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© Schweizerische Vogelwarte

Am 6. April 1924 wird die Schweizerische Vogelwarte Sempach gegründet.

News - Hintergrund

100 Jahre Schweizerische Vogelwarte Sempach

Dezember 2023

Unseren Vorgängern ist mit der Gründung der Vogelwarte 1924 ein grosser Wurf gelungen. Aus ihrer überzeugenden Vision ist eine Stiftung geworden, die die Vogelkunde und den Vogelschutz in unserem Land massgebend mitgestaltet.

Mit dem Einzug der wissenschaftlichen Vogelberingung zur Erforschung des Vogelzugs zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt auch in der Schweiz das Bedürfnis nach einer zentralen Meldestelle für Ringfunde auf.

Die Anfänge der Vogelwarte

So gründet die Schweizerische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz (Ala) am 6. April 1924 die Vogelwarte. Deren engagiertes Mitglied Alfred Schifferli senior stellt der jungen Institution bei sich zuhause in Sempach ein Zimmer zur Verfügung und wird ihr erster Leiter. Neben der Beringung gehören der Aufbau einer ornithologischen Sammlung und Bibliothek und die Pflege bedürftiger Wildvögel zu den ersten Aufgaben, die er am Feierabend und mit Unterstützung seiner Familie leistet. Nachdem er 1934 55-jährig überraschend stirbt, führt sein damals erst 22-jähriger Sohn Alfred junior die Arbeit weiter und baut sie in der Folge zielstrebig aus. Parallel dazu kann er in Basel Zoologie studieren. Nach dem 2. Weltkrieg erhält der nun promovierte Alfred Schifferli jun. eine besoldete Teilzeitanstellung. Um die Finanzierung musste er sich aber selbst kümmern.

Öffentlichkeitsarbeit und Eigenständigkeit

Alfred Schifferli jun. ist findungsreich und wendet sich an die Bevölkerung, indem er sie mit jährlichen Berichten und mit dem Vogelkalender an der Arbeit der Vogelwarte teilhaben lässt. Mit diesen bestechenden Ideen legt er den Grundstein einer Entwicklung, die bis heute anhält. Noch heute ist die Vogelwarte gefragte Auskunftsstelle für die Bevölkerung, Medien und Behörden. Mit der wachsenden finanziellen Unterstützung durch Vogelfans aus dem ganzen Land kann sich die Vogelwarte weiteren Aufgaben zuwenden. Bald werden die ab 1946 von der Korporation Sempach im Rathaus zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten zu eng, so dass 1954/55 ein zweckdienliches Gebäude am Seeufer gebaut wird. Mehr als ein halbes Jahrhundert später kann die Vogelwarte dann 2009 ihr neues Bürogebäude und 2015 das Besuchszentrum eröffnen, die den gewachsenen Aufgaben und Erfordernissen entsprechen. Die dynamische Entwicklung wird dadurch begünstigt, dass die Vogelwarte 1954 in eine Stiftung überführt wird und damit ihre Selbstständigkeit erlangt.

Vogelzugforschung und Monitoring

Die Erforschung des Vogelzugs im Alpenraum erhält ab Ende der 1950er-Jahre mit der Beringungsstation Col de Bretolet in den Walliser Alpen neuen Schub, und mit Radargeräten lässt sich nun auch der nächtliche Vogelzug erfassen. Daran knüpfen später grosse Radarstudien in Israel, Spanien und schliesslich in Mauretanien an, in denen die Vogelwarte enthüllt, wie die Zugvögel das Mittelmeer und die Sahara überqueren. Die Vogelwarte wendet sich nun auch stärker der Überwachung der einheimischen Vogelwelt zu. Dabei wird sie von freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem ganzen Land unterstützt, die ihre Beobachtungen nach Sempach melden. Diese Daten werden in zwei für die damalige Zeit einzigartigen Standardwerken präsentiert: «Die Brutvögel der Schweiz» von 1962 und der «Verbreitungsatlas der Brutvögel der Schweiz» von 1980. Sie ermöglichen die erste Rote Liste der gefährdeten Vogelarten, die erstmals Bilanz zieht über den Zustand einer ganzen Tiergruppe. Schon da zeigt sich, wie wenig rücksichtsvoll der Mensch mit der Natur umgeht, mit schwerwiegenden Folgen für die Vogelwelt. Die nachfolgenden Brutvogelatlanten von 1998 und 2018 liefern immer fundiertere Einsichten in die Bestandsentwicklung unserer Brutvögel und zeigen, wo Handlungsbedarf im Vogelschutz besteht.

