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      Hecken und Waldränder – wertvolle Strukturen in der Kulturlandschaft

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      In dieser Heckenlandschaft bei Filisur GR sind Mönchsgrasmücke, Goldammer, Neuntöter, Amsel, Gartengrasmücke, Elster und Grünspecht die häufigsten Brutvögel. © Roman Graf

      Hecken bieten in sonst offenen Agrarlandschaften Deckung, Niststandorte und Jagdwarten. Waldränder sind, wie alle Übergangszonen zwischen unterschiedlichen Lebensräumen, besonderes artenreich. Ein Grossteil der Hecken und Waldränder weist aber eine ungenügende Qualität als Lebensraum für Brutvögel auf. Der Aufwertungsbedarf ist gross.

      Hecken und Feldgehölze sind Verbindungselemente zwischen verschiedenen Lebensräumen und haben einen positiven Einfluss auf die Artenvielfalt des Kulturlands, auch auf Brutvögel. Abgestufte Waldränder mit dichtem Strauchmantel und artenreichem Krautsaum erfüllen eine ähnliche Funktion.

      Bis etwa 1950 waren weite Teile der Landschaft im Schweizer Mittelland eng gekammerte Heckenlandschaften. Im Gefolge der flächendeckenden Güterzusammenlegungen wurden viele Hecken bis etwa 1990 gerodet. Seither hat der Bestand durch Verbuschen von Böschungen (z.B. in Ackerterrassenlandschaften) und bewusste Neuanpflanzungen wieder zugenommen. In der Zeitspanne von 1989 bis 2003 betrug der Zuwachs der Hecken in der Schweiz 62 km pro Jahr, bei einer Gesamtlänge von 10 334 km im Jahr 2003.

      Vor allem Waldarten bewohnen Hecken und Waldränder

      Die hecken- und waldrandbewohnenden Vogelarten sind ursprünglich Waldarten. Einige bewohnen die Strauchschicht der Wälder, andere leben auf grossen Windwurfflächen, wieder andere stammen aus Zonen, in denen sich der Wald wegen ungünstiger Bedingungen mehr schlecht als recht entwickeln kann und einer halboffenen Buschlandschaft Platz macht. Neuntöter, Dorngrasmücke, Baumpieper und Goldammer gehören in diese Kategorien.

      35 Vogelarten leben regelmässig in Hecken. Zwar gibt es zahlreiche Publikationen zu «typischen Heckenarten» wie Garten- und Dorngrasmücke, Neuntöter oder Goldammer, zur Zusammensetzung von Brutvogelgemeinschaften in Hecken und Waldrändern wurde aber erstaunlich wenig publiziert. Insbesondere ist nicht klar, wie die Brutvogel-Gemeinschaft typischer Heckenlandschaften in verschiedenen Regionen und Höhenstufen der Schweiz tatsächlich zusammengesetzt ist. Eine der wenigen Untersuchungen, welche die Brutvögel einer Heckenlandschaft aus der Schweiz vollständig beschreibt, stammt aus dem inneralpinen Albulatal GR. Auf 400 ha zwischen 880 und 1180 m sind unter den in Hecken brütenden Arten Mönchsgrasmücke, Goldammer, Neuntöter, Amsel, Gartengrasmücke, Elster und Grünspecht in dieser Reihenfolge die häufigsten Arten. Im Projekt «Mit Vielfalt punkten» der Vogelwarte und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau wurde 2009–2011 die Vogelwelt von 133 Landwirtschaftsbetrieben zwischen Bern und Zürich untersucht. Die grösste Affinität zu Hecken zeigten Gartengrasmücke, Neuntöter, Goldammer, Elster, Stieglitz und Gartenbaumläufer.

      Eine Präferenz für Waldrandbereiche haben gemäss den Kartierungen in den Kilometerquadraten (1 × 1 km) 2013–2016 40 der 50 Waldarten mit einer genügend grossen Datenbasis. Besonders ausgeprägt ist die Vorliebe bei Nachtigall, Klappergrasmücke, Birkenzeisig, Ringdrossel, Birkhuhn, Zitronenzeisig und Berglaubsänger (absteigende Reihenfolge). Demgegenüber wurden nur 10 der Waldvogelarten häufiger als erwartet im Kernbereich des Waldes kartiert. Die stärkste Vorliebe für den Kernbereich zeigten (in dieser Reihenfolge) Habicht, Mittelspecht, Kernbeisser, Hohltaube, Waldkauz, Schwarzspecht und Ringeltaube.

      Bestandsentwicklung der Hecken- und Waldrandbewohner

      Die Bestandsentwicklung der typischen Heckenbrüter Mönchs-, Garten- und Dorngrasmücke, Neuntöter sowie Goldammer verläuft sehr unterschiedlich. Nach anfänglich positiver Entwicklung bricht der Bestand von Neuntöter und Gartengrasmücke seit Ende der Neunzigerjahre zusammen. Die Goldammer weist langfristig geringe Schwankungen auf. Nach einem anfänglichen Rückgang erholt sich der Bestand der Dorngrasmücke zaghaft. Jener der Mönchsgrasmücke, die auch häufig in Wäldern brütet, nimmt dagegen stark zu. Neben Qualität oder Quantität des Lebensraums «Hecke» beeinflussen offenbar auch Faktoren wie die Bedingungen in den Rastgebieten und im Winterquartier, die Entwicklung des Nahrungsangebots (v.a. Insekten) sowie der Bestandstrend im Wald die Entwicklung der «Heckenbrüter».

      Die Bestandsentwicklung der typischen Heckenbrüter Mönchs-, Garten- und Dorngrasmücke, Neuntöter sowie Goldammer unterscheidet sich stark. Um den Vergleich zwischen den Arten zu verbessern, ist hier der Wert 100 dem Jahr 1990 zugewiesen.

      Höherer Dornstrauchanteil ist dringend

      Hecken und Waldränder können eine sehr unterschiedliche Qualität aufweisen. Für Vögel besonders attraktiv sind lange und breite Hecken und Waldränder mit hohem Dornstrauchanteil, dichter Strauchschicht, Vorkommen mehrerer Gehölzarten sowie hohem Alt- und Totholzanteil. Alte Hecken weisen häufiger solche Strukturen auf und werden entsprechend häufiger von Vögeln besiedelt als junge Hecken. Zudem wirken sich das Vorkommen eines breiten, extensiv genutzten Saums und das Vorhandensein zusätzlicher Hecken oder anderer naturnaher Flächen in der Umgebung positiv auf die Brutvögel aus. Einige Vogelarten (z.B. Dorngrasmücke, Neuntöter) bevorzugen niedrige Strauchhecken, das Vorkommen von Bäumen erhöht aber die Artenvielfalt.

      Leider haben die Hecken in vielen Gegenden der Schweiz nicht die optimale Qualität. Viele Hecken und Waldränder könnten mit relativ wenig Aufwand stark aufgewertet werden. Dies zeigte sich bei der «Aktion Dornröschen», einem von BirdLife Luzern initiierten und vom Kanton unterstützten Heckenaufwertungsprojekt im Kanton Luzern. Innerhalb weniger Jahre wurde damit die Qualität von 112 km Hecken deutlich verbessert.

      In der Kulturlandschaft gehören Hecken und Waldränder zu den wichtigsten Elementen für Brutvögel. Wichtig ist, dass die ökologische Qualität der Hecken und der Bestand durch Neupflanzungen in ausgeräumten Landschaften weiter gesteigert werden kann.

      Text: Roman Graf


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