihre Brut früh verloren haben. Es ist unwahrscheinlich, dass der Gänsegeier in naher Zukunft zum Schweizer Brutvogel wird, denn in den südeurop.ischen Brutgebieten startet die Eiablage bereits zwischen Dezember und März. Bruten wären also erst dann zu erwarten, wenn sich geschlechtsreife Gänsegeier das ganze Jahr in der Schweiz aufhalten.

Perfekter Kadaververwerter

Der Gänsegeier ist ein Aasfresser, der sich vor allem von Kadavern grosser Huftiere wie Steinbock, Gämse, Rothirsch, Reh, aber auch Nutztieren wie Kuh und Schaf, ernährt. Er zeigt viele Anpassungen, die ihn zu einem perfekten Kadaververwerter machen. Ort und Zeitpunkt, an dem Kadaver verfügbar werden, sind nicht voraussehbar. Der Gänsegeier muss daher auch grössere Distanzen auf der Suche nach Nahrung zurücklegen können. Mit seinen gewaltigen Schwingen ist er ein sehr guter Thermikflieger. Segelnd braucht er kaum Energie und kann weite Strecken überwinden. Nachgewiesen sind Distanzen von mehreren hundert Kilometern an einem Tag. Wenn der Gänsegeier dann einmal einen Kadaver gefunden hat, frisst er so viel wie möglich, weil ungewiss ist, wann er das nächste Mal an einen Kadaver gelangt. Da die Nahrungsaufnahme nicht immer gleich regelmässig möglich ist, hat der Gänsegeier grosse Fettdepots und kann mehrere Tage bis zu mehreren Wochen ohne Nahrung auskommen. Seine sauren Magensäfte und das hoch spezialisierte Mikrobiom des Darmes sorgen dafür, dass der Gänsegeier selbst verwesendes Fleisch fressen kann, ohne unter Krankheitserregern zu leiden.

Der Gänsegeier und der Wolf

Weil der Gänsegeier vor allem Kadaver frisst, scheint es naheliegend, sein Auftreten in Verbindung zu bringen mit dem Auftreten des Wolfs. Der Gänsegeier findet in der Schweiz durch die hohen Wildbestände und natürliche Abgänge, auch bei Nutztieren, auch ohne Wolf genügend Nahrung. Insgesamt gibt es in der Schweiz keinen Hinweis darauf, dass die Wolfspräsenz grossräumig einen Einfluss auf die Aufenthaltsorte des Gänsegeiers hat. Natürlich profitiert der Gänsegeier von Wolfsrissen und kann sehr schnell bei einem Riss auftauchen. Die rasche Nutzung eines Nutztierkadavers durch Gänsegeier kann den Nachweis eines Wolfsrisses erschweren und zu Konflikten führen. Dieser Konflikt kann nicht den Aasfressern angelastet werden. Die Lösung dieses Konflikts liegt in der Kompetenz der kantonalen und nationalen Behörden.

Kein reiner Aasfresser, aber auch kein echter Jäger

Spätestens seit Ende August 2022 ist der Gänsegeier zum heiss diskutierten Thema geworden: Gänsegeier haben bei Lumnezia GR an einem noch lebenden, neugeborenen Kalb gefressen. Die Verletzungen waren so schwerwiegend, dass das Kalb eingeschläfert werden musste. Dass Gänsegeier auch an noch lebenden Tieren fressen können, ist spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt. Die wenigen ausreichend dokumentierten Fälle zeigen aber, dass die betroffenen Tiere schwer verletzt, alt, krank, schwach oder frisch geboren waren. Wenn sich solche Tiere nicht wehren oder nicht verteidigt werden, kann es vorkommen, dass Gänsegeier bereits zu fressen beginnen, bevor das Tier tot ist. Verteidigte oder gesunde Tiere, die gut gehen können, gehören nicht in das Nahrungsspektrum des Gänsegeiers. Insbesondere auch deshalb, weil er als eigentlicher Aasfresser mit seinen schwachen Krallen kaum Tiere verletzen oder töten kann.

Zwar gab es vor allem in den letzten Jahren aus Frankreich und Spanien immer wieder Meldungen von vermeintlichen Attacken von Gänsegeiern auf Nutztiere. Fundierte Abklärungen haben jedoch gezeigt, dass in den allermeisten Fällen niemand vor Ort war, der eine vermeintliche Attacke beobachtet hat. Je nach Studie betrafen rund 70 % der gemeldeten Fälle nachweislich Tiere, die beim Eintreffen der Gänsegeier bereits tot waren. In der französischen Region «Grands Causses » gab es von 2007–2014 182 Meldungen von vermeintlichen Gänsegeierangriffen auf Nutztiere, die veterinärmedizinisch untersucht wurden. In nur 15 Fällen konnte bestätigt werden, dass Gänsegeier an noch lebenden Nutztieren gefressen hatten, wobei alle betroffenen Tiere unfähig gewesen waren, zu gehen. Die Geier wurden deshalb laut den Veterinärberichten nie als hauptsächliche Todesursache angesehen. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum starben in derselben Region jährlich insgesamt rund 40 000 Nutztiere an unterschiedlichen Ursachen.

Der Fall bei Lumnezia muss in einem ähnlichen Licht betrachtet werden: Obwohl sich seit rund 10 Jahren alljährlich schätzungsweise mehrere Hundert Gänsegeier den ganzen Sommer in der Schweiz aufhalten, ist der Vogelwarte erst dieser eine bestätigte Fall bekannt. Bedauerlicherweise ist laut kantonalem Amt für Jagd und Fischerei unklar, wie der Gesundheitszustand des Kalbs war. Zudem passt der Fall ins Bild der Untersuchungen in Spanien und Frankreich: Viele der vermeintlichen Angriffe wurden entweder bei Kälbern oder gebärenden Kühen registriert. Geburtskomplikationen, Totgeburten oder die Nachgeburt locken Gänsegeier an und können zu Missinterpretationen seines Verhaltens oder tatsächlichen Vorfällen führen.

Missinterpretationen und «Fake News»

Die Angst vor dem Gänsegeier beruht zu grossen Teilen auf einer Missinterpretation seines Verhaltens und wird verstärkt durch tendenziöse Berichterstattung in den Medien. Dazu kommen Videos auf Social Media, die vermeintliche Angriffe auf Nutztiere zeigen. Einige Bilder sind in der Tat unschön und sehen teilweise dramatisch aus, zeigen aber kaum je den Anfang oder das Ende der Interaktion zwischen Geiern und Nutztieren. Es ist also meist unklar, was genau vorgefallen ist und in welchem Zustand das Tier war, als die Geier auftauchten. Solche Videos sind also kein Beweis für die Gefährlichkeit von Gänsegeiern für gesunde Nutztiere.

Auch wenn es kaum Hinweise darauf gibt, dass Gänsegeier gesunde Nutztiere angreifen, sollte jede dieser Meldungen genau geprüft werden. Wurde der ganze Angriff von Anfang bis Ende beobachtet oder sogar dokumentiert? In welchem Zustand befand sich das betroffene Tier beim Eintreffen der Geier? Gibt es Hinweise auf Krankheiten oder Verletzungen? Nur wenn diese Fragen beantwortet werden können, können der Gänsegeier, sein Verhalten und allfällige Massnahmen nüchtern und ohne Polemik diskutiert werden.

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© Ralph Martin
Flussuferläufer
News - Hintergrund

Grossflächige Revitalisierungen funktionieren – und wie!

April 2023

Revitalisierungen von Fliessgewässern bieten eine Chance für den stark gefährdeten Flussuferläufer. Die Förderung dieses Watvogels ist aufwändig und braucht Geduld, kann aber spektakuläre Erfolge mit sich bringen.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war der Flussuferläufer in der Schweiz auch im Mittelland noch weit verbreitet. Er besiedelt bevorzugt vielfältige Auengebiete, die mindestens vier Hektaren umfassen. Dort versteckt er sein Nest in der aufkommenden lückigen Vegetation auf Inseln und in Uferbereichen aus Kies, Schlick und Sand. Flussregulierungen sowie der Bau von Flusskraftwerken haben bei uns jedoch viele Brutplätze zerstört, und der heutige Zustand unserer Fliessgewässer wird den Ansprüchen des Flussuferläufers mehrheitlich nicht mehr gerecht. Heute brüten in der Schweiz daher nur noch rund 100 Brutpaare, die sich auf die Voralpen und Alpen beschränken. Wegen seines kleinen Bestands ist er auf der Roten Liste der Brutvögel als «stark gefährdet» eingestuft. Mit einem Anteil von über 60 % hat der Kanton Graubünden eine besondere Bedeutung und Verantwortung für den Flussuferläufer in der Schweiz.

Revitalisierungen von Fliessgewässern, wie sie die 2011 in Kraft getretene Revision des Gewässerschutzgesetzes fordert, bieten eine Chance zur Wiederherstellung von Lebensräumen, die auch dem Flussuferläufer zugutekommen können. Der grosse Raumbedarf des Flussuferläufers und seine Empfindlichkeit gegenüber menschlichen Störungen während der Brutzeit stellen jedoch grosse Herausforderungen dar. Der Erholungsdruck entlang der Gewässer ist gerade in der dicht besiedelten Schweiz sehr hoch. Für eine erfolgreiche Förderung des Flussuferläufers sind daher Massnahmen zur Besucherlenkung unumgänglich.

Vorbildliche Revitalisierung von Beverin und Inn

In den Oberengadiner Gemeinden Bever und La Punt werden Projekte zur Revitalisierung der Flüsse Beverin und Inn durchgeführt, die in vielen Aspekten beispielhaft und schweizweit in ihrer Grösse einzigartig sind. Seit 2012 wurden gut zwei Flusskilometer revitalisiert. Aktuell laufen die Vorbereitungen für die Revitalisierung von weiteren zwei Fusskilometern entlang des Inns. Finanziell getragen wird dies grösstenteils vom Bund, dem Kanton Graubünden, Pro Natura Schweiz, dem Fonds Landschaft Schweiz, dem naturmade star-Fond des EWZ und der Ernst Göhner Stiftung. Die Vogelwarte beteiligt sich seit 2008 an diesen Projekten und dokumentiert seither die Entwicklung der Vogelwelt. In den letzten beiden Jahren führte die Vogelwarte zudem ein Besuchermonitoring durch und untersuchte die Wirksamkeit der Besucherlenkung. In der Begleitgruppe des Projekts leistet die Vogelwarte zudem fachliche Unterstützung zugunsten der Vogelwelt.

Seit 2021 ist ein Besucherlenkungskonzept in Kraft, das eine Kombination von Information, Sensibilisierung, physischer Lenkung, Geboten und Verboten anwendet. Die Besucher werden an strategisch wichtigen Orten mit Tafeln informiert und zu verschiedenen Themen sensibilisiert. Zusätzliche Informationen werden über eine Internetseite sowie mit Broschüren zur Verfügung gestellt und verbreitet. Exkursionen, ein für Kinder entwickelter Forschungsrucksack und weitere Aktivitäten ergänzen dieses Angebot. Das Wegnetz wurde für Fussgänger, Velofahrende sowie Reitende bestmöglich entflechtet und entsprechend signalisiert. Zur Wegleitung wurden natürliche Hindernisse und Absperrungen eingesetzt, um sensible Bereiche abzutrennen und besser vor Zutritt zu schützen. An gewissen Wasserstellen ist der Zugang für Spiel oder Picknick hingegen explizit erwünscht und entsprechend ausgeschildert. Nicht zuletzt werden die Besuchenden während der Brutzeit des Flussuferläufers (Mitte April bis Ende Juli) gebeten, sensible Bereiche wie Kiesinseln nicht zu betreten. Auf bestimmten Wegen gelten ein Leinengebot für Hunde sowie Fahr- und Reitverbote. Die Ergebnisse des Besuchermonitorings der Vogelwarte zeigen die Attraktivität des Gebiets für die Besucher und die Notwendigkeit der Besucherlenkung auf: Durchschnittlich sind im Gebiet über 100 Personen pro Tag und an schönen Ferientagen weit über 200 Personen unterwegs! Erfreulich stimmt aber, dass über 95 % aller Besuchenden die vorgegebenen Wege und Wasserstellen benutzen und damit belegen, dass die Massnahmen überwiegend wirksam sind.

Neuer Lebensraum für Flussuferläufer, Flussregenpfeifer und Co.

Mit der Revitalisierung wurden typische Auenlebensräume geschaffen, die der Flussuferläufer als Zielart solcher Aufwertungen rasch wieder besiedelte. Nach Abschluss der ersten Etappe 2013 brüteten alljährlich ein bis zwei Brutpaare in diesem gut 600 Meter langen Abschnitt. Die zweite Bauetappe über weitere 1,6 Flusskilometer wurde im Sommer 2020 beendet und hatte einen rasanten Anstieg auf insgesamt zehn Brutpaare zur Folge. Das ist ein fantastischer Erfolg für die Natur und die Artenförderung und hat die Erwartungen weit übertroffen. Die vielen Brutpaare des Flussuferläufers zeigen, dass die Auenlandschaft in Bever von hoher Qualität ist. Durch die dritte Projektetappe bis nach La Punt ist eine weitere Stärkung des Brutbestands zu erwarten. Für die Vogelwarte sind diese grossartigen Ergebnisse zusätzliche Motivation, um diese Revitalisierungsprojekte weiterhin zu unterstützen.

Von den Aufwertungen profitiert aber nicht nur der Flussuferläufer: Mindestens zwei Brutpaare des ebenfalls stark gefährdeten Flussregenpfeifers brüten hier regelmässig. Diese zweite Watvogelart, ebenfalls eine Zielart für grossflächige Revitalisierungen von Fliessgewässern, nistet auf vegetationsfreien Kiesflächen und ist daher noch störungsanfälliger als der Flussuferläufer. In den umliegenden Grauerlen- und Weidenauen kommt die Gartengrasmücke in bemerkenswert hohen Revierdichten vor. Auch Klappergrasmücke, Wendehals, Braunkehlchen und Neuntöter brüten hier regelmässig, während bei Schafstelze und Krickente bis jetzt Einzelbruten festgestellt wurden. Weitere charakteristische und seltene Tier- und Pflanzenarten wie Biber, Fischotter, Kreuzotter, Äsche oder Deutsche Tamariske haben das Gebiet erfolgreich besiedelt.

Ein Erfolgsrezept

Im Oberengadin hat sich gezeigt, dass grossflächige Flussrevitalisierungen hohe Erfolgsaussichten für die Förderung von Flussuferläufer und Flussregenpfeifer haben. Dazu müssen sie mit Rücksicht auf die Bedürfnisse dieser beiden Zielarten geplant und umgesetzt werden sowie eine umsichtige Besucherlenkung beinhalten, die bereits in der Projektplanung integriert und berücksichtigt wird. Auf diese Weise können potenzielle Konflikte diskutiert und Lösungen gefunden werden, die danach auch den Besuchenden klar kommuniziert und von ihnen akzeptiert werden.

Gut Ding ist aufwändig und will Weile haben. Die jeweiligen Gemeinden und ihre Bevölkerung (Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus, Behörden), die kantonalen Fachstellen für Jagd und Fischerei sowie Natur und Umwelt, die beauftragten Ingenieurbüros Eichenberger Revital, Hunziker, Zarn und Partner sowie ecowert, Naturschutzorganisationen und Artenspezialisten als wichtigste Partner dieses Projekts dürfen zufrieden auf über 15 Jahre gemeinsame Arbeit zurückschauen. Die Revitalisierung unserer Fliessgewässer ist eine Aufgabe, die uns noch über Generationen beschäftigen wird und überaus lohnend sein kann. Die grossflächigen Flussrevitalisierungen im Oberengadin haben schon jetzt enorme Gewinne für die Biodiversität gebracht und vielfältigen Mehrwert für Mensch und Natur geschaffen. Sie sind ein hervorragendes Vorzeigebeispiel für weitere Projekte.

Es zwitscheret dihei

Die Podcast-Reihe «Es zwitscheret dihei / À vol d’oiseaux» der Schweizerischen Vogelwarte lässt Sie in die Welt einzelner Vogelarten eintauchen. Unsere Fachleute berichten von ihren Erfahrungen in der Erforschung, beim Schutz und bei der Förderung der Vögel und erzählen Faszinierendes über die Lebensweise der verschiedenen Vogelarten, so auch zum Flussuferläufer. www.vogelwarte.ch/news

News - Hintergrund

Nackte Zahlen helfen nicht weiter

April 2023

Die Frage «Was ist die grösste Gefahr für Vögel in der Schweiz?» wird immer wieder gestellt. Oft wird bei der Beantwortung dieser Frage mit der Anzahl getöteter Vögel argumentiert. Doch damit lässt sich die Frage nicht beantworten.

Die grösste Gefahr für Vögel ist die Lebensraumzerstörung, die keine direkten Todesopfer zur Folge hat, es den Vögeln aber unmöglich macht, sich anzusiedeln und zu brüten. Am dringendsten müssen daher Vogelschutzmassnahmen im Kulturland und in Feuchtbiotopen ergriffen werden, wo bereits die Hälfte bzw. rund zwei Drittel der Brutvogelarten wegen des Lebensraumverlusts als gefährdet gelten. Auch alle weiteren Gefährdungsursachen für Vögel, ob Glas, Katzen, Störungen, Verkehr, Freileitungen, Windenergieanlagen oder andere, müssen gleichzeitig minimiert werden, unabhängig von der Anzahl getöteter Vögel.

Selbst wenn sie existieren, sagen die absoluten Zahlen von getöteten Vögeln nicht zwingend etwas über die Relevanz einer Gefahr aus. Erstens kann eine Gefahr gravierend sein, wenn bedrohte Arten stark betroffen sind, auch wenn insgesamt nur wenige Vögel getötet werden. Von einer vermeintlich geringen Anzahl Opfer kann deshalb noch nicht auf die Relevanz einer Gefahr für eine bestimmte Art geschlossen werden. Zweitens sind längst nicht für alle Todesursachen Zahlen getöteter Vögel in ausreichendem Mass verfügbar, um gute Hochrechnungen zu ermöglichen. Indirekte Hinweise, etwa durch Bestandsrückg.nge, genügen aber, dass Massnahmen gegen eine Todesursache ergriffen werden sollten. Drittens muss nicht jede Gefahr einen toten Vogel zur Folge haben. Beispielsweise können Störungen durch Freizeitaktivitäten in bisher ruhigen Gebieten für Vögel fatal sein. Ein Vogel stirbt kaum direkt an Störungen, sie können sich aber langfristig auf den Gesundheitszustand oder den Bruterfolg auswirken und ansonsten geeignete Lebensräume unbewohnbar machen.

Das Beispiel der Windenergieanlagen verdeutlich, wie komplex die Diskussion um eine einzige Gefährdungsursache sein kann. Windenergieanlagen werden oft fernab von Siedlungen gebaut, um uns Menschen wenig zu beeinträchtigen. Dort aber verursachen sie Lebensraumverluste, weil gewisse Vögel etwa vertikale Strukturen oder den Schattenwurf der Rotoren meiden. Hinzu kommen neue Strassen, Leitungen und ähnliche Infrastrukturen zur Erschliessung eines Windparks, welche die letzten Rückzugsr.ume gefährdeter Arten weiter zerschneiden. Durch die verbesserte Zugänglichkeit im Zuge der Installation kommen häufig zusätzliche Beeinträchtigungen hinzu, etwa durch eine intensivere Landnutzung und vermehrten Störungen durch Freizeitaktivitäten.

Die Diskussion beschränkt sich bei diesem Thema aber meist auf Kollisionsopfer. Abgesehen von wenigen Studien fehlen aussagekräftige Wirkungskontrollen an den bestehenden Windenergieanlagen in der Schweiz aber völlig. Die Vogelwarte untersuchte zwischen Februar und November 2015 im Windpark bei Le Peuchapatte im Jura, wie viele Zugvögel an Windenergieanlagen verunfallen. Neben systematischer Schlagopfersuche wurde mittels Radar auch die Vogelzugintensität gemessen. Im Mittel kollidierten dort pro Jahr und Windenergieanlage 20,7 Vögel. Mit dieser Zahl werden immer wieder einfache Rechenspiele durchgeführt, die nicht statthaft sind. Insbesondere dürfen grosse Vogelarten, die sich nur langsam fortpflanzen, wie Greifvögel, nicht ausser Acht gelassen werden. Ihr Bestand kann selbst bei wenigen Opfern pro Jahr zurückgehen. Zudem ist der Zusammenhang zwischen Zugintensität und der Anzahl Schlagopfer komplex und die Übertragbarkeit der Zahlen auf andere Naturräume ist nicht zulässig. So konnte ein Mitarbeiter der Vogelwarte im Frühling 2021 zufällig in einem Windpark auf einem Alpenpass unter einer einzigen, kritisch platzierten Windkraftanlage zahlreiche tote Insekten und 69 Vogelkadaver finden, darunter auch gefährdete und potenziell gefährdete Arten wie Fitis, Neuntöter und Schafstelze. Die Zahl dieses Einzelereignisses darf aber aus den oben genannten Gründen genauso wenig für simple Rechenspiele genutzt werden.

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© Schweizerische Vogelwarte

Die von Mai bis August gefluteten Nassreisfelder bieten vielen bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Auf dem Bild ist das Reisfeld bei La Sauge VD zu sehen, kurz nach dem Auspflanzen der Setzlinge in der zweiten Maihälfte.

News - Hintergrund

Ökologischer Nassreis-Anbau in der Schweiz

Dezember 2022

Seit 2017 wird in der Schweiz Nassreis angebaut. Erste Erfahrungen zeigen, dass sich durch den ökologischen Anbau von Nassreis die Produktion von Nahrungsmitteln und die Förderung bedrohter, auf Feuchtgebiete angewiesener Arten kombinieren lässt.

Reis ist gemessen am Erntevolumen die viertwichtigste Nutzpflanze der Welt und besonders in Asien von grosser Bedeutung. Reis kommt in vielen verschiedenen Sorten vor und kann als Nassreis oder Trockenreis angebaut werden. Die Schweiz importiert jährlich 50 000 Tonnen Reis, mehrheitlich aus Italien. Die lokale Produktion ist unbedeutend, trotzdem hat Schweizer Reis Potenzial als rentables, lokales Nischenprodukt.

Seit 1997 wird im Tessin Trockenreis angebaut. Erste Anbauversuche in der Schweiz im Jahr 2017 zeigten, dass auch Nassreis nördlich der Alpen zur Reife gebracht und geerntet werden kann. Innovative Landwirte liessen sich für den Nassreisanbau begeistern, sodass heute gut ein Dutzend von ihnen in den Kantonen Aargau, Bern, Freiburg, Waadt und Wallis Nassreis anbauen. Untersuchungen zeigten schnell, dass sich durch den Anbau von Nassreis die Produktion eines Nahrungsmittels und die Förderung der Biodiversität, insbesondere feuchtgebietsliebender Arten, gut kombinieren lässt.

Der Anbau in der Schweiz erfolgt herbizid- und pestizidfrei. Nassreis kann gesät oder gesetzt werden. Die meisten Landwirte arbeiten mit Setzlingen, die etwa Mitte Mai in ein zuvor bearbeitetes und geflutetes Feld ausgepflanzt werden. Der Wasserstand wird im nivellierten Reisfeld so reguliert, dass die Reispflanzen bis Ende August in ungefähr fünf Zentimeter tiefem Wasser stehen. Ende August wird das Wasser abgelassen, um Ende September bei trockenen Bedingungen ernten zu können.

Untersuchungen von Agroscope zeigen, dass die Nassreisfelder ökologisch wertvoll sind. In den Reisfeldern wimmelt es von Leben. Viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten pflanzen sich nachweislich in Reisfeldern fort, wie etwa Kreuzkröte, Laubfrosch oder Sumpf-Heidelibelle. Die Anzahl von Mücken- und Libellenlarven ist in Reisfeldern im Vergleich zu natürlichen Gewässern ähnlich hoch. Stark gefährdete Pflanzenarten wie das Schwarzbraune Zypergras und die Eiförmige Sumpfbinse kamen in einem Reisfeld bei Brugg AG bereits im ersten Anbaujahr spontan auf.

Auch für Vögel sind die Reisfelder attraktiv, wohl aufgrund des hohen Nahrungsangebots. Im Rahmen einer Untersuchung der Vogelwarte wurden im Verlauf eines Jahres in sieben Reisfeldern der Schweiz 94 Vogelarten nachgewiesen. Während Finken, Ammern, Pieper und Stelzen das Reisfeld im trockenen Zustand nutzen, werden durch die Flutung Reiher, Limikolen und Entenvögel angezogen. Bei regnerischen Bedingungen ziehen die Reisfelder Schwalben an, die über dem Reisfeld nach Insekten jagen. Bei den meisten festgestellten Vogelarten handelt es sich um Durchzügler und Nahrungsgäste. Die Reisfelder sind aber nicht nur für Durchzügler attraktiv. In Mühlau AG kam es 2022 in einem Reisfeld zu einer Kiebitzbrut. Zwei weitere Paare, die in der Umgebung gebrütet hatten, zogen ihre Jungen im Reisfeld auf.

Diese Beobachtungen sind verheissungsvoll und unterstreichen das Potenzial von Nassreisfeldern zur Förderung bedrohter Arten. Die Nassreisfelder ersetzen Naturschutzgebiete, wertvolle Biodiversitätsförderflächen und eine Extensivierung der Landwirtschaft zwar nicht, sie können aufgrund des hohen Nahrungsangebots aber ein sehr wertvolles Element in einer naturnah bewirtschafteten Kulturlandschaft sein. Die Neuschaffung von Reisfeldern anstelle intensiv bewirtschafteter Flächen oder von Gewächshäusern ist aus ökologischer Sicht zu begrüssen und kommt auch den Vögeln zugute.

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© Philippe Moret via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Jedes Jahr finden in mehr als zehn Städten an Gewässern grosse Feuerwerke statt, teilweise auch in der Nähe von Schutzgebieten. Für Feuerwerke gäbe es mittlerweile vogelverträglichere Alternativen, wie etwa geräuschlose Lichtershows.

News - Hintergrund

Fatale Feuerwerke

Dezember 2022

Feuerwerke dienen unserer Unterhaltung und sollen uns erfreuen. Dass sie sich aber negativ auf die Vogelwelt auswirken, und das auch langfristig, ist uns dabei oft nicht bewusst.

Seit langem werden Knallpetarden und Schreckschüsse gezielt als akustische Vogelscheuchen eingesetzt, zum Beispiel zum Schutz von Obstkulturen oder zur Verhinderung von Vogelschlag an Flugzeugen. Die Reaktionen von Vögeln auf gezielte Vertreibungsmassnahmen sind meist heftig. Dass aber auch Feuerwerke diese Wirkung haben, konnte in vollem Ausmass erst 2011 gezeigt werden. Ein niederländisches Forschungsteam konnte aufgrund von nächtlichen Radarmessungen nachweisen, dass Vögel panikartig auf Feuerwerke reagieren: Schlagartig mit dem Beginn des Neujahrsfeuerwerk befanden sich grosse Mengen an Vögeln in der Luft.

In einer Studie am Bodensee wurde der Effekt von Feuerwerken unter anderem mit Nachtsichtgeräten untersucht. Ein acht Minuten dauerndes Feuerwerk verscheuchte umgehend etwa 95 % der anwesenden 4 000 Wasservögel aus einem Naturschutzgebiet, und das für mehrere Tage. Auch am Zürichsee sind massive Reaktionen von Wasservögeln auf das Silvesterfeuerwerk dokumentiert. Dies dürfte im Winter zu einer Reduktion der Kondition durch Stress und folglich in Extremfällen zu lebensbedrohlichen Notlagen führen. Durch die Vertreibung können auch Folgeschäden entstehen und in der Panik sind selbst Kollisionen an Fassaden möglich.

