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News - Hintergrund

Positive Signale beim Auerhuhn

Dezember 2023

Der Aktionsplan Auerhuhn Schweiz wurde vor 15 Jahren in Kraft gesetzt. Die Situation hat sich bei dieser Art seither tatsächlich verbessert. Allerdings sind die regionalen Unterschiede gross.

Beim Auerhuhn mussten wir über Jahrzehnte hinweg schlechte Nachrichten zur Kenntnis nehmen. Im fünften Band des Handbuchs der Vögel Mitteleuropas, der 1973 erschien, präsentierte U. Glutz von Blotzheim erstmals eine Karte mit der Verbreitung des Auerhuhns in der Schweiz sowie eine erste Schätzung der Bestandsgrösse. Schon bald darauf, noch bevor die Vogelwarte den ersten Schweizer Brutvogelatlas herausgab, wiesen Kenner der Art auf Verkleinerungen des Verbreitungsgebiets und auf Bestandsabnahmen hin. Zu Beginn der Achtzigerjahre liess das damalige Bundesamt für Forstwesen und Landschaftsschutz (BFL) die Verbreitung des Auerhuhns erneut dokumentieren und die Bestände schätzen. Der Vergleich mit den Verbreitungskarten und den Zahlen aus dem Handbuch 1973 bestätigte die negativen Tendenzen. Als Ursachen für den Bestandsrückgang wurden vor allem die Intensivierung der Forstwirtschaft (z. B. starker Holzschlag) und der Strassenbau inklusive der damit verbundenen Zunahmen an Störungen durch Tourismus angesehen.

Als Folge davon startete das BFL im Jahr 1988 das «Schweizerische Auerhuhn-Schutzprojekt». Unter dem etwas aktuelleren Namen «Artenförderung Auerhuhn » läuft dieses Projekt noch heute, seit nunmehr 35 Jahren. Der vermutlich wichtigste Meilenstein dabei war die Lancierung des Aktionsplans Auerhuhn Schweiz unter der Federführung des Bundesamts für Umwelt BAFU im Jahr 2008.

Die Kantone sind für die Umsetzung des Aktionsplans zuständig, und der Bund leistet wesentliche finanzielle Unterstützung. Alle Kantone mit wesentlichen Auerhuhn-Vorkommen haben in den letzten 15 Jahren Massnahmen zugunsten der Art umgesetzt, einige auch schon länger, bereits vor der Etablierung des nationalen Aktionsplans. Sie haben mit forstlichen Massnahmen, etwa durch Auflichtung von Wäldern und Reduktion des Holzvorrats, Verbesserung der Lebensraumqualität durchgeführt und zum Schutz gegen Störungen Wildruhezonen eingerichtet. Die verfügbaren Zahlen dazu sind recht eindrücklich: Innerhalb des Auerhuhn-Verbreitungsgebiets haben die Kantone Waldreservate mit einer Gesamtfläche von rund 18 700 ha vertraglich gesichert, 3900 ha davon als Natur- und 14 800 ha als Sonderwaldreservate. Obschon wir keine systematische Übersicht über die Ziele dieser Reservate haben, können wir davon ausgehen, dass das Auerhuhn in den weitaus meisten davon auch tatsächlich eine Zielart ist. Dazu wurden innerhalb des Auerhuhn-Verbreitungsgebiets 89 Wildruhezonen mit einer Gesamtfläche von rund 24 000 ha festgelegt, in denen während des Winters und bis in den Frühling oder Frühsommer das Betreten nur auf einzelnen Routen erlaubt ist.

Haben diese Massnahmen die gewünschte Wirkung erzielt? Um diese Frage zumindest ein Stück weit beantworten zu können, zog die Vogelwarte zehn Jahre nach Etablierung des Aktionsplans zusammen mit BirdLife Schweiz und dem BAFU eine Zwischenbilanz. Sie zeigt zum einen, dass die geschätzten Bestände nach wie vor leicht rückläufig sind, und zum anderen, dass auch das Verbreitungsgebiet nochmals kleiner geworden ist. Allerdings sind diese nach wie vor leicht negativen Trends ausschliesslich auf die Entwicklung im Jura und teilweise am westlichen Alpennordrand zurückzuführen. Am östlichen Alpennordrand (Kantone Schwyz, Zug, Glarus, St. Gallen, Zürich und die beiden Appenzell) ist seit 10–15 Jahren mit guten Daten eine stabile Bestandsentwicklung dokumentiert. Im Kanton Schwyz gelang es in den Jahren 2016- 2021 sogar, eine Populationszunahme von mehr als 20 % zu erzielen, und im Kanton Zug hat das Auerhuhn einen grösseren Waldkomplex wiederbesiedelt. Dieser war zwar in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts noch besiedelt, es gab aber während mehr als 20 Jahren keine Nachweise mehr. Für den zentralen Alpennordrand (Kantone Bern, Obund Nidwalden sowie Luzern) und die Zentralalpen Graubündens existieren keine genauen Daten, doch gibt es gute Hinweise auf ein stabiles Verbreitungsgebiet, was vermuten lässt, dass es auch bei den Beständen keine deutlichen negativen Entwicklungen gab.

