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Der Weissrückenspecht ist eine Urwaldart und auf viel Alt- und Totholz in seinem Lebensraum angewiesen.

News - Hintergrund

Wilde Wälder für den Weissrückenspecht

August 2025

In den Schweizer Wäldern gibt es immer mehr Totholz. Dem Weissrückenspecht blieb dies nicht verborgen, vor 30 Jahren kehrte er in die Schweiz zurück. Die Vogelwarte ist dem Totholzliebhaber mit einem Forschungs- und Förderprojekt auf der Spur.

Seit mehreren Jahrzehnten werden die Wälder bei uns totholzreicher und damit naturnäher. Gute Voraussetzungen für alle Arten, die in solchen Wäldern zu Hause sind, wie den Weissrückenspecht. Lange Zeit deckten unsere Wälder die Lebensraumansprüche für Alt- und Totholzarten nur ungenügend ab. Infolge der Industriellen Revolution und dem Bevölkerungswachstum ab dem 16. Jahrhundert landeten teilweise ganze Wälder als Brennholz in den Öfen. Der Weissrückenspecht überlebte nur noch in den wenig intensiv genutzten Waldgebieten, etwa im östlichen Alpenraum. Ab den 1950er-Jahren verlor der Wald als Brennholzlieferant an Bedeutung, dadurch verbesserte sich die Lebensraumsituation wieder für totholzabhängige Arten. So erstaunt es nicht, dass der Weissrückenspecht 1996 erstmals wieder in der Schweiz auftauchte.

Dem Weissrückenspecht auf der Spur

Bis dahin wurde der Specht mit dem weissen Rücken in Urwäldern oder urwaldähnlichen Gebieten in Europa erforscht. Er gilt als Indikator für alte Laub- und Mischwälder mit einem hohen Totholzanteil. In der Schweiz werden die meisten Wälder zur Holzproduktion oder als Schutzwald bewirtschaftet. Urwälder sind bei uns eine Rarität, nur gerade drei Fichtenurwälder sind übriggeblieben. So entschied sich die Schweizerische Vogelwarte, 2014 ein Forschungsprojekt zur Ökologie dieser für den Waldnaturschutz bedeutenden Art im Alpenraum durchzuführen. Das Projekt hatte zum Ziel herauszufinden, wie gross die Aktionsräume des Weissrückenspechts sind und wie sein Lebensraum charakterisiert ist. Damit wird klarer, wie sich der Weissrückenspecht in unseren bewirtschafteten Wäldern zurechtfindet, und mit welchen Massnahmen sein Lebensraum erhalten und gefördert werden kann.

Die Datenerhebung im Untersuchungsgebiet in der Ostschweiz, im Fürstentum Liechtenstein und in Vorarlberg stellte die Projektmitarbeitenden vor grosse Herausforderungen. Die vom Weissrückenspecht bewohnten Wälder befinden sich oft in abgelegenen Tälern und an steilen Berghängen. Zudem mussten die Mitarbeitenden die Spechte erst fangen und mit Radiotelemetrie-Sendern ausrüsten. Schlussendlich schafften sie es, von 2016 bis 2019 rund 60 Weissrückenspechte zu besendern und jede Woche zweimal zu lokalisieren. In den Brutrevieren erhoben die Forschenden Baumarten, liegendes, stehendes und Kronentotholz und weitere Waldeigenschaften. Sie scheuten keinen Aufwand: Erstmals im Alpenraum gelang der Blick in Weissrückenspecht-Bruthöhlen, um den Bruterfolg zu erfassen. Ein heikles Unterfangen, selbst für geübte Baumkletterer, zimmern die Spechte ihre Bruthöhle doch meist weit oben in absterbenden oder toten Bäumen.