Feuerwerke haben aber noch viele weitere Effekte auf Vögel: Mehrfach erlebte Feuerwerke verstärken die Sensibilität von Vögeln und führen zur Meidung der betroffenen Gebiete – sie gefährden somit Schutzziele von Vogelschutzreservaten. Im Sommer können Verluste bei Jungvögeln aufgrund von Feuerwerken auftreten. Die Küken von Nestflüchtern sind besonders gefährdet, wenn sie durch die Störung von ihren Eltern getrennt werden. Isoliert werden sie ausserdem leichter Opfer von Fressfeinden. Es ist zudem erwiesen, dass selbst geringere Störungen von Vögeln die Lebensdauer oder die Fortpflanzungsrate eines Individuums reduzieren, was langfristig zum Rückgang einer Population führen kann. Störungen können sogar die Artenvielfalt reduzieren.

Das primäre Problem für Vögel ist also nicht der direkte Kontakt mit Feuerwerkskörpern, die zu Verletzungen und Todesfällen führen könnten, sondern indirekte Effekte. Die grosse Störwirkung von Feuerwerken ist vor allem begründet durch die Lautstärke der Explosionsgeräusche, aber auch durch Lichteffekte und die Tatsache, dass es sich um Ereignisse handelt, die – anders als beispielsweise Gewitter – für die Tierwelt unvorhersehbar sind. Diese ausgeprägten Reaktionen scheinen alle Vogelarten zu zeigen. Es ist daher plausibel, dass Feuerwerke ein grossflächiges Problem für wildlebende Vögel darstellen. Aus Vogelschutzgründen sollte auf Feuerwerke im Umkreis von mehreren Kilometern um Feuchtgebiete mit grossen Vogelbeständen gänzlich verzichtet werden. Sommerliche Seenachtsfeste und Feuerwerke um den 1. August sind für Vögel besonders problematisch, weil sie in der Brutzeit stattfinden. Wo ein Feuerwerksverbot nicht durchsetzbar ist, können geräuschreduzierte Feuerwerke eine Alternative bieten: Bei Versuchen in wasservogelreichen Gebieten zeichnet sich ab, dass geräuschreduzierte Feuerwerke die Wasservögel weniger stören. Ob die inzwischen als Alternative angebotene Drohnenflugshows die Problematik für Vögel ebenfalls entschärfen, ist noch nicht untersucht.

News - Hintergrund

Internationaler Zugvogelschutz in Sempach

August 2022

Der Schutz unserer Zugvögel hat eine hohe Dringlichkeit. Insbesondere die Bestände von Langstreckenziehern haben sowohl in der Schweiz als auch in weiten Teilen Europas besorgniserregend abgenommen. Die Schweizerische Vogelwarte engagiert sich nun auf internationalem Parkett im Rahmen eines UNO-Mandats für den Schutz ziehender Landvögel entlang der Flugrouten.

Eine Beobachtung des Ortolans zur Zugzeit ist in der Schweiz schon fast ein kleiner Glücksfall geworden, der gleichzeitig auch nachdenklich stimmt. Seine Bestände haben in den letzten Jahrzehnten in ganz Europa dramatisch abgenommen, aus mehreren mittel- und nordeuropäischen Ländern, auch der Schweiz, ist er als Brutvogel sogar ganz verschwunden. Gründe dafür sind neben der illegalen Jagd, wie etwa in Frankreich, auch grossräumige Lebensraumveränderungen. Auch das einst häufige Gurren der Turteltaube ist bei uns heutzutage nur noch an wenigen Orten zu hören. Auch diesem grazilen Langstreckenzieher, welcher den Winter in der westafrikanischen Savanne verbringt, haben die Jagd im Mittelmeerraum und der Lebensraumverlust arg zugesetzt. Die Bestände sind um rund 80 % geschrumpft, und dies in nur wenigen Jahrzehnten! Diese Beispiele zeigen exemplarisch auf, dass der Schutz von Vogelarten, welche in Europa brüten und südlich der Sahara überwintern, die sogenannten Langstreckenzieher, eine grosse Herausforderung darstellt. Das weltweit grösste Zugvogelsystem mit mehr als 2 Milliarden Landvögeln kommt ins Wanken.

Internationale Zusammenarbeit essenziell

Der Schutz der Langstreckenzieher ist komplex: Zugvögel halten sich nicht an politische Grenzen, überwinden biogeografische Regionen und sind unterschiedlichsten menschlichen und natürlichen Gefahren ausgesetzt. Sie sind somit abhängig von optimalen Lebensräumen in ihren Brutgebieten, sicheren Rastgebieten entlang der Zugrouten und nahrungsreichen Überwinterungsgebieten in Afrika.

Im Vergleich zu ziehenden Greifvögeln oder Störchen, welche thermische Aufwinde nutzen und im Segelflug über die engen Landbrücken zwischen Eurasien und Afrika ziehen, fliegt die Mehrzahl der kleinen Zugvögel auf breiter Front über die Kontinente und verteilt sich auf einer riesigen Fläche im Winterquartier. Daraus wird ersichtlich, dass der Schutz ziehender Landvögel geeignete naturschutzpolitische Rahmenbedingungen erfordert, welche nur durch eine enge internationale Zusammenarbeit ermöglicht werden können. Hier spielen internationale Konventionen, welche von Vertragsstaaten unterzeichnet sind und vertraglich bindende Instrumente darstellen, eine zentrale Rolle.

AEMLAP, ein Aktionsplan für ziehende Afrikanisch- Eurasische Landvögel

Das Übereinkommen zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (CMS, Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals, www.cms.int) hat zum Ziel, Massnahmen zum weltweiten Schutz und zur Erhaltung wildlebender wandernder Tierarten zu treffen. Ein Hauptaugenmerk liegt auf den faszinierenden Zugsystemen der Vögel. Der Schutz ziehender Landvögel zwischen ihren Brutgebieten in Eurasien und den Überwinterungsgebieten in Afrika und teilweise Indien wird durch den AEMLAP geregelt. Dieses Kürzel bedeutet «African-Eurasian Migratory Landbirds Action Plan» und umfasst rund 550 Vogelarten, welche alljährlich innerhalb oder zwischen den Kontinenten migrieren. Die Vogelwarte hat die Koordination dieses Aktionsplans im Rahmen eines UN-Mandats übernommen und sich damit das längerfristige Ziel gesetzt, im internationalen Zugvogelschutz eine Schlüsselrolle einzunehmen und gezielte Impulse sowohl in der Koordination als auch bezüglich Forschung- und Umsetzungsprojekten zu setzen. Diese Projekte sollen wichtige Grundlagen für das Schaffen politischer Rahmenbedingungen liefern und aufzeigen, was für den Schutz entlang der Flugrouten erforderlich ist. Oft sind artspezifische Betrachtungen nötig, da sich die Gefahren und Herausforderungen zwischen Arten stark unterscheiden können. Scheinen der Jagddruck und das illegale Töten bei der Turteltaube und dem Ortolan ein Schlüsselfaktor zu sein, ist die Landnutzung und der Lebensraumverlust in der Sahelzone wohl entscheidend für einen Grossteil der ziehenden Kleinvögel wie Laubsänger, Grasmücken und Fliegenschnäpper. Bei vielen Arten indes sind die Zugrouten und die Überwinterungsgebiete noch weitestgehend unbekannt, was ein verstärktes Monitoring auf dem afrikanischen Kontinent erfordert.

Vogelwarte goes Africa

Das Engagement der Vogelwarte für Langstreckenzieher hat eine lange Tradition. Insbesondere die Geolokatorstudien, welche an einer Vielzahl von kleinen Vogelarten durchgeführt werden konnten, haben die verborgenen und weit entfernten Überwinterungsgebiete für uns in eine nie geahnte Nähe gerückt. So wissen wir heutzutage, dass ein Grossteil der Walliser Wendehälse auf der Iberischen Halbinsel und nicht in der Sahelzone überwintern. Wiedehopfe, welche in der Schweiz brüten, verteilen sich hingegen in einem breiten Gebiet Westafrikas. Andere Forschungsgruppen haben aufgezeigt, dass der in Osteuropa brütende und weltweit bedrohte Seggenrohrsänger ausschliesslich in Feuchtgebieten im Niger- und Djoudjdelta (Nigeria bzw. Senegal) überwintert und dementsprechend auf Schutz in genau diesen Gebieten angewiesen ist. Dank dieser faszinierenden Resultate verfügen wir nicht nur über räumliche und zeitliche Angaben der Aufenthaltsorte, sondern können auch Schlüsse über die Lebensraumanforderungen und Landnutzungen in den Zugund Überwinterungsgebieten ziehen. Ein wichtiger Faktor zum langfristigen Schutz der Zugvögel scheint die Förderung multifunktionaler Landschaften zu sein, welche die lokale Bevölkerung nachhaltig nutzen kann und gleichzeitig von den Ökosystemdienstleistungen einer intakten Biodiversität profitiert, wie etwa Bestäubung, Bodenfruchtbarkeit und Wasserfiltration.

Genau darauf zielt ein neues Projekt der Vogelwarte ab, welches wir zusammen mit den zwei NGOs «New Tree» und «Tiipalga» angehen: In Burkina Faso, einem wichtigen Zug- und Überwinterungsgebiet unserer Zugvögel in der Sahelzone, realisieren New Tree und Tiipalga mehrere hundert gut 3 ha grosse Umzäunungen landwirtschaftlicher Flächen, welche so dem zunehmenden Druck der Weidetiere nicht mehr ausgesetzt sind und die es den lokalen Bauern erlauben, eine vielfältige und nachhaltige Forst- und Landwirtschaft zu betreiben. Dieser Ansatz der Landnutzung scheint auch für Langstreckenzieher vielversprechend zu sein, da viele Zugvögel im Winterquartier eine reich strukturierte Baum- und Strauchschicht mit einer hohen Nahrungsdichte benötigen. Mittels detaillierten Felduntersuchungen wollen wir bestimmen, welchen Mehrwert die Umzäunungen im Verlauf des Jahres für die lokale Avifauna und für die eurasischen Langstreckenzieher bieten.

Welche Nahrungsressourcen unsere Zugvögel in den Winterquartieren und während des Zugs benötigen, ist immer noch weitgehend unbekannt. Darauf zielt ein weiteres künftiges Projekt der Vogelwarte ab: Mittels Kombination aus Felderhebungen und genetischer Analysen des Vogelkots kann die Wichtigkeit bestimmter Nahrungskomponenten wie Insekten, aber auch pflanzliche Produkte wie Nektar und Früchte einheimischer und kultivierter Pflanzen untersucht werden. Mit diesem Projekt wollen wir die wichtigen Nahrungshabitate unserer Zugvögel in Afrika besser kennen und Schutz- und Fördermassnahmen vorschlagen können, von denen sowohl die lokale Bevölkerung als auch die Biodiversität profitieren.

News - Hintergrund

Städte begrünen für den Gartenrotschwanz

August 2022

Im Siedlungsraum mit grossen Bäumen fühlt sich der Gartenrotschwanz wohl. Um diese potenziell gefährdete Art gezielt zu fördern, identifiziert ein neues Lebensraummodell seine Ansprüche.

Um die Ausdehnung des Siedlungsraums zu begrenzen, verdichtet die Schweiz ihre bebauten Flächen. Dies geschieht aber allzu oft auf Kosten von Grünflächen. Auch wenn diese Entwicklung von der Politik unterstützt wird, darf das völlige Verschwinden von Grüninseln in Stadtvierteln mit hohem Artenreichtum nicht einfach so hingenommen werden. Vor allem Grünflächen mit alten Bäumen sind im Siedlungsgebiet von besonderer Bedeutung und daher schützenswert. Dies steht auch im Einklang mit der Biodiversitätsstrategie des Bundes, die vorsieht, dass der Erhalt von Flora und Fauna bei der Städteplanung berücksichtigt werden muss.

Mit seinem exotischen Aussehen und seinem attraktiven und komplexen, an Imitationen reichen Gesang, ist der farbenprächtige Gartenrotschwanz ein Sympathieträger für Bevölkerung und Entscheidungsträger. Da er ein guter Indikator für naturnahe Grünflächen in Städten ist, kommt die Förderung des Gartenrotschwanzes auch allgemein der Natur im Siedlungsraum zugute.

Ein Modell zeigt die Lebensraumansprüche

Seit 20 Jahren überwacht die «Groupe rougequeue à front blanc» rund 50 Gartenrotschwanzreviere in La Chaux-de-Fonds. 2013 konnte die Gruppe mit Hilfe von Partnern ein Eignungsmodell erstellen, das ein besseres Verständnis der Ansprüche des Gartenrotschwanzes an seinen Lebensraum ermöglichte. Dank der Berücksichtigung verschiedener Umweltvariablen konnte das Eignungsmodell aufzeigen, welche Flächen für die Art derzeit günstig sind und somit als Schwerpunktgebiete gelten. Mithilfe einer Simulation konnten auch die Potenzialflächen ermittelt werden, die durch einen dichteren Baumbestand aufgewertet werden könnten, um den Ansprüchen des Gartenrotschwanzes besser gerecht zu werden

2021 beauftragte die Vogelwarte Boris Droz, der das Eignungsmodell entwickelt hatte, dieses auch auf andere Standorte zu übertragen. Projekte zur Förderung des Gartenrotschwanzes werden neben La Chaux-de-Fonds derzeit in den Naturpärken Parc Jura Vaudois und Parc Gruyère Paysd’Enhaut durchgeführt. Für die entsprechenden Gebiete wurden deshalb aktuelle Daten der relevanten Umweltvariablen gesammelt, um in allen Regionen die Datenstruktur zu vereinheitlichen. So konnten das Eignungsmodell, das auf den Habitatpräferenzen des Gartenrotschwanzes in La Chauxde- Fonds basiert, auf die anderen Regionen übertragen werden.

Seit der Erstellung des Eignungsmodells im Jahr 2013 stehen auch Daten der Fernerkundung (das sogenannte remote sensing) zur Verfügung. Dabei wird, vereinfacht gesagt, mithilfe von Satelliten oder Flugzeugen die Erdoberfläche mittels Schall- oder anderer Wellen vermessen. Da diese Daten alle auf dieselbe Weise gesammelt werden, konnten die im Eignungsmodell verwendeten Daten der Umweltvariablen weiter vereinheitlicht und verbessert werden. Dadurch konnte der Einfluss der Baumkronenfläche, des offenen Bodens und der Kurzrasenvegetation auf die Habitatpräferenzen des Gartenrotschwanzes besser geschätzt werden. Die vorgenommenen Anpassungen hatten jedoch kaum einen Einfluss auf die Ausscheidung der Schwerpunktgebiete, was die hohe Qualität des anfänglichen Eignungsmodells bestätigt. Neu können so die Ergebnisse des Eignungsmodells in standardisierten Werten ausgedrückt werden und sind somit besser mit anderen Studien vergleichbar. Das Skript mit dem Code des Eignungsmodells ist öffentlich zugänglich, und eine Anleitung steht denen zur Verfügung, die daran interessiert sind, das Modell auf andere Städte zu übertragen.

Ein Ansatz für alle Regionen

Im Zusammenhang mit der Ortsplanung der beiden Städte La Chaux-de-Fonds und Le Locle soll ein Netzwerk an Grünzonen verwirklicht werden. Dieses könnte sich am Eignungsmodell orientieren. Die Verteilung der 19 Reviere des Gartenrotschwanzes, die von der «Groupe rougequeue à front blanc» in Le Locle erhoben worden ist, entspricht genau den durch das Eignungsmodell ermittelten Schwerpunktgebieten. Da sich die beiden Städte im Neuenburger Jura strukturell sehr ähnlich sind, hat die Übertragung des Eignungsmodells von der einen Stadt auf die andere sehr gut funktioniert. Wie La Chaux-de-Fonds verfügt nun auch Le Locle über eine Arbeitshilfe, um diejenigen Stadtteile zu identifizieren, die für den Gartenrotschwanz und für die Biodiversität von grosser Bedeutung sind. Die Vogelwarte ist im Lenkungsausschuss der Ortsplanung beider Städte vertreten, um die Erkenntnisse aus der Analyse bestmöglich in konkreten Massnahmen umzusetzen.

Die Naturpärke Jura vaudois und Gruyère Pays-d’Enhaut begleiten die jeweiligen im Park liegenden Gemeinden bei der Planung und beim Unterhalt der Grünflächen im Siedlungsgebiet. In beiden Pärken befinden sich erfreulicherweise bedeutende Bestände des Gartenrotschwanzes: Im Vallée de Joux VD gibt es schätzungsweise 42 Reviere, der grösste Bestand im Kanton Waadt, und in Château- d’Oex VD wurden 11 Reviere gezählt. Das Eignungsmodell hilft den Naturparkverantwortlichen bei ihren Empfehlungen für die Gemeinde. Die Vogelwarte hat zudem ein Informationsblatt herausgegeben, das den Behörden und Verantwortlichen erklärt, wie die Ergebnisse des Eignungsmodells zu interpretieren sind. Ausserdem begleitet sie die Naturpärke bei ihren Projekten und bei der Beratung der Gemeinden.

Massnahmen in Siedlungen

Im Revier muss eine Vielzahl an Elementen vorhanden sein, damit sich der Gartenrotschwanz wohl fühlt und die Jungenaufzucht erfolgreich sein kann. Da der Gartenrotschwanz seine Beute bevorzugt auf vegetationsarmen Flächen jagt, sollte es in der Nähe von Rasenflächen, unbewachsenem Boden oder Kiesflächen Kleinstrukturen wie etwa Blumenwiesen und Holzstapel geben. Diese werden gerne von Insekten genutzt und liefern dem Gartenrotschwanz ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Als Höhlenbrüter nistet der Gartenrotschwanz beispielsweise unter angehobenen Dachziegeln. Solche bestehenden Nischen sollten daher an Gebäuden unbedingt erhalten werden. Er nimmt aber auch gerne Nisthilfen an, vor allem solche, die speziell seinen Bedürfnissen angepasst sind. Die oben erwähnten Massnahmen reichen aber nicht aus, um ihn in Siedlungen weitab von seinen Hauptverbreitungsgebieten zur Ansiedlung zu bewegen.

Von zentraler Bedeutung für den Lebensraum des Gartenrotschwanzes sind grosse einheimische Bäume. Deshalb sind ihre Erhaltung und Förderung absolut entscheidend. Die Resultate des Eignungsmodells zeigen, dass der Baumbestand optimalerweise 35 % der Fläche ausmachen sollte, um ein urbanes Areal für die Ansiedlung des Gartenrotschwanzes attraktiv zu machen. Eine solche Baumdichte entspricht ungefähr den Werten, die verschiedene Städte in ihren Entwicklungskonzepten anstreben. Ein alter, gut vernetzter Baumbestand in städtischen Gebieten kommt aber nicht nur dem Gartenrotschwanz und der Biodiversität allgemein zugute, sondern erbringt auch zahlreiche Ökosystemleistungen: Regulierung des städtischen Mikroklimas, Bindung von Kohlenstoff und Feinstaub, Rückhaltung und Versickerung von Regenwasser, Lärmreduktion und nicht zuletzt die Gestaltung des Ortsbildes und das Vorhandensein von Wohlfühloasen für die Stadtbevölkerung. Der Gartenrotschwanz trägt also dazu bei, Massnahmen zu ergreifen, die weit über den Artenschutz hinausgehen. Seine Bedürfnisse zu identifizieren, hilft uns, unsere eigenen zu verstehen.

News - Hintergrund

Farbige Halskrausen reduzieren Jagderfolg von Katzen

August 2022

Jährlich werden hunderttausende Vögel von Katzen erbeutet. Tragen freilaufende Katzen aber eine farbige Halskrause, reduziert sich ihr Jagderfolg merklich.

Katzen sind mit bis zu 430 Individuen/ km2 die mit Abstand häufigsten Beutegreifer im Schweizer Siedlungsraum. Beim Rotfuchs, dem häufigsten wilden Raubtier, sind es rund 10 Individuen/ km2. Diese enorme Dichte an Katzen führt dazu, dass jedes Jahr unzählige Vögel von Katzen erbeutet werden, die Schätzungen gehen von bis zu 300 000 Opfern pro Frühlingsmonat aus.

In einer neuen Studie haben Forschende von SWILD und der Vogelwarte untersucht, ob sich der Jagderfolg von Katzen auf Vögel durch farbige Halskrausen und Glöckchen reduzieren lässt und ob diese Massnahme bei den Katzen und den Halterinnen und Haltern auf Akzeptanz stösst. Die Studie wurde mit 31 Katzen aus 26 Haushalten durchgeführt. Dabei trugen die Katzen abwechselnd die Halskrause mit oder ohne Glöckchen oder nichts von beidem. Im Lauf der Studie brachten die Katzen insgesamt 40 Vögel nach Hause, zwei Drittel davon waren Haussperlinge und Kohlmeisen. Bei Katzen mit farbiger Halskrause war der Jagderfolg um 37 % geringer als bei der Kontrollgruppe, ob die Katze ein Glöckchen trug, spielte jedoch keine Rolle. Dafür sank der Jagderfolg auf Säugetiere um rund 60 %, wenn die Katze eine Halskrause mit Glöckchen trug.

In allen ausser einem Haushalt gewöhnten sich die Katzen innerhalb einer Woche an die Halskrause, kratzten sich aber teilweise mehr in der Halsregion. Dank einem Halsband mit Sicherheitsverschluss, der sich bei Zugeinwirkung rasch löst, kam es während der Studie zu keinen Verletzungen. Die Studie kommt zum Schluss, dass Halskrause und Glöckchen einfach anwendbare Massnahmen sind, die jährlich hunderttausenden Wildtieren das Leben retten könnten.

Geiger, M., C. Kistler, P. Mattmann, L. Jenni, D. Hegglin & F. Bontadina (2022): Colorful Collar-Covers and Bells Reduce Wildlife Predation by Domestic Cats in a Continental European Setting. Front. Ecol. Evol. 10: 850442. https://doi.org/10.3389/fevo.2022.850442.

News - Hintergrund

Bundesgericht stützt die Arbeit der Vogelwarte

April 2022

Das Bundesgericht hat entschieden, dass es rechtens ist, wenn die Vogelwarte Kulturlandparzellen aufkauft, die sie für den Schutz der Zwergohreule nutzen möchte. Somit kann die Vogelwarte ihre Bemühungen zur Förderung der bedrohten Eule fortsetzen.

Beinahe wäre die Zwergohreule in der Schweiz ausgestorben. Vor zwanzig Jahren zählte man gerade noch ein Brutpaar und einige unverpaarte Sänger. Der drastische Rückgang war verbunden mit der Banalisierung der Landschaft, der intensiven Landwirtschaft und der Vernichtung von Obstgärten im Zuge der Ausdehnung von Siedlungen. Dank umfangreichen Schutzbemühungen ist der Bestand inzwischen immerhin wieder auf 30-40 Brutpaare angewachsen, die meisten davon im Wallis. Die Zwergohreule braucht eine gut strukturierte, halboffene Landschaft, in der sich alte Bäume und insektenreiche Blumenwiesen abwechseln, in denen sie ausreichend Heuschrecken als ihre Hauptnahrung findet. Die Brut findet in alten Baumlöchern oder passenden Nistkästen statt.

Um den Lebensraum der Zwergohreule gezielt ökologisch aufwerten zu können, wollte die Vogelwarte im Frühling 2017 in der Walliser Gemeinde Grimisuat einige kleine Kulturlandparzellen erwerben. Sie folgte dabei einer Empfehlung der Walliser Dienststelle für Wald, Flussbau und Landschaft (DWFL), mit der sie ihre Fördermassnahmen zugunsten bedrohter Vogelarten bespricht und koordiniert. Zwei Parzellen waren etwas grösser als 2500 m2, wodurch deren Besitzänderung gemäss dem Bundesgesetz über das bäuerliche Bodenrecht (BGBB) bewilligungspflichtig wird. Der kantonale Rechtsdienst für Wirtschaftsangelegenheiten hatte die Erteilung der Erwerbsbewilligung verweigert, und die beim Staatsrat des Kantons Wallis gegen diesen Entscheid eingelegte Beschwerde wurde abgewiesen. Das mit einer neuen Beschwerde befasste Kantonsgericht Wallis hat jedoch der Klage der Vogelwarte stattgegeben und den Erwerb der beiden Parzellen bewilligt. Dieses Urteil wurde daraufhin vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) beim Bundesgericht angefochten.

Das Bundesgericht hat die Beschwerde des EJPD nun abgewiesen und den Erwerb der Parzellen durch die Vogelwarte endgültig bestätigt. In seiner Entscheidung (BGE 2C_1069/2020 vom 27. Oktober 2021) stellt es fest, dass das BGBB in erster Linie darauf abzielt, die Spekulation mit landwirtschaftlichen Flächen zu verhindern und sicherzustellen, dass diese in Händen der Landwirte und Landwirtinnen verbleiben. Das Gesetz soll jedoch nicht gleichrangige öffentliche Aufgaben wie den Naturschutz behindern. Aus diesem Grund sieht das BGBB Ausnahmen vor, die den Erwerb von landwirtschaftlichen Flächen durch Nichtlandwirte gestatten, sofern dies dem öffentlichen Interesse dient. Der Naturschutz rechtfertigt eine Abweichung von dem Prinzip, dass ein Erwerb nur einem Selbstbewirtschafter gestattet ist, sofern die fraglichen Parzellen formell geschützt sind oder ihr Erwerb die Erhaltung einer gefährdeten Art oder eines seltenen Biotops ermöglicht. Im vorliegenden Fall sind die Parzellen Teil des Lebensraums der Zwergohreule, und der Erwerb ist somit gestattet. Im Übrigen wäre ein Kulturlanderhalt, wie ihn das BGBB bezweckt, fraglich gewesen. Das Bundesgericht hielt nämlich fest, dass der vorherige Besitzer der Parzellen kein Landwirt war, sondern eine Gesellschaft, die dort einen Golfplatz bauen wollte!

Das Urteil ist insofern von grundlegender Bedeutung, da es den Anwendungsbereich des BGBB in Bezug auf den Erwerb von landwirtschaftlichen Parzellen aus Gründen des Naturschutzes klarstellt. Es ist das erste Urteil zu diesem Thema. Das Bundesgericht sagt klar, dass der Kauf von Boden in der Landwirtschaftlichen Nutzfläche ein zielführendes und korrektes Naturschutzinstrument ist, wenn gefährdete Arten und ihre Lebensräume betroffen sind.

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© Schweizerische Vogelwarte

Geolokatoren sind weniger als 1 Gramm schwer und sehr klein. Mit ihnen können die Zugwege und das Zugverhalten kleiner Vögel untersucht werden.

News - Hintergrund

Zu neuen Horizonten in der Vogelzugforschung

April 2022

Im Jahr 2008 wurde in der Vogelzugforschung ein neues Kapitel aufgeschlagen: Zum ersten Mal wurden in der Schweiz Geolokatoren eingesetzt. Dank dieser Forschung konnten viele neue faszinierende Einsichten in das Zugverhalten kleinerer Vögel gewonnen werden.

Dank GPS-Sendern können die Bewegungen grosser Vögel wie Adler oder Störche rund um die Uhr aufgezeichnet werden. Das Senden von GPS-Positionen benötigt aber viel Energie, und eine entsprechende Batterie mit genügend Strom für ein ganzes Jahr wäre zu gross und schwer für kleine Vögel. Daher nahm sich die Schweizerische Vogelwarte als eine der ersten Institutionen weltweit, in Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule in Burgdorf, vor 15 Jahren der Weiterentwicklung von Geolokatoren für die Anwendung in der Vogelzugforschung an. Anfangs waren Geolokatoren ausschliesslich dazu konzipiert, die Stärke des Tageslichts zusammen mit einem Zeitstempel in einem bestimmten Intervall aufzuzeichnen und zu speichern. Daraus kann die Tageslänge und die Mittagszeit ermittelt werden und mit einer mathematischen Formel der ungefähre Längenund Breitengrad am Standort des Vogels errechnet werden. Im Gegensatz zu GPS speichern solche Geolokatoren die Daten ohne sie zu senden und benötigen daher nur eine kleine, leichte Batterie. Vorausgesetzt, die beloggerten Vögel lassen sich nach ihrer Reise am Brutort wieder fangen, erlaubt die Technik somit das Aufzeichnen von Zugwegen kleiner Vögel bis zur Grösse eines Braunkehlchens.

