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60 Jahre Beringungsstation Col de Bretolet

August 2018

Seit 1958 betreibt die Vogelwarte auf dem Walliser Alpenpass eine Beringungsstation zur Erforschung des herbstlichen Vogelzugs. Dank der speziellen Topografie lassen sich hier Zugvögel nachts auf dem Zug fangen. Dies machte den Col de Bretolet international bekannt.

Der Titel dieses Berichts über den Col de Bretolet ist doppelt irreführend. Erstens haben die Beringungsaktivitäten schon 1953, 1954, 1956 und 1957 mit Camps der Groupe des Jeunes de Nos Oiseaux begonnen. Die systematische Arbeit begann aber erst 1958, also vor 60 Jahren, nach Errichtung einer stabilen Hütte und mit Finanzierung durch den Schweizerischen Nationalfonds über die Vogelwarte. Zweitens wurden auf dem Col de Bretolet nicht nur Vögel beringt, sondern es fanden auch systematische Zugbeobachtungen statt, und die Wanderungen anderer Tiergruppen (Tag- und Nachtfalter, Schwebfliegen, Fledermäuse) wurden ebenfalls untersucht. Es handelt sich also eigentlich um eine alpine Forschungsstation.

Ausgangspunkt für die Untersuchung des Vogelzuges auf dem Col de Bretolet war die Frage, ob Vögel auf dem Zug die Alpen überqueren oder nicht, eine Frage, die in den dreissiger Jahren sehr kontrovers, ja gar polemisch diskutiert wurde. Sie führte zu Beobachtungs- und Fangaktionen auf verschiedenen Alpenpässen. Die Vogelwarte hat sich in den dreissiger Jahren insbesondere bei Realp (Arnold Masarey & Ernst Sutter) engagiert. Max d’Arcis schlug vor, eine ähnliche Station in den Westschweizer Alpen zu eröffnen, nachdem er starken Vogelzug auf dem Col de Cou beobachtet hatte.

Dieser Wunsch wurde erst in den Fünfzigerjahren wieder aufgenommen, als Michel Desfayes nach Exkursionen auf verschiedene Pässe in der Romandie 1951 zum Schluss kam, dass auf dem Col de Cou/Bretolet der Tagzug besonders stark ist. Bald folgten die oben genannten Beringungscamps der Groupe des Jeunes und das Engagement der Vogelwarte.

Zu Beginn war das Ziel, das Artenspektrum und den jahres- und tageszeitlichen Durchzug der verschiedenen Arten zu beschreiben. Bald realisierte man, dass Nachtzieher nachts mit Hochnetzen gefangen werden können, eine bis dahin weltweit einmalige Gelegenheit. Das führte zur detaillierten Arbeit von Volker Dorka (1966) über den tageszeitlichen und jahreszeitlichen Durchzug zahlreicher Arten. Darin wurden grundlegende Erkenntnisse über Unterschiede zwischen Kurz- und Langstreckenziehern sowie Tag- und Nachtziehern dargelegt und insbesondere auch die biologische Bedeutung des Nachtzugs diskutiert. Die Frage, ob die stark wetterabhängigen Fangzahlen auf dem Col de Bretolet tatsächlich quantitativ den Durchzug widerspiegeln, konnte erst der Einsatz eines Radars 2007 beantworten (die Radarbeobachtungen auf Planachaux von Walter Gehring 1966 waren nicht quantitativ). Tatsächlich besteht eine erstaunlich gute Korrelation zwischen der mit Radar gemessenen Durchzugsintensität am Tag bzw. in der Nacht und den Anzahl Fängen von Tag- bzw. Nachtziehern. Damit hat sich auch die Hypothese bestätigt, dass der Herbstzug durch die Schweiz bei westlichen Winden gegen die Alpen gedrückt wird, die Vögel im Windschatten der Täler ziehen und damit tief fliegen. Somit kommt es zu den grossen bodennahen Konzentrationen von Zugvögeln auf Pässen, insbesondere auf den Pässen Col de Cou und Bretolet, die in der SW-Verlängerung der Hochalpen liegen.

