Es gibt wenige andere Bereiche in der Biologie, in denen die Öffentlichkeit in Form von Citizen-Science derart grosse Beiträge leisten kann, wie in der Populationsbiologie. Weltweit melden Millionen Naturfreunde ihre Beobachtungen auf Webportalen wie ornitho oder eBird. Hunderte von ihnen beteiligen sich zudem an Programmen wie dem Monitoring Häufiger Brutvögel (MHB), an Atlasprojekten oder der Vogelberingung. Die gewonnenen Daten stellen einen Wissensschatz dar, den die Populationsbiologie durch raffinierte Analysen noch weiter «veredelt». Eine ganz besondere Bedeutung haben zahlreiche von Freiwilligen durchgeführten Langzeit-Populationsstudien.
Die Bestandsentwicklung des Trauerschnäppers in der Westschweiz ist so ein Beispiel. Sie hängt vor allem von der Regenmenge während der Brutzeit ab. Je mehr Regen fällt, desto tiefer ist die Überlebensrate der Altvögel. Offenbar riskieren die Eltern bei schlechten Umweltbedingungen ihr eigenes Leben, um ihre Brut aufzuziehen. Solche Erkenntnisse sind hilfreich für das Verständnis der möglichen Auswirkung von Klimaveränderungen auf die Bestandsentwicklung. Dieses Resultat war nur möglich, weil in der Westschweiz zwei begeisterte Freiwillige seit 30 Jahren Trauerschnäpper beringen und weil die Vogelwarte ihre Daten mit populationsbiologischen Methoden ausgewertet hat.
Auch die methodischen Grundlagen für die Verbreitungskarten im jüngsten Brutvogelatlas wurden grösstenteils in der populationsbiologischen Forschung an der Vogelwarte erarbeitet. Dadurch wurde der Atlas weltweit wohl zum ersten Werk, bei dem die Karten systematisch für die nicht perfekte Antreffwahrscheinlichkeit von Vögeln korrigiert werden konnten.
Die Populationsbiologie ist also nicht nur ein intellektuell faszinierendes, sondern auch ein für die Praxis enorm bedeutendes Forschungsgebiet. Ausserdem zeigt sie besonders eindrucksvoll den unschätzbaren Wert einer engen Zusammenarbeit von Freiwilligen und Wissenschaft.