Schnell wurden Fortschritte in der Technologie erzielt, welche die Einsatzmöglichkeiten von Geolokatoren und das Wissen über den Vogelzug revolutionierten. Weiterentwickelte Geolokatoren, sogenannte Multisensor- Geolokatoren, können neben dem Licht mittlerweile auch den atmosphärischen Druck, die Beschleunigung und die Temperatur messen und ermöglichen so zusätzlichen Einblicke in das Leben der Vögel über den gesamten Jahreszyklus. Das neuste Modell, der sogenannte μ Tag, misst zwar nur das Licht und die Zeit, die Daten können aber aus der Ferne über eine UKW-Antenne ausgelesen werden. Der μ Tag lässt sich mit einem Solarpanel kombinieren und kann theoretisch jahrelang Daten liefern, ohne dass der Vogel zwischenzeitlich eingefangen werden muss.

Neue und überraschende Einblicke in den Vogelzug

Geolokatoren sind so zu einem unersetzlichen Werkzeug geworden, um von kleinen Vögeln (<100 g Körpergewicht) Flugmuster, Verbreitung, Verhalten und Interaktionen mit der Umwelt während des Zugs und im Winter zu beschreiben. Für viele Vogelarten eröffnete sich erst mit diesem Werkzeug eine Möglichkeit, etwas über ihre Lebensweise ausserhalb ihrer Brutgebiete zu erfahren.

Beispielsweise gab es vor den Untersuchungen mit Geolokatoren vom Wiedehopf nur einen einzigen Ringfund aus Afrika südlich der Sahara, und über die Zugrouten war kaum etwas bekannt. Dank Geolokatoren wissen wir nun für verschiedene Wiedehopf-Populationen aus ganz Europa, wo ihre jeweiligen Überwinterungsgebiete liegen und wie stark diese Gebiete sich zwischen den Populationen überlappen. Überraschenderweise zeigte sich auch, dass Wiedehopfe, anders als bisher angenommen, hauptsächlich nachts zogen: Rund 90 % aller Flüge der untersuchten Individuen fanden in der Dunkelheit statt. Regelmässig traten aber auch kürzere Flüge tagsüber auf, woraus vermutlich die bisherige Lehrmeinung entstand, der Wiedehopf sei ein Tagzieher.

Untersuchungen am Brachpieper ermöglichten erste Einblicke, wie Zugvögel ihre Zeit während des Zuges zwischen Fliegen und Rasten aufteilen: Das Verhältnis beträgt etwa 1 zu 7. Das bedeutet, dass Zugvögel für jede Flugstunde etwa 7 Stunden zum Ausruhen und Fressen brauchen, um ihre Energiereserven für den nächsten Flug wieder aufzufüllen.

Marathonflüge – Dauerflüge – Höhenflüge

Der Einsatz von Geolokatoren hat auch unser Wissen darüber revolutioniert, wie Langstreckenzieher ökologische Barrieren überqueren. Besonders das Mittelmeer und die Sahara bieten weder Nahrung noch Rastmöglichkeiten. Bis anhin war die Annahme, dass die meisten Singvögel die rund 2000 km breite Sahara in Etappen, nachts ziehend und tagsüber rastend, durchqueren. Die Daten zu Licht, Luftdruck und Beschleunigung von mit Multisensor-Geolokatoren ausgerüsteten Vögeln wiesen aber ein anderes Muster auf: Die Vögel verlängerten regelmässig ihre Nachtflüge bis weit in den Tag hinein und schafften die Wüstenquerung in einigen Fällen sogar in einem Mal. Ein Drosselrohrsänger aus dem russischen Kaliningrad unternahm einen solchen Marathonflug und flog in 44 Stunden nonstop über die Sahara. Von den Drucksensoren des Geolokators wissen wir zudem, dass Drosselrohrsänger während ihrer Flüge tagsüber teilweise in unglaubliche Flughöhen von bis zu 6000 m ü. M. aufsteigen. Wahrscheinlich tun sie dies, um die günstigen Windverhältnisse in der oberen Troposphäre zu nutzen und/oder um der Tageshitze der Wüste zu entkommen.

Keine Vogelgruppe vollführt aber eindrücklichere Marathonflüge als die Segler. Der Einsatz von Geolokatoren an Alpenseglern in einer Aargauer Brutkolonie in Baden erbrachte den ersten eindeutigen Beweis: Während der gesamten Zeitdauer von sechs Monaten auf dem Zug und im Überwinterungsgebiet hielten sich die Vögel ununterbrochen in der Luft auf! Das bedeutet, dass alle physiologischen Vorgänge, einschliesslich Ruhephasen, Mauser und Schlaf, ebenfalls im Flug erfolgen müssen. Die Drucksensoren enthüllten zudem ein interessantes alltägliches Verhalten: Jeden Abend und jeden Morgen stiegen die Vögel für ungefähr eine Stunde mehrere hundert Meter hoch in die Luft auf und kehrten danach wieder auf die Ausgangsflughöhe zurück. Der Grund für diese Aufstiege in der Dämmerung bleibt ein Rätsel, aber es könnte ein Teil eines bisher noch unerforschten Sozialverhaltens sein.

Solche und weitere Einsichten zum Verhalten sind ein unerwartetes Produkt aus der Forschung mit Geolokatoren. Mit Geolokatoren ausgerüstete Bienenfresser offenbarten, dass mehrere nicht miteinander verwandte Individuen das gesamte Jahr über zusammenbleiben. Man könnte dabei vielleicht sogar von einer Gruppe von «Freunden » sprechen. Diese «Freunde» nutzten nicht nur dieselben Überwinterungsplätze, sondern zeigten auch ein koordiniertes soziales Verhalten bei der Nahrungssuche. Besonders erstaunlich war, dass sich solche «Freunde» manchmal auf dem Zug trennten, sich jedoch später in den mehr als 5000 km entfernten Überwinterungsgebieten wieder trafen!

Internationale Zusammenarbeit als Erfolgsrezept

Dies sind nur einige der Highlights aus mittlerweile über 100 Geolokatorstudien, an denen sich die Schweizerische Vogelwarte in den letzten Jahren beteiligte. Bei einer Vielzahl der Studien handelte es sich um Zusammenarbeiten mit internationalen Partnern mit dem Ziel, bisher unbekannte Zugwege, Rastplätze und Überwinterungsgebiete von wenig untersuchten Vogelarten und -populationen zu dokumentieren. Die internationale Zusammenarbeit ist dabei besonders für vergleichende Studien wichtig. Sie erlaubt, grossräumige Muster im Zugverhalten zwischen den europäischen Brutgebieten und den afrikanischen und indischen Überwinterungsgebieten zu erkennen. Dies hilft zu verstehen, wie Zugvögel mit der Umwelt interagieren und wie ihre Physiologie und ihr Gesundheitszustand Zugentscheidungen, -leistungen und Überleben beeinflussen. Da Vögel keine Grenzen kennen, sind internationale Kooperationen in diesem Forschungsfeld von zentraler Bedeutung. Die internationale Vernetzung unter Zugvogelforschenden hilft zu erkennen, welche Rast- und Überwinterungsgebiete von Bedeutung für den Schutz von Zugvogelarten sind. Damit besteht die Möglichkeit, dass die gemeinsamen Anstrengungen in der Grundlagenforschung dazu beitragen, den Schutz vieler Zugvogelarten entlang der Zugrouten und in den Winterquartieren zu verbessern.

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© Markus Jenny

Dank dem jahrelangen Einsatz der Vogelwarte und ihrer Partner zeichnet sich der Klettgau im Kanton Schaffhausen heute durch reich strukturierte Landwirtschaftsgebiete mit einem hohen Anteil an hochwertigen Biodiversitätsförderflächen aus…

News - Hintergrund

Eine Landschaft blüht auf

April 2022

Seit den 1990er Jahren engagiert sich die Vogelwarte für die ökologische Aufwertung des Schaffhauser Klettgaus. Mit Erfolg: Der Klettgau gehört heute zu den vielfältigsten und ökologisch reichhaltigsten Landwirtschaftsgebieten der Schweiz.

Zu Beginn der 1990er-Jahren setzte sich die Vogelwarte das Ziel, die letzten beiden Populationen des Rebhuhns in der Schweiz in der Champagne genevoise und im Schaffhauser Klettgau zu erhalten. Dazu musste der Lebensraum in den beiden offenen Ackerbaugebieten sehr stark aufgewertet werden, um mit Buntbrachen, Rotationsbrachen, extensiv genutzten Wiesen von hoher Qualität, Ackersäumen und Niederhecken mindestens einen Anteil von 10 % der Fläche zu erreichen. Von diesen Aufwertungsmassnahmen sollten mit dem Rebhuhn weitere Arten profitieren. In beiden Gebieten gelang es, dank der guten Zusammenarbeit der Vogelwarte-Mitarbeitenden mit den lokalen Landwirten, und unterstützt durch die Kantone, ein dichtes Netz an qualitativ hochwertigen Lebensräumen anzulegen. Im Klettgau wurden diese naturnahen Lebensräume seit 1994 zusätzlich durch extensiv bewirtschaftete Emmerund Einkornfelder ergänzt. Entsprechend ihrer landwirtschaftlichen Eignung und der jeweiligen Interessen der Landwirtinnen und Landwirte, entwickelten sich die Klettgauer Teilgebiete sehr unterschiedlich. Im Gebiet Widen stieg der Anteil an qualitativ hochwertigen Biodiversitätsförderflächen (BFF) auf 14,1 % im Jahr 2019. Auch in den anderen Gebieten war der Anteil im Vergleich zur übrigen Schweiz überdurchschnittlich, betrug aber lediglich 6,4 % bzw. 4,8 %.

Dank diesen Aufwertungen zeigten zahlreiche Vogelarten beträchtliche Bestandszunahmen. Diese waren im Gebiet Widen deutlich positiver, dort also wo sich der höchste Anteil BFF befand. Untersuchungen zeigten, dass für einige Brutvogelarten mindestens 14 % naturnahe Flächen, wie qualitativ hochwertige BFF oder Flächen ausserhalb der landwirtschaftlichen Nutzfläche vorhanden sein müssen, um eine bestandssichernde Dichte zu gewährleisten. Trotz der Aufwertungen gab es aber auch Rückschläge: So kam für das Rebhuhn jede Hilfe zu spät und in neuster Zeit bricht der Bestand der Grauammer ein, obwohl er sich bis 2010 sehr positiv entwickelte.

Nebst der Landwirtschaft schaffen Bauprojekte immer wieder Herausforderungen: Mitten durch den Klettgau führt zum Beispiel das Trassee der Deutschen Bahn. Die Bahndämme waren ein besonders wertvoller Lebensraum, wo Neuntöter und Dorngrasmücken brüteten. Beim Ausbau der Linie auf Doppelspur wurde ein grosser Teil dieses Lebensraums zerstört. Dank dem Engagement der Vogelwarte und des lokalen Naturschutzes wurden inzwischen Kompensationsmassnahmen realisiert, mit der Folge, dass sich die Habitatqualität wieder verbesserte.

Die grossflächige ökologische Aufwertung einer Landschaft wie im Klettgau erfordert das Engagement und die Zusammenarbeit vieler verschiedener Akteure, in diesem Fall waren dies die Vogelwarte, Bäuerinnen und Bauern, Naturschützerinnen und Naturschützer sowie die kantonalen Behörden. Der Klettgau ist ein Vorzeigebeispiel für die ganze Schweiz, das belegt, dass Landwirtschaft und Ökologie durchaus Hand in Hand gehen können.

Neue Regionalstelle Nordostschweiz

Auch nach der Pensionierung von Markus Jenny, der die Projekte im Klettgau während Jahren vorantrieb und koordinierte, wird sich die Vogelwarte im Gebiet weiter engagieren. Dazu betreibt sie ab Mai 2022 eine Regionalstelle in Schaffhausen. Die Regionalstelle wird nebst den Projekten im Klettgau verschiedenste Engagements in der Nordostschweiz betreuen, insbesondere in den Kantonen Schaffhausen und Thurgau.

News - Hintergrund

Vögel zählen rund ums Jahr

April 2022

Eine Kernaufgabe der Schweizerischen Vogelwarte ist es, einen Überblick über Auftreten und Bestandsentwicklung der in der Schweiz auftretenden Brut- und Gastvögel zu haben. Dazu setzt sie verschiedene Instrumente ein, insbesondere verschiedene Monitorings.

Vögel sind dank ihrer Flugfähigkeit deutlich mobiler als andere Tiergruppen. Dieses Kommen und Gehen zu überblicken, verlangt dem Koordinationsteam in Sempach rund ums Jahr einiges ab. Dank rund 5000 aktiven Personen auf ornitho.ch, standardisierten Wasservogelzählungen auf über 300 Gewässerabschnitten und Beringungsstationen in Feuchtgebieten und auf Bergpässen ist das Auftreten der überwinternden und durchziehenden Vögel heute sehr gut dokumentiert. Aufwändiger ist dagegen das Monitoring der rund 180 regelmässigen Brutvogelarten. Zahlen sind aktuell für 176 Arten verfügbar, meist ab 1990. Herzstück dieser Überwachung ist das Monitoring Häufige Brutvögel (MHB), welches die Bestände der häufigeren und verbreiteteren Brutvogelarten, darunter viele Singvögel, seit 1999 in 267 Kilometerquadraten in der ganzen Schweiz erhebt. Dieses wird ergänzt durch Erhebungen für das nationale Biodiversitätsmonitoring (BDM), bei dem alle 5 Jahre Aufnahmen in rund 500 Kilometerquadraten stattfinden. Die Vogelwarte führt ferner zusammen mit lokalen Partnern, Arbeitsgruppen und Artspezialistinnen und -spezialisten Erhebungen in rund 100 Feuchtgebieten (MF), in Spezialhabitaten, auf Waffenplätzen und in Pärken durch. Ausserdem organisiert sie Zählungen von Koloniebrütern und Spezialerhebungen, z. B. von nachtaktiven Arten oder von Felsbrütern (Monitoring Ausgewählte Arten).

Bewährte Revierkartierungsmethode

Bei vielen Erhebungen wird eine vereinfachte Form der Revierkartierungsmethode eingesetzt. Bei einer solchen Kartierung wird ein Gebiet auf einer vorgegebenen Route begangen und alle innerhalb eines Kilometerquadrats festgestellten Vögel werden punktgenau notiert . Die Verwendung dieser Methode hat in der Schweiz eine lange Tradition, sie ist für die oftmals nur kleinflächigen und überschaubaren Habitate gut geeignet, und die so gewonnenen Ergebnisse lassen sich gut kommunizieren. Auch die quantitativen Erhebungen für die Brutvogelatlanten 1993–1996 und 2013–2016 wurden mit dieser Methode durchgeführt. Standard ist die dreimalige Begehung eines Gebiets, doch werden alpine Flächen in der Regel nur zweimal, Feuchtgebiete und Spezialhabitate dagegen fünf bis sechsmal begangen. 

Um die Revierkartierungsmethode möglichst einfach und standardisiert zu handhaben, kommen verschiedene Hilfsmittel zum Einsatz: Die Mitarbeitenden erhalten präzise Karten, auf denen die Routen und die Aufenthaltsdauer im Quadrat vorgegeben sind, und spät eintreffende Zugvögel dürfen erst ab einem bestimmten Datum gezählt werden. Eine vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) entwickelte Kartierapp, ein Digitalisierungstool (Terrimap online) und eine Software für die automatisierte Revierausscheidung (Autoterri) helfen heute bei der effizienten Datenerhebung und -analyse. Die Devise lautet, den Kartierenden die Arbeit am Schreibtisch so leicht wie möglich zu machen.

Bergvögel als besondere Herausforderung

Die Alpen machen in der Schweiz 58 % des Flächenanteils aus, der Jura 11 %. Da unser Land eine besondere Verantwortung für den Erhalt von Vogelarten der alpinen und subalpinen Habitate hat, ist es wichtig, dass auch diese Flächen repräsentativ vertreten sind. Entsprechend werden auch Areale bis in Höhen über 2500 m ü. M bearbeitet. Die Kartierungen in diesen Lagen sind besonders anspruchsvoll: Wetterumschwünge, späte Ausaperung, Steinschlag und durch Lawinen oder Hochwasser weggespülte Brücken oder Wege können Probleme bereiten. Im Alpenraum kommen zudem viele Vogelarten vor, deren Erfassung eine echte Herausforderung darstellt. Arten wie Alpenschneehuhn, Steinhuhn, Steinrötel und Mauerläufer nutzen weite Gebiete und oft schlecht überblickbares Gelände oder sie sind gut getarnt. Die Alpenbraunelle wiederum lebt in Familienverbänden, die Alpendohle geht in Scharen auf Nahrungssuche und streift dabei weit umher, ebenso wie Schneesperling, Alpenbirkenzeisig und Bluthänfling. Glücklicherweise gibt es auch territoriale Arten wie Bergpieper und Steinschmätzer, die sich recht gut erfassen lassen.

Kombination verschiedener Datenquellen liefert präzisere Trends

Für halbseltene, schwer zu entdeckende Arten ist es in einem kleinen Land besonders schwierig, eine ausreichend grosse Datenmenge für aussagekräftige Trendberechnungen zu erheben. Neben den erwähnten Bergvögeln gehören beispielsweise Hühner- und Greifvögel, Spechte und einige seltene Singvogelarten in diese Kategorie. In den herkömmlichen Überwachungsprojekten treten sie zu selten auf, um allein darauf basierend Trends berechnen zu können. An der Vogelwarte entwickelte statistische Methoden erlauben es nun, Daten aus unterschiedlichen Quellen für die Trendberechnung zu kombinieren. Hierfür werden die Einzelbeobachtungen aus ornitho.ch mit den quantitativen Daten aus MHB, BDM, MF und den Brutvogelatlanten zusammengelegt. Diese Anreicherung der Gelegenheitsbeobachtungen mit den besser standardisierten Daten ist aus zwei Gründen wertvoll: Erstens werden in den Monitoringprojekten die Probeflächen regelmässig und mit gleichbleibendem Aufwand bearbeitet, was für eine Beurteilung der langfristigen Entwicklung entscheidend ist. Und zweitens können so auch Veränderungen in der Bestandsdichte pro Kilometerquadrat berücksichtigt werden – eine Information, die in den Einzelnachweisen nicht vorhanden ist. Die so ermittelten Trends unterscheiden sich besonders für die 1990er-Jahre teilweise recht deutlich von den Entwicklungen, die zuvor nur basierend auf den Einzelnachweisen berechnet wurden. Eine vertiefte Analyse bestätigte, dass die neue Methode in vielen Fällen verlässlichere Trends liefert.

Fundgrube für die methodische Forschung

Die standardisierten Erhebungen im MHB haben sich über die Jahre immer wieder als hervorragende Quelle und ausgezeichnetes Rohmaterial für neuartige statistische Analysen erwiesen. Vor allem aus der Zusammenarbeit der Vogelwarte mit Andy Royle vom Patuxent Wildlife Research Center (USA) sind über die Jahre neue analytische Methoden entwickelt worden, die die Entdeckungswahrscheinlichkeit einer Art berücksichtigen. Diese neuen Methoden geben Aufschluss über Vorkommen und Bestand, deren Veränderung und die Umweltfaktoren, welche diese Grössen beeinflussen. Das MHB ist dadurch mittlerweile in der methodischen Forschung weltweit ein Begriff geworden und figuriert prominent in zahlreichen Forschungsartikeln und sogar in mehreren Lehrbüchern. Der Wert des MHB geht somit weit über die Messung des Pulses der natürlichen Vielfalt der Vögel in der Schweiz hinaus. Die MHBDaten stellen eine wahre Fundgrube für die Entwicklung neuer Methoden und für die Überprüfung ganz grundsätzlicher biologischer Hypothesen dar.

Immer breitere Verwendung

Wenn wir auf die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zurückblicken, dann dürfen wir feststellen, dass die von den Überwachungsprojekten der Vogelwarte generierten Daten immer begehrter sind. Das beginnt bei simplen Datenbankauszügen für die Beurteilung von Infrastrukturoder Revitalisierungsprojekten, umfasst viele wissenschaftliche Analysen und Modellierungen und geht bis zur Bereitstellung von grösseren Datenpaketen, etwa für das EuroBirdPortal oder andere internationale Projekte. Zudem sind auch unsere methodischen Entwicklungen und die Früchte unserer Grundlagenforschung heute mehr denn je gefragt. All dies wäre aber nicht möglich, wenn nicht am Anfang eines jeden Projektes viele hochmotivierte Freiwillige stünden, die sich dafür engagieren, auch in sehr anspruchsvollem Gelände bestmögliche Daten zu erheben. Ihnen gebührt unser grösster Dank!

News - Hintergrund

Ein Kältespezialist in einer wärmer werdenden Welt

Dezember 2021

Klimabedingt verändert sich der Lebensraum des Schneesperlings stark. Was bedeuten diese Veränderungen für den Kältespezialisten? Die Vogelwarte Sempach untersucht, wie der Schneesperling auf den Klimawandel reagiert.

Hochgebirge sind klimatisch durch extreme Umweltbedingungen wie tiefe Temperaturen und kurze Vegetationsperioden geprägt. Diese rauen Bedingungen sowie unvorhersehbare Wetterumstürze verlangen von alpinen Arten spezielle Anpassungen. Der Schneesperling ist ein solcher Spezialist, der ganzjährig die höchsten Gebirgsstufen bewohnt. Im Vergleich zum Haussperling ist er schwerer und grösser, womit das Verhältnis zwischen seiner Körperoberfläche und seinem Volumen günstiger für den Wärmehaushalt ist. Die eisigen Nächte verbringt der Schneesperling in tiefen, vor Kälte und Feuchtigkeit geschützten Felsspalten, die er gegenüber Artgenossen verteidigt. Auch für die Brut sucht er primär windgeschützte Felshöhlen auf, brütet aber auch in menschgemachten Strukturen wie Gebäudenischen, Skiliftmasten und Nistkästen.

Abnehmende Bestände

Die Bestände des Schneesperlings sind in weiten Teilen des Verbreitungsgebiets rückläufig, soweit die Bestandsentwicklung überhaupt bekannt ist. Seit 1990 hat der Bestand in der Schweiz um 20–30 % abgenommen, wobei es jährlich grosse Schwankungen gibt. Dies ist umso besorgniserregender, als die Schweiz mindestens 15 % des europäischen Bestands des Schneesperlings beherbergt und daher eine hohe internationale Verantwortung für die Erhaltung der Art hat. Die Bestandsabnahmen werden hauptsächlich in tieferen Lagen verzeichnet. Zusammen mit Forschenden aus Spanien, Frankreich, Italien und Österreich untersucht die Schweizerische Vogelwarte deshalb, wie gut sich der Schneesperling an die sich verändernden Umweltbedingungen im Hochgebirge anpassen kann.

Wir verknüpften dazu Schneebedeckungsdaten des Schweizerischen Instituts für Schnee und Lawinenforschung SLF mit über ornitho.ch gemeldeten Beobachtungen von Schneesperlingen, deren Verhalten auf eine Brut hindeuteten. Aus diesen Daten war es möglich, Schlupfdaten zu berechnen. Im Verbreitungsgebiet des Schneesperlings hat sich die Schneeschmelze in tieferen Lagen während den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 2 Wochen verfrüht, während das mittlere Schlupfdatum unverändert blieb. Obwohl adulte Schneesperlinge Körnerfresser sind, füttern sie ihren Nachwuchs hauptsächlich mit Insekten und deren Larven, die sie vor allem entlang von Schneefeldrändern finden. Sie profitieren deshalb davon, die Nestlingszeit mit der Schneeschmelze zu synchronisieren. Die klimabedingte Veränderung der Schneeverhältnisse hat damit einen direkten negativen Einfluss auf den Bruterfolg. Weshalb der Schneesperling sein Brutverhalten in tieferen Lagen nicht an die zeitlich verschobene Schneeschmelze angepasst hat, ist noch unklar. In ihrer Masterarbeit konnte Carole Niffenegger zeigen, dass Schneesperlinge ihren Neststandort in der Nähe von Schneefeldrändern auswählen und in der ersten Hälfte der Brutsaison gegen die Morgensonne exponierte Nisthöhlen bevorzugen. Es ist daher sinnvoll, Nisthilfen über einen Höhengradienten hinweg anzubieten, damit sich geeignete Nistplätze während der Brutzeit in der Nähe von Schneefeldrändern befinden.

Trockene Sommer und Krankheiten als wichtige Faktoren

Wetter und Klima beeinflussen den Schneesperling aber auch im Sommer: Die Analyse von Beringungsdaten aus den italienischen Abruzzen hat gezeigt, dass das Überleben der Weibchen viel stärker durch Wärme und Trockenheit im Sommer beeinflusst wird als jenes der Männchen. Diese Ergebnisse könnten darauf hinweisen, dass Weibchen, nicht aber Männchen, in warmen und trockenen Sommern überdurchschnittlich viel Energie für die Brut aufwenden. Trockene Sommer könnten zudem das Samenangebot verringern und so zu einer erhöhten Nahrungskonkurrenz führen. Weibchen wären dann wegen ihrer geringeren Grösse den Männchen wahrscheinlich unterlegen. Alle diese Faktoren wirken sich bei Weibchen möglicherweise so stark aus, dass sie überdies zu einem geschlechtsspezifischen Unterschied der Überlebensrate im Winter führen können. Um die geschlechtsspezifischen Einflüsse des Wetters auf das Überleben zu verstehen, untersuchen wir zurzeit, wie das Fütterungsverhalten von Weibchen und Männchen durch Umweltbedingungen beeinflusst wird. Zudem befasst sich Anne-Cathérine Gutzwiller in ihrer Masterarbeit mit der Konkurrenzsituation zwischen Männchen und Weibchen an Futterstellen im Winter.

Neben der veränderten Schneesituation zur Brutzeit stellen Krankheiten eine weitere potenzielle Gefahr dar. In den Wintern 2017/2018 und 2018/2019 erreichten uns Meldungen von kranken und verendeten Schneesperlingen. Um die Krankheitserreger zu identifizieren, wurden vier verendete Individuen pathologisch untersucht. Bei drei Vögeln waren Salmonellen die Todesursache. Bei einem Vogel wurde hingegen ein Befall mit dem Parasiten Trichomonas gallinae nachgewiesen, der bei verschiedenen Arten den oberen Verdauungstrakt befällt. Dies ist der erste dokumentierte Fall einer Trichomonadose beim Schneesperling. Mittels genetischer Methoden konnten wir zeigen, dass der gefundene Trichomonadenstamm zur selben genetischen Gruppe gehört wie derjenige, der beim Grünfinken in ganz Europa zu grossen Bestandseinbrüchen geführt hat. In Anbetracht der rückläufigen Schneesperlingsbestände muss dieser Befund ernst genommen werden.

