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© Sebastian Poirier

Als typischer Wiesenvogel baut das Braunkehlchen sein Nest am Boden in blumenreichen Wiesen und Weiden.

News - Hintergrund

Bunte Wiesen und Weiden gesucht

Mai 2026

Das Braunkehlchen ist ein selten gewordener Bewohner vielfältiger und insektenreicher Wiesen und Weiden. Nur in höheren Lagen, wo Grünlandgebiete noch grossflächig extensiv genutzt und spät gemäht werden, hat der Wiesenbrüter in der Schweiz eine Zukunft.

Das bodenbrütende Braunkehlchen bewohnt bevorzugt offene, vielfältige, wenig gedüngte Wiesenlandschaften. Wichtig sind Altgrasstreifen, Einzelbüsche und Pfosten, die es als Singwarte oder Ansitz für die Insektenjagd nutzt. Zudem braucht es mindestens 100 Meter Abstand zum Wald, da eine Gefahr von dort lebenden Raubtieren ausgeht.

Schwierige Voraussetzungen

Das Braunkehlchen ist ein Langstreckenzieher und kehrt Mitte April aus Afrika zurück, um zwischen Mai und August bei uns seine Jungen aufzuziehen. Für sein Brutgeschäft braucht der Wiesenbrüter knapp sechs Wochen. Viele Wiesen werden aber zunehmend künstlich bewässert, gedüngt und immer früher und häufiger gemäht. Dabei werden die Nester zerstört, manchmal mitsamt brütendem Weibchen. Die intensive Grünlandbewirtschaftung führt zudem zu eintönigen Pflanzenbeständen und reduziert die Insektenvielfalt – die Nahrungsgrundlage des Braunkehlchens.

Infolge dieser Intensivierung ist der Bestand des Braunkehlchens in der Schweiz seit den 1950er-Jahren massiv eingebrochen. Der einst weit verbreitete Wiesenvogel kommt heute fast nur noch in höheren Lagen in den Alpen vor, im Mittelland ist er praktisch ausgestorben. Auf der Roten Liste wird das Braunkehlchen als verletzlich eingestuft und ist seit 2003 eine Prioritätsart für die Artenförderung. Schon seit 25 Jahren engagiert sich die Vogelwarte für seinen Schutz und führt zusammen mit Partnern regionale Förderprojekte durch.

Späte Mahd auf grosser Fläche nötig

Die Kantone Wallis und Graubünden beherbergen zusammen rund 65 Prozent des verbliebenen Schweizer Braunkehlchen-Bestands von 5000–7000 Brutpaaren und haben daher eine besondere Bedeutung. In den Kantonen Bern, Waadt und Tessin wiederum kommen lokal grosse Bestände vor. Um die regionalen Verbreitungsschwerpunkte zu identifizieren, organisiert die Vogelwarte zusammen mit Freiwilligen, Naturpärken und -vereinen grossräumige Wiesenbrüter- Kartierungen. Wo Wiesenbrüter zahlreich vorkommen, entwickeln wir Fördermassnahmen und setzen diese gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten, kantonalen Fachstellen und weiteren lokalen Akteuren um. Dazu gehören Träger von Vernetzungsprojekten oder Naturpärke. Wir engagieren uns insbesondere im Engadin GR, Goms VS, Tessin und in den Waadtländer Voralpen für das Braunkehlchen. Eine extensive Bewirtschaftung der Wiesen und deren späte Mahd sind dabei von zentraler Bedeutung. Und es braucht Fläche: In Wiesengebieten mit einer Grösse von mindestens 20 Hektaren und einem Anteil von mindestens 60 Prozent nicht bewässerten, wenig gedüngten Wiesen, die erst nach dem 15. Juli gemäht werden, sind die Bestände stabil oder nehmen sogar zu.

Um die Effizienz der verschiedenen Massnahmen zu testen, führt die Vogelwarte Wirkungskontrollen mittels Kartierungen durch. Ergänzend zum Lebensraumschutz können nämlich zur Förderung des Braunkehlchens weitere Massnahmen ergriffen werden, etwa die Schaffung und der Erhalt von Sitzwarten wie Altgrasstreifen, Einzelbüschen oder -bäumen und der gezielte Schutz von Nestern. Solche Massnahmen sind aber entweder nur punktuell oder aufwändig und deshalb nicht grossräumig umsetzbar. Ausserdem halten sie die schleichende Minderung der Lebensraumqualität nicht auf. Unsere Erfahrungen im Goms und im Engadin zeigen, dass der Erhalt des geeigneten Lebensraums die effektivste und nachhaltigste Fördermassnahme ist. Er sollte deshalb gegenüber der alleinigen Strukturoptimierung oder dem Nesterschutz immer bevorzugt werden.

Untersuchungen der Vogelwarte zeigen, dass Braunkehlchen sehr standorttreu sind. Sind sie aus einem Gebiet verschwunden, lassen sie sich nicht dorthin zurück locken. Stattdessen siedeln sie sich in maximal 2 Kilometer Distanz zu grösseren Beständen an. Eine solche «soziale Attraktion», also die Tendenz von Individuen, sich in Gebieten mit bereits vorhandenen Artgenossen anzusiedeln, unterstreicht die Wichtigkeit des Erhalts bestehender Brutgebiete und deren Vernetzung in der Landschaft.

Alpweiden als zukünftige Refugien?

Sömmerungsgebiete galten bisher nicht als bevorzugte Habitate für Braunkehlchen und weitere Wiesenbrüter. In den vergangenen zehn Jahren haben sie sich aber zunehmend in Gebiete oberhalb der Waldgrenze verschoben, wie grossräumige Kartierungen zeigen. Einige Fragen sind noch offen, aber sicher ist, dass eine extensive Beweidung biodiversitätsfreundlich ist und dass Sömmerungsgebiete eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Das zeigen auch die Wiesenbrüter-Potenzialkarten.

Land der Farben statt «Grünland»

Das Grünland wird heute bis in hohe Lagen nicht mehr wiesenbrüterfreundlich bewirtschaftet. Der Schweiz droht damit der Verlust der ganzen Gruppe der Wiesenbrüter. Es ist an der Politik, hier die richtigen Rahmenbedingungen für deren Erhalt zu setzen. Zielen die Förderbemühungen für das Braunkehlchen auf den Erhalt der Lebensraumqualität ab, unterstützen sie den Schutz vielfältiger Blumenwiesen und -weiden im Berggebiet und fördern dadurch die gesamte Biodiversität. Auch uns Menschen wird damit geholfen: Intakte Ökosystemleistungen sind unerlässlich für die langfristige, umweltfreundliche Produktion von Nahrungsmitteln. Und nicht zuletzt erfreuen wir uns an Wiesen und Weiden, in denen es blüht, summt und das Braunkehlchen zwitschert.

Weitere Informationen zum Braunkehlchen

Wer in die Welt der Wiesenbrüter und ihrem Lebensraum eintauchen möchte, kann ab dem 23. Mai 2026 für ein Jahr unsere Wiesenbrüterausstellung im Naturmuseum von Lugano besuchen.

Auf unserer Website gibt es neben den Potenzialkarten auch das neue Faktenblatt zur Wiesenbrüterförderung im Schweizer Berggebiet. Es erläutert Förderinstrumente und -massnahmen anhand konkreter Beispiele und enthält Artportraits der Wiesenbrüter.

vogelwarte.ch/wiesenbrueter-karten