JahrAnzahlQuelle
1968/71mindestens 1100Glutz von Blotzheim et al. (1973)
1985550–650Marti (1986)
2001450–500Mollet et al. (2003)
2013-16380–480Knaus et al. (2018)

Die vier bisherigen Bestandsschätzungen beim Auerhuhn in der Schweiz. In den letzten rund 50 Jahren hat sich diese Zahl mehr als halbiert.

Die deutlichen Unterschiede in der Entwicklung sind in erster Linie auf Unterschiede in der Walddynamik zurückzuführen. Im Jura ist diese gekennzeichnet durch das starke Aufkommen von Buchen auf sehr grossen Flächen, wo bis vor wenigen Jahrzehnten noch Fichten dominierten. Entscheidend dabei ist, dass die Buche auf diesen Flächen als häufige Baumart zur natürlichen Vegetation gehört, wobei die ehemalige Dominanz der Fichte und die relative Seltenheit der Buche menschlich bedingt waren. Es handelt sich insofern, als Folge der veränderten Landnutzung durch die lokale Bevölkerung, quasi um eine Rückkehr zur natürlichen Baumartenzusammensetzung.

Als Folge der Klimaerwärmung hat sich dieser ohnehin ablaufende Trend zusätzlich beschleunigt. Die Kantone Neuenburg und vor allem Waadt haben sich jahrelang grosse Mühe gegeben, die Qualität der Wälder als Auerhuhn- Lebensraum zu verbessern. Doch es ist heute unter Waldfachleuten weitgehend unbestritten, dass das grossflächige Unterdrücken der Buche mit forstlichen Massnahmen langfristig nicht mit vertretbarem Aufwand erfolgreich betrieben werden kann. Im Übrigen widerspricht ein solches Vorgehen auch den Erfordernissen der naturnahen Waldbewirtschaftung, bei der der Naturverjüngung eine wichtige Rolle zukommt. Da Auerhühner keine Wälder besiedeln, die von Laubholz dominiert sind, hat die Art fast den ganzen ehemals besiedelten Jurabogen als Lebensraum aufgegeben. Nur ganz im Westen, auf den höchsten Höhen des Waadtländer Jura, wo die Wälder nach wie vor von Nadelbäumen dominiert werden, gibt es heute noch nennenswerte Auerhuhn-Vorkommen.

Entlang des Alpennordrands und in den Zentralalpen Graubündens existiert diese Dynamik hin zu mehr Laubholz zwar in mittleren Höhen auch, ist aber für das Auerhuhn hier nur von marginaler Bedeutung. In den Zentralalpen leben weitaus die meisten Auerhühner in Höhen, in denen Laubholz nach wie vor keine wesentliche Rolle spielt. Und entlang des Alpennordrands sind die meisten Auerhuhn-Lebensräume durch feuchten, häufig auch moorigen und daher sehr wenig wüchsigen Boden gekennzeichnet, auf dem Laubbäume einen schweren Stand haben.

Insgesamt ist die Bilanz nach mittlerweile 15 Jahren Aktionsplan Auerhuhn gemischt. Natürliche Faktoren, die nicht oder nur sehr beschränkt beeinflussbar sind, können eine grosse Rolle spielen. Die natürliche Dynamik der Wälder im Jura hin zu mehr Laubholz hat den Erfolg der Fördermassnahmen der dortigen Kantone zu einem Grossteil zunichte gemacht.

Doch andernorts, auf besser geeigneten Standorten, haben gute meteorologische Bedingungen zur Fortpflanzungszeit wahrscheinlich wesentlich zum Erfolg beigetragen. Es ist bekannt, dass warmes und trockenes Wetter in den Monaten Juni und Juli von Vorteil ist. Bei Raufusshühnern überleben in solchen Jahren die Küken besser, und damit wächst die Population an. Aber auch die Lebensraum- Verbesserungen der Kantone haben eine wichtige Rolle gespielt. Schliesslich zeigten die Untersuchungen der Vogelwarte und des Kantons St. Gallen im Waldreservat in Amden schon vor ein paar Jahren, dass Auerhühner Wälder nach einer Aufwertung tatsächlich wiederbesiedeln. Mit den richtigen Massnahmen kann also, sofern sie auf den geeigneten Waldstandorten umgesetzt werden, das Auerhuhn erfolgreich gefördert werden.

BETROFFENE VOGELARTEN

Vogelarten
Auerhuhn
Auerhühner stellen sehr hohe Ansprüche an ihren Lebensraum. Die Bestände nehmen seit Jahrzehnten in ganz Mitteleuropa deutlich ab, womit auch die eindrucksvolle Balz immer seltener zu sehen ist. Dabei stolzieren die Auerhähne mit gefächertem Schwanz, gesenkten Flügeln, gesträubten Bartfedern und ...
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