Sowohl Salmonellen als auch Trichomonaden können am Futterhaus übertragen werden. In den letzten beiden Wintern haben wir deshalb regelmässig Futterstellen des Schneesperlings aufgesucht, um Kot- und Speichelproben zu sammeln und auf die Präsenz von Salmonellen und Trichomonaden zu testen. Gleichzeitig haben wir Privatpersonen über die Gefahr einer Krankheitsübertragung am Futterhaus informiert und für Hygienemassnahmen sensibilisiert, damit bei der Fütterung die Übertragung von Krankheiten unter den Vögeln nicht noch zusätzlich begünstigt wird. Erfreulicherweise waren alle Proben aus den letzten beiden Wintern negativ und es gingen auch keine Meldungen von kranken und verendeten Schneesperlingen mehr ein. Trotzdem beobachten wir die Situation weiterhin, um bei einem erneuten Ausbruch schnell reagieren zu können, um die Übertragung einzudämmen.

Offene Fragen und ein klares Ziel

Die bisherigen Untersuchungen zeigen, dass der Neststandort und dessen Distanz zu Schneefeldrändern wichtig für den Bruterfolg des Schneesperlings sind. Wie Neststandort und Bruterfolg zusammenhängen, ist aber immer noch nicht quantifiziert. Ebenso unklar ist, wie der geschlechtsspezifische Aufwand während der Jungenaufzucht, die Konkurrenz um Nahrung im Winter, sowie Krankheiten zusammenspielen und in welchem Ausmass sie sich auf das Überleben auswirken. Und zuletzt: Welche demographischen Parameter sind ausschlaggebend für den Bestandstrend und kann sich der Schneesperling an sich verändernde Schneeverhältnisse anpassen? Diesen Fragen gehen wir in unserer aktuellen Forschung nach. Das Markieren von Individuen mit Farbringen und das Melden von Beobachtungen solcher Individuen ermöglicht uns dabei wertvolle Einblicke in Bewegungsmuster und Überlebensraten. Geodatenlogger werden uns neben genaueren Informationen über Aufenthaltsorte und Position von Schlafhöhlen auch Aktivitätsdaten liefern. Zudem werden wir mit Hilfe genetischer Methoden den Austausch zwischen verschiedenen Populationen der Alpen mit solchen in anderen Gebirgen messen. Schlussendlich möchten wir verstehen, wie sich der Schneesperlingsbestand in seiner rasch verändernden Umwelt verändert und abklären, was zu tun ist, um seinen Bestand in den Alpen zu stabilisieren.

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© Marcel Burkhardt

Mitten in offenen Ackerbaugebieten soll zum Schutz von Feldlerche, Wachtel, Kiebitz und Schafstelze auf Agroforstanlagen verzichtet werden.

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Agroforst: Chancen und Risiken

Dezember 2021

Agroforst bietet Chancen für die Biodiversität. Ohne Rücksichtnahme bei der Standortwahl besteht aber das Risiko, dass Feldlerchen und weitere bedrohte Vogelarten des offenen Kulturlands aus ihrem Bruthabitat vertrieben werden.

«Agroforst» ist die Kombination der landwirtschaftlichen Nutzung mit Bäumen. Dazu zählen zum Beispiel traditionelle Bewirtschaftungsformen wie Waldweiden, Kastanienselven oder Hochstamm-Obstgärten. Solche Systeme sind oft extensiv genutzt, strukturreich und dadurch für die Biodiversität wertvoll. Seit einigen Jahren stehen aber sogenannte «silvoarable Agroforstsysteme» vermehrt im Fokus. Dabei handelt es sich um die Kombination von Bäumen und Ackerkulturen. Die Bäume vermindern Erosion, Nitratauswaschung und Treibhausgasemissionen und haben somit positive Auswirkungen auf die Umwelt. Als klimafreundliche Massnahme werden deshalb Direktzahlungsbeiträge für solche Agroforstanlagen diskutiert. Mit Agroforst kann zwar die Strukturvielfalt erhöht werden, aber auf Vögel der offenen Kulturlandschaft können sich solche Anlagen negativ auswirken.

Bodenbrüter brauchen die offene Landschaft

Baumpflanzungen auf Ackerflächen sind aus Sicht des Vogelschutzes unerwünscht. Feldlerche, Wachtel, Kiebitz und Schafstelze brauchen die offene Landschaft. Besonders die Feldlerche hält Abstand von Waldrändern, Gebäuden, Hecken und Bäumen, wobei sich der Abstand vergrössert, je höher und grösser die Strukturen sind. Als ursprünglicher Steppenvogel ist sie ganz auf offene Lebensräume spezialisiert. Die Feldlerche ist die häufigste Art unter den Bodenbrütern im offenen Kulturland. Sie gehört aber auch zu den Vogelarten in der Schweiz, die in den letzten Jahrzehnten die grössten Verluste erlitten. Besonders in der Deutschschweiz ist sie aus vielen Gebieten bereits verschwunden. In der Westschweiz ist sie noch häufiger, aber auch dort sind ihre Bestände geschrumpft. Die Gründe für den Rückgang liegen hauptsächlich in der Intensivierung der Landwirtschaft und der zunehmenden Bautätigkeit. Falls silvoarable Agroforstanlagen in Zukunft zahlreicher werden, sei es wegen Subventionen oder wegen finanzieller Unterstützung von Nachhaltigkeitsbestrebungen privater Unternehmen, könnten Feldlerche und andere Arten weiter in Bedrängnis geraten.

Neues Faktenblatt

Dass Agroforstanlagen auf Ackerland für gewisse gefährdete Vogelarten von Nachteil sind, dürfte wenig bekannt sein. Mit einem neuen Faktenblatt macht die Vogelwarte auf diesen Konflikt aufmerksam. Sie setzt sich dafür ein, dass auf Feldlerche, Kiebitz und Co. bei der Planung von silvoarablen Agroforstanlagen Rücksicht genommen wird. In Gebieten mit den oben genannten Arten empfehlen wir statt Bäumen niedrige Strukturen wie Einzelsträucher oder kleine Buschgruppen. Solange die Strukturen niedrig gehalten werden, ist kaum ein negativer Einfluss auf die Bodenbrüter zu erwarten. Krautsäume und Brachen können zusätzlich einen Lebensraum für Dorngrasmücke, Schwarzkehlchen und Neuntöter bieten, wie Beispiele in den Ackerbaugebieten des Schaffhauser Klettgaus, dem Grossen Moos BE/FR oder der Champagne genevoise zeigen.

Auch in Agroforstanlagen bieten niedrige Strukturen einen Mehrwert. Dank der Kombination mit Krautsäumen, Buntbrachen, Buschgruppen und Kleinstrukturen kann ein hoher ökologischer Wert erreicht werden. Auch finanziell kann sich das lohnen, wenn die Kriterien für einen Hochstamm-Feldobstgarten mit Qualitätsstufe II erfüllt werden. Zum Schutz von Feldlerche, Wachtel, Kiebitz und Schafstelze sollen neue Anlagen aber in der Umgebung von Gehölzen, Waldrändern und Siedlungen geplant werden.

News - Hintergrund

Mit Rücksicht und Toleranz

August 2021

Beim Aufenthalt und beim Beobachten in der Natur ist Rücksicht gegenüber den Vögeln angesagt, aber auch gegenüber den Mitmenschen.

Die Suche nach Erholung treibt die Menschen in die Natur. Auch weit abgelegene Gebiete werden zunehmend besucht, und die Aktivitäten werden in die Dämmerungs- und Nachtstunden ausgedehnt. Dadurch steigt das Störungspotenzial für Vögel und andere Wildtiere. Die Vogelwarte erforscht, welchen Einfluss Freizeitaktivitäten auf unsere Vogelwelt ausüben und erarbeitet damit Grundlagen für Regelungen zu deren Schutz. Gleichzeitig engagiert sie sich dafür, dass Störungen durch Menschen vermindert werden und dadurch ein Nebeneinander möglich wird. So hat sie in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Partnern einfach verständliche Regeln erstellt, wo und wie Stehpaddeln und Drohnenfliegen mit geringer Störwirkung ausgeübt werden können.

Auch die Zahl der Vogelbegeisterten nahm über die letzten Jahrzehnte stetig zu. Das spiegelt sich nicht zuletzt in der enormen Steigerung der Beobachtungsaktivität in den letzten dreissig Jahren wider. Die zunehmende Begeisterung für Vögel ist erfreulich und ganz im Sinne der Vogelwarte. Doch Vögel nehmen Ornithologinnen und Ornithologen nicht als weniger störend wahr als andere Personen. Deshalb haben die Vogelwarte und BirdLife Schweiz gemeinsam einen Verhaltenskodex für das verantwortungsvolle Beobachten der Vögel erstellt. Und wer am alljährlichen Fotowettbewerb der Vogelwarte teilnehmen will, muss sich an einen speziellen Kodex für das verantwortungsvolle Fotografieren halten. Fotos, die erkennbar unter Missachtung dieses Kodex entstanden sind, werden ausgeschlossen.

Besondere Rücksicht auf Vögel ist in den bekannten «Birding Hotspots » geboten, wo sich regelmässig viele Vogelbegeisterte einfinden. Mit zunehmender Präsenz von Menschen steigt auch die Gefahr, dass Vögel gestört werden, auch wenn sich sämtliche Beteiligten an alle Regeln halten. Das kann dazu führen, dass Vögel vom Brüten oder Füttern abgehalten werden. Im Extremfall siedeln sich sensible Arten gar nicht erst an. Für uns Vogelbegeisterte gilt es, solche Fälle zu vermeiden. Wichtig ist dabei der zeitliche Aspekt: Dauert die Störung nur kurze Zeit, dann ist das oft kein Problem. Doch wenn diese Phasen mit Störungen zu lange dauern, kann eine Brut in Gefahr geraten. Sichernde, warnende oder fütternde Vögel sollten daher nur aus ausreichender Distanz beobachtet werden, und an solchen Ort sollte man nur kurz verweilen.

An solchen «Birding Hotspots» ist aber auch Rücksicht und Toleranz gegenüber anderen Vogelbegeisterten gefragt. Auch sie haben ein Anrecht darauf, an schönen Orten spannende Vögel zu beobachten. Statt uns an ihrer Anwesenheit zu stören, sollten wir uns darüber freuen, dass sie unsere Leidenschaft teilen.

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Mehr Biodiversität und weniger Pestizide im Rebbau

August 2021

Die IP-Suisse hat in Zusammenarbeit mit der Vogelwarte ökologische Richtlinien zur Förderung der Biodiversität und zur Reduktion des Pestizideinsatzes in der Weinproduktion entwickelt. Damit soll ein wegweisender ökologischer Standard in der Schweizer Weinproduktion etabliert werden.

Rebberge haben dank ihrer klimatisch bevorzugten Lage ein sehr hohes Potenzial für die Biodiversität. Doch die Qualität des Lebensraums von Heidelerche, Zaunammer & Co. hat sich wegen der Beseitigung von wertvollen Strukturelementen und des sehr hohen Einsatzes von Pestiziden massiv verschlechtert. Vor allem wegen des Pestizideinsatzes wird die Weinbranche seit Jahren kritisiert. Der Druck des Marktes und der Politik zwingt die Branche zu einem deutlich ökologischeren Weinbau.

Im Rebberg für die Biodiversität punkten

IP-Suisse und der Detailhändler Denner haben sich zum Ziel gesetzt, schweizweit ein innovatives Programm zur Förderung der Biodiversität und zur Schonung der natürlichen Ressourcen umzusetzen. Daher wurde die Vogelwarte von der IP-Suisse mit der Entwicklung eines umfassenden, ambitionierten und aussagekräftigen Punktesystems beauftragt, mit dem die Massnahmen zur Förderung der Biodiversität im Rebbau beurteilt werden können. In enger Zusammenarbeit mit sechs Kellereien aus den Kantonen Wallis, Waadt und Schaffhausen wurden Massnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen im Rebberg für typische Tier- und Pflanzenarten und zur Reduktion des Pestizideinsatzes definiert und auf 14 Betrieben getestet.

So beinhalten 12 Grundanforderungen u. a. eine Begrünung der gesamten Rebbergfläche, zudem muss ein Mindestanteil von 3,5 % der Rebfläche mit Biodiversitätsförderflächen aufgewertet werden und Kleinstrukturen müssen vorhanden sein. Auch im Bereich des Pflanzenschutzes gelten strenge Auflagen.

Neben den Grundanforderungen beinhaltet das Punktesystem ein Set von Massnahmen zur spezifischen Förderung der Biodiversität und zur Reduktion des Pestizideinsatzes. Je höher die Leistung, desto mehr Punkte können erzielt werden, beispielsweise für das Anlegen wertvoller Lebensräume wie Brachen und Hecken oder den Verzicht auf Pestizide mit besonderem Risikopotenzial.

Insgesamt verlangen die Labelanforderungen, dass jeder Betrieb zusätzlich zu den Grundanforderungen eine Mindestanzahl von 16 Punkten erreichen muss. Als Umsetzungshilfen werden den Produzenten ein umfangreicher Leitfaden, ein Onlinetool zur Eingabe der Daten und eine unterstützende Beratung angeboten. Zusätzlich sind diverse Kurzvideos geplant. Die Vogelwarte beabsichtigt, die Auswirkungen der Massnahmen des IPSuisse- Rebbaus auf die Vogelwelt ab 2022 zu evaluieren.

Mehrleistungen mit Marktprämie fair abgelten

Für die Produzenten sind die zusätzlichen Anforderungen mit einem Mehraufwand verbunden. Das Programm nutzt Synergien mit den Direktzahlungsprogrammen des Bundes. Direktzahlungen sind für spezialisierte Rebbaubetriebe einkommensmässig aber wenig bedeutsam, im Gegensatz zu den viel relevanteren produktbezogenen Prämien. IP-Suisse hat mit den Kellereien als Abgeltung der ökologischen Mehrleistungen eine Prämie von 30 Rappen pro kg Trauben vereinbart.

Erste Ernte 2021 – erste Weine ab 2022

In Jahr 2021 werden auf ca. 100 ha Trauben für die ersten IPSuisse- Weine angebaut. Daraus werden ca. 1 Mio. Liter Wein gekeltert, ab 2022 sollen die ersten Weine mit dem IP-Suisse- Käferlogo bei Denner erhältlich sein. Das Programm stiess in der Weinbranche auf grosses Interesse. So will ein 2021 eingereichtes Ressourcenprojekt im Kanton Tessin, das ähnliche Ziele verfolgt, das Punktesystem zur Wirkungskontrolle einsetzen.

Alle am Projekt beteiligten Akteure sind überzeugt, dass das Programm viel Potenzial hat und Chancen bietet, die Biodiversität grossflächig zu fördern und die natürlichen Ressourcen zu schützen. Oder wie es der Patron der Kellerei Rimuss & Strada, Andrea Davaz, sagt: «Diese Entwicklung ist alternativlos».

News - Hintergrund

Bei der Glasproblematik den Durchblick behalten

August 2021

Dank einer neuen Empfehlung und einem neuen Produkt können Vogelkollisionen an Glas weiter reduziert werden.

Turnhallen, Verwaltungsgebäude oder Bushaltestellen – die Glasfassaden vieler öffentlicher Bauten stellen eine potenzielle Kollisionsgefahr für Vögel dar. Umso erfreulicher, dass die Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren KBOB in Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Empfehlungen für vogelfreundliches Bauen mit Glas formuliert hat. Diese zeigen an konkreten Beispielen, welche Massnahmen zur Vermeidung von Vogelkollisionen beim Bau mit Glas möglich sind. Zudem werden Produkte vorgestellt, die bei bestehenden Gebäuden zur Nachrüstung eingesetzt werden können. Das Merkblatt dient Baufachleuten als Leitfaden für eine den Vogelschutz miteinbeziehende Planung von Neubauten und Sanierungen. Es zeigt, dass die öffentliche Hand hier mit gutem Beispiel voran gehen kann und dass mit vertretbarem Aufwand gute Lösungen für Vögel und Menschen gefunden werden können.

Neben den neuen Empfehlungen gibt es auf dem Markt auch ein neues und vielversprechendes Produkt zur Vermeidung von Vogelkollisionen an Glasfronten: Die in der Ostschweiz entwickelten «Seen Elements» sind Gläser mit eingelagerten, 9 mm grossen Elementen. Sie bestehen nach aussen hin aus zwei unterschiedlich stark reflektierenden Oberflächen aus Aluminium. Seen Elements können im Glaswerk zwischen Scheiben eingebaut werden. Eingelagert in Vogelschutzfolien können sie aber auch als Nachrüstung an bereits bestehenden Scheiben, angebracht werden. Bei mit Seen Elements versehenem Glas muss nur etwa ein Prozent der Oberfläche abgedeckt werden, deutlich weniger als bei herkömmlichen Produkten. Bei Tests schnitt das neue Produkt gut ab, weshalb nun mit Unterstützung der Vogelwarte an verschiedenen Gebäuden Glas mit Seen Elements- Vogelschutzfolien bemustert wird. Dabei sollen Erkenntnisse zur Anwendung, Haltbarkeit und Wirkung dieses neuen Produkts gewonnen werden.

News - Hintergrund

Sonnige Zeiten für die Vogelwelt?

August 2021

Die Kraft der Sonne soll in der Schweiz intensiv genutzt werden. Beim Ausbau der Photovoltaik ist es aber wichtig, auch den Vogelschutz zu berücksichtigen.

Die Schweiz möchte bis 2050 klimaneutral werden. Künftig soll gemäss der Energiestrategie 2050 des Bundes über 40 % des erneuerbaren Stroms mittels Photovoltaik (PV) gewonnen werden, also aus direkter Umwandlung von Sonneneinstrahlung in elektrische Energie. Neben dem Ausbau in privaten Haushalten ist auch mit dem Aufkommen von PV-Freiflächenanlagen in industriellem Massstab zu rechnen, die auf landwirtschaftlichen Flächen installiert werden. Dabei kann es zu Konflikten zwischen Stromproduktion und landwirtschaftlicher Nutzung, aber auch mit dem Natur- und Vogelschutz kommen, insbesondere in extensiv genutztem Offenland, alpinem Gelände, an südexponierten Felshängen und auf Gewässern. Durch Flächenverluste, Beschattung und Überschirmung sowie das Zerschneiden von Lebensräumen können Brutplätze für Offenlandvogelarten und Rasthabitate beeinträchtigt werden, zudem sind Kollisionen möglich. Anderseits bieten die Flächen zwischen den Paneelen bei künftig extensiver Bewirtschaftung auch Chancen für die Biodiversität.

Vogelschutz berücksichtigen

Ein umweltverträglicher Ausbau der Solarenergienutzung ist zu begrüssen. Die Vogelwarte empfiehlt, Flächen mit hoher Vorbelastung und geringer Bedeutung für den Naturschutz wie Flachdächer von Industriehallen und Einkaufszentren, Lärmschutzwände, Stützmauern, Brücken und weitere Infrastrukturen zu bevorzugen. Dagegen sind naturnahe Gebiete und Lebensräume sensibler Vogelarten zu meiden. Standorte mit hoher Vogeldichte sind ungeeignet, da es beispielsweise durch Verkoten auch zu von Vögeln ausgelösten Konflikten mit PV kommen kann, die den erwarteten Ertrag mindern könnten. Durch eine naturverträgliche Standortwahl und Ausgestaltung der Anlagen können negative Auswirkungen von Anfang an reduziert werden.

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© Ralph Martin

Der Bestand des Grauspechts ist weiter deutlich zurückgegangen, ebenso gibt es Arealverluste seit 1993–1996. Aufgrund des kleinen Bestands und des starken Rückgangs gilt der Grauspecht neu als stark gefährdet (2010: verletzlich).

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Neue Rote Liste zeigt alte Probleme

August 2021

Nach 2010 hat die Vogelwarte die Rote Liste der gefährdeten Brutvogelarten der Schweiz im Auftrag des Bundesamts für Umwelt BAFU revidiert. 40 % der 205 beurteilten Vogelarten wurden auf die Rote Liste gesetzt.

Rote Listen sind ein bewährtes Mittel im Naturschutz und dienen als eine Art «Warninstrument ». Je höher eine Art klassiert ist, desto näher steht diese Art dem Aussterben und desto grössere Probleme hat sie normalerweise. Das kann ein deutlicher Bestandsrückgang oder eine tiefe Bestandsgrösse sein. Wenn eine Art einmal auf der Roten Liste steht, wird es aufwändig, sie so zu fördern, dass sie daraus wieder entlassen werden kann. Daher gibt es mit den «potenziell gefährdeten » Arten eine Vorwarnliste: Diesen Arten kann mit Schutz- und Fördermassnahmen bereits früher, meist mit geringerem Aufwand und besseren Chancen geholfen werden, so dass sie nicht höher klassiert werden müssen.

Die Roten Listen der gefährdeten Brutvogelarten der Schweiz werden seit 2000 nach den Kriterien und Richtlinien der Weltnaturschutzunion (International Union for Conservation of Nature IUCN) erarbeitet. Die Vogelwarte hat nun die Rote Liste aktualisiert. Sie ersetzt die im Jahr 2010 publizierte Liste.

Für die neue Liste wurden die Daten bis 2019 verwendet, wobei die Grundlagen für die Aktualisierung deutlich besser waren als noch vor zehn Jahren. Das liegt vor allem an den Daten aus dem «Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016». Aber auch die Überwachungsprojekte und Auswertemethoden für einzelne Arten wurden weiter verbessert.

Immer noch 40 % der Arten gefährdet

Seit 2010 sind sechs Brutvogelarten neu evaluiert worden: Moorente, Silberreiher, Mornellregenpfeifer, Schlangenadler, Zistensänger und Weissbartgrasmücke. Sie werden heute nicht mehr als ausnahmsweise brütend (mit höchstens drei Brutnachweisen) taxiert. Von den 205 Vogelarten wurden 60 % nicht der Roten Liste der gefährdeten Brutvogelarten zugeordnet. Davon sind 41 Arten (20 %) der Kategorie potenziell gefährdet und 80 Arten der Kategorie nicht gefährdet zugewiesen. 83 Arten (40 %) wurden auf die Rote Liste der gefährdeten Brutvogelarten gesetzt – gleich viele wie 2010. Davon war ein Drittel in der Schweiz aber immer selten. Betrachtet man den Anteil der Vogelarten der Roten Liste nach Lebensräumen, ist der Anteil der gefährdeten Arten im Kulturland und in den Feuchtgebieten deutlich höher als im Wald oder in alpinen Lebensräumen. Das weist auf akute Probleme für die Bewohner der Landwirtschafts- und der Feuchtgebiete hin und auch darauf, dass der Wald dank dem naturnahen Waldbau, dem gestiegenen Totholzanteil und dem Flächenschutz eine relativ gute ökologische Qualität hat.

Mehrere Arten mit höherer Gefährdung seit 2010

Bei 42 der 205 Arten (20 %) änderte sich die Einstufung gegenüber 2010. 25 Arten wurden in eine höhere Kategorie eingestuft (d.h. ihr Status hat sich verschlechtert). Bei 20 der 25 Arten basiert die neue Kategorie auf einem Bestandsrückgang. Besonders auffällig ist dies bei der Wachtel, die 2010 noch als nicht gefährdet eingestuft war. Auch bei der Turteltaube ist der Rückgang so stark, dass sie im Vergleich zu 2010 gleich um zwei Kategorien höher eingestuft werden musste. Grauspecht, Neuntöter, Feldlerche, Gelbspötter, Rauchschwalbe, Gartengrasmücke, Grauschnäpper und Grauammer zeigten bereits 2010 Rückgänge. Besonders die ungebremst negative Bestandsentwicklung der früher allgegenwärtigen Feldlerche ist besorgniserregend. Die meisten dieser Arten bewohnen strukturreiches Kulturland und leiden unter anderem an der immer intensiveren landwirtschaftlichen Nutzung. Und die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung erfasst mehr und mehr auch die mittleren und höheren Lagen. So werden nährstoffarme Wiesen seltener und der erste Grasschnitt erfolgt immer früher.

Auch einige Waldvögel haben Probleme, wie fünf Arten mit einer höheren Einstufung seit 2010 illustrieren: Raufusskauz, Habicht, Grauspecht, Gartengrasmücke und Zitronenzeisig. Bei diesen Arten spielen unter anderem das Fällen von Höhlenbäumen und Altholzbeständen, immer mehr Forstarbeiten zur Brutzeit, die Abnahme lichter oder beweideter Wälder sowie die Eutrophierung der Waldböden eine wichtige Rolle. Bei den Feuchtgebietsbewohnern macht besonders der Rückgang des Haubentauchers Sorge. Bei den alpinen Lebensräumen ist vor allem der Bestandsrückgang des Schneesperlings bedenklich, denn die Schweiz beherbergt rund 15 % des europäischen Bestands!

Die 17 Arten, die tiefer eingestuft werden konnten, lassen sich in drei Gruppen einteilen: Fünf Arten zeigen eine klare Bestandszunahme (Gänsesäger, Waldohreule, Uhu, Bienenfresser, Dohle). Bei sieben Arten hat sich der Rückgang verlangsamt oder ist der Trend leicht positiv, der Bestand aber nach wie vor klein. Darunter sind Arten wie der Kiebitz, für den intensive Fördermassnahmen laufen, oder Zwergtaucher und Rohrammer, die aber stark auf Pflegemassnahmen angewiesen sind. Bei fünf Arten ist die tiefere Einstufung auf die verminderte Gefährdung in Europa zurückzuführen (z. B. Weissstorch, Steinadler).

Externe Einflüsse können rasch dazu führen, dass die Gefährdung von Arten zunimmt, wie das Beispiel des Wanderfalken zeigt. Er war 2010 noch als potenziell gefährdet eingestuft worden, gilt nun aber als verletzlich. Dieser Art setzen vor allem illegale Verfolgung und zunehmende Störungen an den Brutplätzen zu.

Wie die differenzierte Analyse der Listen von 2010 und 2021 zeigt, hat sich die Gefährdungssituation der Brutvögel insgesamt weiter verschlechtert. Betroffen sind insbesondere Arten der Landwirtschafts- und Feuchtgebiete. Auch der Vergleich der Roten Liste mit den Nachbarländern weist auf die vergleichsweise starke Gefährdungssituation der Schweizer Brutvögel in diesen Gebieten hin.

Immer mehr potenziell gefährdete Arten seit 2001

Der Anteil der Arten auf der Roten Liste hat sich von 2001 über 2010 und bis 2021 mit 40 % insgesamt nicht verändert. Deutlich gestiegen zwischen 2001 und 2021 ist der Anteil der potenziell gefährdeten Arten, nämlich von 12 % auf 20 %, was auf den Rückgang ihrer Bestände zurückzuführen ist. Die Gefährdung der Schweizer Brutvögel hat somit leicht zugenommen. Der Handlungsbedarf bleibt also gross. Die wichtigsten Punkte hat die Vogelwarte nach der Publikation des Brutvogelatlas 2013–2016 im so genannten 11-Punkte-Plan («Der Brutvogelatlas als Auftrag – Handlungsbedarf in 11 Punkten ») zusammengestellt. Dank gezielter Förderung steigen die Bestände bedrohter Arten wie Kiebitz, Wiedehopf und Steinkauz wieder an. Die Vogelwarte und ihre Partnerorganisationen beweisen tagtäglich, dass diese Naturschutzarbeit nötig und wirksam ist.

Rote Liste

Die Rote Liste 2021 kann ab Herbst in drei Sprachen von der BAFU-Homepage heruntergeladen werden: www.bafu.admin.ch/rotelisten; es gibt keine gedruckte Fassung. Die Vogelwarte wird zudem einen Hintergrundbericht (auf Deutsch) mit der artweisen Begründung der Einstufung zusammenstellen: www.vogelwarte.ch/de/projekte/lagebeurteilung/lagebeurteilung-vogel-schweiz.

Knaus, P., S. Antoniazza, V. Keller, T. Sattler, H. Schmid & N. Strebel (im Druck): Rote Liste Brutvögel. Gefährdete Arten der Schweiz, Stand 2021. Bundesamt für Umwelt, Bern, und Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

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Kormoran und Fischerei – gefangen im Konflikt?

