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© Tobias Dimmler, Vertical Paragliding

Gleitschirmflug

News - Hintergrund

Gemeinsam im Aufwind

Dezember 2024

Greifvögel reagieren sensibel auf Störungen am Brutort. Dank einem Pilotprojekt im Kanton Graubünden wissen Gleitschirmfliegende nun über die Horste von Greifvögeln Bescheid, können sie umfliegen und so deren Brutgeschäft schützen.

Der Kanton Graubünden ist beliebt bei Gleitschirmpilotinnen und -piloten. Gleichzeitig brüten hier zahlreiche Wanderfalken, Bartgeier und Uhus, und der Kanton ist Heimat eines Drittels der Alpenpopulation des Steinadlers. Diese Arten reagieren sehr sensibel auf Störungen zur Brutzeit, etwa durch Gleitschirmfliegende in Horstnähe. Fällt eine Brut aus, droht die Population langfristig zu schrumpfen. Dies ist eine grosse Verantwortung für lokale Behörden, Naturschützer und Outdoor-Sportlerinnen.

Um Konflikte zu reduzieren, haben der Schweizerische Hängegleiter- Verband (SHV), das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden (AJF) und die Regionalstelle Graubünden der Vogelwarte gemeinsam ein Pilotprojekt gestartet. Dazu haben sie potenziell gefährdete Horstplätze identifiziert und die Dichte von Gleitschirm-Flugtracks oder die Zonen mit Aufwinden berücksichtigt, die von Pilotinnen und Piloten genutzt werden. So haben sie insgesamt 26 potenzielle «Horst-Gleitschirm-Konfliktzonen» identifiziert. Folgendes wurde vereinbart: Sobald Bartgeier, Steinadler, Wanderfalken oder Uhus in einer dieser Konfliktzonen brüten, aktiviert der SHV einen virtuellen Zylinder rund um den Brutstandort und publiziert ihn auf seinen Kanälen, damit Pilotinnen und Piloten diese Zone für den Rest der Brutsaison meiden können.

Am 26. März 2024 war es dann so weit: Ein Wildhüter meldete der Regionalstelle der Vogelwarte Brutaktivitäten eines Steinadlers in einer Konfliktzone. Nachdem klar war, wie weit die Brutaktivitäten fortgeschritten waren, wurde auch Alexandra Schuler, die Umweltbeauftragte des SHV, eingeschaltet. Sie klärte mit den lokalen Clubs und Sportligen letzte Fragen und Anliegen. Nur sieben Tage später wurde der erste Perimeter als Vogelschutzzone auf den SHV-Kanälen – von der digitalen Luftraumkarte bis zu Clubchats – publiziert. Gleitschirmfliegende konnten diese Zone nun bei der Flugplanung berücksichtigen. Bis zum Ende der Brutsaison wurden noch drei weitere Zonen aktiviert.

Diese reibungslose Zusammenarbeit war für alle Projektpartner ein Highlight. Alle waren getragen von der Idee, ein Naturschutzkonzept zu testen, das mit flexiblen Schutzzonen operiert, die nur während der sensiblen Brutzeit aktiv sind. Die Pilotinnen und Piloten sollten Störungen für die brütenden Vögel reduzieren, ohne dass ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt wird.

Dank der guten Vorbereitung war der Aufwand für das Projektteam während der Brutsaison gut zu bewältigen. Davon werden alle Beteiligten künftig profitieren. Denn das Projekt soll weitergeführt werden, um noch mehr Daten und Erfahrungen zu sammeln. 2024 herrschte oft schlechtes Flugwetter, weshalb vermutlich wenig Gleitschirmfliegende unterwegs waren. Gleichzeitig gab es auch Flüge durch die aktivierten Zonen. Noch gibt es also Verbesserungspotential. Die Projektpartner hoffen auf besseres Flugwetter, wollen Abläufe optimieren und die Kommunikation mit den Pilotinnen und Piloten verbessern. So sollen noch mehr Gleitschirmfliegende sensibilisiert und Flüge in aktivierten Konfliktzonen weiter reduziert werden.

Bereits jetzt ist aber klar, dass den Gleitschirmfliegenden in Graubünden eine Vorreiterrolle zukommt. Als Vorbild zeigen sie, dass Rücksichtnahme auf die Natur möglich ist, ohne die Freude am Flugerlebnis zu trüben.

Im Beitrag erwähnte Vogelarten

Steinadler
Uhu
Bartgeier
Wanderfalke