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© Emmanuel Revaz

Der Kastanienhain von Saint-Gingolph hat sein ursprüngliches, lichtdurchflutetes Aussehen zurückgewonnen. Dank einer direkten Saatgutübertragung mit blumenreichem Heu einer nahegelegenen Parzelle wächst nun eine Blumenwiese.

News - Hintergrund

Der Kastanienhain von Saint-Gingolph blüht auf

Dezember 2025

Der Kastanienhain von Saint-Gingolph schien unwiederbringlich verloren. Dank starkem lokalen Engagement und der Unterstützung durch die Vogelwarte blüht er nun wieder auf. Mehrere seltene Arten wie der Gartenrotschwanz finden dort heute einen geeigneten Lebensraum.

In den Hügeln von Saint-Gingolph VS mit Blick auf den Genfer See verändert sich der Wald. Seit 2019 setzen sich die Burgergemeinde und die Gemeinde Saint-Gingolph hier in einem ehrgeizigen Projekt ein, um einen historischen Kastanienhain wieder zum Leben zu erwecken. Der Druck von Buchen, Linden und anderen aufwachsenden Bäumen drohte, den Hain komplett zu überwuchern. Das Ziel war deshalb, die Baumkronen zu lichten, damit mehr Licht den Boden erreicht, und die halboffene, strukturreiche Landschaft wiederherzustellen, wie sie hier früher vorkam. Mittlerweile haben die Akteure gemeinsam bereits mehr als die Hälfte des 21 Hektar grossen Gebiets aufgewertet.

Die Vogelwarte unterstützt das Projekt sowohl finanziell als auch technisch im Rahmen ihres Programms «Aufschwung für die Vogelwelt». Über die Regionalstelle Wallis haben wir zunächst die Ausarbeitung eines Konzepts mit konkreten Massnahmen zur Förderung der Biodiversität im Kastanienwald begleitet. Seit 2020 organisieren wir zudem die Erfolgskontrolle dieser Massnahmen auf die Vogelwelt und führen alle zwei Jahre ornithologische Erhebungen im gesamten Projektgebiet durch. Die neuesten Ergebnisse sind ermutigend: Der Gesang des Gartenrotschwanzes erklingt wieder im Kastanienhain, während der Mittelspecht, der früher in der Region gar nicht vorkam, sich scheinbar dauerhaft neu angesiedelt hat. Auch die Population des unauffälligen Grauschnäppers nimmt zu. Die Rückkehr dieser für lichte Wälder typischen Arten ist ein vielversprechendes Zeichen, ebenso wie die generell zunehmende Artenvielfalt. So wurden im Jahr 2024 schon 40 Arten gezählt, bei der ersten Bestandsaufnahme im Jahr 2020 waren es erst 30.

Beim Besuch von Saint-Gingolph lohnt sich ein Abstecher zum aufgewerteten Kastanienhain. Und warum nicht das Projekt mit einer Patenschaft für eine Kastanie unterstützen?

www.tousenselve.ch

Diese positive Bilanz für die Vögel wäre ohne das Engagement der lokalen Partner nicht möglich gewesen. Von Anfang an gelang es dem Lenkungsausschuss des Projekts, Fachwissen, Erfahrung vor Ort und Leidenschaft zu bündeln, und den historischen Kastanienhain aufzuwerten. Dank dieses unermüdlichen Einsatzes konnten zahlreiche Hindernisse überwunden werden. Die Bekämpfung invasiver Pflanzen wie des Sommerflieders entspricht dagegen manchmal einem endlosen Unterfangen. Doch keine dieser Unwägbarkeiten hat die Entschlossenheit der Projektverantwortlichen beeinträchtigt, während des gesamten Prozesses engagiert zu bleiben.

Das Projekt dauert noch bis mindestens 2027. Fachleute und Freiwillige werden weiterhin ihre Kräfte bündeln, um die letzten Abschnitte des Hains aufzulichten, junge Kastanienbäume zu pflanzen und die bereits aufgewerteten Gebiete zu pflegen. Die nächsten Vogelzählungen werden zeigen, ob sich die bisher festgestellten positiven Trends fortsetzen und vielleicht sogar weitere Überraschungen bereithalten. Bei Halbzeit des Projekts sind die aus den Vogelzählungen gewonnenen Erkenntnisse ein starkes Signal für die Fortsetzung oder sogar Ausweitung des Projekts auf andere Gebiete des Walliser Chablais oder der benachbarten Region in Frankreich.

Julia Wildi

Julia Wildi ist Biologin und arbeitet seit 2024 an der Vogelwarte. Nachdem sie ihre Masterarbeit über den Ziegenmelker geschrieben hatte, koordinierte sie für die Stiftung Pro Bartgeier während vier Jahren die Monitoring- und Schutzprojekte zum Bartgeier in der Westschweiz. An der Vogelwarte setzt sie sich im Ressort «Aufschwung für die Vogelwelt» für den Naturschutz ein. Sie engagiert sich auch stark in lokalen Naturschutzvereinen im Rhonetal, insbesondere zugunsten von Vögeln und Fledermäusen.

Julia Wildi
Mitarbeiterin Aufschwung für die Vogelwelt