April 2021

Der Kormoran ist immer wieder Thema heftig geführter Diskussionen. Die Vogelwarte setzt sich dafür ein, dass diese auf Fakten beruhen und dass die Diskussionspartner Umweltprobleme, welche Fische und Vögel betreffen, gemeinsam angehen.

Fische gehören zu den gefährdetsten Tiergruppen der Schweiz. Durch menschliche Aktivitäten wurden die natürlichen Strukturen in ihren Lebensräumen vielerorts zerstört und ihre Wanderungen durch Dämme und andere Bauwerke unterbunden. Um diese Verluste zu kompensieren, wurden Gewässer auch mit gebietsfremden Fischarten besetzt, die in Konkurrenz zu den heimischen Fischen traten. Pestizide, Spurenstoffe wie Arzneimittelrückstände und Mikroplastik sowie die Folgen des Klimawandels wirken schon heute auf manche Fischart kritisch. Zudem ist wissenschaftlich erwiesen, dass die fischereiwirtschaftliche Nutzung an manchen unserer Seen das Mass der Nachhaltigkeit übersteigt. Doch trotz erheblicher Bestandsrückgänge vieler Fischarten und sinkender Erträge der Berufs- und Angelfischer verbleiben die Kormoranzahlen auf hohem Niveau. Der Konflikt wird sich weiter verschärfen, wenn massgebende menschgemachte Einflüsse auf unsere Gewässer ausgeblendet werden.

Bestandsentwicklung mit Grenzen

Der Kormoran ist eine einheimische Art, die seit historischen Zeiten bei uns überwintert. Der Bestand der in der Schweiz überwinternden Kormorane hat sich seit einem Maximum in den 1990er Jahren inzwischen bei rund 5500 Individuen eingependelt. Seit Jahrhunderten verfolgt, wurde er in Europa in den 1960er Jahren an den Rand des Aussterbens gebracht. Nach Unterschutzstellung erholte sich sein Bestand aber rasch. Bei der letzten Erfassung im Jahr 2012 wurden in Europa etwa 370 000 Brutpaare der im europäischen Binnenland heimischen Unterart sinensis gezählt. Seit 2001 brütet er ohne menschliches Zutun auch in der Schweiz, der Bestand lag 2020 gemäss Zählungen bei 2468 Brutpaaren. Wie bei vielen grossen Vogelarten wird der Kormoranbestand kaum durch Prädatoren, sondern vor allem durch die Verfügbarkeit von Nahrung und Nistplätzen bzw. Konkurrenz mit Artgenossen limitiert. Die seit 2016 geringe jährliche Zuwachsrate des Brutbestands deutet darauf hin, dass diese Faktoren zu wirken beginnen. Die limitierende Ressource scheint dabei eher die Verfügbarkeit geeigneter Nistplätze zu sein, als knapp werdende Nahrung. Darauf weist die Tatsache hin, dass sich alle Schweizer Brutkolonien in Schutzgebieten befinden.

Komplexe Zusammenhänge

Lange Zeit stiegen die Fischfangerträge und die Bestände des Kormorans parallel an. Doch in den letzten Jahren wuchsen nur noch die Kormoranzahlen. Mancherorts fangen Kormorane inzwischen ähnlich viel Fisch wie Berufsfischer. Ist also der Kormoran Schuld am Zusammenbruch der Fischfangerträge? Der Zusammenhang zwischen Fischfangertrag und Kormoranbestand ist wesentlich komplexer. Ein über Jahre steigender Bestand an fischfressenden Vögeln bedeutet, dass ausreichend Nahrung vorhanden sein muss. Der scheinbare Widerspruch zu stark gesunkenen Fischfangerträgen ist mit methodischen Schwierigkeiten zu begründen. Selbst mit grösstem Aufwand kann der tatsächliche Fischbestand nur ungenau erfasst werden. Meist wird der Fangertrag der Berufsfischer als Mass für den Fischbestand verwendet. Doch dieser wird z.B. vom Befischungsaufwand, den Mindestfanggrössen, aber auch von den Vorlieben für wenige, wirtschaftlich relevante Fischarten beeinflusst. Über die Bestände wirtschaftlich wenig interessanter Fischarten sowie von Jung- und Kleinfischen, die unterhalb des Fangmasses liegen, sind anhand des Fischereiertrags keine Aussagen möglich. Kormorane nutzen jedoch genau diese Fische in hohem Masse. Eine Zunahme fischfressender Vögeln bei gleichzeitig rückläufigem Fangertrag ist somit noch kein Nachweis eines Schadens oder einer Gefährdung der Fischbestände durch die Vögel.

Kormorane bevorzugen Fische zwischen 10 und 15 cm Länge, ausnahmsweise können sie bis um 40 cm gross sein. Genutzt werden vor allem jene Fische, die am einfachsten und häufigsten verfügbar sind. Das können auf Laichgründen aber auch seltene Fischarten sein. Der tägliche Nahrungsbedarf eines einzelnen Kormorans hängt von seiner Grösse, sowie seinem Geschlecht und Alter ab, aber auch vom Nährwert der Beutefische. Bei kalten Luft- und Wassertemperaturen sowie Störungen, welche die Kormorane zur Flucht zwingen, steigt der Appetit. Im Schnitt benötigt ein Kormoran täglich etwa 300 bis 500 g Fisch. Dabei führen die täglichen Jagdflüge bis in Distanzen von 100 km.

Viel Fisch, viele Nutzer

Analysen der Vogelwarte zeigen, dass der Fischfangertrag positiv mit der Anzahl der Kormorane korreliert. Dies ist angesichts der Nutzung einer gemeinsamen Ressource einleuchtend, verstärkt jedoch das Konkurrenzgefühl und den Wunsch nach Massnahmen. Der Kormoran ist in der Schweiz im Winter jagdbar. Zwischen 2010 und 2019 wurden gemäss eidgenössischer Jagdstatistik pro Jahr durchschnittlich 1509 Kormorane erlegt (inkl. Spezialabschüsse). Problematisch ist dies, wenn dadurch störungsempfindliche überwinternde Vogelarten beeinträchtigt und die Schutzziele von Wasser- und Zugvogelreservaten gefährdet werden. Vom 1. Februar bis 31. August geniesst der Kormoran eine Schonzeit, doch reicht seine Brutzeit regelmässig bis weit in den September. Die Kantone können zudem jederzeit Massnahmen gegen einzelne Kormorane, die erheblichen Schaden anrichten, anordnen oder erlauben. In den angrenzenden EU-Staaten ist der Kormoran hingegen ganzjährig geschützt. Er kann dort nur mit Ausnahmebewilligung geschossen werden, die allerdings regelmässig ausgestellt wird.

Was bringen Massnahmen zur Schadensabwehr?

Ein Grossteil der bei uns nistenden Kormorane zieht im Winter Richtung Iberische Halbinsel, insbesondere Jungvögel. Unsere Wintergäste stammen gemäss Ringfunden primär von der Nordund der Ostsee. Abschüsse im Winter haben somit kaum Einfluss auf bei uns brütende Kormorane. Systematische Zugvogelerfassungen am Défilé de l’Écluse in Frankreich zeigen, dass dort im Herbst bis zu 20 000 Kormorane durchziehen, die zuvor die Schweiz passiert haben. Diese Zahl veranschaulicht auch die Sinnlosigkeit, über winterliche Abschüsse in der Schweiz einen Bestandsrückgang erwirken zu wollen.

Wirkung könnte durch Vergrämungsabschüsse erzielt werden (ein Vogel wird erlegt, der Rest eines Trupps flieht). Dadurch mag bei konsequentem Vorgehen die Kormoranpräsenz zwar lokal reduziert werden, doch gilt es, genau abzuwägen: Werden Kormorane an Seen vergrämt, weichen sie rasch innerhalb des Gewässers oder auf Flüsse aus, wo der Frassdruck auf die durch den Klimawandel bereits stark gefährdete Äsche künstlich erhöht werden könnte.

Wichtig sind Massnahmen zum Artenschutz

Die Vogelwarte lehnt gezielte Massnahmen gegen den Kormoran zum Schutz der Äsche während der Laichzeit nicht ab. So kann an begradigten Flussläufen durch den gezielten Vergrämungsabschuss weniger Kormorane der Äschenschutz an den wenigen verbliebenen Laichgründen gewährleistet werden, ohne andere Schutzziele zu gefährden. Diese Haltung vertritt die Vogelwarte nach Abwägung der bekannten Fakten. Sie setzt sich unverändert dafür ein, dass Diskussionen und getroffene Massnahmen auf Fakten beruhen und zielführend sind.

Die Vogelwarte ruft zudem alle von der Kormorandiskussion Betroffenen dazu auf, sich durch einen allfälligen Konflikt nicht von ihren gemeinsamen Zielen abbringen zu lassen, die Lebensbedingungen für Fische und Vögel an den Schweizer Seen und Flüssen zu verbessern.

News - Hintergrund

Ist die Schweiz zu aufgeräumt für den Steinkauz?

April 2021

Politische Grenzen können einen grossen Einfluss auf die Eignung einer Region als Lebensraum haben. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel des Steinkauzes, bei dem die Besiedlung in der Schweiz langsamer verläuft als in Süddeutschland.

Ein für die Schweiz und Baden- Württemberg erstelltes Habitateignungsmodell zeigte, dass weite Teile des Landwirtschaftsgebiets beider Regionen als Lebensraum für den Steinkauz geeignet wären. Trotzdem nahm in den letzten Jahren die süddeutsche Population stark zu, während der Schweizer Bestand trotz Fördermassnahmen vergleichsweise langsam anstieg. Die Gründe dafür zeigt eine neue Studie der Schweizerischen Vogelwarte.

In Baden-Württemberg fanden die Fachleute deutlich mehr extensiv bewirtschaftete Wiesen als in der Schweiz. Auch alte Hochstamm-Obstbäume mit vielen potenziellen Bruthöhlen kamen häufiger vor. Zudem waren Kleinstrukturen wie Asthaufen und Trockensteinmauern in Süddeutschland rund drei Mal häufiger, was sich auf das Angebot an Bruthöhlen und Beutetieren auswirkt. Grund dafür sind soziokulturelle, historische und rechtliche Unterschiede in der Landnutzung über politische Grenzen hinweg. Auch unterschiedliche Anreize der Agrarpolitik spielen eine Rolle: Zum Beispiel wurden viele Schweizer Hochstamm-Obstgärten nach dem Zweiten Weltkrieg durch staatlich unterstützte Rodungsaktionen ausgemerzt. Diese Unterschiede führen zu einer unterschiedlich intensiven Nutzung und damit auch zu einer unterschiedlichen Verfügbarkeit von überlebenswichtigen Ressourcen wie Nahrung oder Nistplätzen. Die erfolgreiche Förderung des Steinkauzes in der Schweiz erfordert also ein Umdenken in der Agrarpolitik und mehr Toleranz gegenüber unproduktiven Strukturen und scheinbarer «Unordnung » wie alten Hütten und grossen Einzelbäumen mit abgestorbenen Ästen, wovon auch viele weitere gefährdete Arten profitieren würden.

Tschumi, M., P. Scherler, J. Fattebert, B. Naef-Daenzer & M. U. Grüebler (2020): Political borders impact associations between habitat suitability predictions and resource availability. Landscape Ecol 35: 2287–2300. https://doi.org/10.1007/s10980-020-01103-8

News - Hintergrund

Koexistenz dank ausreichendem Brutplatzangebot

April 2021

Die Mittelmeermöwe zeigte in den letzten Jahrzehnten eine starke Dynamik in Bestand und Ausbreitung. Dabei ist oft auch die Brutplatzkonkurrenz mit kleineren Laridenarten ein Thema, die aber mit geeigneten Massnahmen entschärft werden kann.

Nach einem starken Bestandsanstieg im Mittelmeerraum brütete 1968 die Mittelmeermöwe erstmals bei uns. Bis heute hat sie die meisten Seen und einige Flussabschnitte der Niederungen der Schweiz besiedelt. Der Bestand ist bis 2015 auf über 1400 Brutpaare deutlich angewachsen. Heute brüten etwa 80 % des Bestands am Neuenburgersee auf 4 grossen Inseln im Fanel BE/NE und bei Cheseaux-Noréaz VD. Eine weitere grosse Kolonie befindet sich im Reussdelta UR mit etwa 100 Paaren. An den weiteren Brutplätzen brüten einzelne bis mehrere, maximal aber 10– 30 Paare. Nach der quasi vollständigen Besiedlung der verfügbaren grossen Kiesinseln in der Schweiz nimmt seit 2010 die Zahl der Dachbruten deutlich zu. Die grössten Kolonien befinden sich auf Flachdächern bei Mägenwil AG und bei Allaman VD mit je rund 80 Paaren. 2019 brütete etwa ein Sechstel des Bestands auf diesen «künstlichen Felsen», die analog zu den Inseln Schutz vor Bodenfeinden bieten.

Seit einigen Jahren aber ist der Bestand der Mittelmeermöwe stabil bis leicht rückläufig. Die Gründe dafür sind unklar, eine Rolle spielen könnten eine Begrenzung der Nahrungsverfügbarkeit und eine Limitierung des Brutplatzangebots auf den Kiesinseln durch aufkommende Vegetation, aber auch Prädation, welche den Bruterfolg vermindert. Trotzdem kommt es immer wieder zu Konkurrenzsituationen der Mittelmeermöwe mit Lachmöwe und Flussseeschwalbe. Diese beiden kleineren, regelmässig in der Schweiz brütenden Laridenarten brüten ebenfalls im Übergangsbereich zwischen Wasser und Land. Da ihre natürlichen Brutplätze durch Gewässerverbauungen grösstenteils zerstört wurden, sind sie heute auf künstliche Bruthilfen wie Plattformen und Flosse angewiesen. Die konkurrenzstärkere Mittelmeermöwe übernimmt diese Brutplätze teilweise und nimmt Bruthilfen in Beschlag, die sonst Dutzende von Nestern der kleineren Arten beherbergen könnten. Zudem kann sie bei Gelegenheit auch Eier und Jungvögel und ab und zu auch Altvögel von anderen Wasservogelund Laridenarten erbeuten.

Um die Konkurrenz der Mittelmeermöwe mit Lachmöwe und Flussseeschwalbe zu entschärfen, ist es wichtig, das bestehende Angebot von Bruthilfen weiterhin zu pflegen und auszubauen. Durch Renaturierung von Gewässern und Wiedervernässung von Feuchtgebieten können langfristig wieder natürliche Brutplätze geschaffen werden. Kurzfristig hilft es, wenn bestehende Bruthilfen erst bei der Ankunft der Lachmöwe ab März oder der Flussseeschwalbe ab Ende April zum Brüten freigegeben werden, in dem man die Flosse erst dann auswassert oder Plattformen bis dahin zugedeckt lässt. Sobald sich eine Kolonie von Lachmöwen oder Flussseeschwalben gebildet hat, können die brütenden Paare den Brutplatz gegen die grössere Art meist gemeinsam verteidigen. In den letzten Jahren haben sich auch Metallgitter bewährt, die den kleineren Arten den Zugang ermöglichen und der Mittelmeermöwe die Landung verunmöglichen. Das genügend grosse Angebot an Brutplätzen für Lachmöwe und Flussseeschwalbe ist auch wichtig, damit bei Ansiedlungen und Spezialisierung von Prädatoren in Kolonienähe (in den letzten Jahren wurden z.B. auch Schwarzmilan, Mäusebussard, Uhu und Rabenkrähe nachgewiesen) ein Ausweichen auf andere Brutplätze möglich ist.

Die bisherigen Massnahmen zum Schutz der beiden kleineren Arten scheinen erfolgreich zu sein: Der Bestand der Lachmöwe hat sich mittlerweile auf tiefem Niveau mehr oder weniger stabilisiert, während der Bestand der Flussseeschwalbe seit Jahren deutlich ansteigt, und neu angebotene Brutplätze besiedelt wurden.

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© Marcel Burkhardt

Im Zentrum des Interesses: Noch nicht ausgewachsene Steinadler. Sie sind leicht an der weissen Schwanzbasis und den weissen Flügelfeldern zu erkennen.

News - Hintergrund

Jungen Steinadlern auf der Spur

Dezember 2020

Über die Ausbreitungsphase junger Steinadler ist bisher nur wenig bekannt, obwohl diese Phase sehr wichtig für das Verständnis der Steinadler-Population im Alpenraum ist. Ein internationales Forschungsprojekt mit Beteiligung der Vogelwarte hat sich zum Ziel gesetzt, mehr über das Leben der jungen Steinadler herauszufinden.

Am 17. März 2020 geht es im tiefverschneiten Nationalpark mit Tourenskis los. Ausgerüstet mit einem UHF-Handempfänger inklusive Antenne folgen wir zwei Parkwächtern, entlang einer frischen Wolfsspur. Ziel ist es, einen verloren gegangenen Sender eines Steinadlers zu finden. Denn die vom Sender aufgezeichneten Daten sind für die Wissenschaft von grossem Wert. Bald meldet sich der Sender mit Tonimpulsen im Zweisekundentakt. Er lässt sich schrittweise immer stärker eingrenzen, bis wir ihn schliesslich im steilen, aber aperen Gelände entdecken. Ein immaturer Steinadler fliegt derweil über unsere Köpfen hinweg, es dürfte «Droslöng17» – durch Materialermüdung befreit vom Sender – sein, welcher hoffentlich noch ein langes Adlerleben vor sich hat. Solche Rückschläge gehören unweigerlich zur Forschung. Immerhin wird bei den neuen Sendern ein anderes, beständigeres Material verwendet. Das Bedauern über den Senderverlust ist dennoch gross, denn «Droslöng17» war der allererste von insgesamt 33 Bündner Steinadlern, welche im Rahmen eines Forschungsprojekts über das Ausbreitungsverhalten junger Steinadler einen Sender montiert bekamen und noch lange hätte Daten über sein Flugverhalten liefern sollen.

Die Schlüsselrolle junger Steinadler

Dieses Projekt wurde 2016 vom Max Planck Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell initiiert und verfolgt das Ziel, die Wissenslücke über die Wanderungen junger Steinadler bis zu ihrer Geschlechtsreife zu füllen. Die Zusammenarbeit mit der Vogelwarte, die sich auf den Kanton Graubünden beschränkt, wurde schrittweise auch auf weitere Partner ausgeweitet. Bis 2020 stiessen Teams aus dem Südtirol, der Lombardei, Bayern, Österreich und Slowenien dazu, so dass die Bewegungen junger Steinadler nun in einem grossen Teil des Alpenraums untersucht werden können.

Im Gegensatz zu Nordeuropa und zum Mittelmeerraum kommen Steinadler in Zentraleuropa kaum im Tiefland vor, sondern leben vor allem in alpinen Regionen. Dieses gebirgige, von Steinadlern dicht besiedelte Gebiet macht es schwierig und spannend zugleich, die Streifzüge und das Bewegungsverhalten junger Steinadler genauer zu erforschen. Der alpinen Population des Steinadlers geht es heute erfreulicherweise sehr gut, sie ist praktisch gesättigt und unterliegt daher einer stark konkurrenzbedingten natürlichen Regulation, wobei den umherziehenden Jungadlern eine Schlüsselrolle zukommt. Sie sind der Hauptgrund dafür, dass der Fortpflanzungserfolg bei territorialen Paaren zurzeit stark gedrosselt wird. Aber auch die Jungadler haben mit Artgenossen zu kämpfen: Über die Hälfte der tot gefundenen Steinadler in Graubünden sind Opfer von territorialen Auseinandersetzungen. Unter diesen Voraussetzungen ist es wichtig, die Überlebensstrategien der Jungadler besser zu verstehen und damit die Entwicklung der Steinadlerpopulation insgesamt zu kennen. Aber welche Faktoren bestimmen die Bewegungsmuster der Jungadler? Und welche Rolle spielt dabei die Nahrungsverteilung bzw. die Präsenz der verpaarten Adler mit Revier?

In ihrer Dissertation möchte Julia Hatzl diese Fragen mit ganz neuen technischen Möglichkeiten beantworten. Die heute zur Verfügung stehenden Solarsender ermöglichen nicht nur eine – abhängig von der Energieversorgung durch die Sonne – äusserst präzise Ortung, sie geben auch Aufschluss über das Verhalten der Jungadler und dessen Veränderungen mit zunehmendem Alter. Die dafür notwendigen Daten müssen allerdings mit viel Feldarbeit validiert werden.

Aufzeichnungen aus der Feldarbeit

Nach 30-minütiger Wartezeit meldet sich der UHF-Empfänger endlich mit einem leisen Piepssignal, das sogleich stärker wird. Und dann endlich erspähen wir den jungen, besenderten Steinadler, wie er über die Kuppe des angrenzenden Berges gleitet. Mit Spektiv und Feldstecher ausgerüstet versuchen wir, sein Verhalten so präzise wie möglich zu beschreiben und digital festzuhalten. Die Krux dabei ist, den Adler nicht aus den Augen zu verlieren, denn so schnell wie er gekommen ist, so schnell kann er auch wieder hinter dem nächsten Berg verschwunden sein.

Diese Beobachtungen helfen uns, das Verhalten der Jungadler besser zu verstehen. Der Sender, der wie ein Rucksack auf dem Rücken des Vogels befestigt ist, zeichnet nicht nur die genauen Aufenthaltsorte auf, sondern auch Daten, die Aufschluss auf die Körperposition und Bewegung der Tiere liefern. Je nach Verhalten verändert sich das Aufzeichnungsmuster der Daten. Will man nun diese Muster dem entsprechenden Verhalten zuordnen, muss man sie mit Beobachtungen abgleichen, die zur exakt gleichen Zeit im Feld aufgenommen wurden. Relativ einfach erkennbare Verhaltensweisen sind etwa «Fressen », «Flügelschlagen», «Gleitflug » oder «Betteln». Um ein möglichst breites Verhaltensspektrum zu erfassen, ist unser Team seit Anfang April fast täglich den besenderten Jungspunden im ganzen Bündnerland auf den Fersen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn nachdem die Jungadler das elterliche Revier verlassen haben, können sie während ihrer Lehr- und Wanderjahre Strecken von täglich 130 km zurücklegen. Zudem sind Jungadler oft auch nicht alleine unterwegs, sondern mit zwei, drei, teilweise sogar bis zu sechs anderen Jungadlern im gleichen Gebiet. Wir vermuten, dass der dicht besiedelte Raum voller Reviere ein Grund dafür ist. Jungadler werden von ansässigen Paaren heftig vertrieben, wenn sie in besetzte Reviere fliegen. Es bleibt nicht viel Platz, und dieser muss oft mit anderen Jungadlern getden.

Wir untersuchen ausserdem das Verhalten der Jungadler, solange sie noch im elterlichen Revier verweilen und erheben die Aktivität und Dichte der Steinadler im gesamten Grossraum Engadin und Davos. Damit möchten wir die Hintergründe zur Verteilung der Jungadler im Alpenraum besser verstehen.

Erste Resultate

Die gesammelte Datenmenge ist bereits sehr gross, wozu auch der eingangs erwähnte Jungadler «Droslöng17» beigetragen hat: Rund einen Monat nach seiner Besenderung verliess das junge Weibchen «Droslöng17» am 7. August 2017 seinen Horst endgültig. Es folgte die Bettelflugphase mit Fütterungen durch die Altvögel im elterlichen Revier und anhaltendem Bettelverhalten des Jungen. Erstmals konnten wir dank «Droslöng17» und weiteren besenderten Tieren die Bewegungen von Jungadlern minutiös mitverfolgen und machten schon früh einige erstaunliche Entdeckungen. Beispielsweise dass Jungadler bereits 5 Wochen nach dem Ausfliegen grössere Exkursionen unternehmen, die bis zu elf Tage dauern und bis 100 km vom Heimatrevier wegführen. Wir sind gespannt, welche weiteren Geheimnisse uns die Adler preisgeben.

News - Hintergrund

Mit Wachsamkeit zum Erfolg für den Alpensegler

August 2020

Nirgendwo sonst in Mitteleuropa nisten so viele Alpensegler an Gebäuden wie in der Schweiz. Von den über 2000 Paaren brüten heute mehr als 80 % an Hoch- und Tiefbauten. Dies bringt gewisse Vorteile beim Schutz des Alpenseglers mit sich, aber auch Herausforderungen.

Für nur ganz wenige Wildvogelarten sind über eine so lange Zeit ein Interesse und eine aktive Förderung bekannt wie bei den Seglern. Besonders aus Italien sind Türme bekannt, die vor Jahrhunderten absichtlich mit vielen Bruthöhlen bestückt wurden, um junge Segler zu «ernten», also zu essen. Auch in der Schweiz schätzte man die fetten jungen Alpensegler. So ist verbürgt, dass es am Berner Münster schon um 1768/69 eine grosse Kolonie gab, ferner eine am Christoffelturm. Und der Chronist wusste zu berichten, dass die Jungen «ein niedliches Essen» wären. Seither hat sich die Einstellung der Stadtbewohner gegenüber den Seglern glücklicherweise geändert! Aber wie schon zu Ende des 19. Jahrhunderts, als die Alpensegler in Bern wegen Abbruchs des Christoffelturms und wegen Bauarbeiten am Münster weichen mussten, sind die Vögel auch heute stark den menschlichen Tätigkeiten ausgeliefert. Stete Wachsamkeit tut deshalb Not.

Zurzeit nisten Alpensegler in rund 70 Ortschaften der Schweiz. Chiasso, Bern, Freiburg, Luzern und Zürich beherbergen die grössten Kolonien. Alpensegler wählen oft dominante, exponierte Bauten wie Kirchen, Burgen, Schulhäuser, Spitäler, Hochhäuser und Brücken als Brutorte. Nicht selten sind es historische Bauten, welche die Vögel besonders anziehen. Hat sich ein Paar einmal an einem Brutplatz eingerichtet, bleibt es diesem meist treu. Es ist diese ausgeprägte Brutortstreue, welche Förderungsmassnahmen für diese Art zu einer speziellen Herausforderung machen.

So ist es schwierig, Alpensegler auf neue Brutmöglichkeiten aufmerksam zu machen und sie zu einem Umzug zu bewegen. Das wäre oftmals nötig, denn es kommt immer wieder vor, dass Bauten renoviert und verändert werden, die Nistplätze beherbergen. Und nicht überall lassen sich die Brutplätze erhalten. Andernorts kann es Konflikte mit den Hausbewohnern geben, etwa wenn Einflüge direkt über einem Eingang liegen und dann und wann etwas Kot runterfällt. Oft liesse sich in der Nähe eine Ersatzniststelle einrichten, doch längst nicht immer nehmen die Vögel eine solche an. Und anders als Mauersegler reagiert der Alpensegler kaum auf die arteigene Stimme, die man ihm aus den Kästen abspielt. Das beinhaltet für die Seglerschützerinnen und -schützer ein erhebliches Frustrationspotenzial und erfordert viel Geduld. Noch schwieriger ist es, wenn ein bisheriger Brutplatz abgerissen wird. Das ist momentan beispielsweise beim Kantonsspital Frauenfeld der Fall und wird nächstes Jahr auch die wichtigste Brutkolonie im elsässischen Mulhouse betreffen. Bei ersterem wusste der Natur- und Vogelschutzverein Frauenfeld bereits seit 2012 vom geplanten Neu- und Rückbau. Erfreulicherweise zeigten sich Bauherren und Architekten von Beginn weg sehr offen, den Alpenseglern neue Unterschlupfmöglichkeiten anzubieten. Beraten durch die Vogelwarte wurden schon 2013 auf einem Nachbargebäude Ersatznistkästen montiert. Doch es dauerte bis zum Frühjahr 2020, bis es erstmals zu Anflügen durch die Alpensegler kam. Auf dem mittlerweile hochgezogenen Spitalneubau sind am Dachrand ebenfalls Kästen montiert worden. Das ist architektonisch eine Herausforderung, da der Bau nicht mehr vergleichbar ist mit dem früheren Bettenhaus. Gleichzeitig erfordert es von den Seglern eine Umgewöhnung, da sie am Neubau keine Storenkästen mehr vorfinden. Ist das Bettenhaus 2021 abgerissen, wird sich zeigen, ob sich die Bemühungen gelohnt haben und die Segler Frauenfeld treu bleiben werden.

