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      Rückgang der Insektenfresser

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      Bahn- und Strassenböschungen können sich zu Hotspots für Insekten entwickeln, wenn sie entsprechend bewirtschaftet werden. Statt jährlichem Mulchen der gesamten Fläche (wie im Bild) sollte bei der Mahd jeweils ein Drittel der Fläche stehen gelassen werden. Der Abtransport des Schnittguts verhindert ein Verfilzen der Vegetation und hält die Standorte mager. © Roman Graf

      Der starke Rückgang der Insekten in der Kulturlandschaft macht den insektenfressenden Brutvögeln grosse Probleme. Die Verwendung von Pestiziden und moderne Landnutzungstechniken gehören zu den Hauptursachen des Insektenschwunds. Insekten fressende Vogelarten im Landwirtschaftsgebiet gehen besonders stark zurück.

      Etwa 40 % der Schweizer Brutvogelarten ernähren sich fast ausschliesslich von Insekten. Weitere 25 % haben eine gemischte Diät, ziehen ihre Jungen aber vorwiegend mit Insekten auf. Deshalb ist der Bedarf an geeigneten und zudem leicht zu erbeutenden Insekten gross.

      Obwohl die Datenlage in ganz Mitteleuropa dürftig ist: Es gibt heute weniger Insekten als vor Jahrzehnten. Dies ist zumindest für mehrere Gebiete in Deutschland belegt, wo die Insektenbiomasse innerhalb der letzten 27 Jahren um 75 % zurückging. Aus der Schweiz gibt es kaum Datenreihen, die den Rückgang der Insekten-Biomasse belegen. Georg Artmann-Graf stellte bei den Heuschrecken in der Region Olten SO eine deutliche Abnahme in den letzten 30 Jahren fest. Zudem berichten ältere Lokomotivführer übereinstimmend, dass sie die Windschutzscheiben noch in den Sechzigerjahren nach jeder Fahrt von einer Masse toter Insekten reinigen mussten, während heute eine Reinigung nur mehr in grossen Abständen nötig sei.

      Hauptursachen für den Insektenrückgang

      Die Gründe für den Verlust von Insekten sind vielfältig: Insbesondere der Verlust von insektenreichen Lebensräumen (Halbtrocken- und Trockenrasen, Feuchtgebiete, naturnahe Gewässer) wiegt schwer. Gerade hier kamen viele Grossinsekten wie Heuschrecken, Libellen und Schmetterlinge vor. Viele moderne Bewirtschaftungstechniken wirken sich negativ auf Insekten aus: Naturnahe Strassen- und Bahnböschungen werden oft zur Hauptblütezeit gemäht. Für die Produktion von Silage aus Futterwiesen wird das Pflanzenmaterial inklusive Insekten kurz nach dem Schnitt verpackt und weggeführt. Wiesen werden bis zu sechsmal jährlich gemäht. Oft wird dabei ein Mähaufbereiter eingesetzt, der das Gras unmittelbar nach dem Mähvorgang quetscht, damit es schneller trocknet. So bewirkt der Mähaufbereiter einen siebenmal höheren Verlust an Honigbienen (bis zu 90 000 tote Bienen/ha) als eine Mahd ohne Aufbereiter.

      Ein Rauchschwalbenpaar verfüttert während der Nestlingszeit der Jungen rund 1 kg Insekten, was dem Inhalt des Plastiksacks entspricht.

      © Marc Tschudin

      Der Einsatz von Pestiziden reduziert die Vielfalt und Häufigkeit von Arthropoden. Herbizide reduzieren die Nahrungsgrundlage vieler Insekten. Insektizide dezimieren nicht nur Schädlinge, sondern auch andere Insekten. Zudem gelangen schwer abbaubare Insektizide in den Boden und zum Teil auch ins Grundwasser. In den Siebzigerjahren wurde das inzwischen vielerorts verbotene DDT als fettlösliches Insektizid über die Nahrungskette angereichert und führte zu einem dramatischen Rückgang von Greifvögeln weltweit. Heute werden die schwer abbaubaren und wasserlöslichen Neonicotinoide häufig prophylaktisch angewendet und sind in der Schweiz auch in Gewässern und in Biodiversitätsförderflächen nachgewiesen. Auch in Gärten ist der Einsatz von Pestiziden beträchtlich. In den Niederlanden nahmen insektenfressende Vögel in Gebieten mit mehr Neonicotinoiden im Oberflächenwasser stärker ab als in weniger belasteten Gebieten. Die medikamentöse Bekämpfung von Parasiten beim Vieh hat zur Folge, dass dessen Dung und Gülle von Insekten viel weniger besiedelt werden und damit eine weitere Insektenquelle reduziert wird. Das Bakterium Bacillus thuringiensis var. israelensis wird auch in Naturschutzgebieten in der Schweiz gegen Mückenlarven eingesetzt. Durch die Vernichtung der Mücken wird die Gesamtinsektenmenge kleiner, was sich negativ auf den Bruterfolg der Vögel auswirkt.

