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© Aline Knoblauch

Libellen wie die Blutrote Heidelibelle (Sympetrum sanguineum) wandern mehrere Hundert Kilometer, oft ganz ohne unser Wissen.

News - Hintergrund

Unsichtbare Reisende: Insekten auf Wanderschaft

August 2025

Zahllose Insekten fliegen jedes Jahr hoch über unseren Häuptern – meist unbemerkt. Neue Technologien helfen uns aber, ihr Zugverhalten sichtbar zu machen. Und nun wird klar: Da fliegen nicht nur ein paar – es sind Abermilliarden, und ihr Zug betrifft auch die Vögel und uns Menschen.

Wer im Spätsommer in den Himmel schaut, sieht vielleicht Vögel auf dem Weg in den Süden. Was die wenigsten wissen: Zur selben Zeit sind auch Milliarden Insekten unterwegs. Winzige Fliegen, elegante Libellen oder flatternde Nachtfalter ziehen teils über mehrere Hundert oder Tausend Kilometer – über Städte, Flüsse, Berge und sogar das Meer.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Aufmerksame Naturforschende haben seit vielen Jahrzehnten Massenwanderungen von Insekten beobachtet und dokumentiert, besonders über Bergpässen. Dies motivierte später Wissenschaftler dazu, Fallen am Boden, aber auch mit Ballons in der Luft zu installieren, um das Ausmass des Insektenzugs und die beteiligten Arten zu erforschen. Aber Fallen und Sichtbeobachtungen liefern nur einen winzigen Ausschnitt des Geschehens.

Aufgrund ihrer geringen Grösse ist das Verfolgen einzelner Insekten sehr schwierig, und die Technologien erlauben bisher leider nur eine kleinräumige Aufzeichnung von Wanderungen. Seit einigen Jahren setzen Forschende, auch an der Vogelwarte, vermehrt auf Radartechnologie, die es ermöglicht, Insekten rund um die Uhr zu erfassen: Anzahl, Flugrichtung, Geschwindigkeit, Höhe – bis zu 500 m über dem Radar – und sogar die Flügelschlagfrequenz der Tiere. Ein solches Radargerät steht seit einigen Jahren auch auf dem Dach der Vogelwarte, und weitere in der Schweiz und auf dem ganzen Kontinent. Sie überwachen die Bewegungen von fliegenden Tieren wie Insekten, Vögeln und Fledermäusen. Gemeinsam mit Forschungsinstituten aus ganz Europa blickt die Vogelwarte inzwischen erstmals im grossen Massstab auf das Wanderverhalten von Insekten.

Unglaubliche Zahlen

Die bisherigen Messungen zeigen Erstaunliches: Von Frühling bis Herbst fliegen Milliarden Insekten vor allem in Höhen zwischen 100 und 500 Metern jeden Tag und jede Nacht über uns hinweg. Dieses Verhalten tritt in ganz Europa auf: Von Finnland bis Südspanien zeigen die Radarstationen hohe Insektenzahlen. Im Süden sind Insekten fast das ganze Jahr über aktiv, im Norden konzentriert sich das Geschehen auf die Monate Mai bis Oktober. Während im Frühjahr und Sommer eher kreuz und quer geflogen wird, ist die Richtung im Herbst eindeutig: Dann ziehen die Insekten fast konsequent nach Süden. Selbst Gebirge wie die Alpen oder das Meer stellen dann offenbar kein Hindernis dar. Insekten wurden zwar schon früher beim Zug über das Mittelmeer beobachtet, doch wie viele es wirklich sind, war bisher kaum bekannt. Unsere Radardaten vom Luftraum über der Strasse von Gibraltar zeigen: Allein im Mai 2025 haben über eine Million Insekten auf nur einem Kilometer Küstenlinie das Mittelmeer von Afrika nach Europa überquert. Eine weitere Studie mit Beteiligung der Vogelwarte zeigte, dass die Windrichtung eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für den Zug spielt, insbesondere im Herbst. Die Insekten scheinen sich die Tage und Nächte auszusuchen, an denen der Wind in die gewünschte Richtung weht. Ausserdem zeigte sich, dass mehrere Arten in Europa aufgrund der Klimaerwärmung immer weiter nach Norden wandern.

Warum Insekten ziehen

Der Zug ist ein wichtiger Teil des Lebenszyklus vieler Arten. Insekten dieser Arten fliegen dem Nahrungsangebot entgegen oder flüchten vor dem kommenden Winter. So zum Beispiel die Gammaeule (Autographa gamma), ein unscheinbarer Nachtfalter, der im Frühling zu Millionen von der Mittelmeerregion nach Norden zieht, und teilweise im Herbst wieder zurück. Millionen Schwebfliegen wie die Gemeine Feldschwebfliege (Eupeodes corollae) und die Hainschwebfliege (Episyrphus balteatus) durchwandern jeden Herbst die Hochgebirgspässe der Alpen und Pyrenäen. Distelfalter (Vanessa cardui) wiederum überqueren auf ihrer Suche nach jahreszeitlich geeigneten Lebensräumen und Nahrungsquellen nicht nur das Mittelmeer, sondern sogar die Sahara. Viele dieser Reisen erfolgen über mehrere Generationen hinweg, wobei die Nachkommen die Wanderung der Eltern fortsetzen und so Ökosysteme verbinden.

Die hohe Relevanz des Insektenzugs

Insekten sind nicht nur faszinierende Reisende, sie sind auch essenziell für unsere Ökosysteme. Sie bestäuben Pflanzen, dienen Vögeln und Fledermäusen als Nahrung, können ihrerseits aber pflanzenschädigende Insekten vermindern, und beeinflussen so auch landwirtschaftliche Erträge. Beispielsweise frisst jede Larve der Hainschwebfliege 60–80 Blattläuse pro Tag, so dass der Masseneinflug stark zu deren biologischer Bekämpfung beiträgt. Wer den Insektenzug versteht, kann also wirksame Ratschläge zum Schutz von Insekten, ihren Nahrungsnetzen und Lebensräumen geben. Daher dient das Wissen über den Insektenzug nicht nur der Erhaltung der biologischen Vielfalt direkt, sondern mittelbar auch menschlichen Interessen wie der Landwirtschaft.

Offene Fragen klären

Die Erforschung des Insektenzugs steckt in den Kinderschuhen – es gibt heute noch viel mehr Fragen als Antworten. Mitarbeitende der Vogelwarte sind aktuell dabei, die Anzahl der wandernden Insekten über ganz Europa zu schätzen. Auch deren Einfluss auf insektenfressende Vögel wird gerade an der Vogelwarte untersucht. Und in den kommenden Jahren ist geplant, die Transsahara-Insektenwanderung besser zu verstehen. Diese Studien erweitern unser derzeitiges Wissen nicht nur über wandernde Insektenbewegungen, sondern auch über deren Auswirkungen auf die biologische Vielfalt und auf menschliche Aktivitäten. Es geht nämlich nicht nur darum, woher die Insekten kommen und wohin sie fliegen, sondern auch darum, wie wir am besten mit ihnen zusammenleben können.