Ein schwieriges Pflaster für Alpensegler was bislang Olten. 1978 waren zwei Brutpaare bekannt, doch danach erlosch der Brutplatz offenbar. Ansiedlungsversuche am Stadthaus um 1990 scheiterten. Erst 2013 wurde in der Stadt wieder ein Brutpaar entdeckt. Seither ist der Bestand bemerkenswert rasch auf rund 10 Paare gestiegen. Mit einer grossen Nistkastenaktion hat der Ornithologische Verein Olten (OVO) zusammen mit der Firma ALPIQ im Frühjahr 2020 versucht, die Brutplatzsituation entscheidend zu verbessern. Da bereits im Mai Einflüge in die neuen Kästen verzeichnet wurden, besteht berechtigte Hoffnung, dass der Alpensegler nun in der Stadt an der Aare zu einem ständigen Brutvogel wird.

An vielen Orten erfordern die Alpensegler einen steten Betreuungsaufwand, für Kontrollen und Reinigung der Nisthilfen, für Aufklärung der Hausbesitzer und der örtlichen Bevölkerung. Dazu kommen öfters kurzfristig notwendige Einsätze und Rettungsmassnahmen, wenn ein Vogel verunfallt, wenn Junge aus dem Nest fallen oder wenn eine Renovation zu Unzeiten droht. Nur dank dem steten Engagement vieler Vogelfreunde und zahlreicher Natur- und Vogelschutzvereine konnten sich die Bestände über die letzten Jahrzehnte positiv entwickeln und sind heute weniger Aufgaben von Brutplätzen zu beklagen als noch in den 70er- und 80er-Jahren. Ihnen allen ist die Vogelwarte zu grossem Dank verpflichtet. Wir rufen dazu auf, die Kolonien weiterhin achtsam im Auge zu behalten und drohende Renovationen immer auch als Chance zu verstehen. Denn sie bieten die Möglichkeit, neue, geräumige Brutmöglichkeiten für die Zukunft bereitzustellen und Konflikte zu entschärfen. Die Schweizerische Vogelwarte ihrerseits ist gerne bereit, ihre langjährigen Erfahrungen einzubringen und den engagierten Seglerschützerinnen und -schützern vor Ort beratend zur Seite zu stehen.

News - Hintergrund

Wie Phönix aus der Asche

August 2019

16 Jahre sind seit dem katastrophalen Waldbrand bei Leuk vergangen. Doch die verheerte Fläche entwickelte sich überraschenderweise zu einem wichtigen Lebensraum für zahlreiche gefährdete Tier- und Pflanzenarten.

Es summt und zirpt, unzählige Bienen und Schmetterlinge schwirren in einem Blütenmeer umher, Gartenrotschwänze und Zippammern singen von den Baumspitzen, ein Steinhuhn wetzt in der Ferne und in der Nacht lässt der Ziegenmelker sein monotones Surren verlauten. Man wähnt sich im Mittelmeerraum. Frankreich? Italien? Oder vielleicht Griechenland? Des Rätsels Lösung liefern die verkohlten und toten Bäume. Wir stehen in der 300 Hektar grossen Fläche am Leuker Hang im Wallis, die im August des Rekordsommers 2003 nach Brandstiftung einem Waldbrand zum Opfer fiel.

Gefährdete Arten besiedeln die Fläche

Für die Menschen war der Leuker Waldbrand eine Katastrophe. Drei Wochen lang waren Feuerwehr, Zivilschutz, Polizei, Sanität, Bergrettung, Forstdienst, zwei Armeekompanien und drei Armeehelikopter im Einsatz, um der Feu ers brunst Herr zu werden. Danach bedeckte eine bis zu 50 Zentimeter dicke Schicht aus Kohle und Asche den Hang. Kaum zu glauben, dass bereits drei Jahre nach dem Ereignis die Zahl der Pflanzenarten im Brandgebiet die des benachbarten Waldes übertrafen. Eine ähnliche Entwicklung fand bei den Insekten statt: Im abgebrannten Gebiet wurden über doppelt so viele Arten und sechsmal mehr Individuen von Bienen gefunden wie im angrenzenden Wald. Rund ein Drittel aller im Waldbrandgebiet gefundenen Bock-, Pracht- und Laufkäfer stehen auf der Roten Liste. Auch bei den Vögeln trat Überraschendes ein: Der immer seltener werdende Gartenrotschwanz erreichte die schweizweit höchsten Siedlungsdichten im Leuker Waldbrandgebiet. Diese Beobachtungen belegen eindrücklich, dass die Natur bereits nach kurzer Zeit verheerte Flächen wieder besiedeln kann.

Eine an der Universität Bern durchgeführte Masterarbeit wertete die über die Jahre von der Vogelwarte gesammelten Daten der Vogelgemeinschaft der Leuker Waldbrandfläche aus und führte quantitative Vergleiche mit der Vogelgemeinschaft der nicht abgebrannten Wälder in der Umgebung durch. Die Anzahl Reviere war in den Kontrollwäldern höher als im Waldbrandgebiet, die Anzahl Arten unterschied sich jedoch nicht zwischen den Waldtypen. Das klingt intuitiv nicht nach einem wertvollen Lebensraum für Vögel. Weshalb also ist die Waldbrandfläche trotzdem so interessant? In den umliegenden Wäldern kommen zwar insgesamt mehr Arten vor, es handelt sich dabei jedoch vor allem um schweizweit häufige und nicht gefährdete Arten. In der Waldbrand fläche ist es genau umgekehrt. Hier gibt es mehr Arten, die auf der Roten Liste stehen, und diese weisen eine höhere Revierzahl auf, als in den Kontrollwäldern. Das gleiche Resultat galt etwas weniger ausgeprägt auch für Prioritätsarten für Artenförderung, also Arten, für die die Schweiz eine besondere internationale Verantwortung trägt und/oder die Förderungsmassnahmen am dringendsten nötig haben. Das bedeutet, dass gefährdete oder von Naturschutzmassnahmen abhängige Vogelarten vom Waldbrand mindestens vorübergehend profitiert haben. Eine für den Vogelschutz sehr interessante Erkenntnis.

Störungen mit positiven Effekten

Doch weshalb besiedeln gerade gefährdete Arten das Waldbrandgebiet? Wie Stürme oder Überschwemmungen gelten Waldbrände als natürliche Störungen, englisch «disturbances». Etwas neutraler werden sie auch als dynamische Prozesse bezeichnet. Meist dominieren konkurrenzstarke und deshalb häufige Arten, sogenannte «Generalisten» einen Lebensraum. Konkurrenzschwache Arten hingegen kommen nur dort häufig vor, wo spezielle Bedingungen vorherrschen, beispielsweise in Mooren oder wo durch die oben genannten dynamischen Prozesse die konkurrenzstarken Arten dezimiert werden. So wird Platz für die konkurrenzschwachen Arten, die sogenannten «Spezialisten» geschaffen. Sie sind oft Pioniere, die als erste einen frei gewordenen Lebensraum wieder besiedeln. In der Schweiz stehen viele Spezialisten auf der Roten Liste, da viele dynamische Prozesse zum Schutz des Menschen unterbunden werden, beispielsweise durch Flussbegradigungen oder Lawinenverbauungen. Das erhöht die Sicherheit, führt aber auch zu «starren» Habitaten. Davon profitieren die Generalisten.

Feuer als Naturschutzmassnahme?

In der dicht besiedelten Schweiz sind Feuer relativ selten und treten hauptsächlich im Wallis, Tessin und Graubünden auf. Wie der Waldbrand von Leuk eindrücklich demonstriert, können Brände trotz ihrer Gefahr positive Effekte auf die Natur haben. Der Naturschutz muss sich die Frage stellen, ob man Feuer als kontrollierte und lokale Naturschutzmassnahme einsetzen soll. Dabei muss beachtet werden, dass es in der Schweiz kaum Orte gibt, die nicht vom Menschen besiedelt oder in irgendeiner Weise genutzt werden. Zudem dienen viele Wälder als Schutzwälder für Dörfer, Strassen und andere menschliche Strukturen, so wie auch 20 % der abgebrannten Waldfläche bei Leuk. Hier sind nun aufwändige Aufforstungen notwendig, damit die Schutzfunktion des Waldes wieder gewährleistet wird. Feuer können zwar äusserst positive Effekte haben, in Gebieten, in denen natürlicherweise kaum Feuer auftreten, sind aber auch negative Effekte möglich. So fördern Brände in tropischen Regenwäldern meist die häufigen Generalisten oder sogar gebietsfremde, invasive Arten. Auch die Exposition kann eine Rolle spielen. Der Waldbrand, der 2010 in Visp rund 100 Hektaren Wald zerstörte, führte zumindest bei den Vögeln nicht zur gleichen Artenvielfalt wie in Leuk. Es fehlen beispielsweise Steinrötel und Steinhuhn komplett, Zippammer, Baumpieper und Gartenrotschwanz erreichen nicht gleich hohe Siedlungsdichten wie in Leuk. Leuk ist ein Südhang, der für wärmeliebende Arten attraktiv ist, während Visp als Nordhang wohl weniger geeignet ist. Zu diesen Faktoren kommt erschwerend die Machbarkeit hinzu. Wie kann man einen Wald kontrolliert abbrennen und sicherstellen, dass der Brand nicht ausser Kontrolle gerät? Die durch den Waldbrand geförderten Strukturen stehen nur für eine relativ kurze Zeit zur Verfügung, da nach einigen Jahren durch natürliche Sukzession die Generalisten wieder das Zepter übernehmen und die konkurrenzschwachen Arten verdrängen.

Dies sind alles Argumente, die den Einbezug von Feuer in die Naturschutzgesetzgebung und –praxis sehr schwierig gestalten. Gerade solche Forschungsresultate wie in Leuk können aber helfen, eine Diskussion über Feuer als Naturschutzmassnahme zu führen. Vielleicht wird es einmal möglich sein, die Sicherheit und menschliche Interessen zu wahren und gleichzeitig das grosse Naturschutzpotenzial nutzen, das Feuer liefern kann. Die Gartenrotschwänze können ein Lied davon singen.

News - Hintergrund

Mehr Verständnis für kecke Krähen

April 2019

Kaum eine Vogelgruppe hat so sehr mit Vorurteilen zu kämpfen, wie die Rabenvögel. Mit einem besseren Verständnis für die ökologischen Zusammenhänge und für deren Verhalten können sie entkräftet und Konflikte entschärft werden.

Die Bestände vieler Rabenvögel steigen in der Schweiz deutlich an. Insbesondere Elster, Raben- und Saatkrähe sind mittlerweile häufige Brutvögel in Dörfern und Städten. Die anpassungsfähigen Vögel profitieren hier von guten Nahrungsbedingungen und fehlenden Feinden. Im Siedlungsraum halten sich die Vögel in der direkten Umgebung des Menschen, was immer wieder zu Konflikten führt: Anwohner stören sich am lautstarken Treiben von Saatkrähen und an deren Kot unter Brutkolonien, oder sie beklagen sich, wenn ein Singvogelnest im Garten von einer Rabenkrähe oder Elster ausgeräumt wurde.

Auswirkungen auf Kleinvögel

Oft ist zu hören, Rabenvögel würden im Siedlungsgebiet die Singvogelbestände dezimieren oder gar ausrotten. Zwar spielen Kleinvögel, Eier und Nestlinge in der Nahrung der Altvögel nur eine geringe Rolle, als Nahrung für die Jungen sind sie aber wichtig. Mit proteinreicher Nahrung ermöglichen die Rabenvögel ihren Jungen einen gesunden Start ins Leben. Genauso, wie dies beispielsweise ein Steinadler tut, der seinem Nachwuchs Murmeltiere verfüttert. Schweizweit betrachtet haben Rabenvögel keinen Einfluss auf die Bestandsentwicklung anderer Vögel. Kleinvögel brüten meist mehrmals pro Jahr und können so Brutverluste kompensieren. Das jährlich durchgeführte «Monitoring häufiger Brutvögel » der Vogelwarte zeigt, dass die Bestände von Amsel, Rotkehlchen, Kohlmeise und vielen weiteren Arten in den letzten Jahren deutlich zunahmen, obwohl ihre Nester von Rabenvögeln ausgeräumt werden können.

Wer im eigenen Garten beobachtet, wie ein Rabenvogel ein Nest ausräumt, fühlt dennoch mit den Kleinvögeln. Wer Kleinvögeln helfen möchte, der pflanzt anstatt Thuja oder Kirschlorbeer dichte Dornsträucher und deckungsreiche einheimische Gehölze, etwa Schwarz- und Weissdorn, Wildrosen oder Schwarzer Holunder. Diese bieten den Kleinvögeln relativ sichere Neststandorte.

Auswirkungen auf Greifvögel

Wenn Rabenvögel einen Greifvogel verfolgen, dann sind die Sympathien klar verteilt: Der Greifvogel ist der Gute, die Rabenvögel sind die Bösen. Greifvögel werden aber nicht ohne Grund verjagt: Rabenvögel vertreiben damit einen potenziellen Feind aus dem Territorium, um sich selbst zu schützen und um ihre Jungen zu verteidigen. Rabenvögel sind nämlich hingebungsvolle Eltern und kümmern sich äusserst fürsorglich um ihren Nachwuchs. Was bei anderen Tieren als Elternliebe gelten würde, wird den Rabenvögeln als Boshaftigkeit angelastet. Die Attacken durch Rabenvögel sind für die Greifvögel aber höchstens lästig, Auswirkungen auf die Populationen haben sie nicht: Die Bestände der meisten Greifvögel steigen seit den 1990er-Jahren an.

Nachbarschaftskonflikte

Im Gegensatz zur paarweise nistenden Rabenkrähe brütet die Saatkrähe in Kolonien. Ein Grossteil der 5800–7300 Brutpaare der Schweiz befindet sich in Städten. Besonders ab Mai, wenn beide Eltern ihrem Nachwuchs Nahrung bringen, kann es an den Kolonien laut werden, was zu Klagen bei Anwohner führen kann. Die akustische Kommunikation spielt bei der sozialen Saatkrähe aber eine ganz wichtige Rolle. Schallpegelmessungen haben zudem gezeigt, dass die Rufe der Saatkrähen deutlich unter denen des Verkehrslärms liegen. Dass die Rufe der Saatkrähen dennoch als störender bezeichnet werden, zeigt, wie wenig guten Willen den Vögeln entgegen gebracht wird. Insbesondere wenn sich unter den Nestern Park-, Sitz- oder Spielplätze, Trottoirs oder Bushaltestellen befinden, bergen Verschmutzungen wegen Kot weiteres Konfliktpotenzial.

Um die Ansiedlung von Saatkrähen zu verhindern, wurden schon Versuche mit zahlreichen Methoden durchgeführt. Häufiger Baumschnitt, Einsatz von Attrappen, optisches Verscheuchen, Laserstrahlen und weitere Techniken wurden an verschiedenen Orten mit unterschiedlichem Erfolg angewandt. Meistens führte dies zur Gründung neuer Kolonien in der Umgebung. Das Problem wird damit verlagert, doch kaum je gelöst. Aus Sicht der Vogelwarte müssen Massnahmen bis zum Beginn der Schonzeit Mitte Februar abgeschlossen sein. Allfällige Eingriffe und deren Auswirkungen zu dokumentieren ist die Voraussetzung, um daraus zu lernen und allfällige weitere Eingriffe entsprechend zu optimieren.

Rabenvögel in der Landwirtschaft

Nicht nur in den Siedlungen, auch im offenen Landwirtschaftsland finden Rabenvögel ihre Nahrung. Dabei können saisonal Kulturpflanzen einen erheblichen Teil der Nahrung ausmachen. Obschon einzelne Betriebe stark betroffen sein können, haben Untersuchungen den gesamtwirtschaftlichen Schaden als gering eingeschätzt. Rabenvögel werden von Landwirten aber auch geschätzt, da sie unter anderem Aas, Schnecken und Mäuse fressen. Verantwortlich für die Schäden in landwirtschaftlichen Kulturen sind vor allem nichtbrütende Vögel, die sich zu Schwärmen zusammenschliessen. Brutvögel hingegen richten während der Brutzeit kaum Schäden an. Zudem brüten in den Nestern von Krähen und Elstern Waldohreule und Turmfalke. Ohne die Rabenvögel könnten die Mäusejäger nicht im Kulturland brüten.

Die beste Methode, um Rabenvögel von Kulturen fernzuhalten, ist Vorbeugung. Durch das Pflanzen von Hecken und Feldgehölzen wird den Feinden von Rabenvögeln Deckung angeboten. Wenn sich die Rabenvögel nicht sicher fühlen, kann sich deren Aufenthaltsdauer auf den Feldern reduzieren. Auch durch den Aussaatzeitpunkt kann Schäden vorgebeugt werden. Müssen Rabenvögel trotzdem vertrieben werden, sind Fantasie und Abwechslung gefragt, da die intelligenten Vögel schnell lernen und nach wenigen Tagen nicht mehr auf Abwehrmassnahmen reagieren. Abwechselnd eingesetzt bieten Gasballone, farbige Plastikbänder, Windräder und Apparate mit akustischen und/oder visuellen Schreckeffekten einen gewissen Schutz, wobei Gasballone besonders wirksam sind. Details zur korrekten Anwendung sind im Merkblatt «Rabenvögel in landwirtschaftlichen Kulturen» aufgeführt. Die immer wieder diskutierte Intensivierung der Jagd hingegen verspricht keine langfristige Lösung dieser Konflikte.

Die Krux mit der Jagd

Entgegen der landläufigen Meinung sind Elster und Rabenkrähe nicht geschützt und damit ausserhalb der Schonzeit jagdbar. Seit 2012 ist auch die Saatkrähe jagdbar, geniesst aber eine Schonzeit zwischen 16. Februar und 31. Juli. Zwischen 2010 und 2017 wurden laut eidgenössischer Jagdstatistik durchschnittlich 9762 Rabenkrähen und 1386 Elstern pro Jahr geschossen. Die Anzahl erlegter Saatkrähen ist in den letzten Jahren geradezu explodiert: Wurden 2013 noch 4 Saatkrähen geschossen, waren es 2017 bereits deren 200. Von Schonung kann also keine Rede sein. Dennoch ist eine dauerhafte Dezimierung der Bestände durch intensivere Jagd aus mehreren Gründen kaum zu realisieren. Einerseits ist die Jagd sehr aufwändig, weil die Vögel dank ihrer hohen Intelligenz die Jäger und deren Fahrzeuge nach kurzer Zeit individuell erkennen und rechtzeitig das Weite suchen. Andererseits ist die Jagd im Siedlungsbereich, wo die Bestände speziell zugenommen haben, aufgrund von Sicherheitsüberlegungen nicht praktikabel.

Die Jagd setzt ausserdem einige natürliche Regulationsmechanismen ausser Kraft, die eine unbegrenzte Zunahme der Bestände verhindern. Bei hoher Bestandsdichte treten vermehrt Nichtbrüter auf, welche die Brutpaare bei der Jungenaufzucht erheblich stören und so den Bruterfolg schmälern können. Ausserdem nimmt mit der Dichte auch die Aggression zwischen benachbarten Brutpaaren zu. Krähen und Elstern vertragen sich auch untereinander nicht gut und plündern sich bei Gelegenheit gegenseitig die Nester. Durch die jagdlich bedingte zeitweilige Dezimierung setzt man die bei hoher Bestandsdichte wirkenden, natürlichen Regulierungsmechanismen ausser Kraft. Die Bestände wachsen deshalb sehr rasch wieder zur alten Grösse heran.

News - Hintergrund

Gehölzpflege auf Privatgrund

Dezember 2018

Regelmässig rufen Behörden im späten Frühjahr dazu auf, Hecken und Sträucher auf Privatgrund zurückzuschneiden. Für die heimische Vogelwelt ist das ein schlechter Zeitpunkt, denn er fällt in die Fortpflanzungszeit vieler Brutvögel.

Gärten und Siedlungen eröffnen viele Möglichkeiten, unterschiedliche Lebensräume und vielfältige Strukturen für die einheimische Pflanzen- und Tierwelt zu schaffen. Die Ansprüche der Vögel an ihren Lebensraum lassen sich dabei in zwei Bereiche gliedern. Vögel brauchen einen sicheren Ort, um ihre Jungen aufzuziehen sowie genügend Nahrung für sich und ihre Nachkommen.

Die Jungenaufzucht erfolgt vielfach mit Insekten, einer sehr energiereichen Nahrung. Nach der Brutzeit und bis weit in den Winter hinein spielen Früchte und Beeren eine grosse Rolle. Bei der Bepflanzung des Gartens sind einheimische Beerensträucher zu verwenden, die den Vögeln am meisten Nahrung bieten. Sie dienen auch als Brutplatz für Vögel, die nicht in Nischen in und an Gebäuden, Baumhöhlen oder Nisthilfen nisten. Etliche Vogelarten brüten mit Vorliebe in dichten und dornentragenden Sträuchern, seien sie in Gruppen gepflanzt oder als Hecken angelegt.

Die dornentragenden Sträucher bieten dem Nest, aber auch den fast flüggen Nestlingen Deckung und Schutz. Wichtig ist, dass die Vögel beim Nestbau, beim Brüten und beim Füttern der Jungen nicht durch Eingriffe gestört werden. Ein Rückschnitt der Sträucher während der Fortpflanzungszeit kann im schlimmsten Fall zur Aufgabe von Bruten führen. Der Gehölzschnitt sollte deshalb ausserhalb der Brutzeit erfolgen. Dennoch rufen Behörden auch während dieser sensiblen Zeit dazu auf, Hecken und Sträucher auf Privatgrund zurückzuschneiden. Grund dafür sind diverse Vorschriften, vor allem an Verkehrswegen und an der Grenze zu Nachbarparzellen. Genauere Informationen sind bei der Gemeindeverwaltung erhältlich.

Diesem Konflikt ist nur mit einer Planung und einer vorausschauenden Pflege im Winter zu begegnen. Bei Arbeiten von November bis März stört man Pflanzen und Tiere am wenigsten. Dazu kommt, dass das Astgerüst der Gehölze gut sichtbar ist, sodass für den Schnitt die natürliche Wuchsform der Pflanzen am besten berücksichtigt werden kann. Um Strassen und Wege freizuhalten, ist grosszügiges Ausschneiden angezeigt. Idealerweise wird bereits beim Pflanzen der Gehölze genug Abstand zum nächsten Weg eingerechnet. Wenn berücksichtigt wird, wie breit und hoch die betreffende Gehölzart am konkreten Standort werden kann, dann bleibt auch Jahre später noch ein ausreichend breiter Streifen zwischen Hecke und Weg frei. Damit erübrigt sich auch bei starkem Wuchs im Frühling, dass zur Brutzeit ein Rückschnitt zwingend nötig wird.

Fruchttragende Sträucher sollten aus Rücksicht auf die Tierwelt möglichst lange nicht geschnitten werden, denn sie bilden eine wichtige Nahrungsquelle. Im Herbst kann das Laub unter den Sträuchern getrost liegen gelassen werden, denn es bildet den idealen Boden für eine Krautschicht unter den Sträuchern. Das Schnittgut muss also nicht immer gehäckselt oder entsorgt, sondern kann auch zu einem wertvollen Haufen geschichtet werden.

Hecken eignen sich dann besonders als Nistplätze für Vögel, wenn sie möglichst gut verwachsen sind. Es ist deshalb darauf zu achten, dass Sträucher bei der Pflege nicht zu stark aufgelockert werden und immer an der gleichen Aststelle geschnitten werden. Dadurch verästelt sich der Strauch dort stark und bildet Nistgelegenheiten.

Weitere Hinweise zum Naturnahen Garten und zum Heckenschnitt finden sich in den Merkblättern für Vogelschutz, welche die Vogelwarte gemeinsam mit BirdLife Schweiz herausgibt.

News - Hintergrund

Sommerholzerei und Vogelschutz

Dezember 2018

Die Nutzung von Holz ist ökologisch sinnvoll. Mit der zunehmenden Holznutzung auch im Sommer gibt es jedoch deutlich mehr Störungen, zudem werden Vogelbruten zerstört. Um Vögel nicht beim Brutgeschäft zu stören, sollte generell auf Holzerarbeiten zwischen April und August verzichtet werden.

Die Nutzung von Holz ist aus ökologischer Sicht sinnvoll, denn Holz ist ein nachwachsender Rohstoff. Richtig genutzt, kann man zudem den Lebensraum vieler waldbewohnender Vogelarten positiv beeinflussen, beispielsweise indem Alt- und Jungwaldflächen gut durchmischt sind und indem keine grossflächig einheitlichen und monotonen Wälder angelegt werden. Eine Bewirtschaftung hin zum lichten Wald kann für viele bedrohte Pflanzen- und Tierarten förderlich sein. Auch einige spezialisierte Vögel wie Ziegenmelker, Turteltaube oder Mittelspecht können von solchen «lichten Wäldern» profitieren.

Holzerarbeiten im Wald verursachen aber auch Störungen. Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass diese für ganze Populationen ein Problem wären, solange die Arbeiten im Winter stattfinden. Mittlerweile erfolgen Holzschläge aber vermehrt auch im Sommerhalbjahr. Dies ist kommerziell interessant geworden, da durch neue Techniken das voll im Saft stehende Holz besser getrocknet werden kann. Zudem lassen sich Maschinen und Personal das ganze Jahr über einsetzen. Fällt die Holzernte jedoch auf die Brutzeit, wirken sich Störungen viel stärker auf die Vögel aus. Nester, die darin liegenden Eier sowie Nestlinge sind nicht mobil und fallen dadurch viel leichter Holzerarbeiten zum Opfer. Zudem geben Vögel bei Störungen ihre Bruten eher auf oder beginnen gar nicht erst damit. All das wirkt sich negativ auf den Bruterfolg aus.

Ob solche Ausfälle der Fortpflanzung für ganze Populationen problematisch sind, ist von Art zu Art sehr verschieden und hängt von der Waldfläche ab, auf der zur Brutzeit forstlich eingegriffen wird. Auf den Bestand der meisten häufigen und weit verbreiteten Brutvögel im Wald, beispielsweise Finken, Drosseln oder Meisen, hat die Sommerholzerei vermutlich kaum einen Einfluss. Anders ist dies bei einigen selteneren Arten mit wesentlich kleineren Beständen und speziellen Lebensraumansprüchen. Auerhuhn, Grauspecht, Greifvögel wie Wespenbussard oder Baumfalke und einige weitere Arten reagieren auf Störungen viel empfindlicher. Für die wenigsten dieser Arten sind die genauen Brutplätze, Bruthöhlen oder Horststandorte bekannt. Da deshalb eine kleinräumige Rücksichtnahme auf diese Arten kaum möglich ist, empfiehlt die Schweizerische Vogelwarte, auf Holzerarbeiten im Wald zwischen April und August grundsätzlich zu verzichten. Dabei haben die Höhenlage des Holzschlages und die dort vorkommenden Brutvogelarten den grössten Einfluss auf die Bestimmung des genauen Zeitraums.

Es gilt zu beachten: Die Brutzeit zahlreicher Arten (Greifvögel, Eulen, Spechte, Hühner u.a.) setzt bereits vor April ein, und die Bruten von Hohltaube, Wespenbussard und Baumfalke können bis tief in den August andauern. Während der etwas länger dauernden Brutzeit dieser Arten sollte deshalb generell auf Holzerarbeiten in Altholzbeständen verzichtet werden.

