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Wie Phönix aus der Asche

August 2019

16 Jahre sind seit dem katastrophalen Waldbrand bei Leuk vergangen. Doch die verheerte Fläche entwickelte sich überraschenderweise zu einem wichtigen Lebensraum für zahlreiche gefährdete Tier- und Pflanzenarten.

Es summt und zirpt, unzählige Bienen und Schmetterlinge schwirren in einem Blütenmeer umher, Gartenrotschwänze und Zippammern singen von den Baumspitzen, ein Steinhuhn wetzt in der Ferne und in der Nacht lässt der Ziegenmelker sein monotones Surren verlauten. Man wähnt sich im Mittelmeerraum. Frankreich? Italien? Oder vielleicht Griechenland? Des Rätsels Lösung liefern die verkohlten und toten Bäume. Wir stehen in der 300 Hektar grossen Fläche am Leuker Hang im Wallis, die im August des Rekordsommers 2003 nach Brandstiftung einem Waldbrand zum Opfer fiel.

Gefährdete Arten besiedeln die Fläche

Für die Menschen war der Leuker Waldbrand eine Katastrophe. Drei Wochen lang waren Feuerwehr, Zivilschutz, Polizei, Sanität, Bergrettung, Forstdienst, zwei Armeekompanien und drei Armeehelikopter im Einsatz, um der Feu ers brunst Herr zu werden. Danach bedeckte eine bis zu 50 Zentimeter dicke Schicht aus Kohle und Asche den Hang. Kaum zu glauben, dass bereits drei Jahre nach dem Ereignis die Zahl der Pflanzenarten im Brandgebiet die des benachbarten Waldes übertrafen. Eine ähnliche Entwicklung fand bei den Insekten statt: Im abgebrannten Gebiet wurden über doppelt so viele Arten und sechsmal mehr Individuen von Bienen gefunden wie im angrenzenden Wald. Rund ein Drittel aller im Waldbrandgebiet gefundenen Bock-, Pracht- und Laufkäfer stehen auf der Roten Liste. Auch bei den Vögeln trat Überraschendes ein: Der immer seltener werdende Gartenrotschwanz erreichte die schweizweit höchsten Siedlungsdichten im Leuker Waldbrandgebiet. Diese Beobachtungen belegen eindrücklich, dass die Natur bereits nach kurzer Zeit verheerte Flächen wieder besiedeln kann.

Eine an der Universität Bern durchgeführte Masterarbeit wertete die über die Jahre von der Vogelwarte gesammelten Daten der Vogelgemeinschaft der Leuker Waldbrandfläche aus und führte quantitative Vergleiche mit der Vogelgemeinschaft der nicht abgebrannten Wälder in der Umgebung durch. Die Anzahl Reviere war in den Kontrollwäldern höher als im Waldbrandgebiet, die Anzahl Arten unterschied sich jedoch nicht zwischen den Waldtypen. Das klingt intuitiv nicht nach einem wertvollen Lebensraum für Vögel. Weshalb also ist die Waldbrandfläche trotzdem so interessant? In den umliegenden Wäldern kommen zwar insgesamt mehr Arten vor, es handelt sich dabei jedoch vor allem um schweizweit häufige und nicht gefährdete Arten. In der Waldbrand fläche ist es genau umgekehrt. Hier gibt es mehr Arten, die auf der Roten Liste stehen, und diese weisen eine höhere Revierzahl auf, als in den Kontrollwäldern. Das gleiche Resultat galt etwas weniger ausgeprägt auch für Prioritätsarten für Artenförderung, also Arten, für die die Schweiz eine besondere internationale Verantwortung trägt und/oder die Förderungsmassnahmen am dringendsten nötig haben. Das bedeutet, dass gefährdete oder von Naturschutzmassnahmen abhängige Vogelarten vom Waldbrand mindestens vorübergehend profitiert haben. Eine für den Vogelschutz sehr interessante Erkenntnis.