Verstärktes Engagement im Vogelschutz

Folgerichtig beschäftigt sich die Vogelwarte ab Mitte der 1970er-Jahre auch stärker mit den Lebensbedingungen bedrohter Vogelarten. Im Vordergrund stehen Arten im Kulturland, die von der intensiven Landwirtschaft immer mehr verdrängt werden, also etwa Rebhuhn, Kiebitz, Baumpieper, Feldlerche und Braunkehlchen.

Die Vogelwarte stellt jetzt auch Grundlagen für Naturschutzbehörden bereit. Basierend auf den Ergebnissen der nationalen Wasservogelzählungen inventarisiert sie schweizweit die wichtigsten Überwinterungsgebiete für Wasservögel. Der Bund richtet daraufhin erste Wasservogelreservate ein. Und mit der Inventarisierung der naturnahen Lebensräume des Kantons Luzern schafft die Vogelwarte eine praxisnahe Grundlage für den Naturschutz auf Gemeindeebene.

2003 schliesslich bündeln die Vogelwarte, BirdLife Schweiz und das Bundesamt für Umwelt BAFU ihre Kräfte zur Rettung der bedrohten Vogelwelt und lancieren das Programm «Artenförderung Vögel Schweiz». Auerhuhn, Weissstorch, Steinkauz, Wiedehopf und Mittelspecht und weitere Arten profitieren davon. Neben dem Artenschutz spielt auch der Schutz der Lebensräume eine wichtige Rolle.

Schon ab 1991 wertet die Vogelwarte zusammen mit lokalen Landwirten und den Behörden in verschiedenen Regionen das Kulturland auf, so in der Champagne genevoise oder im Schaffhauser Klettgau. Diese Erfahrungen bereiten den Boden für die beispielhafte Zusammenarbeit mit der fortschrittlichen bäuerlichen Vereinigung IPSuisse. Sie bewirkt, dass viele ökologischen Ausgleichsflächen angelegt werden. Zu Beginn werden die Produkte aus den beteiligten Landwirtschaftsbetrieben vor allem über die Migros abgesetzt. Heute kann man sie bei den meisten Grossverteilern finden. Die Vogelwarte und das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL fassen ihre positiven Erfahrungen in einem Praxishandbuch zusammen, das einen neuen Impuls für mehr Natur aus Bauernhand bringen soll. Dieses Engagement im Kulturland zahlt sich über Jahrzehnte aus: Zahlreiche Kulturlandarten haben in diesen wunderschönen Landschaften höhere Bestände als anderswo, und beide Gebiete wurden von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz zur «Landschaft des Jahres» gewählt, 2013 die Champagne genevoise und 2023 der Klettgau SH. Im Vorfeld ihres 100-jährigen Bestehens schliesslich startet die Vogelwarte ein grosses Rahmenprogramm «Aufschwung für die Vogelwelt» und lädt Partner ein, mit ihr zusammen weiteren Lebensraum für die bedrohte Vogelwelt zu gestalten.

Die Vogelwarte konnte sich in ihren ersten hundert Jahren vom ehrenamtlich geführten Einmannbetrieb zur prosperierenden Stiftung für Vogelkunde und Vogelschutz entwickeln. In der Forschung und im Monitoring von Vogelpopulationen ist sie heute international anerkannt. Künftig werden Erfolge auch aus den ökologischen Langzeitstudien und aus Afrika kommen, wo sich unsere Zugvögel im Winterhalbjahr aufhalten. Mit einem innovativen und engagierten Team nimmt sie die nächsten hundert Jahre in Angriff. Wie schon in den vergangenen hundert Jahren darf sie dabei auf die treue und grossartige Unterstützung von Gönnerinnen und Gönnern und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählen. Sie sind es, die die Geschichte der Vogelwarte ermöglicht haben, und sie sind es, die darauf am meisten stolz sein dürfen. Denn die Schweizerische Vogelwarte Sempach ist und bleibt ein Gemeinschaftswerk zum Wohl der Vögel.