News - Hintergrund

Vögel vor Stromtod schützen

August 2018

Gefährlich konstruierte Masten von Mittelspannungs-Freileitungen bergen für Vögel eine tödliche Gefahr. Zwar konnten mittlerweile etliche gefährliche Masten saniert werden, doch es bleibt noch viel zu tun. Stromschlag können Vögel auch an Fahrleitungen der Bahn erleiden. Diese Gefahr soll nun ebenfalls beseitigt werden.

Für Vögel mit grosser Flügelspannweite sind Mittelspannungsmasten ohne Isolation gefährlich. Je nach Konstruktionstyp können Vögel bereits ab Falkengrösse betroffen sein. Wenn ein Vogel zwei stromführende Elemente oder von seinem geerdeten Sitzplatz auf dem Mast aus ein stromführendes Element berührt, wird ein Kurz- bzw. Erdschluss ausgelöst. Für den Vogel enden beide Szenarien in der Regel tödlich.

Besonders gefährdet sind Uhu und Weissstorch, beides Prioritätsarten für die Artenförderung. Eine Studie der Universität Bern zeigte, dass Stromschlag für die Hälfte aller durch den Menschen verursachten Todesfälle von Junguhus verantwortlich war. Der Uhubestand im Wallis könnte sich ohne Todesfälle an Mittelspannungsmasten innerhalb von acht Jahren verdreifachen. Im Kanton Graubünden hätte es Platz für doppelt so viele Uhureviere, wie die aktuell 25–35. Auch bei 19 % der beringten Weissstörche, die in der Schweiz tot aufgefunden worden waren, wurde Stromschlag als Todesursache angegeben. Der Handlungsbedarf ist also gut belegt.

Welche Masttypen gefährlich sind, ist bekannt, die Massnahmen ebenso. Die Vogelwarte hat weitere Grundlagen erarbeitet: Sie hat die prioritären Regionen für die Sanierung des Mittelspannungsnetzes für die beiden Arten Uhu und Weissstorch in der Schweiz identifiziert und im Engadin mit Partnern sowie im Kanton Wallis die gefährlichen Mittelspannungsmasten inventarisiert. Diese Inventare umfassen über 250 bzw. rund 1500 Mittelspannungsmasten. In beiden Regionen sind Netzbetreiber aktiv geworden. Im Engadin haben sie mittlerweile knapp ein Fünftel aller Masten saniert, von den besonders gefährlichen Masten gut die Hälfte. Dies hat dort erfreulicherweise bereits zu einer Reduktion der Stromopfer geführt. Die Sanierung von gefährlichen Mittelspannungsmasten sollte nun flächendeckend in weiteren Regionen erfolgen.

Nun auch die Bahn

Die Vogelwarte nimmt im Engadin in Zusammenarbeit mit der Rhätischen Bahn (RhB) nun auch die Fahrleitungen und Oberleitungen der Bahn ins Visier. Dass Uhus hier neben Kollisionen mit dem Zug auch Stromschlag an den Fahrleitungen erleiden können, zeigten Opfer mit Verbrennungen.

In Zusammenarbeit mit Vertretern der RhB hat David Jenny von der Vogelwarte in einem ersten Schritt exemplarisch bei neun Fahrleitungsmasten in der Nähe von Uhubrutplätzen im Sommer und Herbst 2017 Fotofallen montiert. Insgesamt konnten fast 400 Fotos ausgewertet werden. Neben Turmfalken, Waldohreulen, Alpendohlen und anderen Rabenvogelarten zeigen einige Bilder auch Uhus. Aufgrund der Fotoauswertung wurden Massnahmen vorgeschlagen. Die Rhätische Bahn will im September mit der Sanierung der ersten Fahrleitungsmasten beginnen. Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Schliesslich sollte nicht nur die Stromproduktion sondern auch der Stromtransport umweltfreundlich erfolgen.

News - Hintergrund

In eine begrünte Zukunft für die Heidelerche

August 2018

In den Walliser Weinbergen brütet rund die Hälfte des Schweizer Bestands der Heidelerche. In einem Forschungsprojekt haben wir in den letzten Jahren die Lebensraumansprüche der Walliser Heidelerchen in Bezug auf die unterschiedlichen Bewirtschaftungsmethoden untersucht.

Obwohl der Bestand der Heidelerche in der Schweiz seit 2000 zugenommen hat, ist die Anzahl der Brutpaare mit rund 300 noch immer sehr tief. Deshalb ist die Heidelerche in der Schweiz auf der Roten Liste als «verletzlich» eingestuft und gehört zu den Prioritätsarten, für welche spezifische Fördermassnahmen ergriffen werden. Hierzulande ist sie vor allem in den Juraweiden aber auch in den Weinbergen der Nordostschweiz, um Genf und im Wallis zu beobachten. Rund die Hälfte der Brutpaare kommt im Wallis vor. Ihr melodiöser Gesang, der ihr ihren wissenschaftlichen Gattungsnamen Lullula und den französischen Namen «Alouette lulu» eingebracht hat, ist bereits früh im Jahr ab Mitte Februar zu hören. In diesen Wochen im Spätwinter kann man die Heidelerche oft bei ihrem ausdauernden Fluggesang in luftiger Höhe beobachten. Doch sobald Ende März das Brutgeschäft beginnt, sind die Vögel sehr heimlich, da sie nun die meiste Zeit am Boden verbringen. Hier suchen sie gut getarnt nach Nahrung oder brüten bereits auf dem Nest. Während der Brutzeit von März bis Juli, ist die Heidelerche hauptsächlich auf Insekten als Nahrungsquelle angewiesen, welche sie bevorzugt in kurzrasigen Lebensräumen aufspürt.

Kontrastierende Lebensbedingungen in Walliser Weinbergen

Die Weinberge im Wallis stellen einen extremen Lebensraum dar, da hier noch immer auf rund 80 % der Parzellen ganzflächig die Bodenvegetation mit Herbiziden abgetötet wird. Die Weinberge geben somit häufig ein karges Bild ab. Die Benutzung der Herbizide ist vor allem durch das trockene Klima zu erklären: Die Weinbauern wollen eine zu starke Konkurrenz um Wasser und Nährstoffe zwischen den Reben und anderen Pflanzen verhindern und vernichten deshalb das vermeintliche Unkraut. Doch in den letzten Jahren konnte vermehrt ein Richtungswechsel zu umweltfreundlicheren Bewirtschaftungsmethoden festgestellt werden, welche eine Bodenbegrünung zulassen. Seither nimmt die Anzahl begrünter Weinberge im Wallis zu, was zum heutigen, kontrastierenden Landschaftsbild führt: Begrünte Parzellen stehen oftmals wie Oasen in herbizidbehandelten, kargen Flächen. Je nach Region sind sie jedoch häufig isoliert von anderen begrünten Weinbergen. Die Tatsache, dass ein Grossteil des Schweizer Heidelerchenbestandes in einem solch extremen Lebensraum brütet, warf eine Reihe von Forschungsfragen auf, welchen die Vogelwarte zusammen mit der Universität Bern in den letzten Jahren nachging.

Heidelerchen mögen begrünte, artenreiche Weinberge

In einem ersten Schritt wollte das Forscherteam verstehen, in welchen Weinbergen sich die Heidelerchen bevorzugt aufhalten, respektive ob sie eine Vorliebe für eine der beiden Bewirtschaftungstypen «begrünt» oder «unbegrünt » haben. Da die Vögel mit dem Beginn der Brutzeit schwierig zu entdecken und zu beobachten sind, wurden ihre Aufenthaltsorte während drei Brutsaisons mittels Radiotelemetrie bestimmt. Gleichzeitig wurden die Nester in den Weinbergen gesucht, um so wichtige Informationen über ihre Vorlieben bei der Wahl des Neststandortes zu gewinnen. Zudem wurde die Insektendichte in den verschiedenen Weinbergen untersucht, da die Lebensraumnutzung der insektenfressenden Vögel zu einem Grossteil vom Nahrungsangebot und dessen Verfügbarkeit bestimmt wird. Die Forschenden fanden heraus, dass je stärker begrünt und je vielfältiger die Begrünung war, umso höhere Insektendichten konnten in den Weinbergen gefunden werden konnten. Dies wiederum erklärt die entsprechende Lebensraumnutzung der Heidelerche. Die Resultate zeigten nämlich deutlich, dass Heidelerchen bei der Wahl der Reviere nicht nur begrünte Weinberge bevorzugten, sondern vor allem diejenigen, die eine artenreichere Pflanzengesellschaft aufwiesen. Weiter schien die strukturelle Vielfalt der Bodenvegetation wichtig, um den unterschiedlichen Ansprüchen der Heidelerche zu genügen. Bei der Nahrungssuche wählten Heidelerchen begrünte Parzellen mit einer lückigen Vegetation, welche einen hohen Anteil an offenen Bodenstellen aufwiesen. Dies ermöglicht einen besseren Zugang zur Beute. Bei der Wahl des Neststandortes zeigte sich aber, dass die Heidelerchen Stellen mit möglichst dichtem und hohem Pflanzenwuchs bevorzugten. Im Schutz der Vegetation scheinen Gelegeverluste durch tagaktive Rabenvögel und nachtaktive Füchse tiefer zu sein.

Aus der Vogelperspektive: Mosaikartige Lebensräume sind erwünscht

Wenn man die Landschaft der Walliser Weinberge aus der Vogelperspektive betrachtet, stellt sich weiter die Frage, welchen Effekt der Anteil an begrünten Flächen und deren Vernetzung innerhalb eines möglichen Reviers hat. Die Anzahl Insekten in einem Gebiet wurde stark von der Fläche begrünter Weinberge beeinflusst. Am meisten Insekten wurden bei einem relativ hohen Anteil (60 %) an begrünten Flächen gefunden. Die begrünte Fläche und ihre Anordnung spielten auch bei der Lebensraumnutzung der Heidelerche eine wichtige Rolle. Wenn nur ein geringer Prozentsatz (10– 20 %) der Fläche begrünt ist, bevorzugten Heidelerchen Landschaften, in denen begrünte Parzellen gut miteinander vernetzt sind. Sobald jedoch ein Gebiet einen hohen Anteil an begrünten Parzellen aufwies, bevorzugten die Vögel eine stärkere Fragmentierung. Dies bedeutet, dass die begrünten Parzellen nicht eine zusammenhängende Fläche bilden, sondern im Zusammenspiel mit anderen Elementen ein mosaikartiges und vielfältiges Landschaftsbild erzeugen sollten.

Bedeutung für die Praxis

Im nächsten Schritt sollen nun die Forschungsergebnisse in den Walliser Weinbergen Schritt für Schritt in die Tat umgesetzt werden, um die Heidelerche und die lokale Artenvielfalt gemeinsam durch gezielte Massnahmen zu fördern. Hierzu wurde ein Projekt der Vogelwarte in Zusammenarbeit mit dem Naturpark Pfyn-Finges lanciert. Ziel ist es, die begrünte Fläche in den Weinbergen zu erhöhen, besser zu vernetzen und mit speziellen Saatmischungen vielfältiger zu gestalten. Zusätzlich werden in diversen kleinen Projekten mit interessierten Betrieben biodiversitätsfördernde natürliche Strukturen wie Niederhecken oder Steinhaufen geschaffen. Weinbauern, die sich für einen nachhaltigen und naturnahen Weinbau interessieren, wird empfohlen, die Fahrgassen zu begrünen und den Unterstockbereich vegetationsfrei zu halten, um so ein Mosaik aus begrünten Flächen und offenem Boden zu schaffen. Um eine artenreiche Begrünung zu erreichen, sollte je nach Parzelle eine spontane Vegetationsentwicklung gefördert oder eine artenreiche, an den Standort angepasste Saatmischung eingesät werden. Mit dem derzeitigen Wandel zu einer nachhaltigeren Bewirtschaftung der Weinberge blicken wir in eine spannende und hoffnungsvolle Zukunft, in der die melodiöse Stimme der Heidelerche hoffentlich wieder vielerorts zu hören sein wird.

News - Hintergrund

60 Jahre Beringungsstation Col de Bretolet

August 2018

Seit 1958 betreibt die Vogelwarte auf dem Walliser Alpenpass eine Beringungsstation zur Erforschung des herbstlichen Vogelzugs. Dank der speziellen Topografie lassen sich hier Zugvögel nachts auf dem Zug fangen. Dies machte den Col de Bretolet international bekannt.

Der Titel dieses Berichts über den Col de Bretolet ist doppelt irreführend. Erstens haben die Beringungsaktivitäten schon 1953, 1954, 1956 und 1957 mit Camps der Groupe des Jeunes de Nos Oiseaux begonnen. Die systematische Arbeit begann aber erst 1958, also vor 60 Jahren, nach Errichtung einer stabilen Hütte und mit Finanzierung durch den Schweizerischen Nationalfonds über die Vogelwarte. Zweitens wurden auf dem Col de Bretolet nicht nur Vögel beringt, sondern es fanden auch systematische Zugbeobachtungen statt, und die Wanderungen anderer Tiergruppen (Tag- und Nachtfalter, Schwebfliegen, Fledermäuse) wurden ebenfalls untersucht. Es handelt sich also eigentlich um eine alpine Forschungsstation.

Ausgangspunkt für die Untersuchung des Vogelzuges auf dem Col de Bretolet war die Frage, ob Vögel auf dem Zug die Alpen überqueren oder nicht, eine Frage, die in den dreissiger Jahren sehr kontrovers, ja gar polemisch diskutiert wurde. Sie führte zu Beobachtungs- und Fangaktionen auf verschiedenen Alpenpässen. Die Vogelwarte hat sich in den dreissiger Jahren insbesondere bei Realp (Arnold Masarey & Ernst Sutter) engagiert. Max d’Arcis schlug vor, eine ähnliche Station in den Westschweizer Alpen zu eröffnen, nachdem er starken Vogelzug auf dem Col de Cou beobachtet hatte.

Dieser Wunsch wurde erst in den Fünfzigerjahren wieder aufgenommen, als Michel Desfayes nach Exkursionen auf verschiedene Pässe in der Romandie 1951 zum Schluss kam, dass auf dem Col de Cou/Bretolet der Tagzug besonders stark ist. Bald folgten die oben genannten Beringungscamps der Groupe des Jeunes und das Engagement der Vogelwarte.

Zu Beginn war das Ziel, das Artenspektrum und den jahres- und tageszeitlichen Durchzug der verschiedenen Arten zu beschreiben. Bald realisierte man, dass Nachtzieher nachts mit Hochnetzen gefangen werden können, eine bis dahin weltweit einmalige Gelegenheit. Das führte zur detaillierten Arbeit von Volker Dorka (1966) über den tageszeitlichen und jahreszeitlichen Durchzug zahlreicher Arten. Darin wurden grundlegende Erkenntnisse über Unterschiede zwischen Kurz- und Langstreckenziehern sowie Tag- und Nachtziehern dargelegt und insbesondere auch die biologische Bedeutung des Nachtzugs diskutiert. Die Frage, ob die stark wetterabhängigen Fangzahlen auf dem Col de Bretolet tatsächlich quantitativ den Durchzug widerspiegeln, konnte erst der Einsatz eines Radars 2007 beantworten (die Radarbeobachtungen auf Planachaux von Walter Gehring 1966 waren nicht quantitativ). Tatsächlich besteht eine erstaunlich gute Korrelation zwischen der mit Radar gemessenen Durchzugsintensität am Tag bzw. in der Nacht und den Anzahl Fängen von Tag- bzw. Nachtziehern. Damit hat sich auch die Hypothese bestätigt, dass der Herbstzug durch die Schweiz bei westlichen Winden gegen die Alpen gedrückt wird, die Vögel im Windschatten der Täler ziehen und damit tief fliegen. Somit kommt es zu den grossen bodennahen Konzentrationen von Zugvögeln auf Pässen, insbesondere auf den Pässen Col de Cou und Bretolet, die in der SW-Verlängerung der Hochalpen liegen.

1962 begann Jacques Aubert vom Musée zoologique de Lausanne die Untersuchung des Insektenzuges. Eine zweite Hütte und eine Zisterne wurden gebaut und somit die Arbeitsbedingungen wesentlich verbessert. Ende der Sechzigerjahre war die Station von der Vogelwarte aus nicht kontinuierlich besetzt, aber die Entomologen führten die Beringung von Vögeln sporadisch weiter. 1972 wurde die Beringung von Raffael Winkler wieder aufgenommen mit dem Ziel, die Pneumatisation des Schädeldachs von Singvögeln zu untersuchen und die Altersbestimmung zu verfeinern. Es folgten ab 1977 Untersuchungen zum Nachtzug und zur Überquerung der Alpen, ab 1986 Untersuchungen zum Energiehaushalt von Nachtziehern und über all diese Zeit Aufnahmen zum Umfang der Mauser, die mit den entsprechenden Fotos zum Buch «Moult and Ageing of European Passerines» führten. Viele weitere Erkenntnisse resultierten aus speziellen Untersuchungen auf dem Col de Bretolet, so z.B. über den jahres- und tageszeitlichen Ablauf des Greifvogelzugs, zu Blutparasiten und Ektoparasiten von Vögeln wie Zecken und deren Befall mit Borrelia-Bakterien und über das Auftreten von Fledermäusen, und neuerdings wurden wieder Untersuchungen über den Insektenzug aufgenommen.

Die Besonderheiten des Col de Bretolets sind zum ersten, dass Vögel nicht nur aus dem aktiven Tagzug, sondern auch aus dem aktiven Nachtzug herausgefangen werden können. Zweitens werden an einem Ort Vögel, die ganz verschiedene Habitate bewohnen, in beträchtlicher Zahl auf dem Zug gefangen, also auch Arten wie Pieper und Stelzen, die in ihren Rastgebieten schwierig zu fangen sind. Dies erlaubt es, an einem Ort in relativ kurzer Zeit ein grosses Artenspektrum in meist grösseren Zahlen untersuchen zu können.

Im Verlauf dieser mehr als 60 Jahre wurden 744 024 Vögel in 162 Arten auf dem Col de Bretolet beringt. Die Karte der Ringfunde zeigt das weite Einzugsgebiet der Herbstdurchzügler und die Gebiete Südeuropas, die auf dem Durchzug oder zur Überwinterung aufgesucht werden.

Der jährliche Fang erlaubt es, Veränderungen im Herbstzug aus diesem grossen Einzugsgebiet über 60 Jahre zu erfassen. So treten sporadisch Invasionen von Tannen-, Blau- und Kohlmeisen auf, einzeln oder zusammen, an denen sich auch andere Waldvogelarten wie Kleiber, Buntspecht oder Eichelhäher beteiligen können. Ringfunde zeigen, dass diese Invasionen je nach Jahr aus unterschiedlichen Gebieten stammen und auch in unterschiedliche Gebiete führen.

Während die Veränderung (in der Regel eine Vorverlegung) des Frühjahrszuges mit der Klimaerwärmung bei vielen Arten bekannt ist, gibt es kaum Untersuchungen zur Veränderung der Durchzugszeiten im Herbst. Dank der langjährigen Datenreihe vom Col de Bretolet konnten wir zeigen, dass verschiedene Zugvögel unterschiedlich auf die Klimaerwärmung reagieren. Arten mit nur einer Brut ziehen heute früher weg als noch vor 40 Jahren. Demgegenüber ziehen Arten, die ihre Brutzeit mit einer zweiten Brut verlängern können, deutlich später weg als zur Gründungszeit der Beringungsstation.

Obwohl schon mehr als 60 Jahre in Betrieb, hat der Col de Bretolet immer noch Überraschungen parat, seien es spezielle Beobachtungen, etwa ein Steinadler, der mit einem durchziehenden Schwarzstorch «spielt», oder seltene Fänglinge wie ein Rötelfalke 2014. Da der Col de Bretolet in einer fantastischen Landschaft liegt, nur zu Fuss erreichbar ist und somit alles auf dem Rücken hinaufgetragen werden muss, das Wetter fast täglich neue Stimmungen beschert, und die Unterkunft eine gewisse Ursprünglichkeit hat, ergeben sich dort eine besondere Atmosphäre und bereichernde Erlebnisse, nicht nur in der Natur, sondern auch in der Gruppe der Ehrenamtlichen, die dort für eine oder mehrere Wochen Tag und Nacht die Netze kontrollieren, beobachten und Daten aufnehmen.

Das Hauptziel, das auch heute noch auf dem Col de Bretolet verfolgt wird, ist die Überwachung des Vogelzugs im Herbst. Die grosse Artenvielfalt bietet hier einen Querschnitt wie er sonst nur auf mehreren Stationen zusammen erreicht wird. Im Weiteren dient der Col de Bretolet der Ausbildung künftiger Beringerinnen und Beringer. Hier können die Anwärter besonders von der grossen Artenvielfalt und den hohen Fangzahlen profitieren. Und – last but not least – steht die Station für spezielle Untersuchungen offen, sei es an Vögeln oder an anderen Tieren, soweit dies nicht die Überwachung des Vogelzugs beeinträchtigt.

News - Hintergrund

Mehrjährige Mahd optimal für Schilfvögel

April 2018

In der Grande Cariçaie am Südufer des Neuenburgersee, dem grössten zusammenhängenden Feuchtgebiet der Schweiz, muss der Lebensraum so gepflegt werden, dass die stark abgeschwächte, für ein Feuchtgebiet jedoch sehr wichtige Wasserpegel- Dynamik ersetzt werden kann. Die Auswirkungen der entsprechenden Mahd auf fünf verbreitete Vogelarten wurden nun über 30 Jahre untersucht.

Feuchtgebiete sind Lebensraum einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten, gleichzeitig oft stark bedroht. Eine besondere Gefahr geht von der Regulierung des Wasserstands in Seen aus, so dass natürliche Schwankungen ausbleiben. Die fehlende Dynamik führt insbesondere dazu, dass junge Büsche und Bäume auf dem nicht genügend überschwemmten Boden aufwachsen und Feuchtgebiete zu Wald werden.

Eine regelmässige Mahd kann die Verbuschung solcher Seeufer-Feuchtgebiete verhindern. Doch wie oft sollte gemäht werden, dass typische Feuchtgebietsarten am besten gefördert werden können? Antworten auf diese Frage konnten Mitarbeitende der Association Grande Cariçaie, die für die Pflege und ihre Erfolgskontrolle in der Grande Cariçaie zuständig sind, in Zusammenarbeit mit Kollegen von der Vogelwarte mit einer Langzeitstudie liefern. Dazu analysierten sie umfangreiche Bestandsdaten, die über beeindruckende 30 Jahren gesammelt worden waren und untersuchten dabei den langfristigen Einfluss von unterschiedlicher Mahdhäufigkeiten (jährlich oder nur in bestimmten Jahren) auf Teichrohrsänger, Rohrschwirl, Rohrammer, Wasserralle und Bartmeise am Südufer des Neuenburger Sees.

Die Forscher fanden heraus, dass die alternierte Mahd keine negativen Auswirkungen auf die Brutvögel hat. Aus den Studienergebnissen lassen sich niedrigere Mahdhäufigkeit empfehlen, als für solche Habitate üblich der Fall ist. Aus Vogelsicht sollte erst alle drei Jahre, besser erst alle 6 Jahre oder noch seltener gemäht werden.

News - Hintergrund

Die Steinfräse – eine Gefahr für die Juraweiden

August 2017

Die extensiv genutzten Juraweiden gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Schweiz. Die generelle Intensivierung der Landwirtschaft und insbesondere der Einsatz von Steinfräsen bedrohen jedoch dieses wertvolle Habitat.

Wenn man vom Jura spricht, denkt man unwillkürlich an langgezogene Höhenzüge mit zahlreichen Waldweiden. Diese für das Bild des Juras so charakteristische Landschaft ist durch die jahrhundertelang betriebene, gemischte forstliche und bäuerliche Nutzung entstanden. Die extensiv genutzten Weiden lassen genügend Raum für zahlreiche Kleinstrukturen wie Felspartien, Steinhaufen und Geländebuckel mit niedriger, sehr typischer Bodenvegetation. Zusammen mit Gestrüpp, Einzelbäumen und verrottenden Baumstubben sorgen sie für ganz unterschiedliche Lebensbedingungen und eine hohe Artenvielfalt. Deshalb kommen hier noch diverse Arten vor, die im Mittelland heute bedroht oder selten geworden sind, so etwa die Heidelerche.

Trügerisches Idyll

Obwohl die Juralandschaft immer noch intakt und ursprünglich wirkt, geht ihre Artenvielfalt seit den 1990er-Jahren stark zurück. Laut verschiedenen Biodiversitätsindikatoren ist der Verlust bei den Tagfaltern, den Heuschrecken und der Flora der trockenen Jurawiesen und –weiden besonders ausgeprägt. Bei den zwei zuletzt erwähnten Organismengruppen ist diese Tendenz im Jura in den letzten 20 Jahren schlechter als in den anderen biogeographischen Regionen der Schweiz, sogar im Vergleich mit dem Mittelland! Gezielte Untersuchungen im Rahmen der Feldarbeiten für den neuen schweizerischen Brutvogelatlas bestätigen, dass die Heidelerchenbestände im Jura in den letzten zehn Jahren erneut abgenommen haben. Als Hauptursache dafür gilt der Technologiewandel in der Landwirtschaft, der nicht nur in grossen Teilen des Schweizer, sondern auch des französischen Juras zu intensiverer Nutzung vieler Weiden und Waldweiden geführt hat.

Steinfräsen zerstören die Weiden

Die Tendenz zur intensivierten landwirtschaftlichen Nutzung ist im gesamten Jurabogen erkennbar. Die dabei zum Einsatz kommenden Methoden sind eher fragwürdig, greift man hier doch auch relativ bedenkenlos zu massivem Maschineneinsatz: Steinfräsen heissen die Geräte, die Felsen und Feldsteine zertrümmern und den Boden bis in eine Tiefe von 25 cm aufbrechen und zermahlen können. Auf diese Weise beseitigen sie alle Felspartien und anderen Terrainunebenheiten, die auf Juraweiden bisher noch häufig sind. Die «verbesserte» Bodenstruktur und das eingeebnete Terrain versprechen aus landwirtschaftlicher Sicht höhere Erträge und erleichtern die maschinelle Bearbeitung. Die Folge ist normalerweise die Einsaat einer Kunstwiese, die pro Jahr zwei- bis dreimal gemäht werden kann. Durch die Zerstörung vieler Kleinlebensräume wie etwa der Felspartien mit ihrer spezialisierten Pflanzenwelt trägt der Einsatz von Steinfräsen zu einer grossflächigen Banalisierung der Landschaft bei. Die Veränderun- gen sind irreversibel, denn eine Wiederherstellung der ursprünglichen Verhältnisse ist praktisch unmöglich. Wo eine Steinfräse zum Einsatz kam, sind artenreiche Juraweiden also für immer verloren!

Rechtslage und Umfang des Einsatzes

Dass Steinfräsen zu diesem Zweck verwendet werden, ist seit Mitte der Neunzigerjahre bekannt. Mehrere Kantone mit Anteil am Faltenjura haben die Notwendigkeit erkannt, in dieser Angelegenheit rechtliche Grundlagen zu schaffen. Erste Vorschriften traten ab etwa 2005 in Kraft. Sie unterscheiden sich allerdings von Kanton zu Kanton; in Bern und Neuenburg sind sie besonders grosszügig. Im Kanton Bern ist der Einsatz der Steinfräse nicht völlig verboten, erfordert aber in gewissen Fällen ein Baugesuch. Pro Jahr werden drei bis vier solche Anträge gestellt. Im Kanton Neuenburg kann der Einsatz einer Steinfräse ausschliesslich für Einzelobjekte oder Flächen von wenigen Quadratmetern und nur auf Dauerwiesen und –weiden ausserhalb von Schutzgebieten bewilligt werden, nicht aber auf Waldweiden. Im Mittel erhält der Kanton fünf Gesuche pro Jahr. In den Kantonen Solothurn und Waadt gibt es keine spezifischen Vorschriften; hier wird die Frage mit Hilfe anderer Gesetze oder Verordnungen geregelt.