Störungen mit positiven Effekten

Doch weshalb besiedeln gerade gefährdete Arten das Waldbrandgebiet? Wie Stürme oder Überschwemmungen gelten Waldbrände als natürliche Störungen, englisch «disturbances». Etwas neutraler werden sie auch als dynamische Prozesse bezeichnet. Meist dominieren konkurrenzstarke und deshalb häufige Arten, sogenannte «Generalisten» einen Lebensraum. Konkurrenzschwache Arten hingegen kommen nur dort häufig vor, wo spezielle Bedingungen vorherrschen, beispielsweise in Mooren oder wo durch die oben genannten dynamischen Prozesse die konkurrenzstarken Arten dezimiert werden. So wird Platz für die konkurrenzschwachen Arten, die sogenannten «Spezialisten» geschaffen. Sie sind oft Pioniere, die als erste einen frei gewordenen Lebensraum wieder besiedeln. In der Schweiz stehen viele Spezialisten auf der Roten Liste, da viele dynamische Prozesse zum Schutz des Menschen unterbunden werden, beispielsweise durch Flussbegradigungen oder Lawinenverbauungen. Das erhöht die Sicherheit, führt aber auch zu «starren» Habitaten. Davon profitieren die Generalisten.

Feuer als Naturschutzmassnahme?

In der dicht besiedelten Schweiz sind Feuer relativ selten und treten hauptsächlich im Wallis, Tessin und Graubünden auf. Wie der Waldbrand von Leuk eindrücklich demonstriert, können Brände trotz ihrer Gefahr positive Effekte auf die Natur haben. Der Naturschutz muss sich die Frage stellen, ob man Feuer als kontrollierte und lokale Naturschutzmassnahme einsetzen soll. Dabei muss beachtet werden, dass es in der Schweiz kaum Orte gibt, die nicht vom Menschen besiedelt oder in irgendeiner Weise genutzt werden. Zudem dienen viele Wälder als Schutzwälder für Dörfer, Strassen und andere menschliche Strukturen, so wie auch 20 % der abgebrannten Waldfläche bei Leuk. Hier sind nun aufwändige Aufforstungen notwendig, damit die Schutzfunktion des Waldes wieder gewährleistet wird. Feuer können zwar äusserst positive Effekte haben, in Gebieten, in denen natürlicherweise kaum Feuer auftreten, sind aber auch negative Effekte möglich. So fördern Brände in tropischen Regenwäldern meist die häufigen Generalisten oder sogar gebietsfremde, invasive Arten. Auch die Exposition kann eine Rolle spielen. Der Waldbrand, der 2010 in Visp rund 100 Hektaren Wald zerstörte, führte zumindest bei den Vögeln nicht zur gleichen Artenvielfalt wie in Leuk. Es fehlen beispielsweise Steinrötel und Steinhuhn komplett, Zippammer, Baumpieper und Gartenrotschwanz erreichen nicht gleich hohe Siedlungsdichten wie in Leuk. Leuk ist ein Südhang, der für wärmeliebende Arten attraktiv ist, während Visp als Nordhang wohl weniger geeignet ist. Zu diesen Faktoren kommt erschwerend die Machbarkeit hinzu. Wie kann man einen Wald kontrolliert abbrennen und sicherstellen, dass der Brand nicht ausser Kontrolle gerät? Die durch den Waldbrand geförderten Strukturen stehen nur für eine relativ kurze Zeit zur Verfügung, da nach einigen Jahren durch natürliche Sukzession die Generalisten wieder das Zepter übernehmen und die konkurrenzschwachen Arten verdrängen.

Dies sind alles Argumente, die den Einbezug von Feuer in die Naturschutzgesetzgebung und –praxis sehr schwierig gestalten. Gerade solche Forschungsresultate wie in Leuk können aber helfen, eine Diskussion über Feuer als Naturschutzmassnahme zu führen. Vielleicht wird es einmal möglich sein, die Sicherheit und menschliche Interessen zu wahren und gleichzeitig das grosse Naturschutzpotenzial nutzen, das Feuer liefern kann. Die Gartenrotschwänze können ein Lied davon singen.