Die Wissenschaft sollte möglichst objektiv, beschreibend und frei von Emotionen sein, sonst macht sie sich anfällig für willkürliche und suggestive Interpretationen von Resultaten. So oder so ähnlich haben es wohl alle gelernt, die an einer Hochschule studiert haben. Dabei geht jedoch etwas schnell vergessen: Wissenschaft wird von Menschen gemacht, die bei aller Wissenschaftlichkeit eben Emotionen haben. Forschende haben eine unglaubliche Neugier und Begeisterung für ihr Thema, mit dem sich viele über Jahre oder Jahrzehnte beschäftigen. Sowieso ist Neugier der fortwährende Antrieb für eine wissenschaftliche Arbeit, der Forschende auf immer neue Fragen stossen lässt, die diese in Studien beantworten.
Dass wissenschaftliches Arbeiten und eine emotionale Verbundenheit keine Widersprüche sein müssen, zeigen auch Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt, David Attenborough, Jane Goodall oder Rachel Carson, die viele Menschen für die Natur begeistert haben.
An der Vogelwarte sind unsere Studien, über die wir regelmässig im Avinews berichten, das beste Beispiel für diese Neugier. In dieser Ausgabe etwa zur Evolution der Steinschmätzer und zum Waldlaubsänger: Seit 15 Jahren geht die Vogelwarte dem Verhalten und den Lebensraumansprüchen des kleinen Vogels auf den Grund. Gerade bei bedrohten Arten sollen die Erkenntnisse aus der Wissenschaft auch dazu führen, den Bestand langfristig zu erhalten.
Um bedrohte Arten zu bewahren, müssen meist wir Menschen unser Verhalten ändern. Dafür wiederum, egal ob bei Privatpersonen, Unternehmen oder der Gesellschaft, braucht es aber oft nicht nur Informationen, wie sie in wissenschaftlichen Zeitschriften zu finden sind. Erst Empathie – oder noch besser Begeisterung – können diese auslösen. Und wer wäre besser geeignet als die Vogelwarte, dies zu vermitteln, wo wir doch «erkunden und schützen, was uns begeistert»?