Obwohl das Thema seit mehr als 20 Jahren bekannt ist und mittlerweile konkrete Rechtsgrundlagen dazu existieren, sind mehrere Fälle von Steinfräseneinsätzen gemeldet worden, sowohl vor als auch nach dem Erscheinen der Vorschriften. Während Steinfräsen in den Kantonen Solothurn und Waadt nur selten verwendet werden, spielen sie im Berner und Neuenburger Jura sowie im Kanton Jura eine deutlich wichtigere Rolle. Weil es zu diesen Einsätzen aber keine statistischen Erhebungen gibt, lässt sich ihr Umfang leider nicht abschätzen. Trotzdem hat es in praktisch allen genannten Kantonen schon Einsätze in grossem Stil gegeben, bei denen Flächen von 1–13 ha betroffen waren. Generell dürften Steinfräsen wohl nur punktuell verwendet werden, aber da eine Gesamtübersicht fehlt und die Grösse der Dunkelziffer nicht quantifiziert werden kann, ist diese Aussage mit Vorsicht zu geniessen. Dies umso mehr, als bis heute nur wenige unbewilligte Steinfräseneinsätze zur Anzeige gelangt sind. Die Anwendung der Vorschriften wird leider allzu oft durch langwierige Rechtsverfahren verzögert. Ohne wirksame Sanktionen bleiben die Risiken für einen unrechtmässigen Einsatz aber vernachlässigbar gering. Mehr als 20 Jahre nach dem Aufkommen der Steinfräse ist es höchste Zeit für eine Verschärfung der Vorschriften und für ein Verbot der Verwendung dieser Geräte für landwirtschaftliche Zwecke. Die Umsetzung der Vorschriften ist dringend voranzutreiben, um weiterem Missbrauch vorzubeugen!

Juraweiden – wie weiter?

Um anspruchsvolle Arten wie die Heidelerche im Jurabogen auch weiterhin erhalten zu können, muss der Schutz und die Förderung der extensiv genutzten, arten- und strukturreichen Jurawiesen und –weiden mit hoher Priorität vorangetrieben werden. Dieser Schutz darf sich nicht nur auf die aktuelle Qualität der Bodenvegetation an einem bestimmten Ort beschränken, sondern muss auch die kleinstrukturelle Vielfalt und den Abwechslungsreichtum der Landschaft einbeziehen, denn auch dies sind Schlüsselfaktoren der Biodiversität. Nur die Wiesen und Weiden zu erhalten, die im Inventar der Trockenstandorte von nationaler Bedeutung figurieren, reicht erfahrungsgemäss nicht aus, weil diese oft zu klein sind und ihre Qualität bereits beeinträchtigt ist.

Heutzutage ist eine umfassendere und nachhaltigere Bewirtschaftung der mageren Juraweiden und Waldweiden erforderlich, denn neben Steinfräsen sind derzeit noch diverse andere Verfahren zur intensiveren Landnutzung im Einsatz. Integrierte Bewirtschaftungspläne zielen darauf ab, die vorhandenen Ressourcen besser mit den Ansprüchen der Land- und Forstwirtschaft, des Umweltschutzes und der Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen. Verschiedene gute Beispiele dafür gibt es im Jura bereits, darunter etwa der vorbildliche Mehrjahresplan Natur und Landschaft des Kantons Solothurn, aber weitere Fortschritte sind dringend nötig. Schliesslich spielen die mageren Juraweiden nicht nur eine wichtige Rolle bei der Erhaltung bedrohter Arten, sondern dank ihres Erholungswertes für die Bevölkerung auch bei der touristischen Förderung. Wenn sich der politische Wille der Industrialisierungstendenz in der Landwirtschaft in dieser Region nicht mit Macht entgegenstellt, sieht die Zukunft für die charakteristische Juralandschaft düster aus.

News - Hintergrund

Als Gast im Wohnzimmer sensibler Felsbrüter

August 2017

Kletterinnen und Kletterer bewegen sich in Felswänden und damit im Lebensraum verschiedener, teils sensibler Vogelarten. Die Vogelwarte engagiert sich dafür, dass ein Nebeneinander von Mensch und Vögeln möglich ist, auch am Fels.

Die Vorteile für Vögel, die in Felswänden brüten, liegen auf der Hand: Man hat einen guten Überblick über sein Revier, freie Anund Abflugmöglichkeiten und das Nest ist gut geschützt vor Bodenprädatoren. Beim Ausüben ihres Sports in den Felswänden sind Kletterinnen und Kletterer sozusagen in der Wohnung der Vögel unterwegs und können unverhofft in unmittelbare Nähe eines Nistplatzes geraten. Die Reaktion der Vögel auf solche Ereignisse ist unterschiedlich und kann auch erst nach längerer Zeit oder nach wiederholter Störung erfolgen. Problematisch ist es für die betroffenen Vögel, wenn nach ihrer Flucht die Eier zu lange auskühlen, sie die Brut abbrechen oder die Felswand ganz verlassen. Tatsächlich konnte in Deutschland gezeigt werden, dass der Bruterfolg von Uhus in Gebieten mit viel Klettersport geringer ist als in vergleichbaren Gebieten mit wenig Kletteraktivität. Ähnliches liess sich im Raum Südschweiz und Norditalien beim Wanderfalken beobachten. Lösen lassen sich solche Konflikte nur durch vorübergehende oder permanente Einschränkung des Klettersports, je nach Situation lokal oder grossräumig.

Sensible Akteure

Das Konfliktpotenzial zwischen Klettersport und Natur ist erkannt. In zahlreichen Kletterführern wird zum sorgfältigen Umgang mit der Natur aufgerufen, und es werden Verhaltenskodizes sowie konkrete Tipps und Hinweise auf Klettereinschränkungen gegeben. Die Organisationen IG Klettern Basler Jura, Mountain Wilderness, Bergsportschule Kletterwelt und Schwei- Als Gast im Wohnzimmer sensibler Felsbrüter zer Alpenclub SAC widmeten dem Thema 2015 eine Informations- und Ausbildungsbroschüre mit dem Titel «Mensch, Fels und Falke».

Auf der Internetseite www.sac-cas.ch/de/huetten-und-touren/sac-tourenportal/ informiert der SAC über aktuelle Einschränkungen in den Klettergebieten der Schweiz. Mit Verweis auf die Wildruhezonen www.wildruhezonen.ch thematisiert er zudem einen weiteren möglichen Konflikt im Klettersport: Der Zugang zu einer Felswand kann durch Lebensräume anderer sensibler Vogelarten, wie Auer- und Haselhuhn, oder anderen Wildtieren führen. Auch hier können Einschränkungen gelten.

Wo Konflikte drohen

Nachdem es im Wallis in den letzten Jahren wiederholt zu Konfliktsituationen gekommen war, beauftragte der Kanton die Vogelwarte, in einer Karte darzustellen, wo Konfliktpotenzial zwischen sechs Felsbrütern (Bartgeier, Steinadler, Wanderfalke, Uhu, Blaumerle und Alpenkrähe) und Freizeitaktivitäten am Fels besteht (s. Avinews 3/15). Bei diesen seltenen und empfindlichen Arten besteht die Gefahr, dass sich Störungen langfristig negativ auf die Bestandsgrösse auswirken. In einem nächsten Schritt soll in Zusammenarbeit mit Vertretern des Klettersports aus diesen Grundlagen eine Koexistenzkarte entstehen, um das Aufkommen von Konflikten zu unterbinden, den Schutz der genannten Arten langfristig zu sichern und trotzdem Kletteraktivitäten zu ermöglichen. Mit ihren Kenntnissen über das Vorkommen sensibler Felsbrüter kann die Vogelwarte schweizweit zu einer verbesserten Konfliktvermeidung beitragen.

Die Rolle der Vogelwarte

Sport- und Freizeitaktivitäten in der Natur erreichen mittlerweile auch Gegenden, wo bisher kaum Störungen durch von Menschen stattgefunden haben. Die Vogelwarte ist überzeugt, dass nur ein vorausschauender, konstruktiver und partnerschaftlicher Lösungsansatz zu einer nachhaltigen Lösung führen kann. Damit Sport- und Freizeitaktivitäten in der Schweiz naturverträglich stattfinden, engagiert sie sich im Verein Natur & Freizeit und sucht die Zusammenarbeit mit Behörden und Organisationen.

News - Hintergrund

Vögel und Drohnen – wie Konflikte vermieden werden

Dezember 2016

Die private und kommerzielle Nutzung von Drohnen hat enorm zugenommen. Für Vögel und andere Tiere können Drohnen eine erhebliche Störungsquelle darstellen. Durch das Einhalten einfacher Richtlinien lassen sich Störungen aber deutlich reduzieren.

Die Drohnentechnologie wurde in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Moderne Drohnen sind leicht zu bedienen und günstig. Laufend kommen Geräte mit neuen Funktionen und Eigenschaften auf den Markt. Diese Faktoren haben zu einem sprunghaften Anstieg der Verkaufszahlen geführt. Für die Schweiz sind keine Verkaufszahlen bekannt. In den USA werden laut offiziellen Schätzungen 2016 rund 2,5 Millionen Drohnen zwischen 250 Gramm und 25 kg über den Ladentisch gehen – ein Viertel davon für kommerzielle, drei Viertel für private Zwecke.

Auch der Artenschutz und die ökologische Forschung nutzen die neue Drohnentechnologie, beispielsweise für Bestandserhebungen und Nestkontrollen. Teilweise können die gelieferten Bilder sogar mit Hilfe von Computerprogrammen automatisch ausgewertet werden. Dank dem Einsatz der neuen Technologie können Störungen reduziert, die Effizienz gesteigert oder die Messgenauigkeit verbessert werden.

Vögel und Drohnen bewegen sich beide im tiefen Luftraum und in Bodennähe. Es liegt nahe, dass Drohnen von Vögeln als Eindringlinge oder Gefahr eingestuft werden können. Die Vogelwarte sah Handlungsbedarf und hat den aktuellen Wissensstand analysiert. Unter der Federführung der Spanischen Drohnenexpertin Margarita Mulero-Pázmány wurde eine Arbeitsgruppe formiert, die mit einer umfassenden Literaturrecherche untersuchte, wie Vögel auf Drohnen reagieren. Die gefundenen Reaktionen reichen von gesteigerter Aufmerksamkeit bis hin zu Flucht. In vielen Fällen schienen Vögel allerdings gar nicht auf Drohnen zu reagieren. Ob ein Vogel auf eine Drohne reagiert, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine direkte Annäherung bewirkt in den allermeisten Fällen eine Fluchtreaktion des Vogels. Fluggeräte mit Benzinmotor führen eher zu einer Reaktion als elektrische Geräte, was durch den höheren Lärmpegel von Benzinmotoren bedingt ist. Bei grossen Drohnen ist die Fluchtdistanz grösser als bei kleinen Drohnen. Einzelvögel oder kleine Gruppen von Vögeln zeigen geringere Fluchtdistanzen als Vogelschwärme. Schliesslich wurde beobachtet, dass grosse Vögel eher eine Reaktion zeigen als kleinere. Dabei ist allerdings anzumerken: Zeigt ein Vogel keine sichtbare Reaktion, bedeutet das nicht zwingend, dass er nicht gestresst ist. Brütende Vögel beispielsweise nehmen grössere Störungen in Kauf, ohne das Nest zu verlassen. Unter Stress können sie trotzdem stehen.

Die Nutzung von Drohnen ist ein weit verbreitetes Hobby, und die Naturbeobachtung mit Hilfe von Drohnen erfreut sich grosser Beliebtheit. Durch das Respektieren weniger Regeln kann die Störungen für Vögel deutlich reduziert werden:

  • In der Umgebung von Brutstandorten sensibler Arten (z.B. Wanderfalke, Steinadler) soll auf Drohnenflüge verzichtet werden, besonders während der Brutzeit von Februar bis Juli. Wir empfehlen, immer einen Abstand von mindestens 200 m, besser 500 m zum Neststandort einzuhalten.
  • Ein Abstand von mindestens 200 m zu Naturschutzgebieten sollte nicht unterschritten werden.
  • Sensible Gebiete sollen in grösstmöglicher Höhe (>100 m) in gerader Flugbahn überflogen werden.
  •  Ein direktes Anfliegen von Vögeln ist absolut zu unterlassen.
  • Zu Vogelschwärmen soll ein Mindestabstand von 200 m eingehalten werden.
  • Kleine und leise Geräte sind zu bevorzugen.

Die Verordnungen über die Wasser- und Zugvogelreservate von internationaler und nationaler Bedeutung (WZVV) und die eidgenössischen Jagdbanngebiete (VEJ) verbietet zudem einen Betrieb von Drohnen in den entsprechenden Gebieten.

News - Hintergrund

Rotmilan: Vom Ausfliegen bis zur Ansiedlung

April 2016

Mit einer fast unvergleichlichen Geschwindigkeit besiedelte der Rotmilan das ganze Schweizer Mittelland und eroberte in den letzten Jahren auch die Lagen oberhalb 800 m ü.M. Wie die attraktive Art dies schafft, ist Gegenstand eines grossen Forschungsprojektes der Schweizerischen Vogelwarte.

Seit den 1970er Jahren besiedelte der Rotmilan rasant das ganze Schweizer Mittelland und eroberte in diesem Jahrtausend die Lagen oberhalb 800 m ü.M. und die grösseren Alpentäler. In den traditionellen Hauptverbreitungsgebieten in Spanien, Frankreich und im Nordosten Deutschlands ist dagegen kein solches Populationswachstum festzustellen. Im Gegenteil: An vielen Orten steigen die Bestände nur leicht oder nehmen sogar ab.

Die Schweiz beherbergt unterdessen wohl schon deutlich mehr als die 2009 geschätzten 1200– 1500 Brutpaare und damit gegen 10 % der Weltpopulation des Rotmilans. Tendenz steigend! Auch als Überwinterungsgebiet ist die Schweiz offenbar attraktiv: Unterdessen überwintern mehr als 2500 Rotmilane in der Schweiz!

Unser Land trägt eine hohe Verantwortung für den Rotmilan. Der Bund attestiert ihm deshalb eine sehr hohe nationale Priorität. Zudem gehört der Greifvogel zu den 50 Prioritätsarten für Artenförderung.

Die Zunahme und die Ausbreitung des Rotmilans dürften mehrere Ursachen haben. Höchstwahrscheinlich verbesserte sich die Nahrungsgrundlage für den Greifvogel seit Mitte des letzten Jahrhunderts erheblich. Einerseits erhöhte die immer frühere und häufigere Mahd und Fruchtfolge die Erreichbarkeit von Beutetieren wie Mäusen und Würmern. Andererseits könnte der Rotmilan als Aasfresser von der zunehmenden Anzahl von im Verkehr verunglückten Tieren profitiert haben. Zudem führten die höheren Temperaturen in den letzten Jahrzehnten zu langen schneefreien Perioden im Mittelland sowie zur frühen Schneeschmelze im Voralpengebiet. Zu guter Letzt profitierte die Art wohl auch von Fütterungsstellen, die vor allem im Winter von Privatpersonen betrieben werden.

Bereits seit 20 Jahren beringen freiwillige Ornithologen in den Kantonen Freiburg und Waadt junge Rotmilane am Horst. Das tönt einfach, ist aber aufwändig. Nachdem die Horststandorte durch lange Verhaltensbeobachtungen gefunden sind, muss das Alter der Jungvögel durch weitere Beobachtungen geschätzt werden. In den Tagen vor dem Ausfliegen wird der Horstbaum erklettert, und die Jungvögel werden vermessen, beringt und danach wieder ins Nest gesetzt. Mit den Jahren wurden auf diese Weise rund 850 Rotmilan-Nestlinge beringt. Mit Hilfe der Beringung und der Erfassung der Jungenzahl während zwei Jahrzehnten können wir wichtige Kennzahlen der Bestandsentwicklung schätzen: Den Bruterfolg und das Überleben. Das ist von unschätzbarem Wert! Dennoch ist weitgehend unklar, wie das Klima und das Nahrungsangebot mit der Verdichtung der Rotmilanbestände im Mittelland und mit der Ausbreitung der Art in höhere Lagen zusammenhängen. Entscheidend für das Verständnis dieser Prozesse sind nämlich nicht nur deren Auswirkungen auf den Bruterfolg und das Überleben, sondern auch auf die Wanderungen (und die Ansiedlung) der Jungvögel.

Das Abwanderungsverhalten von Jungvögeln ist einerseits von deren körperlicher Verfassung, andererseits von der Umwelt abhängig. In dichten Brutbeständen mit guter Nahrungsgrundlage könnten Jungvögel mit guter Kondition einen Vorteil bei der Ansiedlung haben, während sie in lockeren Beständen und schlechteren Habitaten eher abwandern und ihr Glück an besseren Orten suchen. Allerdings interessieren sich in guten Habitaten wegen des hohen Bruterfolgs und des verbesserten Überlebens auch mehr lokale Jungvögel für eine Ansiedlung. Räumliche Unterschiede in Brutdichte und Nahrungsangebot könnten deshalb zu ganz unterschiedlichen Abwanderungsstrategien der Jungvögel führen.

Die Untersuchung der Abwanderungs- und Ansiedlungsgeschichten in Kombination mit Daten zu Bruterfolg und Überleben lässt uns deshalb verstehen, wie die Verdichtung und die Ausbreitung der Schweizer Rotmilanpopulation vor sich gehen. Um vertiefte Einblicke in diese Prozesse zu erhalten, startete die Schweizerische Vogelwarte im Jahr 2015 ein Forschungsprojekt, in dem mehrere Hundert Rotmilane mit GPS-Loggern ausgerüstet werden sollen. Die Untersuchung detaillierter Bewegungen von Vögeln erfährt durch die rasanten technischen Entwicklungen des Ortens neue Möglichkeiten. Mit Hilfe automatischer satellitengestützter Ortungssysteme ist es heute möglich, Vögel in der Grösse von Rotmilanen häufig und genau zu orten. Damit können nun die Wanderungen der Jungvögel untersucht werden. Im Rotmilan- Forschungsprojekt kommen solarbetriebene GPS-Logger zum Einsatz, die sowohl stündliche Ortungen per Handynetz auf einen Server schicken, wie auch die Möglichkeit zum Herunterladen von Zwischenortungen per Funkverbindung bieten. Damit können bei guten Lichtbedingungen Ortungen im 2-Minuten-Takt gewonnen werden. So sollte es möglich sein, die Bewegungen von GPS-besenderten Rotmilanen über mehrere Jahre hinweg sehr genau zu verfolgen. Ausserordentlich spannend dürften die Erkundungsflüge der Jungvögel nach der Unabhängigkeit, die Zugbewegungen, die Raumnutzung von subadulten Nichtbrütern und die Ansiedlungen als Brutvogel sein. Auch Mortalitätsursachen und Überlebensraten von Jung- und Altvögeln sind mit den verwendeten Geräten viel leichter zu eruieren.

Die Überwachung der Bruten wird über zwei Kamerasysteme bewerkstelligt: Im Winter, noch vor der Rückkehr der Rotmilane zum letztjährigen Nest, werden an bekannten Horsten Minikameras installiert, die dank eines Kabels von der Stammbasis aus Einsicht ins Nest ermöglichen. Damit können wir die Gelegegrösse, die Nestlingssterblichkeit und das Alter der Jungvögel bestimmen. Von der Eiablage bis ins Alter von etwa 15 Tagen darf das Brutgeschäft nicht durch Kletteraktionen gestört werden, da sonst die Gefahr einer Brutaufgabe droht. Bewegungsausgelöste Fotofallen zur Bestimmung der Futtermenge und der Art der Nestlingsnahrung werden deshalb erst später an den Nestern angebracht.

Mit den Resultaten aus dem Pilotjahr 2015 gelangen erste Einblicke in die Biologie dieser spannenden Art: Im Freiburger Untersuchungsgebiet stellten wir mittels Revierkartierung eine der höchsten bekannten Brutdichten fest. Allerdings war die Zahl der erfolgreichen Bruten klein, so dass bei lediglich 30 % der anwesenden Paare mindestens ein Junges ausflog. Viele Paare besetzten zwar ein Revier, begannen aber kein Gelege. Unsere Resultate unterstreichen, dass hohe Brutpaar-Dichten nicht mit hohem Bruterfolg einhergehen müssen. Die erfolgreichen Paare blieben mit durchschnittlich 1,4 Jungvögeln unter dem langjährigen Mittel von 1,8 Jungvögeln. Auch das Körpergewicht der Jungvögel bei der Beringung wies unterdurchschnittliche Werte auf. Diese niedrigen Werte kamen durch das Zusammenbrechen der Mäusepopulationen im späten Frühling zustande, was wir durch die Erfassung von Mäusespuren zeigen konnten. Das Ausbleiben der Mahd durch die nasse Witterung Ende April und Anfang Mai erschwerte die Erreichbarkeit der Nahrung zusätzlich.

Trotz des schlechten Bruterfolgs wurden 44 junge Rotmilane aus 31 Nestern mit GPS-Loggern ausgerüstet. Die grösste Sterblichkeit wurde, wie bei vielen Vogelarten, kurz nach dem Ausfliegen festgestellt. Sie war bei Jungvögeln mit unterdurchschnittlichem Gewicht erhöht. Erste Bewegungsdaten liegen vor und können auf unserer Internetseite angeschaut werden (siehe Box). In den nächsten drei Brutsaisons soll die Forschung weitergeführt werden, so dass genügend junge Rotmilane bis zur ersten Brut nach 2–3 Jahren verfolgt werden können, um die Auswirkungen der unterschiedlichen Erkundungsflüge und Zugverhalten untersuchen zu können. Wir sind jedenfalls schon gespannt auf die erste Rückkehr der letztjährigen Jungvögel. Wo werden sie sich im ersten Sommer aufhalten?

Meldeaufruf!

Bitte melden Sie von Ende März bis Ende Juni sämtliche Rotmilan-Beobachtungen oberhalb 1000 m ü.M. möglichst genau auf ornitho.ch. Insbesondere in den Kantonen Bern und Freiburg sind wir für Hinweise zu besetzten Horsten und zu brutverdächtigen Rotmilanen (z.B. Transport von Nistmaterial oder Kopulationen) dankbar.

Highlights und Dämpfer aus dem ersten halben Jahr GPS-Ortung

+ Ein Jungvogel erkundete kurz nach dem Ausfliegen die Walliser Alpen. Er flog unter anderem das Mattertal hinauf und am Matterhorn vorbei wieder zurück ins Rhonetal. Dies zeigt, dass es durchaus möglich ist, auch im alpinen Bereich auf Rotmilane zu treffen.
+ Zwei Jungvögel blieben in der Schweiz und verzichten vollständig auf einen Wegzug. Während einer verstarb, überlebte der andere den Winter an einem Schlafplatz in der Westschweiz.
+ Der schnellste Jungvogel zog in 3 Tagen aus der Schweiz nach Spanien. Zwei Jungvögel zogen weit in den Süden von Portugal!
– Kurz nach dem Ausfliegen ertranken zwei Jungvögel in offenen Jauchesilos und einer kam auf der Autobahn ums Leben.
– Bei zwei ausserhalb der Schweiz tot aufgefundenen Individuen (Frankreich, Spanien) besteht der Verdacht auf illegalen Abschuss.

News - Hintergrund

Munitionsblei belastet Steinadler

August 2015

Die Vogelwarte und ihre Partner aus Wissenschaft und Wildhut konnten die letzten Zweifel ausräumen. Das Blei, welches Steinadler und Bartgeier vergiftet, stammt aus Jagdmunition. Die Zeit ist reif, zum Schutz der gros­sen Greifvögel auf bleifreie Munition umzusteigen.

Steinadler und Bartgeier sind in der Schweiz einer hohen Bleibelastung ausgesetzt. Im Avinews vom April 2014 informierten wir über die Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt der Vogelwarte in Zusammenarbeit mit dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden, dem Rechtsmedizinischen Institut der Universität Zürich sowie dem Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich.

Blei findet bei der Herstellung von Schrot- und Kugelmunition breite Anwendung. Wenn Gämsen, Rothirsche und Steinböcke auf der Jagd oder durch die Wildhut mit Bleimunition erlegt werden und sich Steinadler und Bartgeier von den liegen gebliebenen Überresten ernähren, kann Blei in die Nahrungskette gelangen. Die starke Magensäure der Greifvögel wandelt das elementare Blei um, was dessen Aufnahme im Körper beschleunigt. Schon kleinste Mengen des hochgiftigen Schwermetalls können zu Appetitlosigkeit, Schwächung und zum Tod führen. Weil Blei auch aus natürlichen Quellen, wie beispielsweise aus dem Boden, in die Nahrungskette gelangen kann, wollten die Organisationen es genau wissen.

Zur Klärung der Frage bestimmten wir bei Blei aus verschiedenen Quellen (Munition, Knochen von Uhus und Steinadlern, Knochen von Beutetieren und Bodenproben aus dem Kanton Graubünden) zwei Isotopenverhältnisse (207Pb/208Pb und 206Pb/208Pb). Dabei zeigte sich, dass sich die Isotopensignatur des Bleis aus Steinadlerknochen nicht von derjenigen des Muni­tionsbleis unterschied. Hingegen wich die Signatur von Bodenblei von derjenigen in den Steinadlerknochen deutlich ab. Bei der Untersuchung der Steinadlerknochen konnten wir keinen Zusammenhang zwischen der Bleikonzentration und dem Verhältnis der Blei­isotope feststellen, ebenso wenig wie eine altersbedingte Akkumulation von über die Nahrungskette aufgenommenem Blei. Aus diesen Resultaten lässt sich schliessen, dass die Quelle für die hohen Bleiwerte in den Steinadlern tatsächlich die Jagdmunition ist.

Die beste Erklärung, wie Steinadler Blei aufnehmen, ist das Verschlucken von kleinen bis winzigen Bleifragmenten, die sich in Tierkadavern oder in Aufbrüchen, also Innereien erlegter Tiere, finden. Mit Fotofallen konnten wir zeigen, dass Steinadler solche Aufbrüche bei der Hoch- und Steinwildjagd systematisch nutzen. Zur Bestätigung analysierten wir den Bleigehalt in den Schwungfedern von Steinadlern. Während des Federwachstums aufgenommenes Blei lagert sich nämlich auch in der Feder ein. Weil Federn kontinuierlich wachsen, lassen sich aus den Resultaten Rückschlüsse auf ein zeitliches Muster der Bleiaufnahme ziehen. In rund einem Viertel der Federn fanden sich in einem von drei Federabschnitten hohe Bleiwerte, wogegen wir in den anderen beiden Abschnitten kaum Blei feststellten. Dies weist darauf hin, dass Blei nicht kontinuierlich, sondern episodisch in Form von Bleipartikeln aufgenommen. In seltenen Fällen geschieht dies in akut toxischen Dosen, meist aber in subletalen Mengen, welche zu Appetitlosigkeit und Schwächung der Vögel führt.

Die Resultate bestätigen die Befürchtung, dass bleihaltige Jagdmunition für die Vergiftung von Steinadlern und Bartgeiern verantwortlich ist. Um künftigen Vergiftungsfällen vorzubeugen, verwenden die Jagdverwaltungen verschiedener Kantone beim Hegeabschuss von Tieren bereits heute nur noch bleifreie Munition. Der Ball liegt nun bei der Munitionsindustrie und bei den Jägern, die heute weitgehend verwendete Bleimunition so rasch wie möglich zu ersetzen. Denn die Zukunft der Jagd ist bleifrei.