Grosse Waldgebiete, viel Alt- und Totholz

Dieser Aufwand zahlte sich aus und lieferte interessante Einblicke in die Ökologie des Weissrückenspechts der hiesigen Population. Wie bei anderen Spechten veränderte sich der Aktionsraum im Jahresverlauf. Während der Verpaarungszeit nutzten die Weissrückenspechte ein Gebiet von rund fünfzig Hektaren. In der Brutzeit hielten sich die Spechte meist in der Nähe der Bruthöhle auf und unternahmen für die Nahrungssuche nur vergleichsweise kurze Flüge, was zu einem Aktionsraum von durchschnittlich zwanzig Hektaren führte. Nach dem Ausfliegen der Jungvögel im Juni über den Winter bis zur Verpaarungszeit durchstreiften sie hingegen eine Waldfläche von rund hundert Hektaren, also einem Quadratkilometer.

Doch was ist nun charakteristisch für die vom Weissrückenspecht aufgesuchten Wälder? Die Spechte hielten sich im Jahresverlauf in verschiedenen Waldtypen auf, wie Schutzwälder, Wälder, die länger nicht oder extensiv bewirtschaftetet wurden oder Naturwaldreservaten. In allen Fällen mochten es die Weissrückenspechte totholzreich: Nahrung suchten sie praktisch ausschliesslich in toten Bäumen, liegendem oder Kronentotholz.

Auch beim Brutverhalten lieferte die Studie interessante Resultate: In die mit Holzspänen ausgekleidete Höhle legten die Weissrückenspechte durchschnittlich vier Eier, dies deckt sich mit den Werten aus anderen Populationen. Dagegen lag der Bruterfolg mit durchschnittlich 1,7 ausgeflogenen Jungvögeln tiefer als in den urwaldähnlichen Gebieten Ost- oder Nordeuropas, wo durchschnittlich bis zu drei Junge pro Brut ausfliegen. Könnte dies einen Zusammenhang mit dem Lebensraum haben? Diese Frage können wir nicht abschliessend beantworten.

Trommelt der Totholzliebhaber zukünftig in weiteren Wäldern?

Für die Zukunft des Weissrückenspechts in der Schweiz wird unser Umgang mit Wäldern und die Waldbewirtschaftung entscheidend sein. Die Totholzmenge nimmt aktuell weiter zu und liegt bei rund vierzig Kubikmetern liegendem und stehendem Totholz pro Hektare Wald. Der Weissrückenspecht benötigt allerdings in Teilbereichen seines Lebensraums deutlich mehr Totholz. Eine grosse Bedeutung hat deshalb die Integration der Alt- und Totholzförderung in die Waldbewirtschaftung und der Schutzwaldpflege. In diesem Zusammenhang sollte die Ausscheidung von Naturwaldreservaten weitergeführt werden.

Die Schweizerische Vogelwarte berät Kantone und Försterinnen und Förster, damit sie die Ansprüche von Totholzliebhabern wie dem Weissrückenspecht in der forstlichen Planung und der Bewirtschaftung berücksichtigen. Gespannt verfolgen wir zusammen mit freiwilligen Mitarbeitenden, ob die Trommelwirbel des Weissrückenspechts in den kommenden Jahren in weiteren Landesteilen zu hören ist.

Michael Lanz

MITARBEITER LEBENSRAUM WALD
Michael Lanz ist Umweltingenieur und arbeitet seit 2008 an der Schweizerischen Vogelwarte. Einst schrieb er seine Diplomarbeit über die Waldschnepfe, heute leitet er die Artenförderprojekte Weissrückenspecht und Wendehals. Bei der Fachgruppe Spechte der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft ist er als Sprecher tätig und engagiert sich privat im lokalen Natur- und Vogelschutz in der Region Biel.

Mit seinem umfassenden Wissen hat er das Themenheft 2025 über Spechte mitverfasst.

Im Beitrag erwähnte Vogelarten

Vogelarten
Weissrückenspecht
Der Weissrückenspecht ist der grösste und seltenste der schwarzweissen Spechte. Erst seit wenigen Jahren werden im Osten des Landes regelmässig einzelne Brutpaare festgestellt. Wegen seiner hohen Lebensraumansprüche – naturnahe Wälder mit vielen absterbenden und toten Bäumen – ist das Vorkommen d...
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