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Die Waldschnepfe wird in den Kantonen Tessin, Wallis, Waadt, Freiburg, Neuenburg, Jura und Bern bejagt. Die jährliche Jagdstrecke betrug zwischen 2003 und 2022 im Durchschnitt 1911 Individuen (1062–2508).

News - Hintergrund

Vogeljagd in der Schweiz

Dezember 2023

Das schweizerische Jagdrecht bezweckt unter anderem, die Artenvielfalt der einheimischen und ziehenden wildlebenden Vögel zu erhalten. Besonderes Augenmerk ist deshalb auf jagdbare Vogelarten zu legen, deren Brutbestände unter Druck stehen.

Jagd verursacht bei bejagten Arten zusätzliche Mortalität. Sie kann bei Arten verantwortet werden, die bei Berücksichtigung der nationalen und europäischen Gefährdungssituation stabile oder zunehmende Bestände aufweisen. Sie darf keine messbaren negativen Auswirkungen auf die Verbreitung, die Bestände und die Sozialstruktur der betroffenen Arten haben und darf nicht zu anderen negativen Auswirkungen auf Lebensgemeinschaften führen. Aus diesen Grundbedingungen hat die Vogelwarte verschiedene Forderungen abgeleitet, die eine grosse Bandbreite zeigen. So sollte der Einsatz bleihaltiger Munition verboten werden und der Haubentaucher von der Liste der jagdbaren Arten genommen werden. In manchen Fällen müssten Schonzeiten erweitert werden, etwa die der Wildenten auf den Zeitraum von mindestens 1. Januar bis 15. September. Bei Vogelarten, deren Schweizer Brutbestände gemäss Roter Liste als verletzlich (Waldschnepfe) oder als potenziell gefährdet (Alpenschneehuhn und Birkhahn) gelten, müssen für jede Art die tatsächlichen und aktuellen Populationsgrössen und -trends als Entscheidungsgrundlage verwendet werden.

Waldschnepfe

Die Waldschnepfe ist entlang des Alpen-Nordrands und in den Zentralalpen Graubündens weit verbreitet. Aus dem Mittelland ist die Art aber fast vollständig verschwunden, und für den Jura gibt es Hinweise auf ein leicht geschrumpftes Verbreitungsgebiet. Die Ursachen sind unbekannt. Habitatverschlechterung, Prädation, Störungen im Lebensraum, Lichtimmissionen und die Bejagung kommen dabei allesamt infrage. Auf nationaler Ebene dauert die Schonzeit der Waldschnepfe vom 16. Dezember bis zum 15. September. In vielen Kantonen geht man weiter, hier darf die Waldschnepfe gar nicht gejagt werden. Weitere Kantone haben die bundesrechtlich geltende Schonzeit verlängert.

Die meisten in der Schweiz erlegten Waldschnepfen sind Durchzügler aus Nord- und Nordosteuropa. In diesen Gebieten gibt es starke Populationen, auf welche die Abschüsse in der Schweiz keinen bekannten messbaren Einfluss haben. Eine unter der Federführung des Bundesamts für Umwelt BAFU durchgeführte Studie zeigte allerdings unlängst, dass sich die Schweizer Brutvögel erst ab Mitte Oktober auf den Weg in den Süden machen und dass Anfang November noch immer gut die Hälfte im Brutgebiet anwesend ist. Erst Ende November sind die allermeisten Vögel abgewandert (Bohnenstengel et al. 2020). Weil über 90 % aller Abschüsse in die Zeit zwischen Mitte Oktober und Ende November fallen, dürfte der Anteil einheimischer Waldschnepfen an der Jagdstrecke bedeutender sein als bislang angenommen. Deshalb muss der Jagddruck auf die Waldschnepfe verringert werden. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Mit einer Verlängerung der Schonzeit bis zum 31. Oktober würden rund 50 % und mit einer Verlängerung bis zum 15. November rund 95 % der Schweizer Brutvögel von der heimischen Jagd verschont. Andererseits können die Kantone die Anzahl erlaubter Waldschnepfen- Abschüsse pro Person und Jahr bzw. pro Person und Jagdtag reduzieren. Diese Massnahmen auf Bundes- und Kantonsebene können auch kombiniert werden. Generelles Ziel ist es, die Anzahl der bis Mitte November pro Jahr erlegten Waldschnepfen und damit die durch die Jagd verursachte Mortalität deutlich zu senken.

