Die Folgen der Coronapandemie und der Angriffskrieg der russischen Führung in der Ukraine verlangen momentan gleichzeitig nach Lösungen und erhalten – zurecht – auch viel Aufmerksamkeit. Daneben drohen aber die Klimakrise und der Notstand bei der Biodiversität vergessen zu gehen. Da rächt sich, dass diese chronischen Probleme bislang nur halbherzig angegangen wurden. Dabei wird schon seit mindestens fünfzig Jahren vor dem Rückgang der Vielfalt an Pflanzen und Tiere gewarnt, und auch über die menschgemachte globale Erwärmung herrscht seit dreissig Jahren Konsens in der Wissenschaft.
Jetzt gilt es, Klima und Biodiversität gleichzeitig zu retten. Die Schweiz soll einerseits mehr Energie sparen und mehr einheimische erneuerbare Energie produzieren. Andererseits muss sie die letzten natürlichen Lebensräume schützen und mehr naturnahe Lebensräume schaffen. Beides braucht Platz, und die Zeit drängt.
Doch überhastet unberührte Berglandschaften zu erschliessen und mit Solarpanels zuzupflastern, wäre verheerend. Einzigartige Naturlandschaften werden so zerstört, und der Lebensraum unzähliger bedrohter Wildtiere wird entwertet. Auch wenn es der bequemste Weg wäre, sind solche Schnellschüsse daher keine Lösung. Es stehen nämlich unzählige versiegelte Siedlungsflächen für den Ausbau der Solarenergie zur Verfügung. Zudem entsteht so der Strom gleich dort, wo er auch verbraucht wird. Das Bundesamt für Energie BFE schätzt das Potenzial für Solarstrom allein auf Schweizer Gebäuden auf jährlich 67 Terawattstunden. Das ist mehr als der jährliche Stromverbrauch der Schweiz!
Bei der Bereitstellung der ökologischen Infrastruktur, Vorrangflächen für die Natur, sind sogar Win-Win-Lösungen für Klima und Biodiversität möglich. Ein gutes Beispiel dafür ist die Wiedervernässung von Moorböden: Sie dämpft die Klimaerwärmung und seine Folgen und fördert die Biodiversität. Jede vierte gefährdete Pflanzenart würde davon profitieren.
Die Reduktion des CO2-Ausstosses sowie der Schutz und die Renaturierung von Ökosystemen wirken gegen beide Krisen. Klimaschutz und die Förderung der Biodiversität gelingen dann am besten, wenn nicht Sektorialpolitik betrieben wird, sondern wenn diese Herausforderungen gemeinsam angegangen werden. Klima- und Biodiversitätskrise müssen gemeinsam gelöst werden und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ansonsten werden nachfolgende Generationen die Quittung für unsere jetzigen Entscheidungen erhalten.