Die Kantone Wallis und Graubünden beherbergen zusammen rund 65 Prozent des verbliebenen Schweizer Braunkehlchen-Bestands von 5000–7000 Brutpaaren und haben daher eine besondere Bedeutung. In den Kantonen Bern, Waadt und Tessin wiederum kommen lokal grosse Bestände vor. Um die regionalen Verbreitungsschwerpunkte zu identifizieren, organisiert die Vogelwarte zusammen mit Freiwilligen, Naturpärken und -vereinen grossräumige Wiesenbrüter- Kartierungen. Wo Wiesenbrüter zahlreich vorkommen, entwickeln wir Fördermassnahmen und setzen diese gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten, kantonalen Fachstellen und weiteren lokalen Akteuren um. Dazu gehören Träger von Vernetzungsprojekten oder Naturpärke. Wir engagieren uns insbesondere im Engadin GR, Goms VS, Tessin und in den Waadtländer Voralpen für das Braunkehlchen. Eine extensive Bewirtschaftung der Wiesen und deren späte Mahd sind dabei von zentraler Bedeutung. Und es braucht Fläche: In Wiesengebieten mit einer Grösse von mindestens 20 Hektaren und einem Anteil von mindestens 60 Prozent nicht bewässerten, wenig gedüngten Wiesen, die erst nach dem 15. Juli gemäht werden, sind die Bestände stabil oder nehmen sogar zu.
Um die Effizienz der verschiedenen Massnahmen zu testen, führt die Vogelwarte Wirkungskontrollen mittels Kartierungen durch. Ergänzend zum Lebensraumschutz können nämlich zur Förderung des Braunkehlchens weitere Massnahmen ergriffen werden, etwa die Schaffung und der Erhalt von Sitzwarten wie Altgrasstreifen, Einzelbüschen oder -bäumen und der gezielte Schutz von Nestern. Solche Massnahmen sind aber entweder nur punktuell oder aufwändig und deshalb nicht grossräumig umsetzbar. Ausserdem halten sie die schleichende Minderung der Lebensraumqualität nicht auf. Unsere Erfahrungen im Goms und im Engadin zeigen, dass der Erhalt des geeigneten Lebensraums die effektivste und nachhaltigste Fördermassnahme ist. Er sollte deshalb gegenüber der alleinigen Strukturoptimierung oder dem Nesterschutz immer bevorzugt werden.
Untersuchungen der Vogelwarte zeigen, dass Braunkehlchen sehr standorttreu sind. Sind sie aus einem Gebiet verschwunden, lassen sie sich nicht dorthin zurück locken. Stattdessen siedeln sie sich in maximal 2 Kilometer Distanz zu grösseren Beständen an. Eine solche «soziale Attraktion», also die Tendenz von Individuen, sich in Gebieten mit bereits vorhandenen Artgenossen anzusiedeln, unterstreicht die Wichtigkeit des Erhalts bestehender Brutgebiete und deren Vernetzung in der Landschaft.