      Die Bestandstrends von reinen Insektenfressern in drei Lebensräumen sowie von Kulturlandarten, die eine gemischte Diät haben, legen nahe, dass die Insektenfresser im Kulturland an Nahrungsmangel leiden.

      Schlechte Erreichbarkeit der verbliebenen Insekten

      Vor allem wegen vermehrter Düngung sind heute viele Kulturen und Wiesen sehr viel dichter als früher. Lückige, nährstoffarme Wiesen beispielsweise gingen im Engadin GR in nur 20 Jahren um 20 % zurück, während der Anteil sehr dichter Wiesen im gleichen Zeitraum stark zunahm. Getreidefelder sind wegen neuer Sorten und Düngung dichter. In dichten Wiesen und Kulturen sind die Insekten für deren Jäger schwierig zu erbeuten. Deshalb brauchen beispielsweise Gartenrotschwanz und Wendehals in ihrem Revier lückige Vegetation, wo sie Insekten leicht erbeuten können. Beim Wiedehopf beeinflusst die Erreichbarkeit die Wahl der Nahrungsgebiete sogar stärker als die Menge der Beutetiere.

      Insektenfresser im Kulturland haben es schwer

      Aus all diesen Gründen ist es wenig erstaunlich, dass die Bestände reiner Insektenfresser des Kulturlands (z.B. Lerchen, Baumpieper, Neuntöter, Dorngrasmücke, Braunkehlchen) deutlich abnehmen. Kulturlandarten, für deren Ernährung Insekten eine Nebenrolle spielen (z.B. Weissstorch, Rotmilan, Turmfalke, Wacholderdrossel, Goldammer), sind von diesem Rückgang insgesamt nicht betroffen. Waldbewohnende Insektenfresser (z.B. Spechte, Meisen, Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen) und Luftjäger (z.B. Alpensegler, Bienenfresser) haben insgesamt sogar einen positiven Bestandstrend. Die bedenkliche Situation der Insektenfresser im Kulturland dürfte eine Folge des starken Pestizideinsatzes, moderner Landnutzungstechniken sowie Flurbereinigungen sein.

      Mögliche Lösungen des Problems

      Mit einfachen Massnahmen kann die Situation verbessert werden: Das Stehenlassen von mindestens 10 % Restflächen bei jedem Schnitt muss in Extensiv- und Streuwiesen zum Standard werden. Die positive Wirkung solcher Restflächen auf Insekten ist belegt. Die Verwendung von Pestiziden muss stark eingeschränkt werden und darf nicht präventiv erfolgen, sondern erst ab einer gewissen Schadschwelle. Es ist nachgewiesen, dass eine Reduktion der Pestizide um 42 % in der Regel keine Ertragsausfälle verursacht. Die Bereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten, pestizidarm produzierte Nahrungsmittel zu kaufen, muss durch Informationstätigkeit weiter gesteigert werden. Die grosse Mehrzahl der Grünflächen im Siedlungsraum ist naturfern gestaltet und wird intensiv «gepflegt». Für Insekten sind sie unattraktiv. Gartenfachleute und Gartenbesitzer sollen für eine insektenfreundliche und naturnahe Gartengestaltung sensibilisiert werden.

      Die Abnahme der Nahrung für insektenfressende Vogelarten ist ein grosses Problem, über dessen Ausmass zu wenig bekannt ist. Deshalb ist zudem ein Monitoring der Biomasse der Insekten in der Schweiz notwendig.

      Text: Lukas Jenni & Roman Graf


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