1962 begann Jacques Aubert vom Musée zoologique de Lausanne die Untersuchung des Insektenzuges. Eine zweite Hütte und eine Zisterne wurden gebaut und somit die Arbeitsbedingungen wesentlich verbessert. Ende der Sechzigerjahre war die Station von der Vogelwarte aus nicht kontinuierlich besetzt, aber die Entomologen führten die Beringung von Vögeln sporadisch weiter. 1972 wurde die Beringung von Raffael Winkler wieder aufgenommen mit dem Ziel, die Pneumatisation des Schädeldachs von Singvögeln zu untersuchen und die Altersbestimmung zu verfeinern. Es folgten ab 1977 Untersuchungen zum Nachtzug und zur Überquerung der Alpen, ab 1986 Untersuchungen zum Energiehaushalt von Nachtziehern und über all diese Zeit Aufnahmen zum Umfang der Mauser, die mit den entsprechenden Fotos zum Buch «Moult and Ageing of European Passerines» führten. Viele weitere Erkenntnisse resultierten aus speziellen Untersuchungen auf dem Col de Bretolet, so z.B. über den jahres- und tageszeitlichen Ablauf des Greifvogelzugs, zu Blutparasiten und Ektoparasiten von Vögeln wie Zecken und deren Befall mit Borrelia-Bakterien und über das Auftreten von Fledermäusen, und neuerdings wurden wieder Untersuchungen über den Insektenzug aufgenommen.

Die Besonderheiten des Col de Bretolets sind zum ersten, dass Vögel nicht nur aus dem aktiven Tagzug, sondern auch aus dem aktiven Nachtzug herausgefangen werden können. Zweitens werden an einem Ort Vögel, die ganz verschiedene Habitate bewohnen, in beträchtlicher Zahl auf dem Zug gefangen, also auch Arten wie Pieper und Stelzen, die in ihren Rastgebieten schwierig zu fangen sind. Dies erlaubt es, an einem Ort in relativ kurzer Zeit ein grosses Artenspektrum in meist grösseren Zahlen untersuchen zu können.

Im Verlauf dieser mehr als 60 Jahre wurden 744 024 Vögel in 162 Arten auf dem Col de Bretolet beringt. Die Karte der Ringfunde zeigt das weite Einzugsgebiet der Herbstdurchzügler und die Gebiete Südeuropas, die auf dem Durchzug oder zur Überwinterung aufgesucht werden.

Der jährliche Fang erlaubt es, Veränderungen im Herbstzug aus diesem grossen Einzugsgebiet über 60 Jahre zu erfassen. So treten sporadisch Invasionen von Tannen-, Blau- und Kohlmeisen auf, einzeln oder zusammen, an denen sich auch andere Waldvogelarten wie Kleiber, Buntspecht oder Eichelhäher beteiligen können. Ringfunde zeigen, dass diese Invasionen je nach Jahr aus unterschiedlichen Gebieten stammen und auch in unterschiedliche Gebiete führen.

Während die Veränderung (in der Regel eine Vorverlegung) des Frühjahrszuges mit der Klimaerwärmung bei vielen Arten bekannt ist, gibt es kaum Untersuchungen zur Veränderung der Durchzugszeiten im Herbst. Dank der langjährigen Datenreihe vom Col de Bretolet konnten wir zeigen, dass verschiedene Zugvögel unterschiedlich auf die Klimaerwärmung reagieren. Arten mit nur einer Brut ziehen heute früher weg als noch vor 40 Jahren. Demgegenüber ziehen Arten, die ihre Brutzeit mit einer zweiten Brut verlängern können, deutlich später weg als zur Gründungszeit der Beringungsstation.

Obwohl schon mehr als 60 Jahre in Betrieb, hat der Col de Bretolet immer noch Überraschungen parat, seien es spezielle Beobachtungen, etwa ein Steinadler, der mit einem durchziehenden Schwarzstorch «spielt», oder seltene Fänglinge wie ein Rötelfalke 2014. Da der Col de Bretolet in einer fantastischen Landschaft liegt, nur zu Fuss erreichbar ist und somit alles auf dem Rücken hinaufgetragen werden muss, das Wetter fast täglich neue Stimmungen beschert, und die Unterkunft eine gewisse Ursprünglichkeit hat, ergeben sich dort eine besondere Atmosphäre und bereichernde Erlebnisse, nicht nur in der Natur, sondern auch in der Gruppe der Ehrenamtlichen, die dort für eine oder mehrere Wochen Tag und Nacht die Netze kontrollieren, beobachten und Daten aufnehmen.

Das Hauptziel, das auch heute noch auf dem Col de Bretolet verfolgt wird, ist die Überwachung des Vogelzugs im Herbst. Die grosse Artenvielfalt bietet hier einen Querschnitt wie er sonst nur auf mehreren Stationen zusammen erreicht wird. Im Weiteren dient der Col de Bretolet der Ausbildung künftiger Beringerinnen und Beringer. Hier können die Anwärter besonders von der grossen Artenvielfalt und den hohen Fangzahlen profitieren. Und – last but not least – steht die Station für spezielle Untersuchungen offen, sei es an Vögeln oder an anderen Tieren, soweit dies nicht die Überwachung des Vogelzugs beeinträchtigt.