Die seit den 1950er-Jahren stetig zunehmende künstliche Beleuchtung in der Nacht ist für viele Tiere problematisch. Sie kann zu Verhaltensänderungen führen, den Tagesrhythmus stören und sogar den Hormonhaushalt beeinflussen. Bei Schleiereulen ist bekannt, dass mit zunehmender Lichtverschmutzung in der Umgebung die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass sie einen Nistkasten besetzen. Dennoch sind viele dieser Auswirkungen gerade bei nachtaktiven Vögeln noch wenig erforscht. Deshalb untersucht die Schweizerische Vogelwarte die kurzfristigen Auswirkungen von künstlichem Licht auf das Brutverhalten sowie auf die physiologische Reaktion der Schleiereulen im Schweizer Mittelland.
Die Schleiereule bewohnt das Kulturland und brütet gerne in Nistkästen, die meist an Scheunen und verschiedenen landwirtschaftlichen Gebäuden angebracht sind. Um sie herum gibt es oft Strassenlaternen und andere künstliche Lichtquellen aus den umliegenden Wohnhäusern. Um deren Auswirkungen auf das Verhalten und die Physiologie der Schleiereule besser zu verstehen, haben wir in der Nähe einiger Nistkästen Lampen installiert, die nachts die Lichtintensität einer Strassenlaterne in der Nähe imitieren.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass künstliches Licht in der Nähe von Nistkästen das Verhalten von Schleiereulen während der Jungenaufzucht negativ beeinflusst: An beleuchteten Standorten beginnen die Altvögel später mit der ersten Fütterung als an unbeleuchteten Standorten. Zudem bleiben die Männchen länger in der Nähe des Nistkastens, wenn dieser beleuchtet ist. Sie wiegen weiniger und weisen mehr Stresshormone auf im Vergleich zu Männchen, die an dunklen Standorten brüten. Die Weibchen wiederum verbringen weniger Zeit in der Nähe beleuchteter Nistkästen und suchen ihn tendenziell häufiger auf als diejenigen, die ihre Jungen an unbeleuchteten Standorten aufziehen. Sie zeigen jedoch keine Unterschiede hinsichtlich der Ausschüttung von Stresshormonen oder ihres Gewichts.
Diese Ergebnisse zeigen, dass künstliches Licht in der Nacht nicht nur das Brutverhalten von Schleiereulen beeinflusst, sondern auch ihr physiologisches Stresslevel verändert. Das äussert sich an beleuchteten Standorten in einer erhöhten Wachsamkeit bei den Männchen und einem stärkeren Vermeidungsverhalten bei den Weibchen. Eine intensive Lichtquelle kann dazu führen, dass sowohl das Paar als auch der Nachwuchs dies als ein erhöhtes Risiko wahrnehmen, von Raubtieren entdeckt zu werden. Angesichts von immer mehr künstlichen Lichtquellen könnten diese Verhaltensweisen, wenn sie über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, negative Folgen haben, etwa auf den Fortpflanzungserfolg oder das Überleben.