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© Marcel Burkhardt

Die Kombination zweier moderner Techniken, genetische Analysen von aufgesammeltem Kot und statistische Fang-Wiederfang- Modelle, erlaubt es, den Auerhuhnbestand im Kanton Schwyz genau zu erfassen.

News - Hintergrund

Vogelbestände besser verstehen mit Populationsbiologie

Dezember 2025

In welchem Zustand befinden sich Tierpopulationen und wie verändern sie sich? Die Populationsbiologie gibt Antworten auf diese Fragen und ist von grosser Bedeutung für das Monitoring der Biodiversität, die Naturschutzbiologie und den praktischen Naturschutz.

Die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen ist ein voller Erfolg, wie die starke Zunahme der Brutpaare zeigt. Als Forschende der Vogelwarte, der Stiftung Pro Bartgeier und der Universität Bern aber die individuellen Lebensgeschichten markierter Bartgeier untersucht haben, zeigte sich, dass dieser Erfolg fragil ist. Der Grund: Schon eine geringe Zunahme der Sterblichkeit um neun Vögel pro Jahr würde ausreichen, um den Bestand wieder schrumpfen zu lassen. Dass es möglich ist, die Populationsentwicklung je nach Änderung der Sterblichkeit zu berechnen, verdanken wir der Populationsbiologie. Die praktische Empfehlung aus dieser Erkenntnis: Potenzielle Todesursachen wie Kollisionen mit Leitungen und Windenergieanlagen, Vergiftungen, illegale Abschüsse sowie Störungen am Brutplatz sollten unbedingt beseitigt werden.

Wichtig für den Naturschutz

Dank der Populationsbiologie konnten wir auch ein grosses Rätsel im Naturschutz lösen: Was genau verursachte die dramatischen Bestandseinbrüche vieler Greifvögel in den 1950er- bis 1970er-Jahren? Damalige Beobachtungen deuteten vor allem auf einen Einbruch in der Fortpflanzungsrate hin. Eine Gruppe Freiwilliger um Gabriel Banderet hatte während 60 Jahren den Wanderfalkenbestand in der Westschweiz untersucht und dabei rund 2000 Jungvögel beringt. Dies ermöglichte schliesslich die populationsbiologische Bearbeitung dieser Frage. Neue Analysen der Vogelwarte dieser Langzeit-Populationsdaten zeigen nun, dass beim Zusammenbruch der Population in der Schweiz eine erhöhte Sterblichkeit, die durch Pestizide ausgelöst wurde, die Hauptrolle gespielt hat.

Die Populationsbiologie untersucht die «Population», also alle Individuen einer Art in einem definierten Gebiet. Mit ihren Methoden können Fachleute die Populationsgrösse beschreiben und herausfinden, wie sich diese zeitlich oder räumlich verändert. Es ist auch möglich zu ermitteln, welcher der vier demografischen Prozesse – Fortpflanzung, Überleben, Immigration und Emigration – in welchem Mass für eine Populationsveränderung verantwortlich ist.

Einen besonders engen Bezug hat diese Disziplin zum Biodiversitätsmonitoring, bei dem Grösse und Trends von Populationen im Zentrum stehen. Gleiches gilt für die Naturschutzbiologie, wo dies Schlüsselkriterien für die Beurteilung der Schutzwürdigkeit einer Art sind. Auch der Erfolg des Artenschutzes wird in erster Linie an demografischen Kriterien wie der Zunahme einer Population gemessen.

Komplexe Statistik

Ein Beispiel dafür ist das Auerhuhn- Monitoring im Kanton Schwyz, wo der Kanton Kot von Auerhühnern sammelt und von der Vogelwarte bei der Auswertung der Daten unterstützt wird. Mit den daraus gewonnenen genetischen Daten können die Vögel individuell nachgewiesen und bei einer nächsten Probe wiedergefunden werden. Damit ist es möglich, sogenannte Fang-Wiederfang-Modelle zu erstellen, die robuste Schätzungen von Populationsgrösse, Geschlechtsverhältnis und sogar von Sterblichkeitsraten liefern. Diese Informationen können mit herkömmlichen Zählmethoden kaum in Erfahrung gebracht werden. Im konkreten Fall zeigen diese Modelle erfreulicherweise, dass der Bestand des Auerhuhns im Kanton Schwyz zwischenzeitlich deutlich angewachsen ist.

Die meisten populationsbiologischen Studien finden im Feld statt. Dies macht die Forschung in der Praxis sehr herausfordernd: Daten zur Populationsgrösse und zur Überlebensrate sind nur schwer zu erheben, weil es um grosse geografische und zeitliche Räume geht, wie die Beispiele von Bartgeier, Wanderfalke und Auerhuhn zeigen. Das führt dazu, dass die meisten der erhobenen Daten von systematischen Verzerrungen betroffen sind, beispielsweise weil nicht alle Individuen einer Population entdeckt werden. Deshalb sind oft ausgeklügelte Verfahren bei der Datenerhebung und insbesondere bei der Datenauswertung erforderlich, wie eben Fang-Wiederfang-Modelle. Populationsbiologische Forschung ähnelt daher oft angewandter Statistik.

Unschätzbare Freiwilligenarbeit

Es gibt wenige andere Bereiche in der Biologie, in denen die Öffentlichkeit in Form von Citizen-Science derart grosse Beiträge leisten kann, wie in der Populationsbiologie. Weltweit melden Millionen Naturfreunde ihre Beobachtungen auf Webportalen wie ornitho oder eBird. Hunderte von ihnen beteiligen sich zudem an Programmen wie dem Monitoring Häufiger Brutvögel (MHB), an Atlasprojekten oder der Vogelberingung. Die gewonnenen Daten stellen einen Wissensschatz dar, den die Populationsbiologie durch raffinierte Analysen noch weiter «veredelt». Eine ganz besondere Bedeutung haben zahlreiche von Freiwilligen durchgeführten Langzeit-Populationsstudien.

Die Bestandsentwicklung des Trauerschnäppers in der Westschweiz ist so ein Beispiel. Sie hängt vor allem von der Regenmenge während der Brutzeit ab. Je mehr Regen fällt, desto tiefer ist die Überlebensrate der Altvögel. Offenbar riskieren die Eltern bei schlechten Umweltbedingungen ihr eigenes Leben, um ihre Brut aufzuziehen. Solche Erkenntnisse sind hilfreich für das Verständnis der möglichen Auswirkung von Klimaveränderungen auf die Bestandsentwicklung. Dieses Resultat war nur möglich, weil in der Westschweiz zwei begeisterte Freiwillige seit 30 Jahren Trauerschnäpper beringen und weil die Vogelwarte ihre Daten mit populationsbiologischen Methoden ausgewertet hat.

Auch die methodischen Grundlagen für die Verbreitungskarten im jüngsten Brutvogelatlas wurden grösstenteils in der populationsbiologischen Forschung an der Vogelwarte erarbeitet. Dadurch wurde der Atlas weltweit wohl zum ersten Werk, bei dem die Karten systematisch für die nicht perfekte Antreffwahrscheinlichkeit von Vögeln korrigiert werden konnten.

Die Populationsbiologie ist also nicht nur ein intellektuell faszinierendes, sondern auch ein für die Praxis enorm bedeutendes Forschungsgebiet. Ausserdem zeigt sie besonders eindrucksvoll den unschätzbaren Wert einer engen Zusammenarbeit von Freiwilligen und Wissenschaft.