Alpenschneehuhn

Im Verbreitungsgebiet des Alpenschneehuhns in der Schweiz sind zwischen 1993–1996 und 2013– 2016 an der Peripherie zwar einzelne Lücken entstanden. Im Wesentlichen hat sich die Verbreitung aber nicht verändert. Die Bestände, ermittelt im Rahmen eines 1995 gestarteten Programms zur Zählung revieranzeigender Hähne, sind seither um 13 % zurückgegangen, wobei es grosse regionale Unterschiede gab (Bossert und Isler 2018). Seit ungefähr 2008 verläuft der Bestandstrend mehr oder weniger stabil, allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau als in den 1990er-Jahren.

Der Bestandsrückgang ist mit grosser Wahrscheinlichkeit insbesondere eine Folge der Klimaerwärmung. Es ist damit zu rechnen, dass sich das Verbreitungsgebiet des Alpenschneehuhns in den nächsten Jahren weiter verkleinert und sich räumlich fragmentiert (Revermann et al. 2012).

Verbreitung und Bestandsentwicklung beim Alpenschneehuhn müssen auch in Zukunft auf räumlich und ökologisch repräsentativen Flächen besonders sorgfältig überwacht werden. Sofern verstärkt negative Trends sichtbar werden, muss der Jagddruck weiter reduziert oder die Bejagung des Alpenschneehuhns eingestellt werden.

Birkhahn

Das Verbreitungsgebiet des Birkhuhns in der Schweiz hat sich zwischen 1993–1996 und 2013–2016 nicht verändert. Die Bestände, ermittelt im Rahmen eines 1995 gestarteten Programms zur Zählung balzender Hähne, haben nach einem Rückgang auf ein Minimum im Jahr 1998 zugenommen und liegen heute wieder fast auf derselben Höhe wie im Jahr 1990 geschätzt worden waren (Bossert und Isler 2018). Dieser langfristige Trend ist überlagert von starken jährlichen Bestandsschwankungen, die vor allem auf wechselnde Wetterbedingungen während der Aufzuchtzeit zurückzuführen sind (Zbinden und Salvioni 2003).

Eine detaillierte Analyse der Bejagung des Birkhahns im Kanton Tessin hat gezeigt, dass die Bejagung bei den Hähnen additive Mortalität verursacht, welche wiederum zu einem stark zugunsten der Hennen verschobenen Geschlechterverhältnis sowie zu kleineren Balzgruppengrössen führt, doch auf den Bestandstrend bei den balzenden Hähnen keinen messbaren Einfluss hat (Zbinden et al. 2018).

Weil mehrere Faktoren den Birkhuhnbestand beeinträchtigen (Störung, Landschaftsveränderungen), müssen Verbreitung und Bestandsentwicklung auf räumlich repräsentativen Flächen auch in Zukunft besonders sorgfältig überwacht werden. Sobald sich gesamtschweizerisch ein negativer Bestandstrend abzeichnet, wie die kontinuierliche Abnahme während 5 Jahren, ist eine Reduktion des Jagddrucks angezeigt.

Quellen

Bohnenstengel, T., V. Rocheteau, M. Delmas, N. Vial, E. Rey, B. Homberger & Y. Gonseth (2020): Projet national sur la bécasse des bois. Rapport final. Neuchâtel.

Bossert, A. & R. Isler (2018): Bestandsüberwachung von Birkhuhn Tetrao tetrix und Alpenschneehuhn Lagopus muta in ausgewählten Gebieten der Schweizer Alpen 1995–2017. Ornithol. Beob. 115: 205–214.

Revermann, R., H. Schmid, N. Zbinden, R. Spaar & B. Schröder (2012): Habitat at the mountain tops: how long can Rock Ptarmigan (Lagopus muta helvetica) survive rapid climate change in the Swiss Alps? A multiscale approach. J. Ornithol. 153: 891–905.

Zbinden, N. & M. Salvioni (2003): Verbreitung, Siedlungsdichte und Fortpflanzungserfolg des Birkhuhns Tetrao tetrix im Tessin 1981–2002. Ornithol. Beob. 100: 211–226.

Zbinden, N., M. Salvioni, F. Korner-Nievergelt & V. Keller (2018): Evidence for an additive effect of hunting mortality in an alpine black grouse Lyrurus tetrix population. Wildl. Biol. 2018: wlb.00418.

Zimmermann, J-L. & S. Santiago (2019): Contribution au suivi démographique de la bécasse des bois Scolopax rusticola dans le canton de Neuchâtel (Suisse). Aves 56: 49–75.

BETROFFENE VOGELARTEN

Alpenschneehuhn
Birkhuhn
Waldschnepfe