Die Bestände des Schneesperlings sind in weiten Teilen des Verbreitungsgebiets rückläufig, soweit die Bestandsentwicklung überhaupt bekannt ist. Seit 1990 hat der Bestand in der Schweiz um 20–30 % abgenommen, wobei es jährlich grosse Schwankungen gibt. Dies ist umso besorgniserregender, als die Schweiz mindestens 15 % des europäischen Bestands des Schneesperlings beherbergt und daher eine hohe internationale Verantwortung für die Erhaltung der Art hat. Die Bestandsabnahmen werden hauptsächlich in tieferen Lagen verzeichnet. Zusammen mit Forschenden aus Spanien, Frankreich, Italien und Österreich untersucht die Schweizerische Vogelwarte deshalb, wie gut sich der Schneesperling an die sich verändernden Umweltbedingungen im Hochgebirge anpassen kann.
Wir verknüpften dazu Schneebedeckungsdaten des Schweizerischen Instituts für Schnee und Lawinenforschung SLF mit über ornitho.ch gemeldeten Beobachtungen von Schneesperlingen, deren Verhalten auf eine Brut hindeuteten. Aus diesen Daten war es möglich, Schlupfdaten zu berechnen. Im Verbreitungsgebiet des Schneesperlings hat sich die Schneeschmelze in tieferen Lagen während den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 2 Wochen verfrüht, während das mittlere Schlupfdatum unverändert blieb. Obwohl adulte Schneesperlinge Körnerfresser sind, füttern sie ihren Nachwuchs hauptsächlich mit Insekten und deren Larven, die sie vor allem entlang von Schneefeldrändern finden. Sie profitieren deshalb davon, die Nestlingszeit mit der Schneeschmelze zu synchronisieren. Die klimabedingte Veränderung der Schneeverhältnisse hat damit einen direkten negativen Einfluss auf den Bruterfolg. Weshalb der Schneesperling sein Brutverhalten in tieferen Lagen nicht an die zeitlich verschobene Schneeschmelze angepasst hat, ist noch unklar. In ihrer Masterarbeit konnte Carole Niffenegger zeigen, dass Schneesperlinge ihren Neststandort in der Nähe von Schneefeldrändern auswählen und in der ersten Hälfte der Brutsaison gegen die Morgensonne exponierte Nisthöhlen bevorzugen. Es ist daher sinnvoll, Nisthilfen über einen Höhengradienten hinweg anzubieten, damit sich geeignete Nistplätze während der Brutzeit in der Nähe von Schneefeldrändern befinden.