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© Mathias Schäf

Waldlaubsänger siedeln sich bevorzugt dort an, wo bereits andere Männchen ein Revier besetzen. Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass sie Artgenossen nutzen, um in der Umgebung geeignetes Bruthabitat zu suchen.

News - Hintergrund

Einem Meistersänger auf der Spur

Mai 2026

Der schwirrende Gesang des Waldlaubsängers ist immer seltener in unseren Wäldern zu hören. Die Vogelwarte untersucht seit langem den agilen Kleinvogel und konnte nun in einem Forschungsprojekt einige Geheimnisse seines spannenden Sozialverhaltens lüften.

In den trockenen Buchenwäldern des Juras lebt an steilen Hängen eine ornithologische Besonderheit: der Waldlaubsänger. Wo die Bäume mit kargem Untergrund und schroffen Felsen zurechtkommen müssen, der Boden nicht von Sträuchern sondern stellenweise von Gras bedeckt und das Kronendach weitgehend geschlossen ist, fühlt er sich wohl.

In den letzten dreissig Jahren hat der Waldlaubsänger in der Schweiz dramatische Bestandseinbrüche von rund 60 Prozent erlitten. In verschiedenen Regionen sind die Verluste sogar noch höher, teilweise ist er mittlerweile komplett verschwunden. Schutz- und Förderprojekte sind daher eminent wichtig. Um den Waldlaubsänger effektiv fördern zu können, müssen wir sein Verhalten verstehen.

Neue Erkenntnisse und neue Fragen

Seit 15 Jahren untersucht die Vogelwarte deshalb die Ökologie des gefährdeten Waldlaubsängers im Jura. Das Projekt lieferte einige Beobachtungen, die Fragen aufwarfen: Männchen siedelten sich bevorzugt dort an, wo bereits andere Männchen ein Revier besetzt hatten. Gerade für den immer seltener werdenden und auf Förderprojekte angewiesenen Waldlaubsänger ist es wichtig, dieses Verhalten und die Gründe dafür besser zu verstehen. Im Rahmen einer Dissertation im Projekt zur Populationsökologie des Waldlaubsängers hat sich Shannon Luepold genau dieser Frage angenommen.

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen dafür, warum sich Laubsänger-Männchen dort ansiedeln, wo es bereits andere getan haben: Erstens könnten singende Artgenossen einen Hinweis auf ein gutes Habitat in der Umgebung liefern, zweitens könnten die Männchen die Revierwahl von Artgenossen einfach nachahmen und so weniger Energie bei der Suche nach einem geeigneten Revier verbrauchen oder drittens könnte der Bruterfolg in der Nähe von Artgenossen höher ausfallen, weil Weibchen eine Wahl haben möchten und deshalb einzeln singende Männchen ignorieren.

Die Untersuchungen von Shannon Luepold deuten darauf hin, dass die erste Erklärung die wahrscheinlichste ist: Waldlaubsänger nutzen singende Artgenossen, um die Umgebung genauer zu begutachten und ein geeignetes Revier zu finden. Sie kopieren aber nicht einfach die Revierwahl der Konkurrenten.

Nomadische Sänger

Noch während der Feldarbeit für die Studie fiel noch etwas anderes auf: Selbst innerhalb einer Brutsaison wechselten einige Männchen nach wenigen Tagen das Revier und wurden oft schnell von anderen Männchen ersetzt. Ohne individuelle Markierung durch Farbringe wäre dieses rege Kommen und Gehen nie festgestellt worden. Wir wären wohl davon ausgegangen, dass immer dasselbe Männchen in einem Revier singt. Mit dieser Erkenntnis stellte sich die Frage, weshalb Männchen so schnell ein Revier wieder verlassen.

Der Grund sind die Weibchen, oder besser gesagt, deren Entscheidungen. Wurde nämlich ein Männchen von keinem Weibchen als Partner ausgewählt, verliess es sein Gesangsrevier nach einigen Tagen bis Wochen. Die Lebensraumqualität hatte auf diese Entscheidung keinen Einfluss, denn sie unterschied sich nicht zwischen Revieren verpaarter und unverpaarter Vögel. Und wanderte ein Weibchen nach der ersten Brut ab, tat es «sein» Männchen ebenfalls – ganz gleich, ob die Brut erfolgreich gewesen war oder nicht.

Für die Förderung des bedrohten Waldlaubsängers bedeutet das Resultat von Shannon Luepolds Arbeit, dass man die Weibchen ebenfalls im Auge behalten muss: Viele Wechsel bei den Revierinhabern oder Schwankungen der Anzahl an Revieren innerhalb der Brutzeit lassen vermuten, dass es zu wenige Weibchen für die Männchen gibt.

Singen wie die Konkurrenz

Die Untersuchungen brachten etwas Weiteres zutage: Rund zehn Prozent der Waldlaubsänger in unserem Studiengebiet im Jura zeigten einen Mischgesang mit Elementen aus dem Gesang des Berglaubsängers, der dort rund zehnmal häufiger ist als der Waldlaubsänger. Die beiden Arten haben eine sehr ähnliche ökologische Nische und nutzen zu einem grossen Teil dieselben Ressourcen, weshalb die Konkurrenz zwischen den beiden Arten vermutlich relativ hoch ist. Eine naheliegende Erklärung für diese Strategie des Waldlaubsängers war daher, dass Berglaubsänger stärker auf den Mischgesang reagieren als auf reinen Waldlaubsängergesang und sich darum die Reviere weniger überlappen.

Shannon Luepold fand zwar heraus, dass Berglaubsänger tatsächlich aggressiver auf Mischsänger reagierten als auf reinen Waldlaubsängergesang. Dies führte allerdings trotzdem nicht dazu, dass die Reviere sich weniger überlappten. Die Antwort auf die Frage, weshalb einige Waldlaubsänger in ihren Gesang die Motive des Berglaubsängers einflechten, bleibt also vorerst im Blattgrün der Jurahänge verborgen.

In den Jahren intensiver Studien hat Shannon Luepold den Waldlaubsänger in ihr Herz geschlossen. Sie konnte einige Aspekte seiner faszinierenden Ökologie beleuchten, dennoch verstehen wir viele seiner Verhaltensweisen noch nicht. Möchten wir den Meistersänger besser verstehen, müssen wir unseren Einfluss auf die Schweizer Wälder so verändern, dass der Waldlaubsänger auch in Zukunft einen Lebensraum in den Wäldern findet und sie mit seinem schwirrenden Gesang bereichert.

Mehr über den Waldlaubsänger

Weitere Informationen zum langjährigen Forschungsprojekt über die Populationsökologie des Waldlaubsängers finden Sie hier:

vogelwarte.ch/populationsoekologiewaldlaubsaenger