©
© Marcel Burkhardt

Der Rotmilan hat in den letzten Jahrzehnten das Mittelland praktisch flächendeckend besiedelt. Das hat die Vogelwarte dazu veranlasst, die Populationsdynamik des Rotmilans in einem gross angelegten Forschungsprojekt genauer zu untersuchen.

News - Hintergrund

Gut genährt in ein erfolgreiches Leben

August 2024

Seit 2015 untersucht die Schweizerische Vogelwarte, welche Umweltfaktoren zur starken Zunahme des Rotmilanbestands in der Schweiz beigetragen haben könnten. Ein Teil der Erklärung liegt in der Verfügbarkeit von Nahrung und den damit verbundenen Auswirkungen auf das ganze Leben.

Ähnlich wie beim Menschen kann die Umgebung, in der Vögel aufwachsen, ihr Verhalten und ihren Erfolg im späteren Leben stark beeinflussen. Um diese Effekte zu untersuchen, hat die Vogelwarte im Rahmen ihres Forschungsprojekts über den Rotmilan die Nahrungsverfügbarkeit für Rotmilanküken experimentell verbessert und sie das gesamte Leben begleitet. So konnten die Auswirkungen der unterschiedlichen Bedingungen während des Wachstums auf Entscheidungen und Aufenthaltsorte nach dem Ausfliegen untersucht werden.

Familienstreitigkeiten

Beim Rotmilan schlüpfen die zwei bis drei Küken nicht gleichzeitig, sondern im Abstand von einem bis fünf Tagen. Dieser Abstand kann zu einer altersbedingten Hierarchie unter den Geschwistern führen: Das älteste und grösste Küken erhält von den Eltern oft mehr Nahrung als das jüngste und kleinste. Mit Videokameras am Nest konnte so die Aggression unter Geschwistern in diesen hierarchischen Bruten evaluiert werden.

Dabei zeigte sich, dass die Aggressionsstrategien sich je nach Altersunterschied und verfügbarer Nahrung änderten. Geschwister in ähnlichem Alter kämpften oft um Nahrung, und diese Kämpfe waren intensiver, wenn die Nahrung knapp war. Die jüngsten Küken wiederum gingen einem Konflikt eher aus dem Weg, da sie nicht mit ihren älteren Geschwistern mithalten konnten – und erhielten dementsprechend weniger Nahrung. Küken mit zusätzlicher Nahrung überlebten dagegen die Nestlingszeit öfter, erreichten das zum Ausfliegen notwendige Gewicht schneller und zeigten geringere Stresswerte, was alles insbesondere bei den jüngsten Küken der Fall war.

Ausreichend Nahrung verringerte also die Aggression unter Geschwistern im Nest, und verhalf so den jüngsten, oft am stärksten benachteiligten, Küken zu einem besseren Start ins Leben. Das Zusammenspiel zwischen Aggressionsverhalten und Nahrungsverfügbarkeit verschafft somit den Nestlingen unterschiedliche Startvoraussetzungen in das Leben nach dem Ausfliegen.

Fit, unabhängig und sozial

Ein optimales Nahrungsangebot für Küken trug also dazu bei, dass junge Rotmilane in besserer Verfassung ausfliegen. Doch welche Vorteile ergeben sich daraus für ihre Zukunft? Nach dem Ausfliegen blieben die mit GPS-Sendern verfolgten Jungvögel etwa drei bis vier Wochen lang in der Nähe ihres Nestes und wurden in dieser Zeit oft noch von ihren Eltern gefüttert. Jungvögel aus Nestern, die mit ausreichend Futter unterstützt wurden, verbrachten im Durchschnitt drei bis vier Tage weniger in elterlicher Abhängigkeit als Jungvögel, deren Eltern nicht zusätzlich gefüttert wurden.

