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© Ralph Martin

Kirchtürme sind als Standorte für Mobilfunkanlagen begehrt, da sie oft zentral in dicht besiedelten Gebieten stehen und weil die Antennen im Innern montiert werden können, so dass sie für die Menschen nicht sichtbar sind. Sind solche Türme aber gleichzeitig Niststandorte für Segler und andere Vögel, so kann die Strahlung der Antennen die Vögel gefährden.

News - Hintergrund

Welche Auswirkungen hat elektromagnetische Strahlung auf Vögel?

Dezember 2025

Ob elektromagnetische Strahlung für Vögel schädlich ist oder nicht, wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Ein Blick in die Literatur zeigt, dass diese Frage nicht einfach mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Als Ende Oktober 2018 in Den Haag sterbende und tote Stare gefunden wurden, ging es sehr schnell. Wenige Tage nach dem tragischen Ereignis verbreitete sich die Meldung, die Stare seien einem Test einer 5G-Mobilfunkantenne zum Opfer gefallen, in Windeseile durch die Medien. Dabei handelte es sich aber um Fake-News. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Mobilfunkstrahlung dafür sorgt, dass Vögel tot vom Himmel fallen. Dennoch: Es gibt Belege dafür, dass elektromagnetische Strahlung negative Auswirkungen auf Vögel haben kann.

Bekannte Effekte und Wissenslücken

Unbestritten ist der thermische Effekt von hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung. Die Strahlungsenergie wird beim Auftreffen auf biologisches Gewebe zum Teil in thermische Energie umgewandelt und das Gewebe wird dadurch erwärmt – genau das passiert in einem Mikrowellenofen. Für Vögel wird dieser thermische Effekt dann zum Problem, wenn sie in unmittelbarer Nähe zu starken Hochfrequenzsendern brüten. Für Embryonen und Nestlinge ist eine Erhöhung der Körpertemperatur nämlich besonders kritisch. Das Innere von Kirchtürmen gilt heute als idealer Standort für Mobilfunkantennen: Sie stehen oftmals mitten im bewohnten Gebiet und die Antennen bleiben von aussen unsichtbar. Werden solche Türme aber gleichzeitig von Gebäudebrütern wie Dohlen oder Seglern genutzt, die hier seit Generationen ideale Brutstandorte finden, sind negative Auswirkungen auf die Bruten sehr wahrscheinlich.

Ebenfalls zweifelsfrei nachgewiesen ist die Beeinflussung des Magnetkompasses der Vögel durch elektromagnetische Strahlung. Forschende der Universität Oldenburg konnten zeigen, dass dies nicht nur unter experimentellen Bedingungen im Labor vorkommen kann, sondern auch unter realen Bedingungen. Ob und wie stark Vögel auf dem Zug durch Elektrosmog bei der Navigation beeinträchtigt werden, ist dennoch unklar. Einerseits können Vögel auch andere Mechanismen zur Orientierung nutzen und andererseits weiss man nicht, wie stark ziehende Vögel störendem Elektrosmog ausgesetzt sind.

Unter Laborbedingungen konnten bei Vögeln weitere sogenannte nichtthermische Effekte nachgewiesen werden, wie etwa die Bildung von Stresshormonen oder die Beeinflussung des Melatoninhaushalts, der unter anderem für den Schlaf-Wach-Rhythmus zuständig ist. Ebenfalls im Labor führten niederfrequente magnetische Felder, wie sie in erster Linie von Hochspannungsleitungen verursacht werden, bei bestimmten genetischen Varianten von Hühnerembryonen zu erhöhten Missbildungsraten und Embryonalsterblichkeit. Diese im Labor gefundenen Erkenntnisse lassen sich aber nicht einfach so auf die Situation im Freiland übertragen, denn es gibt dazu bisher nur wenige Studien und deren Resultate sind insgesamt widersprüchlich. Hier bestehen noch erhebliche Wissenslücken.

Vorsorgeprinzip anwenden

Das Umweltschutzgesetz hat zum Zweck, Menschen, Tiere und Pflanzen gegen schädliche oder lästige Einwirkungen schützen. Das umfasst auch elektromagnetische Strahlung. Da für Tiere und Pflanzen aber weder Grenzwerte noch Ausführungsbestimmungen erlassen wurden, wird dieser Schutz nicht umgesetzt. Nach wie vor werden beispielsweise Mobilfunkantennen in Kirchtürmen in unmittelbarer Nähe von besetzten Nistkästen bewilligt. Wären dabei Menschen betroffen anstatt Vögel, hätten solche Antennen keine Chance auf eine Realisierung. Auch wenn es keine Hinweise darauf gibt, dass Strahlung dafür verantwortlich ist, dass Vögel tot vom Himmel fallen, kann sie unter gewissen Umständen einen Schaden verursachen. Die Vogelwarte empfiehlt daher, die Bestimmungen der Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung auch auf die Vögel anzuwenden und insbesondere für Brutstandorte das Vorsorgeprinzip zu berücksichtigen.