Dieser etwas frühere Aufbruch gab ihnen mehr Zeit, verschiedene Lebensräume zu erkunden und sich in die jugendliche Nichtbrüter-Population einzufügen, bevor sie zum Herbstzug in Richtung Spanien aufbrachen. Jungvögel mit schlechten Startbedingungen wurden oft von Gebieten mit grossen Nichtbrütergruppen ausgeschlossen und somit von Informationen über hochwertige Nahrungsplätze und gute Brutplätze. Ein guter Start ins Leben mit ausreichend Nahrung kommt also den jungen Rotmilanen auch nach dem Ausfliegen zugute, da sie mehr Zeit und Energie haben, um die besten Lebensräume für ihre Zukunft zu erkunden.

«Stadtmilan» und «Landmilan»

Sobald Rotmilane unabhängig werden, schweifen sie weit umher und nutzen auch Gebiete mitten in Städten oder in den Bergen über der Waldgrenze. In dieser Zeit können Erfahrungen aus diesen Erkundungsphasen die Wahl des Lebensraums beeinflussen, auch wenn sie nach frühestens drei Jahren einen Platz zum Brüten suchen.

Wir Menschen bevorzugen oft eine Umgebung, die uns vertraut ist, und in der wir als Kinder positive Erfahrungen gemacht haben. In ähnlicher Weise neigen Rotmilane dazu, Lebensräume zu bevorzugen, die der Umgebung am Schlupfort ähnlich sind. Dies allerdings nur, wenn diese Lebensräume eine hohe Qualität aufweisen. So nutzten Rotmilane, die in Ackerbaugebieten im Flachland aufgewachsen waren, auch während ihrer Jugendzeit genau solche Lebensräume und siedelten sich auch dort an. Umgekehrt jedoch mieden Rotmilane aus hochgelegenen Lebensräumen, die von geringerer Qualität sind, eher ihre ursprünglichen Lebensräume und siedelten sich in tiefergelegenen von Wald oder Ackerland dominierten Orten an.

Interessanterweise zeigten Rotmilane, die in städtischen Gebieten geschlüpft waren, auch eine Vorliebe für städtische Lebensräume, obwohl brütende Vögel diese sonst eher meiden. Die Präferenz zur Ansiedlung für gewisse Lebensräume scheint also bereits durch die Gegebenheiten am Schlupfort vorgeprägt zu werden und wird durch Erkundungsflüge weiter verfeinert.

Nahrung als Schlüssel zum Erfolg

Das Forschungsprojekt der Vogelwarte zeigt, wie wichtig die Verfügbarkeit von Nahrung für das Wachstum der Rotmilan- Population in der Schweiz ist. Ein ausreichendes Nahrungsangebot während der Brutzeit verbessert direkt den Fortpflanzungserfolg, indem die Überlebenschancen der jüngsten Küken steigen.

Gute Bedingungen in der frühen Lebensphase sorgen aber nicht nur für eine grössere Anzahl ausgeflogener Jungvögel, sondern verbessern auch deren körperliche Verfassung. Dank der besseren körperlichen Verfassung wiederum können frisch ausgeflogene Jungvögel mehr Gebiete erkunden und haben mehr soziale Kontakte mit anderen Rotmilanen, was ihren langfristigen Lebenserfolg fördern könnte. Die Nahrungsverfügbarkeit während der Nestlingszeit wirkt sich also auch auf das Ausbreitungsverhalten des Rotmilans aus und stellt damit einen wichtigen Schlüssel zum Erfolg dieser Art in der Schweiz dar.

Im Beitrag erwähnte Vogelarten

Vogelarten
Rotmilan
Der Rotmilan ist nach Bartgeier und Steinadler der drittgrösste einheimische Greifvogel. Die Vögel können stundenlang auf ihren schmalen, langen Flügeln kreisen und steuern dabei unablässig mit dem langen Gabelschwanz. Zur Balzzeit vollführen die Paare richtige Kunstflüge und äussern häufig ein w...
Mehr erfahren